Der Schrei, der durch die Bergluft hallte, war Elara bis ins Mark vertraut. Es war der Beta ihres Vaters – ein Mann, der sie als Kind auf seinen Schultern getragen hatte. Jetzt wurde er als Köder benutzt.
Fenris war sofort auf den Beinen, seine Erschöpfung war einer kalten, raubtierhaften Konzentration gewichen. Er ging zum Schießschlitzfenster und blickte die dreihundert Fuß in die Tiefe.
„Sie haben sie im Schnee aufgereiht“, berichtete Fenris mit zusammengebissenen Zähnen. „Die Void-Touched kümmern sich nicht um den Vertrag. Sie benutzen die Gefangenen aus dem Süden, um uns unter Druck zu setzen.“
Elara gesellte sich zu ihm ans Fenster. Unten flackerten die violett leuchtenden Fackeln der Attentäter wie dämonische Glühwürmchen vor der weißen Landschaft. Sie sah die Silhouetten ihres Volkes, das in den Schneeverwehungen kniete, die Hände mit schweren Silberketten gefesselt.
„Wenn ich diese Tür öffne“, flüsterte Elara, ihre Hände zitterten, als der Frost in die Steinfensterbank biss, „werden sie diesen Turm stürmen. Sie werden mir meine Macht nehmen und dich töten.“
„Und wenn du es nicht tust“, sagte Fenris und drehte sich zu ihr um, „sterben sie. Und ich werde zum Alpha, der zusah, wie sein Volk abgeschlachtet wurde, weil er sich hinter einem Schutzzauber versteckt hielt.“
Er trat näher, die Wärme, die von seinem Körper ausging, kollidierte mit der Kälte ihrer Aura. Er streckte die Hand aus, nicht um sie zu packen, sondern um ihr seine Handfläche anzubieten.
„Der Turm ist gegen das Betreten geschützt“, sagte Fenris mit einem dunklen Glitzern in den Augen. „Aber er ist nicht gegen das Verlassen geschützt. Wir können die Tür nicht öffnen, aber wir können über das Dach klettern.“
Elara blickte auf den steilen Abgrund hinunter. „Dreihundert Fuß, Fenris. Selbst ein Gestaltwandler kann diesen Sturz ohne Flügel nicht überleben.“
„Ich brauche keine Flügel“, knurrte Fenris, dessen Schatten länger wurde, als sein Wolf an die Oberfläche drängte. „Ich habe dich. Du bist die Frostkönigin. Kannst du uns eine Brücke bauen, oder bist du nur ein hübsches Licht in der Dunkelheit?“
Es war eine Herausforderung – die Art von unverblümter Alpha-Arroganz, die ihr normalerweise das Blut in den Adern gefrieren ließ. Aber dieses Mal war es ein Funke. Er forderte sie heraus, die Göttin zu sein, als die sie in den Legenden beschrieben wurde.
Elaras Augen leuchteten in einem strahlenden, blendenden Blau. „Halt dich fest, Alpha. Und versuch, dich nicht zu übergeben.“
Der Abstieg
Fenris zögerte nicht. Er legte seinen massigen Arm um ihre Taille und zog sie fest an seine Brust. Selbst durch die Lagen Leder und den beißenden Wind hindurch sandte diese Berührung einen Schock der Seelenverwandtschaft durch sie beide. Es war nicht mehr das qualvolle Brennen der Ablehnung, sondern ein verzweifelter, pulsierender Rhythmus des Überlebens.
Elara trat auf den Vorsprung. Sie hob die Arme, und die Feuchtigkeit in der Luft gefror nicht nur – sie zerbrach.
Sie sprang.
Für einen Herzschlag lang waren sie schwerelos. Fenris brüllte, als sie auf die zerklüfteten Felsen unter ihnen zurasten. Dann schlug Elara ihre Handflächen zusammen.
„Freeze!“ Eine massive Eisspirale, d**k wie ein Redwood-Stamm, manifestierte sich aus dem Nichts unter ihnen. Es war keine Brücke, sondern eine Hochgeschwindigkeitsrutsche, ein kristallisiertes Band aus Sternenlicht, das sich spiralförmig an der Seite des Turms hinunterwand.
Sie schlugen mit einem knochenerschütternden Knall auf dem Eis auf und begannen, nach unten zu schreien. Fenris benutzte seine Krallen, um sie zu steuern, sein Körper diente Elara als Schutzschild, als sie die Schallmauer durchbrachen.
Der Ort des Todes
Sie schlugen wie ein Meteor auf die Schneewehe am Fuße des Turms.
Noch bevor sich der Schnee gelegt hatte, war Fenris nur noch ein verschwommener Fleck aus Zähnen und Fell. Er verwandelte sich mitten in der Luft in einen riesigen, mitternachtsschwarzen Wolf von der Größe eines Grizzlybären. Er stürzte sich auf die erste Reihe der Attentäter und biss mit seinen Kiefern durch die silberbeschichtete Rüstung, als wäre sie Pergament.
Elara stand inmitten des Chaos. Die „geruchsmaskierenden” Kräuter waren nun vollständig verschwunden. Sie roch nach Ozon, altem Schnee und Macht.
Der Anführer der Attentäter – der mit der steinernen Stimme – hob einen leuchtend violetten Stab. „Das Gefäß ist herabgestiegen! Nehmt sie lebendig gefangen! Tötet die Alpha!”
Sechs Attentäter stürzten sich auf Elara, ihre Obsidianklingen summten.
Elara rannte nicht weg. Sie versteckte sich nicht. Sie griff auf den Eisbrunnen in ihrer Seele zurück und ließ ihn sich ergießen. Sie schlug mit dem Fuß auf den Boden, und eine Welle gezackter Frostspitzen brach in einem Radius von 360 Grad aus der Erde hervor.
Die Attentäter wurden augenblicklich aufgespießt und zu blutigen Statuen gefroren.
„Fenris! Hinter dir!“, schrie Elara.
Ein Siphon war auf Fenris' Rücken geklettert, seine Hände leuchteten mit diesem seelenraubenden violetten Licht. Fenris stieß einen schmerzerfüllten Wimmerlaut aus, sein schwarzes Fell wurde grau, als seine Lebenskraft ausgesaugt wurde.
Elara dachte nicht nach. Sie streckte die Hand aus und fing mit ihren Fingern eine fallende Schneeflocke ein. Sie versetzte sie mit einem Tropfen ihres himmlischen Blutes und schnippte sie wie eine Murmel.
Die Schneeflocke traf den Kopf des Siphons und verwandelte sich in einen riesigen Eissplitter, der die Kreatur an einer nahe gelegenen Kiefer festnagelte.
Fenris schüttelte sich und verwandelte sich gerade so lange in seine menschliche Gestalt zurück, um sich ein weggeworfenes Schwert zu schnappen. Er sah Elara an, Blut tropfte von seiner Stirn, ein wildes, furchterregendes Grinsen auf seinem Gesicht. „Nicht schlecht, kleiner Stern!“
Aber die Freude währte nur kurz.
Der Anführer der Attentäter sah nicht besorgt aus. Er blickte zum Himmel. „Du hast zu viel verbraucht, Herrscher. Du hast das Signalfeuer entzündet.“
Aus der Dunkelheit des Waldes tauchten Hunderte von leuchtenden violetten Augen auf. Nicht Dutzende. Hunderte. Und dann ertönte ein Geräusch, das sogar Fenris' Wolf zum Winseln brachte: das Geräusch eines schweren, ledrigen Flügelschlags.
Ein Schatten huschte über den Mond. Etwas, das weit größer war als ein Wolf – und weit älter als die Void-Touched – kam herab.
„Der Vertrag ist gebrochen“, lachte der Anführer der Attentäter, während Blut aus seinen Lungen hustete. „Und die Jagd hat nun wirklich begonnen.“
Fenris packte Elaras Hand und zog sie zur Baumgrenze, wo die Gefangenen versuchten zu fliehen. „Wir müssen weg! Sofort!“
„Wohin?“, rief Elara und blickte zu der monströsen Gestalt, die über ihnen kreiste.
„In den Toten Wald“, sagte Fenris und sah ihr mit grimmiger Entschlossenheit in die Augen. „Dorthin, wo die Götter sterben.“