Zurück in den Alltag

1032 Words
Der Wecker klingelte viel zu früh, und ich musste mich aus dem Bett quälen. Noch halb verschlafen schlurfte ich ins Bad, wusch mir das Gesicht und sah in den Spiegel. Mein Haar war zerzaust, und während ich es kämmte, ließ ich meinen Blick darüber gleiten. Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn es länger wäre, wenn ich es flechten oder offen tragen könnte, wie ich es mir insgeheim wünschte. Der Gedanke brachte ein bittersüßes Lächeln auf mein Gesicht. Nach einer schnellen Dusche zog ich die üblichen Klamotten an: ein Oversize-T-Shirt und eine lockere Jeans. Mein Blick fiel auf den Kleiderschrank, und für einen Moment stellte ich mir vor, ein Kleid herauszunehmen, ein zartes, fließendes Kleid, das wirklich zu mir passte. Doch der Gedanke verblasste, und ich griff nach meiner vertrauten Uniform, meinem Versteck. Als ich in die Küche kam, entdeckte ich, dass mein Vater mir bereits Frühstück gemacht und eine kleine Nachricht hinterlassen hatte: „Hab einen tollen Tag, Jules! Ich bin stolz auf dich.“ Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus, und ich steckte die Nachricht ein, bevor ich das Haus verließ. Mit Kopfhörern und meiner Lieblingsplaylist im Ohr ging ich zur Schule. Der Tag war kühl, und ich zog meine Jacke enger um mich, während ich in Gedanken versunken war. Als ich die Schule erreichte, war David der erste, den ich sah. Er lehnte an seinem Spind und redete mit ein paar anderen aus unserer Klasse. Für einen Moment begegneten sich unsere Blicke, und er lächelte kurz, bevor er sich wieder abwandte. Niemand wusste von seinem Geheimnis, und ich würde es auch niemals verraten. Das hatte ich ihm versprochen. Kurz darauf traf ich Hannah, die schon auf mich wartete. „Morgen, Jules! Alles gut bei dir?“ fragte sie. „Ja, alles gut. Und bei dir?“ „Auch. Aber sag mal, findest du nicht auch, dass David sich unglaublich gut verstellen kann?“ Sie senkte ihre Stimme, damit niemand sie hören konnte. Ich hob eine Augenbraue. „So wie ich etwa?“ Sie lächelte. „Ja, genau wie du.“ Ich wusste nicht, ob ich das als Kompliment nehmen sollte, also zuckte ich nur mit den Schultern. Der Unterricht begann, und wir hörten auf zu tuscheln. In der ersten Stunde wollte unsere Lehrerin über den Ausflug sprechen. Die Klasse wurde laut, und alle wollten etwas erzählen. Schließlich setzten wir uns in einen Kreis, und jeder erzählte der Reihe nach von seinen Eindrücken. Als ich an der Reihe war, erzählte ich kurz von der Travestie-Show, dass sie mir echt gut gefallen hatte und die Darstellerinen wunderschön waren. Außerdem hatte ich von meinem VIP-Ticket erzählt und dass ich mich gut unterhalten hatte. Ein paar Mitschüler warfen mir komische Blicke zu, aber bevor die Situation unangenehm wurde, sprang Hannah ein. „Das war eine unglaubliche Show, die Darstellerinnen waren atemberaubend und so selbstsicher,“ sagte sie begeistert und rettete mich damit. Ich warf ihr einen dankbaren Blick zu. Sie wusste nie, wie viel es mir bedeutete, dass sie immer so für mich da ist. Nach der Stunde gingen wir in die Pause. Während ich mein Brot auspackte, hörte ich plötzlich eine unbekannte Stimme. „Hey, kann ich mich zu dir setzen?“ Ich sah auf und entdeckte einen Jungen, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. „Klar, warum nicht?“ sagte ich und lächelte. „Ich bin Noah,“ stellte er sich vor und setzte sich. „Ich bin neu hier und dachte, ich versuche mal, ein paar Leute kennenzulernen.“ „Ich bin Jules,“ antwortete ich. „Willkommen an unserer Schule. Wie gefällt es dir bisher?“ Wir unterhielten uns eine Weile, und Noah erzählte mir, dass er erst vor kurzem in die Stadt gezogen war. Er wirkte freundlich und offen, und ich merkte, wie ich mich in seiner Gegenwart entspannte. Als die Pause vorbei war, verabschiedeten wir uns, und ich spürte, wie mein Herz ein wenig schneller schlug. Die letzten Stunden des Schultages zogen sich wie Kaugummi, aber schließlich war es geschafft. Auf dem Heimweg dachte ich immer wieder an Noah. Er war so freundlich gewesen, so offen. Irgendwie hatte er es geschafft, dass ich mich weniger allein fühlte. Zu Hause rief ich Hannah an und erzählte ihr von Noah. „Er ist echt süß,“ sagte ich, und ich konnte das Lächeln in ihrer Stimme hören, als sie antwortete. „Oh, Jules, das klingt ja, als hättest du ein Auge auf ihn geworfen!“ „Vielleicht,“ gab ich zu und fühlte, wie mir die Wangen heiß wurden. Wir redeten noch eine Weile weiter, bis es Zeit wurde, ins Bett zu gehen. Bevor ich einschlief, schrieb ich ein Gedicht – über einen Jungen mit wunderschönen Augen und einer reinen, offenen Art. Es war ein Gedicht voller Emotionen, und ich ließ all meine Gefühle in die Zeilen fließen: „Ein neuer Stern in meiner Welt, so klar und rein, Mit Augen, die strahlen, wie ein sanfter Schein. Deine Stimme wie ein Lied, so vertraut, so nah, Ein Hauch von Hoffnung, wo Dunkelheit war. Ich sehe dich, so frisch, so neu, Ein Herz so offen, wie das Meer im Blau. Was hältst du verborgen, was zeigt dein Blick? Mein Herz schlägt schneller, ein kleiner Glücksmoment. Doch ich bleibe still, halte es in mir, Verstecke die Sehnsucht, die ich spür. Eines Tages vielleicht, wenn der Mut mich küsst, Wird mein Herz sagen, was es jetzt noch vermisst.“ Nachdem ich das Gedicht beendet hatte, legte ich den Stift weg und starrte einen Moment lang auf die Zeilen. Es war ein trauriges Gedicht, voller Sehnsucht und Hoffnung. Aber irgendwie fühlte es sich gut an, all das in Worte zu fassen. Ich legte mich ins Bett, zog die Decke bis zur Nase und schloss die Augen. Der Tag war lang gewesen, aber ich spürte eine seltsame Ruhe in mir. Während ich langsam einschlief, dachte ich an Noahs Lächeln und fühlte, wie ein kleiner Funke Hoffnung in mir aufglühte. Ein letzter Gedanke huschte durch meinen Kopf: Vielleicht würde ich eines Tages wirklich den Mut finden, so zu sein, wie ich bin. Dieser Gedanke begleitete mich, als ich in den Schlaf glitt, und ein leises Lächeln spielte auf meinen Lippen.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD