Kapitel 3: Zweifel und Wahrheit

1051 Words
Kapitel 3: Die Zweifel und die Wahrheit Das Dorf war still, fast zu ruhig. Das Licht der Dämmerung tauchte die Ruinen in ein sanftes Licht und zeichnete lange, blasse Schatten auf die zerbrochenen Steine. Der Wind wehte sanft und trug die Asche der Vergangenheit mit sich. Mit jedem Schritt spürte ich die Präsenz von Freya hinter mir, und obwohl sie nichts sagte, wusste ich, dass sie auf eine Antwort, eine Reaktion, etwas von mir wartete. Ich hatte keine Lust, mich ihr zu stellen. Nicht jetzt. Aber sie würde nicht verschwinden, und sie hatte Dinge zu sagen, Dinge, die ich hören musste – oder zumindest sagte ich mir das. Tief in mir schrie eine Stimme, ich solle gehen, sie niemals wiedersehen, aber eine andere, schwächere Stimme drängte mich, ihr zuzuhören. Endlich drehte ich mich um und sah sie einen Moment lang an. "Also, willst du mir das alles erklären?" sagte ich mit einem müden Ton, den ich nicht gewollt hatte. Freya holte tief Luft, ihre Augen suchten nach den richtigen Worten. Sie schien zu zögern, als ob sie versuchte, etwas mehr als nur Entschuldigungen zu formulieren. "Jason," begann sie sanft, "ich weiß, dass das alles schwer zu verstehen sein muss. Aber ich habe dir nie über meine Absichten gelogen. Alistair... er hat mich gezwungen, ihm zu folgen. Alles, was ich getan habe, ich hatte keine Wahl." Ich sah sie überrascht an. "Du sprichst von 'Wahl', als wäre es so einfach. Du warst bei ihm, Freya. Du hast ihm geholfen. Wie kannst du sagen, dass du keine Wahl hattest?" Sie schüttelte langsam den Kopf, eine müde Miene auf ihrem Gesicht. "So war es nicht, Jason. Ich war nicht frei. Alistair hatte die Kontrolle über mein Leben. Er sorgte dafür, dass ich nicht entkommen konnte, dass ich in seiner Welt gefangen war. Ich hatte keinen Platz für mich, keine Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich wollte das alles nie." Ein Schweigen breitete sich zwischen uns aus. Ich musterte sie, suchte nach einem Anzeichen von Lüge, einem Hinweis auf Manipulation. Aber da war nichts, nur eine spürbare Ehrlichkeit, die mich noch mehr verunsicherte. "Also willst du mir sagen, dass das alles, was du getan hast... nicht freiwillig war?" fragte ich diesmal ruhiger. "Glaubst du wirklich, dass ich dir einfach so glauben werde?" Freya senkte den Blick, als würde das Gewicht der Situation sie erdrücken. "Ich weiß, dass es schwer zu glauben scheint, aber es ist die Wahrheit. Ich war unter seinem Einfluss. Ich dachte, ich könnte ihn bekämpfen, ihn ändern, aber er hat alles genommen. Jedes Mal, wenn ich versuchte, mich zu entfernen, holte er mich wieder ein." Ich seufzte, mein Geist war durcheinander. "Aber warum hast du mir das nicht früher gesagt? Warum hast du nicht gleich zu Beginn mit mir darüber gesprochen, Freya?" Sie sah mich an, eine Mischung aus Traurigkeit und Scham in ihren Augen. "Weil ich Angst hatte. Ich hatte Angst, dass du mich als Feindin siehst, dass du mich noch mehr hasst. Und ich wusste, dass, wenn du die Wahrheit erfährst, du keinen Grund mehr hättest, mir eine Chance zu geben." Ich antwortete nicht sofort und dachte über ihre Worte nach. Die Wut, die mich übermannt hatte, war immer noch da, aber es gab auch diesen Teil des Zweifels, diese kleine Stimme, die mir sagte, dass sie nicht ganz Unrecht hatte. "Warum jetzt?" fragte ich schließlich. "Warum kommst du jetzt zu mir, nach all dem, was passiert ist?" Freya holte tief Luft, bevor sie antwortete, ihr Ton war sanfter. "Weil ich nicht mehr so weiterleben kann. Ich kann Alistair nicht mehr folgen, ohne mich schuldig zu fühlen. Mir ist klar, dass das, was ich getan habe, irreparabel für dich ist, aber... ich will nicht mehr Teil seines Krieges sein. Ich will kein Bauer in seinem Spiel mehr sein. Ich habe... ich muss das ändern." Sie machte eine Pause, sah mich an, hoffend, dass meine Augen diese Ehrlichkeit wahrnehmen würden, die, wie ich wusste, da war. "Ich weiß, dass das nichts für dich ändert. Aber ich will dir helfen, Jason. Wirklich. Ich will, dass wir das alles beenden, dass wir diesen Krieg beenden." Ich sah sie einen Moment lang an, ein schweres Schweigen breitete sich zwischen uns aus. "Du willst mir helfen, deinen Bruder zu stoppen?" wiederholte ich mehr für mich selbst als für sie. "Und wie willst du das anstellen? Er ist viel mächtiger als du." Sie nickte langsam. "Ich weiß es noch nicht. Aber ich bin zu allem bereit. Ich werde dich vielleicht um Vertrauen bitten, aber nicht sofort. Noch nicht. Aber wenn du mir eine Chance gibst, Jason, glaube ich, dass wir das alles stoppen können." Ich schloss einen Moment lang die Augen und fühlte, wie die Müdigkeit mich überkam. Ich hatte das Gefühl, in einer Welt zu leben, die um mich herum zusammenbrach. Der Hass, der Schmerz, alles, was ich seit dem Verlust meiner Familie gehegt hatte, schien im Angesicht dessen, was Freya mir gerade gesagt hatte, verschwommen. "Ich weiß nicht, ob ich dir vertrauen kann," murmelte ich, während ich die Augen geschlossen hielt. "Aber ich kann auch nicht ignorieren, was du gerade gesagt hast." Freya trat ein wenig näher, als wollte sie den Abstand, der zwischen uns entstanden war, nicht brechen. "Du musst mir nicht sofort vertrauen. Aber lass mich beweisen, dass ich wirklich ändern will, dass ich dir helfen will. Das ist alles, was ich von dir bitte." Ich beobachtete sie schweigend und wog ihre Worte ab. Ein Teil von mir wollte mich abwenden und meinen Weg fortsetzen, sie ignorieren und mich auf Alistair konzentrieren. Aber ein anderer, ruhigerer, rationalerer Teil wusste, dass ich nicht alles ignorieren konnte. Vielleicht hatte ich endlich die Chance, etwas Größeres als Rache zu verstehen. "Wir werden sehen, Freya," sagte ich schließlich, meine Stimme wurde sanfter. "Aber ich verspreche dir nichts." Sie nickte, ein Seufzer der Erleichterung entglitt ihren Lippen. "Ich weiß, Jason. Aber danke, dass du mir diese Chance gibst." Ich ließ sie einen Moment stehen, bevor ich eine letzte Geste machte, um mich zu entfernen. Der Weg, der vor uns lag, würde voller Hindernisse sein, und es gab noch viele unbeantwortete Fragen. Aber zum ersten Mal dachte ich, dass es vielleicht einen anderen Weg geben könnte als nur Rache. Einen Weg, den ich noch nicht bereit war zu gehen, der mir aber vielleicht schließlich eine Lösung bieten würde.
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