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805 Words
Zwei Gestalten, die sich ihre dunklen Kapuzenpullis fest über die Köpfe gezogen hatten, traten aus einem Gebäude, das in der Dunkelheit lag. Nicht ein Zentimeter Haut war zu sehen, obwohl es Sommer und selbst nachts verdammt warm war. Was für ein Idiot lief so herum, angezogen wie der Sensenmann höchstpersönlich? Das Einzige, was fehlte, war die Sense. Ich hatte schon Jogger in ähnlichen Outfits gesehen, die damit die Schweißproduktion antreiben wollten, aber die beiden liefen langsam. Vielleicht gehörten sie zu einem exklusiven Klub – das war die einzige Lösung, die mir einfiel –, aber nach dem, was ich in Filmen gesehen hatte, trugen die Mitglieder von Geheimbünden ihre besonderen Outfits nicht in der Öffentlichkeit. Wie auch immer. Ich würde nicht lange in der Stadt bleiben, also war es mir egal. Als ich mich dem Kuppelgebäude näherte, bemerkte ich auf der anderen Straßenseite ein dreistöckiges, weißes Gebäude mit einem Schild mit der Aufschrift Thirsty’s Bar. Es war die einzige Bar in der Nähe, was bedeutete, dass dies der Ort war, den Annie erwähnt hatte. Ich rollte mit den Augen. Derjenige, der das Gebäude so benannt hatte, hielt sich wohl für besonders clever. Diese Stadt war so seltsam. Ich konnte es kaum erwarten, von hier zu verschwinden. Zu Hause war es schwer, in der Innenstadt auch nur einen gebührenpflichtigen Parkplatz zu finden, aber hier war alles frei. Ich parkte direkt vor der Bar und kletterte aus dem Auto. Eine warme Brise wehte mir entgegen, aber gleichzeitig kehrte die Kälte von vorhin zurück. Es erinnerte mich an das Frösteln, das ich in meiner Jugend immer dann verspürt hatte, bevor der Schatten aufgetaucht war. Ich zog eine Grimasse und schimpfte mit mir selbst, weil ich mich so dramatisch verhielt. Es war fünf Jahre her, seitdem ich mich zuletzt von einem Schatten verfolgt geglaubt hatte, also musste mein Unbehagen von der beunruhigenden Situation herrühren, in der ich mich gerade befand. Das war alles. Ich schlang die Arme um meine Taille und eilte über die Straße, während mich der Geruch von Geißblatt umwehte und mich noch nervöser machte. Ich wurde das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Ich musste weg von der Straße. Einmal. Ich würde mich einmal umdrehen und mehr nicht. Die Tür war ohnehin nur noch ein paar Schritte entfernt. Ich warf einen Blick über meine Schulter … und erstarrte. Ein Mann, der fünfzehn Zentimeter größer war als ich und dunkle Augen hatte, stand zwei Schritte hinter mir. Seine Iris war … purpurrot umrandet? Ich blinzelte, weil ich dachte, ich hätte Halluzinationen; dann stieg mir ein ekelhafter Duft von reifem Apfel und Zimt in die Nase. Meine Kehle wurde trocken, entweder vor Angst oder wegen des überwältigenden Gestanks. »Hallo«, gurrte er mit leicht irischem Akzent. »Hast du dich verlaufen?« Er neigte den Kopf und das Mondlicht spiegelte sich in seinem kurzen, ebenholzfarbenen Haar. Seine Haut war heller als meine, was angesichts meines roten Haares und meines blassen Teints viel aussagte. Die Alarmglocken in meinem Kopf schrillten. »Nö. Ganz und gar nicht.« Meine Beine bewegten sich nicht mehr; ich war wie erstarrt. Weder Kampf- noch Fluchtinstinkte setzten ein. Klar. Ich hatte mich stattdessen in einen Eiszapfen verwandelt. »Bist du sicher?« Eine dunkle Augenbraue wölbte sich und sein Blick landete auf meinem Hals. Seltsam. Normalerweise starrten die Männer zuerst auf meine Brüste. Sonst hätte mich das getröstet, aber bei diesem Kerl erhöhte das den Gruselfaktor nur noch mehr. »Ja, ich bin sicher. Ich halte nur nach einer Freundin Ausschau.« »Nach einer Freundin?« Er lehnte sich näher heran. »Ich habe dich hier noch nie gesehen, also denke ich, du hast dich verlaufen.« Er schien sich wirklich daran festgebissen zu haben, dass ich mich verlaufen haben könnte. »Ich bin gerade erst angekommen.« Er starrte mich an, als wäre ich eine leckere Mahlzeit. Ich machte einen Schritt zurück und seine Mundwinkel verzogen sich nach oben. »Lass mich dir helfen!« Er berührte die Spitzen meines langen, kupferfarbenen Haares. »Ein hübsches Mädchen wie du sollte nachts nicht allein auf der Straße unterwegs sein.« Mein Atem ging flacher und ich drückte mich mit dem Rücken gegen die Wand neben dem Eingang. »Ich komm schon klar. Sie ist hier drinnen.« Ich betete, dass das stimmte. Ich wollte sie einfach nur finden und von hier verschwinden. »Nun, ich wollte auch da rein.« Er schob sich an mir vorbei, öffnete die Tür und winkte mich herein, während er sagte: »Ladys First«. Ich atmete tief aus – ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte – und rannte praktisch durch die Tür, weil ich unter anderen Menschen sein wollte. Als ich den Raum betrat, war es so dunkel wie die Nacht draußen. Meine Augen versuchten gerade etwas zu erkennen, als der Mann mich an der Taille packte und in eine Ecke zog. Sein Kopf senkte sich auf meinen Hals, und in mir braute sich ein Schrei zusammen.
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