Eine Grenze wird überschritten
Der Morgen brachte keine Erleichterung.
Seraphina bemerkte die Veränderung sofort, noch bevor sie die Hütte ganz verlassen hatte. Die Luft war schwer, dumpf, als würde sie nicht mehr richtig atmen können. Der Boden fühlte sich kalt an – nicht kühl, sondern leblos.
Als sie die Lichtung erreichte, blieb sie stehen.
Pflanzen, die seit Jahrzehnten hier gewachsen waren, lagen verdorrt am Boden. Blätter waren schwarz verfärbt, Stängel rissig, als hätte etwas ihre Essenz ausgesaugt. Schwarze Ranken zogen sich durch die Erde wie fremde Adern.
Seraphina kniete sich neben eine abgestorbene Mondblume und legte die Hand auf den Boden. Ihre Magie floss hinein – und prallte zurück. Abgewiesen.
„Das ist keine natürliche Fäulnis“, flüsterte sie. „Und auch keine Werwolfsmagie.“
„Das habe ich gehofft.“
Kaels Stimme erklang hinter ihr. Sie drehte sich nicht erschrocken um – ein Teil von ihr hatte gewusst, dass er kommen würde. Er trat neben sie, kniete sich respektvoll in einiger Entfernung nieder und betrachtete die verdorrte Pflanze mit ernster Miene.
„Mein Rudel leidet ebenfalls“, sagte er. „Tiere verschwinden. Der Boden wird krank.“
Seraphina sah ihn an. Zum ersten Mal lag keine Abwehr in ihrem Blick, sondern etwas Neues: Anerkennung.
„Dann ist das hier größer als wir beide.“
Kael nickte langsam.
„Und genau deshalb bin ich hier.“
Er erhob sich, trat einen Schritt näher – blieb jedoch stehen, als würde er eine unsichtbare Linie respektieren.
„Ich biete dir kein Bündnis aus Bequemlichkeit an, Seraphina Nachtwurz. Sondern aus Notwendigkeit.“
Sie spürte, wie ihr Name auf seinen Lippen nachklang. Wie bewusst er ihn aussprach.
„Und wenn ich ablehne?“
„Dann werde ich diesen Wald dennoch schützen“, antwortete er ruhig. „Auch ohne deine Zustimmung.“
Diese Worte trafen sie unerwartet. Nicht als Herausforderung, sondern als Schwur.
Langsam erhob sie sich. Stand nun dicht vor ihm. Ihre Magie vibrierte, seine Präsenz hielt dagegen – nicht kämpfend, sondern stützend. Zwei Kräfte, die sich nicht verdrängten.
Seraphina atmete tief durch und streckte schließlich die Hand aus.
„Dann kämpfen wir gemeinsam.“
Kael nahm ihre Hand. Warm. Fest. Ehrlich.
In diesem Moment überschritt sie eine Grenze, die älter war als jede Fehde.
Und tief in ihrem Inneren wusste sie:
Es war nicht nur der Wald, den sie gemeinsam verteidigen würden.