Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen.
Ich lag auf dieser Matratze und starrte an die Decke, während ich jedes einzelne Wort, das Sebastian gesagt hatte, immer wieder in meinem Kopf abspielte.
Ich muss bestimmt hundertmal auf mein Handy geschaut haben. Keine Nachrichten von ihm. Keine verdammte Erklärung.
Als die Sonne schließlich aufging, hatte ich zwei Entscheidungen getroffen.
Erstens: Ich würde zur Universität gehen. Es war mein erster Tag im ersten Studienjahr.
Ich hatte dafür mit Blut und blauen Flecken bezahlt, und ich würde nicht zulassen, dass Sophie, Jason oder sonst jemand mir das wegnahm.
Zweitens: Ich würde Sebastian finden. Und ich würde ihn dazu bringen, mir zu sagen, was zum Teufel er damit gemeint hatte.
Die dritte Entscheidung ... dass ich heute Abend um acht Uhr in den Club gehen musste ... schob ich in eine Kiste ganz hinten in meinem Kopf und machte sie nicht wieder auf.
Die Universität war genau so, wie ich sie erwartet hatte. Große Gebäude. Mädchen in teuren Leggings und Jungs in noch teureren Sneakers. Überall reiche Kids, die damit angaben.
Alle lachten und redeten und hatten Spaß.
Als ich den Flur betrat, bemerkte ich, dass mich alle ständig ansahen. Nicht nur ansahen. Einige kicherten sogar.
Ein Typ in einem Shirt einer Business-Verbindung fing meinen Blick auf, grinste und tat so, als würde er mit seinem Handy ein Foto machen.
Da sackte mir der Magen in die Tiefe.
Sie hatten es gesehen.
Das Foto.
Sophies Gruppenchat hatte sich schneller verbreitet, als ich gedacht hatte.
Ich zog meinen Hoodie enger, um mein Gesicht zu verdecken, und ging schneller.
Die ersten paar Vorlesungen vergingen schnell. Vorstellungen. Studienpläne. Kennenlernspiele, bei denen jeder seinen Namen, sein Studienfach und etwas Interessantes über sich selbst erzählen sollte. Als ich an der Reihe war, hatte ich nichts zu sagen, und der Professor warf mir einen seltsamen Blick zu.
Bis zur Mittagspause hatte ich weder Sophie noch ihren erbärmlichen Freund Jason gesehen. Und Sebastian hatte ich ganz sicher auch nicht gesehen.
Ich saß allein in einer Ecke der Cafeteria, mit einem Müsliriegel, und beobachtete, wie alle anderen mit ihren Freunden lachten.
Schließlich stand ich auf und warf den Rest des Müsliriegels in den Müll.
Der Sportkomplex war meine letzte Station für diesen Tag.
Bevor ich zur Universität gegangen war, hatte Mom mich angerufen und mir gesagt, ich solle mich für eine Sportart anmelden. Wenn ich schon keine Freunde hatte, würde es wenigstens meinem Sozialleben helfen. Als hätte ich darüber diskutieren können. Es war ohnehin Pflicht.
Jeder Erstsemester musste eine Sportart wählen ... irgendetwas von wegen „Charakterbildung“ und „Engagement auf dem Campus“. Es war mir scheißegal, aber ich brauchte die Leistungspunkte, also stellte ich mich mit den anderen Studenten in der Schlange an, während eine gelangweilte Frau mit einem Klemmbrett Namen auf einer Liste abhakte.
„Name?“
„Jae. Ich will Hockey spielen.“
Sie sah zu mir auf. Dann auf meinen schmächtigen Körperbau. Dann wieder in mein Gesicht.
„Hockey?“
„Ja. Hockey. Schlittschuhe. Puck. Eis. Du weißt schon, was das ist?“
Meinen Ton fand sie offenbar nicht besonders gut. „Hockey ist voll. Versuch etwas anderes.“
„Voll? Es ist der erste Tag.“
„Versuch etwas anderes.“
Ich konnte die Blicke auf mir spüren. Noch mehr Kichern aus der Schlange hinter mir.
„Gut“, sagte ich. „Was ist denn noch frei?“
„Schwimmen. Ringen. Volleyball. Völkerball.“
„Ich kann keines davon ...“
„Dann bekommst du eben keine Leistungspunkte.“ Sie sah an mir vorbei und unterbrach mich damit. „Der Nächste.“
Ich blieb einen Moment lang dort stehen, die Fäuste geballt und bereit, etwas zu sagen, das ich später bereuen würde. Dann sah ich das Brett hinter ihr.
Die Liste der Teamkapitäne.
Studentennamen, ordentlich in schwarzen Buchstaben gedruckt.
Hockey — Sebastian Vaughn.
Natürlich.
Verdammt noch mal, natürlich.
Ich drehte mich um und ging hinaus.
Der Hausmeisterschrank war der einzige Ort, den ich finden konnte, an dem niemand war.
Ich schloss die Tür hinter mir ab und lehnte mich gegen ein Regal voller Putzmittel.
Dann rutschte ich auf den Boden und vergrub mein Gesicht in meinen Händen.
Seit gestern hatte ich nicht mehr geweint, aber ich konnte spüren, wie es sich wieder in mir aufbaute. Der Kloß in meinem Hals wurde immer schlimmer.
Ich kniff die Augen zusammen, und eine einzelne Träne lief mir über die Wange.
Sogar eine Universität, an der ich mich gerade erst eingeschrieben hatte, sah in mir nichts.
Die Tür ging auf.
Ich hatte sie nicht richtig abgeschlossen.
Natürlich nicht.
Nicht einmal das bekam ich richtig hin.
„Besetzt“, sagte ich, ohne aufzusehen. Es war mir egal, ob es der Hausmeister war oder ob dieser Bereich verboten war. Ich wollte einfach nur allein sein.
Wer auch immer es war, kam auf mich zu.
„Ich habe nach dir gesucht.“
Ich kannte diese Stimme.
Ich sah auf.
Sebastian stand vor mir, die Arme vor der Brust verschränkt, mit demselben Ausdruck im Gesicht wie zuvor.
Im Tageslicht sah er anders aus. Seine Kleidung war schlicht ... schwarze Hose, weißes Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Sein Haar war zerzaust, als wäre er ständig mit den Händen hindurchgefahren.
„Was willst du?“, fragte ich.
„Ich wollte dich dasselbe fragen. Du bist aus dem Sportzentrum gegangen, ohne dir etwas auszusuchen. Vor allen anderen.“
„Ich hatte keine Lust auf ihre beschissenen Spielchen.“
„Also bist du gekommen, um dich in einem Schrank zu verstecken?“
„Es ist besser als da draußen.“ Ich deutete zur Tür. „Alle lachen über mich. Sophie hat dafür gesorgt.“
Sebastians Kiefer spannte sich an. „Ich weiß.“
„Natürlich weißt du es. Dein bester Freund war auf ihr drauf.“
Ich hatte nicht die Energie zu streiten. Ich vergrub einfach wieder mein Gesicht in den Händen und starrte auf den schmutzigen Boden.
„Warum bist du hier, Sebastian?“
Nichts.
Er sagte nichts.
Dann hörte ich, wie er sich bewegte. Er ging vor mir in die Hocke ... wieder ganz nah, genauso wie damals in meiner Wohnung. Seine Knie berührten meine beinahe.
Ich starrte ihn an.
Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. Wieder konnte ich die kleine Narbe an seiner Augenbraue sehen.
Die geschwungene Form seiner Lippen.
Jedes einzelne Detail seines Gesichts, sogar seine Nase, hatte den perfekten Winkel und die perfekte Form.
Ich ließ den Kopf zwischen meine Knie sinken.
Meine Augen brannten. Ich konnte es nicht länger zurückhalten. Der Kloß in meinem Hals war noch schlimmer geworden.
Scheiße.
Nein.
Nicht hier.
Nicht vor ihm.
„Hey.“
Sebastians Stimme war jetzt weicher.
„Sieh mich an.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Sieh mich an.“
Ich konnte nicht.
Denn wenn ich aufsah, würde ich weinen.
Und wenn ich anfing zu weinen, würde ich nie wieder aufhören.
„Ich habe Sophie gesehen“, sagte ich stattdessen. Bei ihrem Namen brach meine Stimme. „Bevor ich hierherkam. Sie lief mit Jason über den Campus. Sie hatte eine Tasche. Eine Designer-Tasche. Die, für die ich für ihren Geburtstag gespart hatte.“
„Er hat sie ihr gekauft. An einem einzigen Nachmittag. Während ich Doppelschichten gearbeitet habe, von meinem Manager geschlagen wurde und zum Abendessen abgelaufenen Joghurt gegessen habe.“ Ich presste die Handballen gegen meine Augen. „Zwei Jahre. Zwei verdammte Jahre, und sie hat alles für einen Typen mit einem Treuhandfonds und einem schönen Auto weggeworfen.“
Nachdem ich das gesagt hatte, fühlte ich mich taub.
Die Stille zwischen uns zog sich hin. Ich konnte Sebastians Atmen hören. Laut und deutlich.
„Ich kann dich dazu bringen, sie zu vergessen“, sagte Sebastian.
Ich ließ die Hände sinken und sah ihn an.
Sein Gesicht sah jetzt anders aus. Als würde er es hassen, mich verletzt zu sehen. Seine Fäuste waren geballt.
„Was hast du gesagt?“
„Ich sagte ...“ Er beugte sich näher zu mir ... so nah, dass ich seinen Atem auf meinen Lippen spüren konnte. „Ich kann dich dazu bringen, sie zu vergessen. Wenn du willst, dass ich es tue.“
„Ich will nicht ...“, begann ich.
„Doch, willst du.“
Sein Blick wanderte zu meinem Mund und blieb dort einen Moment lang.
Langsam hob er eine Hand, gab mir Zeit, mich zurückzuziehen, und berührte meinen Kiefer. Seine Finger waren sanft.
„Ich hasse es, dich so zu sehen“, sagte er.
Sein Daumen strich an meiner Kieferlinie entlang.
„Hör auf, verdammt noch mal so zu tun, als wärst du stark. Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert“, sagte er.
Dann, leiser:
„Lass mich heute dieser Jemand sein. Nur für heute.“
Mein Atem stockte.
„Sebastian ...“
„Sag Nein.“
Sein Mund war jetzt so nah.
Nur einen Atemzug entfernt.
„Seit Monaten frage ich mich, ob du vielleicht nur auf Mädchen stehst. Das hat mich dazu gebracht, verdammt noch mal Abstand von dir zu halten, selbst wenn ich mich nach dir gesehnt habe. Sag einfach Nein, und ich gehe durch diese Tür, und wir werden nie wieder darüber sprechen.“
Mein Atem stockte.
Ich zog mich nicht zurück.
Ich hätte es tun können.
Seine Hand lag locker an meinem Kiefer und gab mir jede Möglichkeit dazu.