Eine Nacht voller Worte

1004 Words
Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, die Decke wurde zu einem drückenden Gewicht, das mich am Schlafen hinderte. Meine Gedanken rasten, sprangen von einem Thema zum nächsten, und jedes Mal landeten sie wieder bei Noah. Sein Lächeln, sein Blick, seine Stimme – alles an ihm schien sich in mein Bewusstsein eingebrannt zu haben. Doch es war nicht nur er. Es war auch das, was er in mir auslöste: dieses diffuse Kribbeln, diese Mischung aus Unsicherheit und Neugier. Ich war mir nichtmal sicher, welche Gefühle all das in mir auslöste und ich verstand auch nicht, wie jemand wie Noah jemanden wie mich mögen könnte. Aber ich wollte mir auch nicht zu viele Gedanken darum machen .. Doch wem mache ich was vor? Ich konnte einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken, was David uns erzählt hat. Ich setzte mich auf, schaltete die kleine Schreibtischlampe an und griff nach meinem Notizbuch. Schreiben hatte mir immer geholfen, meine Gedanken zu ordnen, und vielleicht würde es auch diesmal funktionieren. Nach kurzem Zögern begann ich zu schreiben, Worte flossen aus meinem Stift, wie von einer unsichtbaren Kraft gelenkt: Liebe, ein leiser Weg zu mir Ein Funke, zaghaft und klein, leuchtet heller, wo Schatten waren. Ein Spiegel, der zeigt, wer ich sein könnte, ein Kompass, der Wege weist, die ich nicht sah. Liebe – kein Ziel, kein Ende, sondern ein Anfang, mich zu finden. Ein Herzschlag, der das Schweigen bricht, ein Kribbeln, das Mauern durchdringt. Vielleicht ist es die Liebe, der mich erkennen lässt. Vielleicht bist es du, die mir zeigt, wer ich bin. Ich legte den Stift beiseite und betrachtete die Zeilen. Es war kein Meisterwerk, aber es war ehrlich. Und irgendwie fühlte ich mich ein wenig leichter. Doch das half nur für einen Moment. Noah ging mir nicht aus dem Kopf. Das Kribbeln in meinem Magen wurde stärker, und bevor ich wusste, was ich tat, griff ich nach meinem Handy. Mein Daumen zögerte über der Tastatur. Sollte ich wirklich...? Ich atmete tief durch und tippte: „Hey Noah, bist du noch wach?“ Zu meiner Überraschung kam die Antwort fast sofort: „Hey Jules, ja, bin ich. Kann auch nicht schlafen. Was ist los?“ Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. „Ich auch nicht. Keine Ahnung, warum... vielleicht zu viele Gedanken. Wie geht’s dir?“ schrieb ich. Noah: „Gedanken kenne ich nur zu gut. Mir geht’s okay, glaub ich. Was geht dir denn so durch den Kopf?“ Und so begann es. Wir schrieben hin und her, erst über Belanglosigkeiten, dann über ernstere Themen. Ich erfuhr, dass Noah zwei ältere Geschwister hatte, die schon ausgezogen waren, und dass er oft das Gefühl hatte, im Schatten von ihnen zu stehen. Er erzählte, dass er das Zeichnen liebte, weil es ihm half, seine Gedanken zu sortieren. Ich vertraute ihm an, dass ich oft das Gefühl hatte, nicht zu wissen, wo ich hingehörte, und dass Schreiben meine Art war, einen Platz in der Welt zu finden. Er fragte, ob ich ihm mal etwas von meinen Texten zeigen würde, und ich versprach es ihm, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich den Mut dazu haben würde. Dann stellte er plötzlich eine Frage, die mich kurz stocken ließ: „Jules, was würdest du sagen, macht dich glücklich?“ Ich dachte nach. „Ich glaube, das Gefühl, verstanden zu werden. Und vielleicht auch, andere zu verstehen. Und du?“ Noah: „Das klingt schön. Bei mir ist es ähnlich. Aber ich würde auch sagen, dass ich glücklich bin, wenn ich einfach sein kann, ohne mich verstellen zu müssen.“ Seine Antwort berührte mich. Es war, als spräche er genau das aus, was ich selbst empfand, aber nie in Worte fassen konnte. Die Gesprächsthemen wurden immer tiefgründiger, und ich merkte, wie sich eine warme Vertrautheit zwischen uns aufbaute. Nach einer Weile schrieb Noah: „Jules, darf ich dich etwas fragen? Was denkst du über mich?“ Mein Herz setzte kurz aus. Was sollte ich sagen? Ich wollte ehrlich sein, aber ich hatte Angst, zu viel preiszugeben. Nach einigem Zögern tippte ich: „Ich finde dich echt nett. Du bist irgendwie... anders als andere. Auf eine gute Weise.“ Er schrieb zurück: „Und wie sehr magst du mich? Ich meine... wirklich?“ Mein Körper wurde von einem warmen Kribbeln durchzogen, und ich spürte, wie meine Wangen glühten. Es war ein Sprung ins Ungewisse, aber ich wagte ihn: „Wahrscheinlich mehr, als du mich magst.“ Seine Antwort kam prompt: „Das glaube ich nicht.“ Ich starrte auf den Bildschirm, mein Herz raste. Ein breites Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, und ohne nachzudenken, machte ich einen Screenshot vom Chat und schickte ihn an Hannah. „Ruf mich an!!!“ schrieb ich dazu. Keine zwei Minuten später vibrierte mein Handy, und Hannah’s aufgeregte Stimme schallte durch den Hörer. „Jules! Das ist unglaublich! Was hast du gesagt? Was hat er gesagt? Oh mein Gott, erzähl mir alles!“ Ich versuchte, ihr alles so schnell wie möglich zu schildern, während ich selbst kaum glauben konnte, was passiert war. Doch bevor wir zu einem Ende kamen, vibrierte mein Handy erneut – eine neue Nachricht von Noah: „Sag mal, hättest du morgen Lust, was zusammen zu machen?“ Mein Herz machte einen Sprung. Ohne zu zögern schrieb ich zurück: „Das wäre wahnsinnig schön.“ Hannah’s Stimme schrie vor Freude, als ich ihr davon erzählte. „Das ist deine Chance, Jules! Du musst hingehen, du musst ihm zeigen, wie toll du bist!“ Nach einem kurzen Gespräch mit Hannah verabschiedete ich mich und kehrte in den Chat mit Noah zurück. Wir schrieben noch ein bisschen über den nächsten Tag, aber irgendwann verabschiedeten wir uns. „Schlaf gut, Jules. Bis morgen,“ schrieb er. Ich legte mein Handy zur Seite, zog die Decke bis zu meinem Kinn und schloss die Augen. Mein Kopf war voller Gedanken, voller Hoffnungen und voller Vorfreude. Zum ersten Mal seit Langem fühlte ich mich leicht. Und mit einem kleinen, glücklichen Lächeln auf den Lippen schlief ich ein.
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