Kapitel 4

1100 Words
Die Luft im Raum wurde nicht nur kälter – sie wurde dünn und vibrierte mit einer Frequenz, die Fenris' Ohren bluten ließ. Das Eis, mit dem Elara die Tür verschmolzen hatte, begann zu kriechen und sich neu zu formen. Die rauen Steinwände glätteten sich und verwandelten sich in dunklen, polierten Obsidian, der das blaue Leuchten von Elaras himmlischer Flamme reflektierte. „Die Prüfung?“, flüsterte Elara und griff nach dem Griff eines Dolches, den sie in ihrer Tunika versteckt hatte. „Der Bund hat nichts von einer Prüfung gesagt.“ „Das Fleisch ist an Gesetze gebunden“, dröhnte die Stimme des Turms erneut und klang dabei wie knirschende tektonische Platten. „Aber die Seele muss an die Wahrheit gebunden sein. Um diesen Raum zu verlassen, müssen sich der Alpha und seine Gefährtin dem Spiegel der Reue stellen.“ Plötzlich wellten sich die obsidianfarbenen Wände wie Wasser. Fenris taumelte zurück, als sein eigenes Spiegelbild aus der Wand trat. Aber es war nicht der Fenris der Gegenwart. Das Spiegelbild war mit dem Blut des Überfalls aus dem Süden bedeckt, seine Augen glühten vor sinnloser, wilder Wut. Dies war das „Monster des Nordens“, die Version seiner selbst, die er jede wache Stunde damit verbrachte, zu begraben. „Bleib zurück“, warnte Fenris Elara mit leiser, warnender Stimme. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes trat eine weitere Gestalt aus dem dunklen Glas hervor. Es war Elara – nicht als strahlende Frostkönigin, sondern als junges, weinendes Mädchen, das die verkohlten Überreste eines Bandes des Südens in den Händen hielt. „Der Spiegel der Reue zeigt dir nicht, wer du bist“, erkannte Elara mit stockendem Atem. „Er zeigt dir, was du der anderen Person angetan hast.“ Fenris’ Spiegelbild stürzte sich auf sie. Es griff nicht mit Klauen an, sondern mit Worten. Der „blutbefleckte Fenris“ schlich sich an Elara heran, seine Stimme eine verzerrte Version der des Alphas. „Du bist ein Friedensangebot. Ein Stück Fleisch, das einem hungrigen Hund vorgeworfen wird, damit er nicht beißt. Du bist nichts.“ Elara zuckte zusammen, als hätte sie ein Schlag getroffen. Das blaue Licht um sie herum flackerte. Jedes Mal, wenn das Spiegelbild eine Wahrheit aussprach, die sie fürchtete, schwächte sich ihre Kraft. „Hör auf!“, schrie Fenris und schlug mit der Faust auf sein Schattenbild ein. Seine Faust ging direkt durch das Spiegelbild hindurch und traf mit einem knochenbrechenden Knall auf die massive Obsidianwand. „Du kannst es nicht mit Gewalt bekämpfen, Fenris!“, schrie Elara, während ihr eigenes Spiegelbild – das weinende Mädchen – auf Fenris zu kroch. Das Mädchen begann zu flüstern, ihre Stimme erfüllte den Kopf des Alphas: „Du hast sie getötet. Du hast meine Brüder getötet. Du hast mir mein Zuhause genommen. Und dann hast du mir meine Seele genommen, indem du mich abgelehnt hast. Du bist ein Mörder, der eine Krone trägt.“ Fenris sank auf die Knie und umklammerte seinen Kopf. Das Gewicht seiner Schuld war eine physische Kraft, schwerer als jede Schwerkraft. Die „Ablehnungskrankheit“ flammte auf, sein Herzrhythmus stockte, als der Turm ihn zwang, genau die emotionale Qual zu spüren, die Elara empfunden hatte, als er diese Worte in der Halle gesprochen hatte. „Ich musste es tun“, keuchte Fenris mit tränenverschleierten Augen. „Die Prophezeiung ... Die Ältesten sagten, die Partnerin aus dem Süden würde das Ende von Black Ridge bringen. Ich dachte, ich würde mein Rudel beschützen ... Ich dachte, ich würde dich davor bewahren, die Frau zu sein, die ein Königreich zerstört hat.“ Elara erstarrte. Die blauen Flammen im Kamin lodern höher. „Du hast mich wegen einer Prophezeiung abgelehnt? Du kanntest mich nicht einmal! Du hast mich nicht einmal angesehen! Du hast auf eine Schriftrolle geschaut und entschieden, dass ich das Risiko nicht wert bin.“ „Ich war ein Narr!“, brüllte Fenris mit brüchiger Stimme zur Decke. Er wandte sich dem weinenden Spiegelbild von Elara zu. Diesmal wehrte er sich nicht. Er streckte die Hand aus und ließ die kalten, geisterhaften Hände des Schattenmädchens seinen Hals umklammern. „Ich bin ein Feigling. Ich fürchtete mein Herz mehr als den Krieg.“ Als er seine Angst zugab, begann sich sein blutbeflecktes Spiegelbild in Nebel aufzulösen. Aber Elaras Spiegelbild blieb. Das weinende Mädchen blickte zu der echten Elara auf. „Du hasst ihn“, flüsterte der Schatten. „Du willst ihn brennen sehen. Nutze den Frost, Herrscherin. Friere sein Herz ein, bis es zerbricht.“ Elara sah Fenris an. Er kniete wehrlos da und bot dem Geist ihrer Trauer sein Leben an. Sie könnte es tun. Sie könnte die Alpha-Linie jetzt sofort beenden. Aber ihr „innerer Wolf“ regte sich. Nicht der göttliche Astralwolf, sondern das Mädchen, das gesehen hatte, wie Fenris sich für sie vor den silbernen Blitz geworfen hatte. „Ich möchte nicht die Frau sein, die ein Königreich zerstört“, sagte Elara mit fester Stimme. Sie ging auf den weinenden Schatten zu, streckte die Hand aus und legte sie direkt auf Fenris’ Schulter. „Und ich möchte kein Opfer mehr sein.“ Sie sah Fenris in die Augen. „Die Prophezeiung sagte, ich würde dein Ende sein, Fenris. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht muss der ‚Alpha‘, der du einmal warst, sterben, damit ein Mann seinen Platz einnehmen kann.“ Der weinende Schatten stieß einen letzten, eindringlichen Seufzer aus und verschwand im Sternenlicht. Die Obsidianwände verwandelten sich wieder in rauen Stein. Die Schwere in der Luft hob sich. Auf dem Boden, wo zuvor die Spiegelungen gestanden hatten, lag nun ein kleiner silberner Schlüssel. „Das erste Schloss ist geöffnet“, hallte es aus dem Turm wider. „Aber das Herz ist noch immer gespalten.“ Fenris blieb einen langen Moment lang auf dem Boden liegen, sein Atem ging stoßweise. Er blickte zu Elara auf, seine Augen waren von einer erschreckend unverhüllten Verletzlichkeit erfüllt. „Du bist kein Stück Fleisch, Elara“, flüsterte er. „Du bist die Sonne, von der ich nicht wusste, dass ich sie umkreise.“ Er griff nach dem silbernen Schlüssel, doch als seine Finger ihn berührten, durchdrang ein Schrei die Luft außerhalb des Turms – kein Schrei eines Attentäters, sondern das Heulen eines Wolfes aus dem Süden. Elaras Gesicht wurde blass. „Mein Vater. Sie haben die Gefangenen zum Fuß des Turms gebracht.“ Eine kalte, mechanische Stimme ertönte aus den Lüftungsschächten im Boden – die Stimme des Anführers der Attentäter. „Öffnen Sie die Tür, Herrscher, oder wir beginnen, die ‚Ratten‘ eine nach der anderen hinzurichten.“
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