***CONRY***
„Das ist die dritte Patrouille, die an unseren Grenzen niedergemetzelt wurde, und immer noch kann mir niemand eine plausible Erklärung geben!“ Meine Faust knallte auf den Eichentisch, der Knall hallte wie Donner durch den Ratssaal. Schatten des Fackelscheins tanzten an den Wänden entlang und erzitterten bei jedem Aufprall. „Wollt ihr alle eure Köpfe verlieren?“ Der Gamma neben mir zuckte zusammen, seine Schultern sanken unter meinem Blick ein. Die Ältesten, in zeremonielle Gewänder gehüllt, rutschten unruhig hin und her, sagten aber nichts. Ihr Schweigen wog schwerer als Worte. Feiglinge. Jedes verlorene Leben war eines von uns, und doch saßen sie da wie Statuen.
„Sprecht!“, dröhnte meine Stimme wie ein herannahender Sturm. „Gebt mir endlich eine verdammte Antwort!“
Endlich räusperte sich der Anführer der Gammas, Schweißperlen glänzten an seiner Schläfe. „Alpha … wir glauben, die Angriffe kommen vom benachbarten Rudel – Alpha Blakes Rudel.“
Meine Brauen hoben sich. Blake? Der Name traf mich wie ein Dolchstoß in die Rippen. „Blake?“, wiederholte ich und schmeckte Bitterkeit. „Warum in aller Welt sollte er es wagen?“ Niemand rührte sich. Die Stille quälte sich, bis meine Geduld am Ende war. „Haben wir noch eine Rechnung mit ihm offen?“, fragte ich. Eine Welle von Köpfen schüttelte sich gleichzeitig, doch keiner wagte es, mir in die Augen zu sehen. „Nicht, dass wir wüssten, Eure Hoheit“, antwortete einer der Gammas mit angespannter Stimme.
„Warum dann plötzlich mein Volk angreifen? Sind unsere Patrouillen in sein Gebiet eingedrungen?“ Meine Worte waren scharf genug, um Blut zu vergießen. Wieder schüttelten sich Köpfe. Nein. Immer nein. Mein Wolf drückte sich ruhelos gegen meine Haut, hungrig nach Wahrheit.
Ich griff nach meinem Kelch und leerte ihn in einem Zug. Das kühle Wasser konnte das Feuer in mir nicht besänftigen. „Es gibt keinen Beweis“, murmelte ich und stellte den Becher mit Wucht ab. „Soweit wir wissen, haben sich unsere Männer zu weit verirrt. Ich werde keinen Krieg aufgrund von Gerüchten riskieren.“
„Es gab … einen Überlebenden“, flüsterte ein Ältester mit zitternder Stimme vom anderen Ende des Tisches. Ich fuhr herum. Endlich. Eine Spur. „Wo ist er dann?“ Die Türen öffneten sich. Wachen führten einen zitternden Jungen herein, kaum alt genug, um ohne zu schwanken zu stehen. Seine Kleidung war zerfetzt, mit getrocknetem Blut und Schmutz befleckt. Seine Augen – weit aufgerissen, glasig – waren die Augen eines Menschen, der dem Tod ins Auge geblickt hatte.
„Ihn?“, spottete ich und deutete mit einer ausladenden Handbewegung. „Seit wann schicken wir Kinder auf Patrouille?“ Der Gamma verbeugte sich, Scham stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Verzeiht uns, Alpha. Er bestand darauf, sich zu beweisen.“ Ein Fluch brannte mir im Hals. Dieser Gamma würde mir später Rede und Antwort stehen. Ich beugte mich vor, meine Stimme durchdrang den Raum. „Du warst dabei?“ Die Lippen des Jungen zitterten. Sein ganzer Körper bebte, jeder Atemzug flach. Schließlich brach er in Schluchzen aus. „Sie waren so schnell … wir konnten uns nicht wehren. Schatten in den Bäumen. Zähne und Klauen überall. Wir …“ Seine Stimme versagte. „Wir hatten keine Chance.“
Stille breitete sich im Raum aus, nur unterbrochen von seinem Schluchzen. Erbärmlich, aber echt. Ich musterte ihn, suchte nach etwas Nützlichem, fand aber nur Entsetzen.
„Nutzlos.“ Ich winkte ab. „Bringt ihn weg.“
Die Wachen zerrten ihn hinaus, seine Schreie hallten hinter ihm wider. Ich rieb mir die Schläfe, der Schmerz bohrte sich tief hinein. „Artemis“, knurrte ich und wandte mich an meinen Beta, „vereinbare ein Treffen mit Blake. Sofort.“
„Ja, Alpha.“ Artemis verbeugte sich und eilte aus dem Raum. Minuten später kehrte er mit einer in schwarze Seide gebundenen Rabenrolle zurück. Sein Gesicht war grimmig, als er sie mir überreichte.
Ich brach das Siegel und überflog die Worte. Meine Kiefermuskeln spannten sich an. „Blake hat zugestimmt, sich mit mir zu treffen – an der Grenze.“ Zu schnell. Zu bereitwillig. Seine Bereitschaft birgt Unheil.
„Dieser hinterhältige Mistkerl“, murmelte ich leise. Mein Wolf knurrte zustimmend.
„Dann gehen wir“, befahl ich. „Wenn er es wagt, Spielchen zu spielen, sind wir bereit.“
Die Grenze stank nach altem Blut und feuchter Erde. Nebel hing am Boden und umhüllte unsere Stiefel. Ich lief unruhig auf und ab, mein Wolf sträubte sich unter meiner Haut, jeder Instinkt schrie, dass etwas nicht stimmte.
„Es sind schon dreißig Minuten vergangen“, fuhr ich ihn an und suchte die Baumgrenze ab. „Wo zum Teufel steckt er?“ Ein Rabe kreischte über uns, seine schwarzen Flügel zerschnitten den Himmel. Artemis fing ihn im Flug auf, löste die Nachricht und reichte sie mir. Meine Augen überflogen die Worte, Wut kochte in mir hoch.
„Typisch Blake.“ Ich zerdrückte die Schriftrolle in meiner Faust. „Er hat seine Pläne geändert. Er will, dass wir zu seiner Luna-Wahlzeremonie kommen.“ Artemis runzelte die Stirn. „Was hat das mit uns zu tun?“
„Weniger Gerede! Mehr Bewegung!“
*** Drei Stunden später erreichten wir Blakes Halle. Sie ragte majestätisch gegen den Nachthimmel empor, Banner flatterten wie Schlangenzungen im Wind. Wachen in schwarz-silbernen Rüstungen säumten den Weg, ihre Augen kalt und stechend. Drinnen war die Halle bereits überfüllt – Wölfe drängten sich Schulter an Schulter, die Luft war schwer vom Duft von Wein, Schweiß und Vorfreude.
Man geleitete uns wie Ehrengäste zu unseren Plätzen, doch alles deutete auf eine Falle hin. Dies war keine Zeremonie – es war eine Machtdemonstration. Blakes Wölfe bewegten sich präzise, ihre Haltung war einschüchternd.
Ich lehnte mich zurück und gab Desinteresse vor. Soll er sich doch amüsieren. Ein Mann, der so lautstark mit seiner Stärke prahlt, verbirgt oft eine Schwäche. Gelangweilt wanderte mein Blick zu einer Unruhe an der gegenüberliegenden Wand. Ein Mädchen wurde misshandelt, ihr schmaler Körper taumelte unter den Schlägen. Gelächter brandete von den Schlägern um sie herum auf.
Sie hob den Kopf, und in diesem Augenblick trafen sich unsere Blicke.
Mein Wolf stürmte so heftig vor, dass es mir den Atem raubte. Gefährtin.
Meine Brust schnürte sich zusammen, mein Herz hämmerte wie nie zuvor in einem Kampf. Der Lärm der Halle verblasste, bis nur noch sie in meinem Blickfeld war. Tränen rannen über ihr Gesicht, doch darunter loderte ein Feuer – unnachgiebig, trotzig.
Ich krallte mich in die Armlehne, bis das Holz ächzte. Ausgerechnet hier? In Blakes Höhle? Das Schicksal hatte einen grausamen Sinn für Humor.
Ich erhob mich, bereit, sie an Ort und Stelle für mich zu beanspruchen, doch die Glocken läuteten und übertönten den Moment. Die Zeremonie begann. Blake, in zeremonielles Silber gekleidet, schritt zum Podium. Innerhalb weniger Minuten kennzeichnete er seine Luna vor der jubelnden Menge. Donnernder Applaus brandete auf, Wein floss in Strömen, und Wölfe heulten zustimmend.
Doch meine Gedanken waren woanders. Meine Gefährtin. Das Mädchen.
Ich schlich mich von meinem Platz und folgte wie ein Schatten ihrer schwachen Duftspur durch die Gänge der Halle.
Draußen fand ich sie, zusammengekauert im Schatten einer Steinsäule. Ihr Schluchzen war nun leiser, ihr Körper zitterte, doch als die Schläger zurückkehrten – grinsend, bereit, sie erneut zu quälen –, erhob sie sich. Diesmal wehrte sie sich.
Ein Faustschlag in den Magen. Ein Kniestoß in die Rippen. Wild. Trotzig. Ihr Geist brannte hell, selbst in der Dunkelheit.
Ich blieb verborgen, mein Wolf an meiner Haut, und beobachtete sie mit Hunger und Ehrfurcht.
Ihre Stärke entfachte etwas in mir – etwas, das ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte.
Nichtnur Verlangen. Besitzgier. Schicksal.
Diese Frau gehört mir.