***VERA***
„Kannst du es glauben, Vera? Ich bin Luna!“, quietschte Tricia und klammerte sich an meinen Arm, als ob ich ihre Freude teilen sollte.
Ich stand wie angewurzelt da, mein Herz hämmerte so laut, dass ich kaum atmen konnte.
„Nein“, flüsterte ich und blinzelte angestrengt, um die Tränen zurückzuhalten. „Ich kann es wirklich nicht.“
Sie lachte und drehte sich vergnügt im Kreis. „Ich weiß, oder? Selbst ich kann es nicht glauben.“
Doch meine Augen ruhten nicht auf ihr. Sie waren auf Alpha Conry gerichtet – meinen Gefährten. Mein Schicksalsgefährte. Mein vermeintlicher Retter. Der Mann, der sich gerade für meine Schwester und gegen mich entschieden hatte.
Tricia zu markieren bedeutete, mich zurückzuweisen. Die Wahrheit schnitt tief, scharf wie ein Dolch. Meine Sicht verschwamm, und ich zwang mir ein Lächeln ab, das sich zerbrechlich anfühlte, wie Glas, das unter Druck zerbricht.
„Viel Spaß. Ich bin gleich wieder da“, sagte ich leise und löste Tricias Finger von meinem Arm. Dann drehte ich mich um und ging so schnell ich konnte, in der Hoffnung, dass die Tränen erst fließen würden, wenn ich allein war.
*Warum, Mondgöttin?*
*Warum verfluchst du mich so?*
*Welche Sünde habe ich begangen, um diese Demütigung zu verdienen?*
„Vera.“
Ich erstarrte. Mein ganzer Körper verkrampfte sich bei der Stimme, die ich am wenigsten hören wollte. Langsam drehte ich mich um.
„Du wusstest es“, sagte ich und blickte ihn durch die Tränen, die mir die Sicht verschleierten, wütend an. „Du wusstest, dass ich deine Luna bin … und trotzdem hast du sie gewählt?“
Conrys Gesichtsausdruck blieb unverändert. „Du hast recht“, sagte er ruhig. „Ich wusste es.“
Die Welt geriet ins Wanken. „Warum dann?“, fragte ich mit brüchiger, verzweifelter Stimme.
Er sah sich um, bevor er antwortete, sein Tonfall leise und scharf. „Mein Rudel braucht eine starke Luna. Jemanden, der sie beschützen kann, wenn es am wichtigsten ist. Du … bist nicht diese Luna. Dein Wolf ist eine Schande, Vera.“
Seine Worte trafen mich wie ein Schlag. Ich taumelte zurück, mir stockte der Atem.
„Eine Schande?“, flüsterte ich. „Ich habe mir diesen Wolf nicht ausgesucht. Ich habe mir dieses Schicksal nicht ausgesucht. Die Mondgöttin hat mich so erschaffen. Und es schmerzt umso mehr, dass mein eigener Gefährte – derjenige, der mich beschützen sollte – mich wertlos nennt.“
Er trat näher, seine Stimme wurde zu einer kalten Warnung. „Niemand darf jemals erfahren, dass du mein Gefährte bist.“
Dann, als wollte er die Wunde noch tiefer reißen, strich er mir eine lose Haarsträhne hinter das Ohr, seine Berührung sanft und grausam zugleich.
Und dann … ging er einfach.
Einfach so.
Und ließ mich zitternd, leer und auf den Knien zurück.
Vielleicht sollte die Mondgöttin mich einfach jetzt holen. Vielleicht war ich nicht für dieses Leben bestimmt.
Ein scharfer Tritt in die Seite riss mich aus meiner Starre. Schmerz durchfuhr mich, als ich mit verschwommenen Augen aufblickte. Lana stand über mir, ihre Lippen zu einem höhnischen Grinsen verzogen.
„Lächerlich“, spottete sie. „Schon wieder am Weinen? Du siehst noch schlimmer aus als sonst.“
Sie hockte sich hin und hob mein Kinn mit dem Finger an. „Du bist eifersüchtig, nicht wahr? Dein Gefährte hat deine Schwester gewählt. Du bist nichts als ein Schatten, Vera. Warst du schon immer.“
Ihre Nägel gruben sich in meine Haut, als sie so heftig an meinen Haaren riss, dass es brannte.
„Warum tust du das immer?“, krächzte ich.
„Weil ich schwache Wölfe hasse“, sagte sie lachend. „Und du bist der Schwächste von allen.“ Sie zerrte noch fester und genoss meinen Schmerz.
Etwas in mir zerbrach.
Ich habe gar nicht nachgedacht. Ich packte ihren Pferdeschwanz und riss mit aller Kraft daran. Sie schrie auf und taumelte zurück. Mein Knie knallte gegen ihres, und sie fiel zu Boden.
„Warum hörst du jetzt auf?“, knurrte ich und zog sie an den Haaren wieder hoch. „Wolltest du denn nicht spielen?“
Ihre Freundinnen keuchten auf und stürzten auf mich zu, doch meine Angst war verschwunden – ausgelöscht von etwas Wildem und Unbändigem, das ich nicht kannte.
Ich riss ihr den Dolch vom Gürtel und umklammerte ihn fest, meine Hände zitterten, aber ich hielt ihn fest.
„Ich schwöre, ich werde ihn benutzen“, knurrte ich, meine Stimme bebte vor Wut. „Selbst wenn ich dafür sterben muss, werde ich nicht länger feige sterben.“
Eines der Mädchen stürzte sich auf mich. Ich stieß sie zurück – zu heftig. Die Klinge streifte ihren Arm und hinterließ eine dünne Blutspur. Sie schrie auf.
Die Welt schien stillzustehen.
Alle starrten mich an, die Augen vor Schreck geweitet. Meine Brust hob und senkte sich schnell, mein Herz hämmerte, doch da war keine Angst mehr. Nur noch Feuer.
All die Jahre der Qual. All die Scham. All die Zurückweisung.
*Genug.*
Ich zerrte Lana wieder hoch, gab ihr eine heftige Ohrfeige und spuckte ihr entgegen: „Du hast nicht länger das Recht, mich zu besitzen.“
Ihre Lippe riss auf, Blut lief ihr übers Kinn. Zum ersten Mal sah sie verängstigt aus.
Die Wachen kamen angerannt und brüllten Befehle. Einer von ihnen packte mich grob und befehlend an den Schultern.
Ohne nachzudenken, stieß ich ihn weg – doch er stolperte nicht nur. Er flog durch die Luft.
Sein Körper prallte mit einem widerlichen Knall gegen die Wand, Blut spritzte auf den Stein.
Ich erstarrte. Mir stockte der Atem. Meine Hände zitterten, als ich sie anstarrte.
Diese Kraft … war von *mir* gekommen.
Die anderen Wachen stürmten auf mich zu, doch bevor sie mich erreichten, ging eine seltsame Kraft von ihr aus und schleuderte sie alle wie ein Sturmwind zurück.
Der Dolch zitterte in meiner Hand. Mein Puls raste.
„Was … bin ich?“ Ich flüsterte.
Aus den Schatten hinter dem Hof trat eine Gestalt hervor – oder vielleicht war er schon immer da gewesen. Seine ungleichen Augen, eines grün, das andere schwarz, leuchteten schwach im Mondlicht.
„Beeindruckend“, murmelte er mit sanfter, gefährlicher Stimme.
Ich blinzelte, und er war verschwunden – wie Rauch.
Stille senkte sich wieder herab, schwer und unwirklich.
Die Wachen stöhnten am Boden, Lana wimmerte, und die Nachtluft knisterte von etwas Neuem – etwas Lebendigem.
Ich presste den Dolch an meine Brust und versuchte, meinen Atem zu beruhigen. Die Last all dessen lastete schwer auf mir – der Verrat, die Demütigung, der Schmerz. Doch unter all dem … regte sich etwas anderes.
Ein Funke.
Macht.
Es war nicht mehr die Angst, die mein Herz rasen ließ. Es war die Erkenntnis.
Ich war nicht schwach. Ich war nicht zerbrochen.
Ich war etwas ganz anderes.
Etwas, das selbst die Mondgöttin zu verbergen versucht hätte.
Und zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich nicht klein. Ich empfand kein Mitleid. Ich hatte nicht einmal das Bedürfnis zu weinen.
Ich fühlte mich lebendig.
Als ich dort im fahlen Licht des Mondes stand, umgeben von dem Chaos, das ich entfesselt hatte, verstand ich endlich.
Der Fluch, von dem alle sprachen … vielleicht war es gar kein Fluch.
Vielleicht war es meine Macht.
Mein Anfang.
Meine Rache.
Und als der Wind über den Hof fegte und den Geruch von Blut und Feuer trug, flüsterte ich der Nacht zu – leise, ruhig und bestimmt:
„Jetzt wird alles anders sein.“