Ein neues Ich in London

1081 Words
Der Morgen unserer Abfahrt nach London war grau, aber in mir schien die Sonne. Ich hatte die ganze Nacht kaum geschlafen, weil ich vor Aufregung ständig daran denken musste, was mich in der Stadt erwarten würde. London, das klang wie ein Versprechen, wie eine Chance, aus meinem Alltag auszubrechen und etwas Neues über mich selbst zu lernen. Es war mehr als nur eine Klassenfahrt – für mich fühlte es sich wie eine Reise zu mir selbst an. Im Bus herrschte die übliche Mischung aus Lärm und Gelächter. Hannah saß wie immer neben mir. Sie hatte eine Decke mitgebracht und teilte ihre Kopfhörer mit mir. Wir hörten eine Playlist, die wir extra für die Fahrt zusammengestellt hatten – von ruhigen Songs, die zum Träumen einluden, bis zu Liedern, die uns zum Mitsingen brachten. Ich liebte diese Momente mit ihr. Sie gaben mir das Gefühl, dass alles in Ordnung war, zumindest für eine Weile. Nach der Ankunft in London begann unser Programm sofort. Wir besuchten den Tower of London, spazierten entlang der Themse und bewunderten die imposante Tower Bridge. Ich war wie verzaubert von der Stadt. Die Menschen, die Geräusche, die unzähligen Eindrücke – es war, als würde London mit mir sprechen und mich willkommen heißen. Aber mein Herz schlug vor allem für den Donnerstagabend, für die Travestie-Show, die unser Lehrerteam mutigerweise ins Programm aufgenommen hatte. Die Tage in London vergingen schnell. Wir besichtigten das British Museum, machten eine Bootsfahrt auf der Themse und standen staunend vor dem Buckingham Palace. Doch so beeindruckend all das war, in meinem Kopf zählte ich die Stunden bis zur Show. Hannah spürte meine Vorfreude und neckte mich immer wieder: „Ich habe dich noch nie so aufgeregt gesehen. Was ziehst du eigentlich an? Willst du dich nicht ein bisschen schicker machen?“ Ich lachte und rollte die Augen, aber insgeheim wusste ich, dass sie recht hatte. Dieser Abend war etwas Besonderes, und ich wollte mich besonders fühlen. Am Donnerstagabend war es endlich so weit. Wir fuhren gemeinsam zu dem kleinen, aber glanzvollen Theater im Herzen von Soho. Schon vor dem Eingang hörte man die Musik, und die Lichter der Neonreklame ließen alles magisch wirken. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug, als wir unsere Plätze einnahmen. Die Bühnenlichter gingen an, und die Show begann. Es war, als wäre ich in eine andere Welt eingetreten. Die Darstellerinnen auf der Bühne waren atemberaubend. Sie trugen glitzernde Kleider, ihre Bewegungen waren anmutig und voller Selbstbewusstsein. Doch es war nicht nur ihre äußerliche Erscheinung, die mich fesselte. Es war die Art, wie sie sich selbst präsentierten, wie sie ihre Identität mit einer solchen Stolz und Freude lebten. Ich konnte die Tränen kaum zurückhalten. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich verstanden. Diese Menschen lebten das, wonach ich mich so sehr sehnte: sie selbst zu sein. Nach der Show wurden VIP-Tickets verlost. Meine Klasse jubelte, als Hannah eines davon gewann. Sie sah mich an, und ich wusste sofort, was sie vorhatte. „Das ist deins, Jules,“ sagte sie und drückte mir das Ticket in die Hand. „Hannah, nein, das kann ich nicht annehmen,“ protestierte ich, aber sie schüttelte den Kopf. „Doch, du musst. Das hier ist für dich. Du gehörst dahin, nicht ich.“ Bevor ich widersprechen konnte, hatte sie mich schon zur VIP-Lounge geschickt. Ich stand da, umgeben von den beeindruckenden Darstellerinnen, und wusste nicht, wohin mit mir. Meine Nervosität war fast lähmend, und ich wollte mich am liebsten in einer Ecke verstecken. Doch eine der Darstellerinnen bemerkte mich und kam auf mich zu. Sie trug ein bodenlanges, glitzerndes Kleid und hatte eine warme, einladende Ausstrahlung. „Hey, Liebes,“ sagte sie und nahm meine Hand. „Du wirkst ein bisschen verloren. Alles in Ordnung?“ Ich nickte zögernd, doch sie sah mich durchdringend an. „Du brauchst mir nichts vorzuspielen. Ich sehe, dass etwas in dir arbeitet. Willst du darüber reden?“ Und dann brach alles aus mir heraus. Ich erzählte ihr von meinem Gefühl, im falschen Körper zu sein, von meiner Unsicherheit und meiner Angst, niemals so selbstbewusst sein zu können wie sie. Sie hörte mir geduldig zu und drückte meine Hand, als ich aufhörte zu sprechen. „Weißt du, Schatz,“ sagte sie sanft, „jeder von uns hier hat genau das durchgemacht, was du gerade erlebst. Der Weg zu dir selbst ist nicht einfach, aber er ist es wert. Du bist nicht allein, und du hast das Recht, genau die Person zu sein, die du sein möchtest. Lass dich nicht von den Erwartungen anderer definieren. Definiere dich selbst.“ Ihre Worte trafen mich tief. Es war, als hätte sie genau die Dinge ausgesprochen, die ich all die Jahre in mir getragen hatte. Wir redeten noch eine Weile, und ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich verstanden. Als ich mich verabschiedete, drückte sie mir einen kleinen Zettel in die Hand. Darauf stand: „Vergiss nie, wie stark du bist. Die Welt braucht dein Licht.“ Zurück bei Hannah konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Ich fiel ihr um den Hals und bedankte mich immer wieder. „Du hast keine Ahnung, was das für mich bedeutet hat, Hannah. Danke, dass du an mich glaubst.“ „Immer, Jules. Immer.“ Der Abend endete mit einem späten Essen in einem kleinen Restaurant. Die ganze Klasse war ausgelassen, und selbst ich konnte meine Nervosität für einen Moment loslassen. Einer meiner Mitschüler, David, bemerkte meine Veränderung. „Hey, Jules, du strahlst heute irgendwie. Es steht dir.“ Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Es war ein einfacher Kommentar, aber für mich war es das erste Mal, dass jemand mich so sah, wie ich mich sehen wollte. Als wir spät abends in unser Hotel zurückkehrten, war ich erschöpft, aber glücklich. In meinem Zimmer schlug ich mein Notizbuch auf und schrieb ein kurzes Gedicht: „Im Licht der Bühne sah ich sie stehen, Menschen, die leben, die sich selbst verstehen. Ihr Glanz und ihr Mut, sie gaben mir Kraft, den Weg zu mir selbst zu gehen, der in mir erwacht. Ein Schritt nach dem anderen, ein Tag, ein Moment, ich spüre, wie mein wahres Ich mich erkennt.“ Ich las die Worte ein letztes Mal, bevor ich mein Notizbuch schloss. Dann packte ich meine Tasche für die Heimreise und legte mich ins Bett. Zum ersten Mal seit langem fühlte ich mich nicht mehr gefangen. Ich hatte das Gefühl, dass etwas in mir angefangen hatte, sich zu bewegen. Und das war erst der Anfang.
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