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Die Schwester der hohlen Klinge

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Blurb

Sie wurden zu einer Waffe mit zwei Schneiden ausgebildet.Lira und Sera Veyne, Zwillingsschwestern, die innerhalb des „Silent Covenant“ aufgewachsen waren, galten als die präzisesten Killerinnen der Gilde. Dann befahl der „Covenant“, eine von ihnen zu töten, damit die andere einen Auftrag annehmen konnte, der die Überlebende in den höchsten Rang erheben würde.Lira war diejenige, die blutend im Schnee zurückblieb.Sie überlebt, indem sie sich ein Paar verbotener Klingen aneignet, die der „Silent Covenant“ seit Jahrhunderten weggeschlossen hatte – die „Hollow Edge“. Jedes Leben, das die Klingen fordern, macht Lira stärker, schneller und schwerer zu töten. Jedes Leben nimmt ihr zugleich ein weiteres Stück ihrer Gefühle. Erinnerungen. Mitgefühl. Die Fähigkeit zu zögern.Sie beginnt, ihre Schwester quer durch die Königreiche zu jagen und hinterlässt eine Spur aus Leichen all jener, die sich ihnen in den Weg stellen. Mit jedem Mord werden die Klingen hungriger, und Lira wird kälter. Das Einzige, was in ihr noch flackert, ist der letzte ausgefranste Faden dessen, was einst Liebe war – oder das Bedürfnis, diesen Faden selbst zu durchtrennen.In einer Welt, in der der Tod bereits per Vertrag verkauft wird, wird eine Schwester zu etwas, das der Bund niemals hätte entfesseln wollen.

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Kapitel 1
Der Schnee war bereits rot gefärbt, als die zweite Klinge eindrang. Lira Veyne spürte, wie der Stahl von hinten zwischen ihre Rippen glitt – sauber, präzise, im exakten Winkel, den sie hundertmal an Übungspuppen und lebenden Männern geübt hatten. Einen Herzschlag später setzte der Schmerz ein, scharf und unerbittlich. Ihre Knie knickten ein. Sie stürzte hart in die Schneewehe, und ihr Atem entwich in einer weißen Wolke. Seras Stimme erklang über ihr, ruhig wie der Winter. „Dreh dich nicht um.“ Lira drehte sich trotzdem um. Ihre Zwillingsschwester stand drei Schritte hinter ihr, das vom Bund ausgegebene Langmesser war noch bis zum Griff blutverschmiert. Der Schnee hing in Seras dunklem Haar, so wie er es immer getan hatte. Die gleichen markanten Wangenknochen. Die gleichen ruhigen Augen. Nur die Augen waren jetzt anders. Sie zeigten keine Reue. Nur die stille Gewissheit eines erfüllten Auftrags. „Du …“, Liras Stimme versagte an dem Blut in ihrer Kehle. „Wir waren …“ „Wir hätten diesen Berg niemals beide verlassen können“, sagte Sera. „Der Bund hat das klargestellt. Eine von uns steigt auf. Die andere wird zum Preis.“ Sie wischte das Messer mit derselben effizienten Bewegung an ihrem Umhang ab, die sie nach jedem Tötungsakt an den Tag legte. „Ich habe gewählt.“ Der Wind heulte zwischen den Gipfeln. Unter ihnen fiel das Tal in weißes Nichts ab. Der gemeinsame Auftrag – der, der eigentlich einfach sein sollte, ein schiefgelaufener Schutzdienst für einen Kaufmann – war von dem Moment an, als die versiegelten Befehle eintrafen, eine Lüge gewesen. Das begriff Lira nun, doch zu spät. Sie versuchte, sich aufzurichten. Die Wunde in ihrem Rücken schrie. Blut tränkte den Schnee in einem sich ausbreitenden Kreis. Ihre Finger fanden den Griff ihres eigenen Kurzschwerts und zogen es heraus, doch die Kraft verließ bereits ihren Arm. Sera beobachtete sie so, wie sie beide seit Jahren sterbende Männer beobachtet hatten – um abzuschätzen, wie lange der Körper noch weiterkämpfen würde, nachdem der Verstand wusste, dass er verloren hatte. „Du warst immer die bessere Klinge“, sagte Sera, fast sanft. „Leiser. Vorsichtiger. Der Bund musste diese Vorsicht beseitigen. Sie brauchten jemanden, der nicht zögern würde, wenn die letzten Aufträge kamen.“ Sie trat näher. „Ich werde nicht verschwenden, was wir waren. Ich werde zu dem werden, was sie verlangen. Nur so haben wir beide eine Bedeutung.“ Liras Blick verengte sich. Kälte kroch von ihren Beinen herauf. Sie schmeckte Kupfer und Schnee. Irgendwo im weißen Tosen des Windes hörte sie das alte Trainingsmantra, das sie als Kinder gemeinsam gesungen hatten: Zwei Klingen. Ein Schnitt. Keine Gnade dazwischen. Sie hatte geglaubt, das „keine Gnade“ gelte den Zielen. Sera hockte sich hin, nah genug, dass Lira die kleine Narbe an ihrer linken Augenbraue sehen konnte – die, die Lira ihr mit einem hölzernen Übungsschwert zugefügt hatte, als sie zwölf waren. Sera streckte die Hand aus und schloss mit überraschender Sorgfalt Liras halb geöffnetes linkes Auge. „Schlaf“, sagte sie. „So wird es sauberer.“ Dann stand sie auf, drehte sich um und ging in den Sturm hinaus, ohne sich umzusehen. Lira lag im roten Schnee und lauschte, wie die Schritte ihrer Schwester verhallten. Lange Zeit gab es nur den Wind und das langsame Entweichen ihres Lebens in die Kälte. Sie dachte an die Bergfestung, in der sie aufgewachsen waren – den engen Schlafsaal, die gemeinsame Koje, die Nächte, in denen sie sich Pläne für die Aufträge zugeflüstert hatten, die sie eines Tages gemeinsam übernehmen würden. Sie dachte an den Blutschwur, den sie geleistet hatten, niemals eine Klinge gegeneinander zu erheben. Sie dachte an das versiegelte Pergament, das Sera wohl allein geöffnet haben musste. Zuerst kam die Wut, heiß genug, um die Kälte für ein paar Atemzüge zurückzudrängen. Dann Trauer, schwerer als der Schnee. Dann etwas, das kälter war als beides. Sie war noch nicht tot. Ihre rechte Hand, die noch funktionierte, krallte sich durch die Schneeverwehung, bis ihre Finger auf Stein stießen. Nicht der Berg. Etwas Glatteres. Eine niedrige, halb verschüttete Platte aus schwarzem Gestein, die sie bei keiner ihrer früheren Missionen durch diesen Pass jemals bemerkt hatte. Der Bund kennzeichnete seine verbotenen Gewölbe mit Steinen wie diesem – alte Kriegsrelikte, versiegelt unter Schutzzaubern, die nur die höchsten Ränge kennen sollten. Liras Blick verschwamm. Sie schleppte sich die letzte Körperlänge weiter und presste ihre blutige Handfläche gegen die Steinplatte. Die Schutzzauber erkannten das Blut des Bundes. Das hatten sie schon immer getan. Der Stein öffnete sich. Aus einer flachen Vertiefung strömte Luft, die nach Eisen und altem Weihrauch roch. Darin, auf einem Bett aus dunklem, vom Alter steif gewordenem Samt, lagen zwei zueinander passende Klingen. Geschwungen. Kürzer als ein Langschwert, länger als ein Dolch. Das Metall hatte die Farbe einer winterlichen Mitternacht, und entlang jeder Klinge verlief eine dünne Lichtlinie in genau dem Blau der Augen eines Sterbenden. Die Hohle Klinge. Jeder Lehrling hatte die Geschichten gehört. Waffen aus dem alten Krieg, die mehr als nur Blut tranken. Waffen, die der Bund weggeschlossen hatte, weil der Preis selbst für sie zu hoch war. Liras Finger schlossen sich um den rechten Griff. Die Klinge erwachte wie etwas, das darauf gewartet hatte. Kaltes Feuer schoss ihren Arm hinauf. Die Wunde in ihrem Rücken verkrampfte sich, dann begann sie sich zu schließen – nicht geheilt, sondern lediglich so versiegelt, dass sie in der nächsten Stunde nicht verbluten würde. Kraft kehrte in einer schwachen, künstlichen Flut zurück. Sie holte Luft, ohne dabei zu keuchen. Und etwas Leises erlosch in ihrer Brust. Sie spürte es so, wie man spürt, wenn einem ein Zahn gezogen wird – eine plötzliche Leere dort, wo früher ein Gefühl war. Der scharfe Kummer um die Schwester, die sich gerade von ihr abgewandt hatte, schwächte sich ab, als hätte sich eine Tür davor geschlossen. Die Wut blieb, aber reiner, befreit von der Hitze, die sie schmerzhaft machte. Lira rappelte sich auf die Knie, dann auf die Füße. Es schneite immer noch. Der Sturm heulte immer noch. Die Spuren ihrer Zwillingsschwester wurden bereits vom Schnee zugedeckt. Sie blickte auf die Klingen in ihren Händen hinab. Das blaue Licht an der Schneide pulsierte einmal, hungrig. Weit unter ihr, durch eine Lücke im Wetter, sah sie eine einzelne dunkle Gestalt, die stetig auf den unteren Pass zuschritt – auf die Straßen des Königreichs zu, auf die Verträge zu, auf das Leben zu, das Sera für den Tod einer Schwester für wert befunden hatte. Lira machte den ersten Schritt hinter ihr her. Die Klingen tranken die Kälte, und etwas anderes in ihr wurde ein wenig stiller. Sie wusste noch nicht, wie viel von sich selbst die Waffen noch fordern würden, bevor die Jagd endete. Sie wusste nur, dass sie folgen würde, bis nichts mehr übrig war, was man aushöhlen könnte.

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