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Kapitel Eins
Ich umklammerte das Handy, während ich darauf wartete, dass das Freizeichen ertönte. Ich sollte das Gerät eigentlich nicht in der Hand halten – in Tennessee musste zum Telefonieren im Auto die Freisprechanlage genutzt werden –, aber das war mir egal. Annie musste meinen Anruf entgegennehmen und ich hatte das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben, solange ich mir das Handy ans Ohr presste.
Nach dem ersten Klingeln wurde ich an ihre Mailbox weitergeleitet. Die automatische Stimme teilte mir wieder einmal nur mit, dass die Mailbox voll sei. Als wüsste ich das nicht schon längst. Ich und Eliza, Annies und meine Pflegemutter, waren schließlich diejenigen, die das verdammte Ding vollgequatscht hatten.
Pflegemutter war nicht mehr ganz korrekt. Annie war achtzehn Jahre alt und ich ging auf die zwanzig zu. Eliza musste sich nicht mehr um uns kümmern, aber sie tat es freiwillig. Sie war in jeder wichtigen Hinsicht unsere Mutter und ich war mir nicht sicher, was aus mir geworden wäre, wenn sie mich nicht am Morgen nach meinem vierzehnten Geburtstag zu sich genommen hätte. Annie und ich hatten genau das vor drei Tagen an ihrem Geburtstag besprochen, bevor sie losgefahren war, um sich mit ihrem Freund in Shadow Terrace zu treffen.
Ihr verdammter Freund.
Das Problem.
Etwas stimmte nicht. Ich konnte es in meinen Knochen spüren.
Ich hatte gehört, wie er mit ihr gesprochen hatte. Er war ein Süßholzraspler und ein verdammter Manipulator. Er hatte sie verunsichert und ihr gedroht, dass er nicht wüsste, was passieren würde, wenn sie nicht bald zu ihm zurückkäme. Er hatte sogar suggeriert, dass er sich vielleicht mit einer anderen trösten würde. Der Clou war, dass sie jedes Mal darauf hereinfiel, was mich überraschte. Vor der Begegnung mit ihm war Annie so stark gewesen wie sonst niemand, den ich kannte.
Ich schnaubte und warf das Handy auf den schwarzen, mit Stoff bezogenen Beifahrersitz meines kirschroten Mazda 3. Ich hatte das Auto vor einigen Monaten in Lexington, Kentucky, gekauft, was ein Segen war. Sonst wäre die fünfstündige Fahrt Richtung Süden über die Interstate und durch Nashville und Chattanooga viel anstrengender gewesen. Aber Shadow Terrace war nicht mehr weit entfernt.
Annie ging immer ans Handy. Ich hatte sie gnadenlos gehänselt, dass es zu einer Verlängerung ihres Arms geworden war. Aber sie verhielt sich seltsam, seit sie gegen Elizas Willen zwei Monate zuvor im April, kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist, weggelaufen war, um der Shadow Ridge University einen Besuch abzustatten. Die Universität lag in einer Nachbarstadt von Shadow Terrace.
So etwas hatte sie noch nie getan und Eliza fühlte sich verletzt und betrogen. Wir hätten tatsächlich nie von ihrem Besuch dort erfahren, wenn Annies Freund nicht ständig angerufen und sie aufgefordert hätte, an die Universität zurückzukehren.
Als Eliza sie gefragt hatte, warum sie sich für die Shadow Ridge University interessierte, hatte Annie überzeugt geantwortet, dass es ein sehr exklusiver Ort sei und sie das Gefühl habe, dazu bestimmt zu sein, dort zu studieren. Eliza hatte ihr erzählt, dass die Slum-Lords das College besuchten, aber Annie hatte sich nicht abschrecken lassen.
Nach ihrer Rückkehr hatte Annie das Interesse an allen anderen Schulen verloren, was ein deutliches Warnsignal gewesen war. Sie hatte jede Zusage der Ivy-League-Universitäten ohne zu zögern abgelehnt.
Ich vermutete, dass ihre neue Zielstrebigkeit dem Arschloch zu verdanken war, das sie überredet hatte, am Wochenende wieder nach Shadow Terrace zu fahren.
Normalerweise hingen Annie und ich am Wochenende zusammen ab, sahen fern und planten unser Leben, aber an diesem Wochenende hatte sie nicht einmal bei ihrem Job im Kinderheim angerufen, um Bescheid zu sagen, dass sie nicht zur Arbeit kommen würde. Wir hatten erst Wind davon bekommen, dass sie sich weggeschlichen hatte, als man bei Eliza angerufen hatte, um zu erfahren, wo sie war. Sie arbeitete im Heim, seit sie fünfzehn war, um sich das Geld für eine gute Ausbildung zusammenzusparen.
Dieser Kerl brachte sie nicht nur dazu, sich seltsam zu verhalten, nein, sie hatte auch einen Job aufgegeben, von dem sie behauptete, dass er ihrem Leben einen Sinn gab. Hätte ich sie nicht so gut gekannt, hätte ich sie für eine Drogensüchtige halten können, die einen Schuss brauchte, aber ich hatte gehört, dass auch Lust jemanden dazu bringen konnte, so zu handeln.
Nicht, dass ich aus eigener Erfahrung sprechen könnte.
Die Sonne verschwand hinter der Bergkette und verwandelte die hübschen Rosa-, Violett- und Orangetöne am Himmel in die kühlen, dunklen Schattierungen der Dämmerung. Normalerweise hätte ich angehalten, um die Schönheit zu bewundern, aber nicht heute. Der Anblick erinnerte mich einmal mehr daran, dass Annie uns seit zwei Tagen nicht angerufen hatte und auch an diesem Sonntagnachmittag nicht zurückgekommen war. Also hatte ich mich auf den Weg nach Shadow Terrace gemacht, um nach ihr zu sehen.
Mein Fuß trat fester aufs Gaspedal und ich beschleunigte meine Geschwindigkeit auf weit über hundertdreißig Kilometer pro Stunde. Ich hätte nicht so schnell fahren sollen, aber mit jeder Sekunde, die verging, fühlte ich mich hoffnungsloser.
Beruhige dich, Ronnie, schimpfte ich mit mir selbst. Ich durfte nicht zulassen, dass meine Fantasie mit mir durchging. Vielleicht war ihr Handy kaputt und sie steckte unterwegs fest.
Okay, dieses Szenario war auch nicht viel besser. Annie machte mir immer Vorwürfe, wenn ich vom Schlimmsten ausging, aber es musste doch eine plausible Erklärung für ihr Schweigen geben.
Mein GPS empfahl mir, die Interstate Richtung Georgia zu nehmen, und ich passierte das illuminierte Stadtzentrum von Chattanooga. Laut Navi war Shadow Terrace etwa vierzig Minuten von hier entfernt. Ich hoffte nur, dass diese Minuten schneller vergingen als die letzten viereinhalb Stunden.
Mein Handy klingelte auf dem Sitz neben mir und ich wäre fast von der Straße abgekommen, als ich mich danach ausstreckte. Es war verdammt noch mal an der Zeit, dass Annie mich zurückrief. Wut verdrängte meine Angst, als ich die grüne Taste drückte, ohne auf den Namen zu achten. »Das hat auch lange genug gedauert.«
»Ich bin‘s«, seufzte Eliza. »Ich nehme an, du hast immer noch nichts von ihr gehört.«
»Natürlich nicht«, stieß ich hervor und fühlte mich sofort schlecht. Ich senkte meine Stimme. »Es tut mir leid. Ich meine nur, ich hätte dich angerufen, wenn ich etwas gehört hätte.«