Kapitel 4

417 Words
Das Heulen des Alphas Die Nacht legte sich wie ein schwerer Schleier über den Wald, als der Blutmond seinen höchsten Punkt erreichte. Sein rotes Licht sickerte zwischen den Ästen hindurch und tauchte alles in eine fremdartige, beinahe unwirkliche Stille. Seraphina stand reglos am Rand der Lichtung, die Hände locker an ihren Seiten, den Blick zum Himmel erhoben. Die Magie in ihr war wach – unruhig, gespannt wie ein zu straff gezogener Faden. Dann erklang das Heulen. Es war nah. Näher als zuvor. Doch es klang nicht bedrohlich. Es war tief und kraftvoll, getragen von einer Autorität, die nicht dominieren wollte, sondern ordnete. Der Ruf breitete sich über den Wald aus wie eine Welle, berührte jede Wurzel, jedes Blatt. Seraphina spürte, wie der Wald antwortete. Nicht mit Angst – sondern mit Aufmerksamkeit. Sie schloss kurz die Augen. Dieses Heulen war kein Kriegsruf. Es war ein Versprechen. Ein Schutzruf. Und das verunsicherte sie mehr als jede offene Drohung. Werwölfe, die sie gekannt hatte, hatten ihre Macht genutzt, um zu nehmen. Dieser Alpha jedoch schien sie zu zügeln. Aus dem Schatten zwischen den Bäumen trat Kael. Seine Gestalt war verändert – größer, kraftvoller. Fell zeichnete sich an Armen und Nacken ab, seine Sinne schienen geschärft, doch seine Haltung blieb kontrolliert. Er blieb mehrere Schritte von ihr entfernt stehen, senkte leicht den Kopf. Eine Geste des Respekts. „Ich wollte, dass du mein Heulen hörst“, sagte er mit tiefer Stimme. „Nicht als Drohung. Sondern als Wahrheit.“ Seraphina musterte ihn aufmerksam. Ihre Magie wallte auf, suchte nach Angriffspunkten – fand jedoch keine. Stattdessen spürte sie etwas anderes. Ehrlichkeit. Pflichtbewusstsein. Verantwortung. „Warum?“, fragte sie leise. Kael hob den Blick. Seine goldenen Augen reflektierten das Licht des Blutmondes. „Weil du wissen sollst, dass ich diesen Wald nicht als Beute sehe. Sondern als etwas, das geschützt werden muss.“ Langsam hob Seraphina die Hand. Die Erde unter ihren Füßen vibrierte, Wurzeln regten sich, Blätter raschelten. Ihre Magie antwortete seinem Ruf, umschlang ihn – prüfend, vorsichtig. Kael rührte sich nicht. Er ließ es zu. Ihre Finger berührten sich schließlich, flüchtig, fast zufällig. Doch der Moment brannte sich in sie beide ein. Ein leiser Schock, ein Aufleuchten, als hätten ihre Kräfte einander erkannt. Seraphina zog die Hand zurück, atmete tief ein. „Geh“, sagte sie leise. „Bevor wir beide Dinge fühlen, die gefährlich sind.“ Kael zögerte – dann nickte er. „Ich werde wiederkommen.“ Und seltsamerweise wusste sie: Er meinte das nicht als Drohung.
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