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1116 Words
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.« In Elizas Stimme lag ein Schmunzeln, aber es klang nicht sehr überzeugend. »Ich hatte gehofft, du hättest vergessen, mich anzurufen, und dass alles in bester Ordnung ist. Ich hasse es, dass ich nicht mitgekommen bin. Wenn einer von euch beiden etwas zustößt …« »Hör auf!« Ich weigerte mich, sie diese Möglichkeit in Betracht ziehen zu lassen. Sie hatte schon so viel verloren. Ihre Familie war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, genau wie meine Eltern auch. Das war einer der Gründe, warum sie mich bei sich aufgenommen hatte – sie konnte den Schmerz nachempfinden, den ich durch den Verlust meiner Mutter erlitten hatte. Jetzt waren Annie und ich die einzige Familie, die sie hatte. »Ich werde sie finden.« Das musste ich. Ich hatte keine andere Wahl. »Pass nur auf, dass dir nichts zustößt!«, mahnte sie. »Du hast schon so viel für sie aufgegeben und deine eigene Zukunft aufgeschoben, um ihr zu helfen, aufs College zu gehen und ihre Rechnungen zu bezahlen.« Eliza erwähnte das immer öfter – die Tatsache, dass Annie in ein paar Monaten aufs College gehen würde, während ich vor ein paar Jahren geradeso die Highschool abgeschlossen hatte. Jetzt verbrachte ich meine ganze Zeit damit, lange Schichten in einem italienischen Restaurant zu schieben, um Annie bei der Finanzierung ihres Studiums zu helfen. Eliza meinte immer wieder, dass ich meiner Zukunft aus dem Weg ginge und mich zu sehr darauf konzentrierte, allen anderen zu helfen, nur nicht mir selbst. Vielleicht stimmte das auch. Ein Teil von mir war immer noch nicht mit sich im Reinen und ich verstand nicht, warum. Ich hatte das Gefühl, nirgendwo hinzugehören, aber ich lebte gerne mit Eliza zusammen und würde alles tun, um Annie zum Erfolg zu verhelfen. Sie waren die einzigen beiden, die je für mich da gewesen waren. »Uns wird nichts passieren. Außerdem habe ich meinem Manager gesagt, dass ich ein paar Tage frei brauche. Es ist alles in Ordnung.« Okay, das konnte ich nicht versprechen, aber ich musste die Worte selbst hören. Wenn ich sie überzeugend genug aussprach, würden sie sich vielleicht bewahrheiten. Die Hoffnung starb zuletzt. »Ich bin ein furchtbarer Vormund«, sagte sie mit nun belegter Stimme. »Ich … ich hätte dich nicht allein gehen lassen sollen. Es ist womöglich nicht sicher.« »Du musst morgen früh arbeiten.« Außerdem war ihre Blase so groß wie eine Erbse. Wir hätten alle dreißig Minuten anhalten müssen. Ich war ohne sie wesentlich schneller. »Außerdem kann ich auf mich selbst aufpassen.« »Vielleicht, aber in dieser Welt passiert so viel. Wenn dir etwas zustoßen sollte …« »Ich rufe dich an.« Ich würde nicht den gleichen Mist wie Annie abziehen. »Versprochen. Und ich gebe dir Bescheid, sobald ich sie gefunden habe.« »Okay, sei vorsichtig!« Sie legte auf. Das war eines meiner Lieblingsärgernisse mit ihr. Sie verabschiedete sich nie. Wenn sie mit dem Reden fertig war, beendete sie einfach das Gespräch. Es spielte keine Rolle, ob ich noch etwas zu sagen hatte. Anstatt sie zurückzurufen und mit ihr zu schimpfen, biss ich mir auf die Zunge. Sie war gerade sechzig geworden und hatte uns aus reiner Herzensgüte bei sich aufgenommen. Sie verdiente Respekt. Verdammt, das tat sie wirklich. Ich fuhr von der I-24 ab und folgte meinem GPS auf eine kurvenreiche, zweispurige Nebenstraße. Vielleicht hatte ich die falsche Adresse eingegeben. Annie hatte Shadow Terrace als eine malerische, aber lebendige Stadt beschrieben, aber es hätte mich nicht gewundert, wenn vor mir Kuhweiden aufgetaucht wären. Nichts als Bäume umgaben mich und keine Autos kamen mir entgegen. Der Mond schob sich hinter Wolken und die Straße wurde immer dunkler. Ich schaltete mein Fernlicht ein und lehnte mich nach vorn, als würde das einen Unterschied machen. Ein Schauer lief mir über den Rücken und eine Gänsehaut breitete sich auf meinem Körper aus. Unter normalen Umständen hätte ich dem keine Beachtung geschenkt, aber mein Bauchgefühl signalisierte mir, umzudrehen. Sofort. Es witterte Gefahr. Aber das war verrückt. Paranoia ergriff mich und mein Herzschlag erhöhte sich. Ich war allein in meinem Auto und es war nichts Bedrohliches in der Nähe, aber mein Puls hüpfte so heftig, dass ich ihn an meinen Druckpunkten pochen spürte. Ich atmete scharf ein und versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren, aber etwas zerrte in meiner Brust. Hör auf damit! Ich musste meinen Kopf benutzen. Es ist alles in Ordnung. Toll, ich war dabei, den Verstand zu verlieren. Schon bald würde ich ganze Gespräche mit mir selbst führen. Neben einer langen Holzbrücke tauchte ein Schild auf und ich verlangsamte das Tempo des Wagens. Willkommen in Shadow Terrace Gott sei Dank! Ich hatte mich also doch nicht verfahren. Fest entschlossen, Annie zu finden, schob ich meine irrationalen Ängste beiseite und fuhr über die Brücke. Ich hatte es schon lange nicht mehr zugelassen, dass meine Fantasie so verrückt spielte. Früher hatte ich vor allem nachts des Öfteren einen dunklen Schatten in meinem Zimmer flackern sehen. Ich schrie und weinte so sehr, dass es keine Pflegeeltern gab, die das ertragen konnten. Also zog ich von Haus zu Haus, bis sich mir am Abend meines vierzehnten Geburtstags ein Schatten in einer Wohngruppe näherte, in der ich untergebracht war. Mein Geschrei endete erst am Morgen, als der Heimleiter beschloss, mich zu Eliza zu bringen. Anstatt mir mit Verdrossenheit zu begegnen, nahm sie mich jede Nacht in den Arm und hielt mir die Dämonen vom Leib. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich sicher. Und das nur ihretwegen. Deshalb musste ich Annie finden und sie nach Hause bringen. Eliza brauchte uns. Etwa anderthalb Kilometer hinter dem Schild lichteten sich die Bäume und eine niedliche Stadt tauchte auf. Dahinter floss der Tennessee River, genau wie Annie es beschrieben hatte. Die nächstgelegenen Gebäude waren weiß, mit roten Dächern und unterschiedlich groß. In der Mitte der Stadt stand ein riesiges, graues Steingebäude mit einer Kuppel auf dem Dach. Es hob sich von den anderen Gebäuden ab, aber gleichzeitig … auch nicht. Offensichtlich waren die Geschäfte und das zentrale Gebäude in derselben Epoche entworfen worden, aber das Gebäude in der Mitte fühlte sich anders an. Es war das Wahrzeichen, das Annie beschrieben hatte, weil es direkt gegenüber der Bar lag, in der sie und ihr Freund jeden Abend abhingen, wenn sie zu Besuch war. Und genau dorthin war ich unterwegs. Es war mein einziger Anhaltspunkt, um sie zu finden. Selbst wenn sie gerade nicht dort war, sollte mich jemand zu ihr führen können. Als ich über die kopfsteingepflasterten Straßen fuhr, sah ich Pärchen, die Hand in Hand über die Bürgersteige schlenderten und verliebt aussahen. Ich fuhr die mit altmodischen Gaslaternen beleuchtete Straße hinunter und hielt nach der Bar Ausschau, von der Annie erzählt hatte. Seltsamerweise gab es keine Stoppschilder oder Ampeln, aber mein Auto war das einzige in Sichtweite.
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