Der Samstagmorgen begann mit dem vertrauten Summen meines Handys. Ich öffnete verschlafen die Augen und griff danach. Eine Nachricht von David: „Hey Jules, Lust, mal wieder was zusammen zu machen? Ich dachte, wir könnten uns mit Hannah und Max treffen. Vielleicht ein Café?“
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. David hatte in letzter Zeit viel durchgemacht, und ich wusste, wie wichtig es ihm war, Zeit mit seinen Freunden zu verbringen. Außerdem tat es mir selbst gut, mit ihnen zusammen zu sein. Ich tippte eine schnelle Antwort: „Klar, bin dabei!“
Nachdem ich geduscht und mich angezogen hatte, war ich bereit für den Tag. Ich wählte ein bequemes Outfit – etwas, in dem ich mich wohlfühlte, aber das trotzdem ein wenig Selbstbewusstsein ausstrahlte. Noch bevor ich das Haus verließ, kam Jenny aus der Küche und hielt mir ein belegtes Brötchen hin. „Für unterwegs,“ sagte sie mit einem Augenzwinkern. „Du kannst nicht den ganzen Tag auf leerem Magen verbringen.“
Ich bedankte mich, schnappte mir meine Tasche und machte mich auf den Weg.
Wir hatten uns in einem kleinen Café in der Stadt verabredet, einem gemütlichen Ort mit Holzmöbeln und großen Fenstern, durch die die Wintersonne hereinschien. David, Hannah und Max warteten bereits, und als ich hereinkam, winkten sie mir zu.
„Da bist du ja!“ rief Hannah und rutschte ein Stück zur Seite, damit ich mich neben sie setzen konnte. Wir bestellten alle heiße Schokolade und begannen, uns zu unterhalten. Es fühlte sich gut an, in ihrer Gesellschaft zu sein, und für eine Weile vergaß ich all die Sorgen, die mich sonst so oft begleiteten.
Doch dann brachte David das Gespräch auf ein ernsteres Thema. „Ich wollte euch was erzählen,“ begann er zögernd. „Ich habe mich vor ein paar Tagen bei meinen Eltern geoutet.“
Die Worte hingen einen Moment in der Luft, bevor Hannah ihn anstrahlte. „Wow, David, das ist unglaublich mutig von dir! Wie haben sie reagiert?“
Er seufzte und rührte in seiner Schokolade. „Nicht besonders gut. Sie waren total geschockt. Meine Mutter hat geweint, und mein Vater hat gesagt, dass er das nicht versteht. Es war... schwierig.“
Ich spürte, wie mein Herz sich zusammenzog. David’s Erfahrungen waren genau das, wovor ich solche Angst hatte. Was, wenn mein Vater ähnlich reagieren würde? Was, wenn er mich nicht mehr als sein Kind sehen könnte?
Doch dann sah David auf und lächelte schwach. „Aber weißt du was? Es war trotzdem eine Erleichterung. Endlich muss ich nicht mehr so tun, als wäre ich jemand, der ich nicht bin. Und ich denke, mit der Zeit werden sie es vielleicht verstehen. Jetzt muss ich nur noch die Schule durchstehen.“
„Du bist so stark, David,“ sagte Hannah bewundernd. „Egal, was passiert, wir stehen hinter dir.“
David sah mich an. „Jules, wie sieht’s bei dir aus? Was geht dir gerade durch den Kopf?“
Die Frage traf mich unvorbereitet. Ich schaute auf meine Hände, die um die Tasse gelegt waren, und fühlte, wie die Tränen in meine Augen stiegen. „Ich... ich weiß nicht,“ murmelte ich. „Ich habe so viel Angst, David. Was, wenn ich es ihnen sage und alles kaputt geht?“
David, Hannah und Max sahen mich an, ihre Blicke voller Mitgefühl. „Du musst nichts tun, bevor du bereit bist,“ sagte David sanft. „Aber weißt du was? Wenn der Moment kommt, dann wirst du es schaffen. Und du wirst nicht allein sein.“
Hannah legte einen Arm um meine Schultern. „Wir sind immer für dich da, Jules. Egal was passiert.“
Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und ließ sie einfach laufen. Aber es waren nicht nur Tränen der Angst – es war auch eine Art Erleichterung, zu wissen, dass ich nicht allein war. In diesem Moment fühlte ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit verstanden.
Nachdem sich die Stimmung wieder etwas gelockert hatte, wechselten wir das Thema. Doch plötzlich, aus dem Nichts, fragte David mit einem schelmischen Grinsen: „Übrigens, Jules, was läuft da eigentlich mit Noah?“
Ich sah ihn entgeistert an. „Was? Nichts läuft da!“
„Ach komm schon,“ sagte er und lehnte sich zurück. „Ich habe mich ein bisschen mit ihm angefreundet, und ich schwöre, der Typ hat ein Auge auf dich geworfen.“
„Echt jetzt?“ Hannah’s Augen wurden groß, und sie quietschte vor Aufregung. „Das ist deine Chance, Jules!“
„Es ist nichts,“ wiederholte ich, aber meine roten Wangen verrieten mich. Innerlich konnte ich nicht leugnen, dass der Gedanke an Noah mir ein seltsames Kribbeln bereitete.
„Du magst ihn, oder?“ fragte Max mit einem amüsierten Lächeln.
Ich senkte den Blick und murmelte: „Vielleicht ein bisschen.“
Hannah klatschte in die Hände. „Das ist so süß! Jules, du musst was tun!“
Nach dem Café beschlossen wir, noch ein wenig Zeit draußen zu verbringen. Wir gingen in einen kleinen Park in der Nähe, lachten und alberten herum. Es war einer dieser Momente, in denen alles leicht und unbeschwert schien, und ich konnte einfach ich selbst sein.
Als der Tag zu Ende ging, verabschiedeten wir uns, und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Jenny und mein Vater waren wieder in der Küche, und der Duft von frisch gebackenem Kuchen erfüllte das Haus.
„Hey Jules!“ rief Jenny, als ich die Tür öffnete. „Wir haben deinen Lieblingskuchen gemacht. Willst du ein Stück?“
Ich nickte und setzte mich an den Tisch. Während wir aßen, erzählte ich ihnen ein bisschen von meinem Tag – zumindest die harmlosen Teile. Es war ein schönes Gefühl, mit ihnen zu reden, und ich merkte, wie sehr ich ihre Gesellschaft schätzte.
Später in meinem Zimmer setzte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb ein paar Gedanken in mein Notizbuch. Doch meine Gedanken wanderten immer wieder zu Noah. Sein Lächeln, seine Art, wie er mit mir sprach – all das ließ mein Herz schneller schlagen.
Ich legte den Stift beiseite und starrte an die Decke. Schlafen konnte ich nicht. Was, wenn David recht hatte? Was, wenn Noah tatsächlich ein Auge auf mich geworfen hatte? Der Gedanke war aufregend und beängstigend zugleich.
Die Nacht war still, und das einzige Geräusch war das leise Ticken meiner Uhr. Ich schloss die Augen, aber mein Kopf war voller Fragen und Möglichkeiten. Vielleicht, dachte ich, war es an der Zeit, einen kleinen Schritt nach vorne zu wagen.