Kapitel 2

881 Words
Der Sturm versuchte, jede Spur von ihr auszulöschen. Lira bewegte sich durch das Weiß, während die „Hollow Edge“ an ihren Handflächen pulsierte; das blaue Licht entlang der Zwillingsklingen wurde vom peitschenden Schnee verschluckt. Seras Spuren waren bereits zur Hälfte zugeschneit, doch die Klingen schienen den Weg zu kennen. Jeder Schritt ließ einen dünnen Faden der Kälte ihre Arme hinaufkriechen, als würden die Waffen die Luft nach der Schwester absuchen, die sie blutend zurückgelassen hatte. Sie spürte den Wind nicht so, wie sie es eigentlich hätte tun sollen. Der erste stille Ort in ihrer Brust blieb leer. Dort hatte zuvor Trauer gewohnt. Jetzt war da nur noch das klare, scharfe Bedürfnis, die Distanz zu überwinden. Vor ihr bewegte sich eine Gestalt durch das Weiße – zu breit für Sera, zu schwerfällig im Schritt. Ein Mantel des Bundes. Einer der rangniedrigeren Wächter, die damit beauftragt waren, sicherzustellen, dass bestimmte Verträge sauber erfüllt wurden. Er war ihr aus der Ferne gefolgt und hatte darauf gewartet, die Leiche zu bestätigen. Er sah sie im selben Moment, in dem sie ihn sah. Seine Hand griff nach dem Kurzschwert an seiner Hüfte. „Lira Veyne ist tot“, rief er gegen den Wind, die Stimme angespannt vor dem Schock, eine wandelnde Leiche zu sehen. „Der Bericht war versiegelt. Du solltest nicht –“ Sie ließ ihn nicht ausreden. Die Klinge in ihrer rechten Hand schoss in einem kurzen, bösartigen Bogen aus ihrem Griff. Sie traf ihn an der Kehle, noch bevor sein eigenes Schwert die Scheide verlassen hatte. Blut spritzte schwarz im Licht des Sturms. Er sank auf die Knie, dann nach vorne in die Schneewehe. Die „Hollow Edge“ sang einmal, leise und zufrieden. Wärme durchströmte Liras Glieder. Die Wunde in ihrem Rücken schloss sich endgültig, begleitet von einem Gefühl, als würde Eis das Fleisch zusammenwachsen lassen. Die Kraft kehrte zurück, schärfer als zuvor. Und etwas anderes verstummte. Sie stand über der Leiche und wartete auf den erwarteten Rückstoß – das alte, antrainierte Bewusstsein, dass sie gerade einen Mann getötet hatte, der dieselbe Bergfestung geteilt, vom selben Tisch gegessen und dieselben Eide geschworen hatte. Er blieb aus. Das Wissen war da. Das Gefühl nicht. Eine weitere kleine Tür hatte sich geschlossen. Lira kniete nieder, wischte die Klinge am Umhang des Toten ab und nahm den Geldbeutel und die versiegelte Nachrichtenröhre von seinem Gürtel. Die Röhre trug das schwarze Wachs des Bundes. Sie brach sie mit dem Daumen auf. Die Befehle waren kurz. Bestätige den Tod von Lira Veyne. Begleite Sera Veyne bei Bedarf zur Grenzstraße. Den Erfolg dem Kreis des Archivars melden. Der Kreis des Archivars. Höher als die gewöhnlichen Beauftragten. Höher als die Meister, die sie ausgebildet hatten. Jemand oberhalb der üblichen Ränge hatte gewollt, dass eine der Zwillinge beseitigt und die andere emporgehoben wurde. Lira ballte die Faust um das Pergament, bis das Wachs zerbröckelte. Die Leere in ihrer Brust schmerzte nicht. Sie blieb einfach leer und wartete darauf, dass das nächste Stück entnommen wurde. Sie stand auf und setzte ihren Weg den Pass hinunter fort. Als der Sturm nachließ, mündeten die unteren Hänge in die erste der Königsstraßen – festgestampfte Erde und alte Steinmarkierungen, die in Richtung Kaelthar wiesen. Seras Spuren waren hier deutlicher, zielstrebig, nicht mehr gehetzt. Sie glaubte, die Angelegenheit sei erledigt. Sie glaubte, sie sei allein. Lira hielt sich von der Straße fern und bewegte sich durch die spärlichen Kiefern, die den Hang säumten. Die Klingen lagen nun locker in ihren Händen, als hätten sie schon immer dorthin gehört. Von Zeit zu Zeit hellte sich das blaue Licht am Rand auf, und sie spürte, wie die Waffen den Weg vor ihr anzogen, wie Jagdhunde, die eine Fährte aufspüren. Gegen Abend fand sie die Stelle, an der Sera Rast gemacht hatte. Eine kleine Feuerstelle, noch warm. Ein einzelner Stiefelabdruck im weichen Boden daneben, genauso groß wie ihre eigenen. Lira hockte sich hin und berührte den Abdruck mit zwei Fingern. Eine Erinnerung versuchte, in ihr aufzusteigen – Sera, die nach einer erfolgreichen Nachtübung im Schlafsaal lachte, Blut an beiden Händen, das gemeinsame Schweigen, das sich immer wie Verständnis angefühlt hatte. Die Erinnerung kam, vollständig und klar. Die Wärme, die damit hätte einhergehen sollen, blieb aus. Das Bild saß in ihrem Kopf wie eine Zeichnung auf kaltem Glas. Sie stand wieder auf. Weit unten auf der Straße, hinter der nächsten Kurve, stieg eine dünne Rauchsäule gegen den sich verdunkelnden Himmel auf. Eine Zwischenstation. Reisende. Kontakte des Bundes, die einer aufstrebenden Attentäterin auf ihrem Weg zu größeren Aufträgen Unterschlupf gewähren würden. Lira blickte auf die Zwillingsklingen. Das blaue Licht an den Kanten hatte an Intensität gewonnen. Sie waren nicht mehr nur wach. Sie waren voller Erwartung. Sie machte sich auf den Weg in Richtung des Rauchs. Hinter ihr kühlte der Leichnam des toten Wächters im hohen Schnee ab. Vor ihr wartete die erste von vielen Türen darauf, mit Stahl geöffnet zu werden. Und irgendwo tief in den stillen, neuen Räumen ihrer eigenen Brust wartete der letzte ausgefranste Faden dessen, was sie einmal gewesen war – auf den Moment, in dem auch er durchtrennt werden würde. Die Laternen der Raststätte kamen durch die Bäume in Sicht. Jemand drinnen lachte. Lira trat aus dem Kiefernwald auf die Straße, die Klingen entblößt, während die „Hollow Edge“ bereits die Nacht kostete.
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