Kapitel 3

1218 Words
Die Raststätte lag in einer flachen Mulde, wo die Straße um einen Bestand schwarzer Kiefern herumführte. Unter dem niedrigen Dachvorsprung brannten zwei Laternen. In der stillen Luft nach dem Sturm stieg der Rauch senkrecht aus dem Schornstein auf. Pferde scharrten im angebauten Unterstand. Stimmen drangen herüber – leise, männlich, das ungezwungene Geplauder von Männern, die glaubten, die Nacht gehöre ihnen. Lira blieb am Waldrand stehen und zählte. Vier Pferde. Mindestens fünf Stimmen. Eine davon hatte den prägnanten Rhythmus der Ausbildung des Bundes. Sera war nicht einfach nur vorbeigekommen. Sie hatte lange genug Halt gemacht, um eine Nachricht zu hinterlassen oder eine Eskorte abzuholen. Die „Hollow Edge“ erwärmte sich in Liras Händen. Das blaue Licht entlang der Klingen wurde heller, gierig nach den Leben hinter den Holzwänden. Sie spürte den Sog so, wie ein Ertrinkender die Oberfläche spürt – drängend, unausweichlich. Sie trat auf die Straße. Der erste Mann kam aus dem Unterstand, um nach den Pferden zu sehen, und bemerkte sie sofort. Seine Hand glitt zu dem Messer an seinem Gürtel. „Die Straße ist gesperrt, Mädchen. Privatgelände …“ Die linke Klinge traf ihn unter dem Kinn und drang bis in den Nacken ein, noch bevor er den Satz beendet hatte. Er sackte lautlos zusammen. Die Klingen tranken. Wärme durchflutete Liras Arme. Die letzte Anspannung in ihrem Rücken verschwand vollständig. Und ein weiterer stiller Raum öffnete sich in ihrer Brust – klein, präzise, an der Stelle, an der früher die Vorsicht gewohnt hatte. Sie verspürte nicht länger das Bedürfnis, die Schatten zu überprüfen, bevor sie weiterging. Die Tür der Raststätte öffnete sich. Licht ergoss sich über den Schnee. Ein breitschultriger Mann in einer fleckigen Lederjacke füllte den Türrahmen aus, ein Kurzschwert bereits halb gezogen. Hinter ihm sah sie drei weitere Gestalten, die sich von den Bänken erhoben. Eine von ihnen trug den dunklen Umhang und die silberne Spange eines „Covenant“-Handlers. „Lira Veyne ist tot“, sagte der Beauftragte mit einer Stimme, die flach war und die Autorität versiegelter Befehle ausstrahlte. „Wer auch immer du bist, du trägst das Gesicht einer toten Frau. Lass die Waffe fallen.“ Lira ging auf sie zu. Die Augen des Beauftragten verengten sich. Er hatte genug Killer ausgebildet, um ihre Art sich zu bewegen zu erkennen – die Ökonomie ihrer Bewegungen, den Mangel an verschwendeter Atemkraft. Erkennung flackerte auf, dann verhärtete sie sich zu etwas Kälterem. „Sera sagte, die Leiche sei im Hochpass zurückgelassen worden“, sagte er. „Sie war sich sicher.“ „Sie hat sich geirrt.“ Die drei Männer hinter ihm verteilten sich, die Klingen im Anschlag. Der Anführer selbst zog einen langen, schmalen Dolch – von der Art, die man benutzt, um Aufträge im Nahkampf zu erledigen. Sie bildeten einen lockeren Halbkreis zwischen ihr und dem warmen Innenraum. Lira verlangsamte ihren Schritt nicht. Der erste der angeheuerten Schwertkämpfer stürzte sich auf sie. Sie wehrte den Hieb mit der flachen Seite ihrer rechten Waffe ab und rammte ihm die Spitze der linken in das Auge. Der zweite Mann versuchte, sie zu flankieren. Sie überließ es der „Hollow Edge“, den Winkel zu bestimmen; der geschwungene Stahl fand die Lücke unter seinem Arm und riss ihn von der Achselhöhle bis zum Schlüsselbein auf. Blut spritzte in einem dunklen Bogen auf den Schnee. Die Klingen sangen, leise und zufrieden. Der dritte Mann zögerte. Diese einzige Pause reichte aus. Sie überbrückte die Distanz und schnitt ihm mit einem kurzen Rückhandhieb, der sich fast sanft anfühlte, die Kehle durch. Nur der Anführer war noch übrig. Er hatte sich nicht bewegt. Sein Dolch blieb tief gehalten, die Spitze auf einen Stich in den Bauch ausgerichtet. Seine Augen verfolgten das blaue Licht, das an ihren Klingen entlangkrabbelte. „Die sind verboten“, sagte er. „Der Kreis des Archivars hat sie aus gutem Grund weggeschlossen. Du hast keine Ahnung, was sie dir nehmen werden.“ Lira sah ihn an und stellte fest, dass sie sich nicht daran erinnern konnte, wann sie das letzte Mal darauf geachtet hatte, was andere dachten, was sie wissen sollte. Das Wissen lag schwerelos in ihrem Kopf. „Wo ist Sera?“ „Schon weg. Über die Südstraße. Sie hat eine vollständige Eskorte und einen gesicherten Durchgang durch Kaelthar. Du wirst sie nicht vor der Hauptstadt einholen.“ Bei dem letzten Wort stürzte er sich auf sie, schnell und präzise, so wie es ihnen beiden beigebracht worden war. Der Dolch zielte auf die weiche Stelle unter ihren Rippen. Die „Hollow Edge“ fing ihn ab. Stahl klang. Das blaue Licht flackerte auf. Lira drehte ihr Handgelenk und rammte die Klinge ihrer rechten Hand durch den Kiefer des Aufsehers hindurch in dessen Schädel. Er hing einen Moment lang am Stahl, die Augen weit aufgerissen, dann glitt er davon. In der Raststätte herrschte Stille, bis auf das leise Knistern des Feuers im Inneren und das unruhige Stampfen der verbliebenen Pferde. Lira stand inmitten der Leichen und wartete auf den Preis. Er kam wie die vorherigen – klar, präzise. Diesmal öffnete sich der stille Ort, an dem früher ihr Zeitgefühl gewirkt hatte. Die Stunden zwischen dem Schneefeld und dieser Mulde fühlten sich nicht mehr wie eine Abfolge an. Sie fühlten sich an wie eine einzige, durchgehende Kante, scharf und ohne Dauer. Sie wusste, dass sie fast einen ganzen Tag lang gewandert war. Sie konnte die Länge dieser Zeit nicht mehr spüren. Sie stieg über den Körper des Aufsehers hinweg und betrat die Raststätte. Das Feuer brannte noch immer. Über den Flammen hing ein Topf mit Eintopf, der kaum angerührt war. Auf dem Tisch lag eine zweite versiegelte Nachrichtenröhre, diesmal mit Seras persönlicher Chiffre versehen – dem Geheimcode, den die Zwillinge als Kinder erfunden und dem Bund nie verraten hatten. Lira brach das Siegel auf. Die Notiz darin war kurz und in der präzisen Handschrift verfasst, die sie so gut kannte wie ihre eigene. Wenn du das hier liest, haben dich die Klingen gefunden. Es tut mir leid. Folge mir nicht. Manche Preise sind nicht dazu bestimmt, von uns beiden bezahlt zu werden. Die Worte hätten ihr ins Herz schneiden müssen. Sie drangen vollständig und klar in ihren Geist ein, blieben dann aber dort, ohne die alte Hitze. Der letzte ausgefranste Faden in ihrer Brust spannte sich einmal an, dann wurde er wieder still. Draußen wieherte eines der Pferde. Weit unten auf der Südstraße, außerhalb der Reichweite des Laternenlichts, flackerte die Fackel eines einzelnen Reiters einmal in der Dunkelheit auf und verschwand hinter der Kurve. Sera hatte eine Nachhut und eine Nachricht zurückgelassen. Sie wusste es. Sie hatte sich bereits darauf eingestellt. Lira umklammerte den Zettel so fest, bis das Pergament knackte. Die „Hollow Edge“ pulsierte gegen ihre Handflächen, blaues Licht tauchte die Wände in die Farbe eines Blutergusses. Sie nahm sich das beste der verbliebenen Pferde, ließ die Toten liegen, wo sie waren, und lenkte das Tier nach Süden. Die nächtliche Straße erstreckte sich vor ihr, leer und kalt. Irgendwo dahinter warteten das Königreich Kaelthar, die Hauptstadt und die Schwester, die immer noch glaubte, dass eine von ihnen menschlich bleiben könnte. Lira wusste nicht mehr, welche von ihnen das sein sollte. Sie wusste nur, dass die Klingen noch immer hungrig waren und die stillen Orte in ihrem Inneren bereit waren für alles, was als Nächstes kommen würde.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD