Kapitel 1
Die kalte Morgendämmerung kroch langsam über die schneebedeckten Gipfel des Silberwalds und hüllte das große Anwesen der Familie Blackwood in ein fahles, fast gespenstisches Licht. Georgia kniete bereits seit Stunden auf den harten Steinfliesen der Küche, die Hände rot und rissig vom ständigen Schrubben. Ihr Atem bildete kleine weiße Wölkchen in der eisigen Luft, denn das Feuer im großen Herd war fast erloschen. In der Nacht hatte niemand daran gedacht, neue Scheite nachzulegen. Warum auch? Die Diener froren eben. Das gehörte zu ihrem Leben.
Georgia trug ein schlichtes graues Kleid aus grobem Leinenstoff, das an den Ärmeln schon dünn und abgenutzt war. Ihre langen dunklen Haare hatte sie mit einem ausgefransten Band streng im Nacken zusammengebunden. Kein Spiegel stand ihr zur Verfügung, kein Schmuck, kein Grund, sich je schön zu fühlen. Sie war unsichtbar. Die Bastardtochter ohne das heilige Mondsichelmal. Jenes Mal, das nur die wirklich Auserwählten der Mondgöttin trugen. Das Mal, das ihre Halbschwester Kelly wie ein elegantes silbernes Tattoo auf der linken Schulter trug, genau über dem Schlüsselbein. Im Mondlicht leuchtete es wie flüssiges Sternenlicht.
Kelly war Vollkommenheit in Person. Golden schimmerndes Haar, das in weichen Wellen bis zur schmalen Taille fiel. Augen von einem reinen, klaren Blau wie der Winterhimmel nach einem Schneesturm. Eine Haut ohne jeden Makel. Und vor allem dieses Mal. Das Zeichen, das sie zur zukünftigen Luna bestimmte. Zur Gefährtin des mächtigsten Alphas der kommenden Generation. Zur Herrscherin an der Seite von Shawn Blackwood.
Shawn.
Allein wenn Georgia seinen Namen in Gedanken hörte, hielten ihre Hände für einen Moment inne. Sie biss sich fest auf die Unterlippe, bis sie Blut schmeckte. Shawn war der Erbe. Der zukünftige Alpha des mächtigen Silberrudels. Groß gewachsen, breitschultrig, mit einem Gesicht, das aussah, als hätte ein Bildhauer es aus hartem Granit gemeißelt. Seine Augen hatten die Farbe eines heraufziehenden Sturms, kalt und durchdringend. Wenn er jemanden ansah, fühlte sich diese Person sofort entblößt, als könnte er bis auf den Grund ihrer Seele blicken. Er sprach selten. Doch wenn er sprach, gehorchten alle. Sogar ihr Vater, Alpha Victor Blackwood, der gefürchtete Tyrann dieses Hauses, senkte manchmal den Blick vor seinem eigenen Sohn.
Georgia hatte Shawn nur wenige Male aus der Nähe gesehen. Meistens verbarg sie sich in den dunklen Dienstbotengängen und beobachtete, wie er durch die Hallen schritt wie ein Raubtier auf der Pirsch. Er roch nach Zedernholz, nach altem Leder und nach etwas Dunklerem, etwas zutiefst Animalischem. Etwas, das ihren Wolf tief in ihrem Inneren zum leisen Winseln brachte, obwohl sie ihn fast nie spürte. Ihr Wolf war schwach. Kaum mehr als ein Schatten. Weil sie kein Mal trug. Weil sie nicht würdig war.
„Georgia!“ Die schneidende Stimme ihrer Stiefmutter durchschnitt die Stille wie ein Peitschenhieb. „Beeil dich endlich! Kelly braucht ihr Badewasser heißer. Und bring frische Handtücher mit nach oben. Heute ist der Tag.“
Der Tag.
Georgia wusste genau, was Lady Eleanor meinte. Den Tag, an dem Shawn seine Absicht offiziell verkünden würde. Den Tag, an dem er Kelly zur Braut erwählen würde. Den Tag, an dem das Schicksal des gesamten Rudels besiegelt werden sollte.
Sie nickte stumm, obwohl niemand es sehen konnte, und schleppte den schweren Kupferkessel mit kochendem Wasser die knarrende Treppe hinauf. Jede Stufe ächzte unter ihren nackten Füßen. Oben im Flur brannten bereits Fackeln, obwohl draußen längst der Tag angebrochen war. Pure Verschwendung, dachte Georgia bitter. Doch für Kelly wurde niemals gespart.
Vor der schweren Eichentür zu Kellys Gemächern blieb sie stehen. Sie holte tief Luft, straffte die Schultern. Dann klopfte sie leise.
„Herein“, erklang Kellys sanfte, melodische Stimme.
Georgia trat ein.
Kelly saß vor dem großen Kristallspiegel, nur bekleidet mit einem hauchdünnen Seidenhemd, das ihre Schultern frei ließ. Das Mondsichelmal schimmerte sanft im flackernden Kerzenlicht. Es war atemberaubend schön. Makellos. Georgia spürte einen scharfen Stich in der Brust. Kein Neid. Nur eine tiefe, schmerzhafte Sehnsucht nach etwas, das für immer außerhalb ihrer Reichweite bleiben würde.
„Georgia“, sagte Kelly lächelnd und drehte sich um. „Du bist schon so früh da. Komm näher.“
Georgia stellte den Kessel vorsichtig ab und trat zu ihr. Kelly streckte die Hand aus und strich ihr zärtlich über die Wange. Eine Geste voller Wärme. Georgia spürte, wie Tränen in ihren Augen brannten.
„Du siehst erschöpft aus“, flüsterte Kelly besorgt. „Hast du wieder die ganze Nacht gearbeitet?“
„Es ist nichts“, murmelte Georgia und senkte den Blick. „Mir geht es gut.“
Kelly seufzte leise. „Du warst schon immer eine schlechte Lügnerin, kleine Schwester.“
Georgia lächelte schwach. Kleine Schwester. Kelly nannte sie so, obwohl sie nur zwei Monate jünger war. Es war ihre Art zu sagen: Du bist meine Familie. Trotz allem. Trotz des Hasses, der Kälte, der Demütigungen.
„Ich habe gestern Abend gehört, was Vater zu Shawn gesagt hat“, flüsterte Kelly plötzlich. Ihre Stimme zitterte kaum merklich.
Georgia erstarrte. „Was hat er gesagt?“
Kelly biss sich auf die Unterlippe. „Er hat Shawn gedrängt, nicht länger zu zögern. Das Rudel braucht eine starke Luna. Die Feinde im Norden werden immer aggressiver. Und Shawn… er hat zugestimmt.“
„Zugestimmt?“, wiederholte Georgia tonlos. Ihr Herz schlug plötzlich viel zu schnell.
Kelly nickte langsam. „Er will mich heute Abend offiziell beanspruchen. Vor dem ganzen Rudel. Bei der Vollmondzeremonie.“
Georgia schluckte schwer. Sie hätte Freude empfinden sollen. Für Kelly. Für das Rudel. Stattdessen breitete sich eine seltsame, schwere Leere in ihrer Brust aus.
„Das ist gut“, zwang sie sich zu sagen. „Du wirst eine wunderbare Luna abgeben.“
Kelly lächelte traurig. „Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt will, Georgia. Shawn… er macht mir Angst. Er ist so kalt. So berechnend.“
Georgia ergriff Kellys Hände. Sie waren warm und weich. Ganz anders als ihre eigenen rauen, schwieligen Finger.
„Er wird dir niemals wehtun“, sagte sie entschlossen. „Das lasse ich nicht zu.“
Kelly lachte leise, ein trauriges, zartes Lachen. „Du? Meine mutige kleine Dienerin? Was könntest du schon gegen den zukünftigen Alpha ausrichten?“
„Alles“, antwortete Georgia leise und ernst. „Wenn es sein muss, alles.“
Genau in diesem Moment klopfte es scharf und gebieterisch an der Tür.
„Herein!“, rief Kelly.
Die Tür schwang auf.
Shawn Blackwood trat ein.
Er füllte den gesamten Türrahmen aus wie eine unaufhaltsame Naturgewalt. Schwarzes Hemd, das sich eng über seine breiten Schultern spannte. Dunkle Hosen, die seine langen, kraftvollen Beine betonten. Hohe Stiefel aus glänzendem Leder. Und diese Augen. Sturm grau. Kalt. Unerbittlich.
Sein Blick wanderte zuerst zu Kelly. Dann, fast widerwillig, zu Georgia.
Georgia spürte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper anspannte. Ihr Wolf, der sonst so still und schwach blieb, winselte plötzlich lautlos. Ein hungriges, verzweifeltes Winseln.
Shawn runzelte kaum merklich die Stirn. Doch Georgia bemerkte es.
„Kelly“, sagte er mit dieser tiefen, rauen Stimme, die wie fernes Donnergrollen klang. „Dein Vater erwartet dich im großen Saal. Sofort.“
Kelly erhob sich anmutig. „Natürlich.“
Sie ging an Shawn vorbei. Ihre Hand streifte flüchtig seinen Arm. Shawn zeigte keinerlei Reaktion. Nicht das kleinste Zucken.
Dann waren sie allein.
Georgia wollte sich abwenden. Wollte fliehen. Doch ihre Beine gehorchten nicht.
Shawn schloss langsam die Tür. Das leise Klicken des Schlosses hallte in ihren Ohren wie ein Todesurteil.
Er trat einen Schritt näher.
„Du bist die andere“, stellte er ruhig fest.
Georgia hob das Kinn. „Georgia.“
„Georgia“, wiederholte er langsam, als würde er den Namen auf der Zunge kosten. „Die ohne Mal.“
Hitze stieg in ihre Wangen. Scham. Zorn. Und etwas anderes, Gefährlicheres.
„Ja“, sagte sie fest. „Die ohne Mal.“
Shawn musterte sie lange. Zu lange.
Dann sprach er Worte, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließen.
„Ich habe einen Plan“, erklärte er kühl und sachlich. „Kelly wird meine Luna werden. Öffentlich. Vor dem Rudel. Aber das Rudel braucht starke Erben. Viele Erben. Kelly ist zu zerbrechlich. Zu sanft. Sie würde die Geburten nicht überleben.“
Georgia starrte ihn entsetzt an. „Was redest du da?“
Shawn kam noch näher. Nur noch ein Atemzug trennte sie.
„Ich werde Kelly markieren. Sie wird meine offizielle Gefährtin sein. Doch in den Nächten…“, seine Stimme wurde zu einem dunklen Flüstern, „…in den Nächten werde ich dich nehmen. Dich benutzen. Dich schwängern. Und sobald du mir einen starken Erben geboren hast, wirst du verschwinden. Leise. Ohne dass jemand Fragen stellt.“
Georgia taumelte zurück, bis sie gegen den Bettrahmen stieß.
„Das kannst du nicht ernst meinen“, flüsterte sie fassungslos.
„Ich meine es todernst“, erwiderte er kalt. „Und ich werde es tun.“
„Kelly vertraut dir“, sagte Georgia mit bebender Stimme.
„Kelly ist ein Kind“, entgegnete Shawn. „Sie versteht nichts von Macht. Von Überleben. Von Notwendigkeit.“
Georgia ballte die Fäuste so fest, dass ihre Nägel sich in die Handflächen gruben.
„Ich werde das niemals zulassen“, sagte sie.
Shawn lachte leise. Ein dunkles, gefährliches Geräusch.
„Du? Die unsichtbare Bastardtochter? Was willst du dagegen unternehmen?“
„Ich werde sie beschützen“, erklärte Georgia mit zitternder, aber entschlossener Stimme. „Vor dir. Vor allem.“
Shawn neigte leicht den Kopf. Seine Augen begannen plötzlich zu glühen. Nicht mehr grau. Sondern silbern. Wie reines Mondlicht.
„Interessant“, murmelte er.
Ohne Vorwarnung packte er ihr Handgelenk.
Seine Berührung traf sie wie ein Blitz.
Georgia keuchte auf.
Und dann geschah es.
Etwas in ihr zerbrach. Etwas Altes, Wildes, Uraltes erwachte.
Ihr Wolf heulte. Laut. Verzweifelt. Hungrig.
Shawns Augen weiteten sich schockiert.
Er ließ sie los, als hätte er sich verbrannt.
„Was…“, begann er heiser.
Georgia wich zurück. Ihr Herz hämmerte wie wild. Ihr ganzer Körper zitterte unkontrollierbar.
„Nein“, flüsterte sie. „Nein, das kann nicht sein.“
Shawn starrte sie an. Fassungslos. Und doch voller Gier.
„Das Band“, sagte er rau. „Es ist unmöglich.“
Georgia schüttelte heftig den Kopf. Tränen liefen über ihre Wangen.
„Es ist nichts“, log sie verzweifelt. „Du bildest dir das ein.“
Doch sie wusste es besser.
Das Band.
Das heilige Gefährtenband.
Zwischen dem mächtigsten Alpha des Rudels und dem Mädchen ohne Mal.
Zwischen dem Wolf, den alle fürchteten, und der Unsichtbaren.
Shawn machte einen weiteren Schritt auf sie zu.
Georgia hob abwehrend beide Hände.
„Bleib weg von mir.“
„Du spürst es ebenfalls“, sagte er. Keine Frage. Eine Feststellung.
„Nein“, log sie erneut.
Doch ihr Körper verriet sie. Ihr Duft änderte sich. Wurde süßer. Lockender. Verführerischer.
Shawn knurrte tief in der Kehle. Ein animalisches, hungriges Geräusch.
„Du gehörst mir“, sagte er mit rauer Stimme.
„Niemals“, flüsterte Georgia.
Doch als er noch näher kam, als seine Hand ihr Gesicht berührte, als seine Lippen nur noch einen Hauch von ihren entfernt waren, wusste sie, dass sie bereits halb verloren hatte.
Mit letzter Kraft riss sie sich los.
Sie rannte zur Tür.
Riss sie auf.
Stürmte den Gang entlang.
Hinter sich hörte sie Shawn fluchen.
Und tief in ihrem Inneren heulte ihr Wolf vor Sehnsucht.
Vor Verlangen.
Vor purer Angst.
Denn jetzt wusste sie es mit tödlicher Gewissheit.
Wenn sie Kelly wirklich beschützen wollte, musste sie Shawn widerstehen.
Wenn sie Shawn widerstehen wollte, musste sie sich selbst verraten.
Und wenn das Band echt war…
Dann würde am Ende alles in Blut und Schmerz enden.
Die Vollmondzeremonie begann in wenigen Stunden.
Georgia floh hinaus in den Schnee.
Hinter ihr erhob sich ein mächtiges, wildes Heulen.
Shawns Wolf.
Er rief nach ihr.
Und obwohl sie es hasste, obwohl sie sich dafür verachtete…
Antwortete ihr eigener Wolf.
Leise.
Verzweifelt.
Mit einem einzigen, gebrochenen Heulton.
Die Jagd hatte begonnen.
Und niemand würde sie überleben