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2289 Words
Marina fuhr ruhig fort und zog erneut ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie sprach taktvoll, gelassen und ausweichend, wobei sie ihren Fokus sorgfältig von vielen Dingen ablenkte – von denen das wichtigste der wahre Grund für ihre Zusage war: die Liebe. Zweitens musste sie ihre Akzeptanz gegenüber der Realität von Wolfs dunkler Arbeit maskieren. In ihren Augen war sie eine hochkarätige Geschäftsfrau, eine Frau, die manche aufgrund ihrer immensen Statur und ihres weiten Rufs sogar die „vermeintliche Prinzessin von Russland“ nannten. Indem sie ihre Position und die ihres Vaters erwähnte, ließ sie sie glauben, dass sie eine geheime Hochzeit bevorzugte, um in einer so wettbewerbsintensiven Zeit unerwünschte Aufmerksamkeit zu vermeiden, genau wie Wolfs Bedingungen es vorsahen. Marina bemerkte einen flüchtigen Blick der Traurigkeit in Mias Augen; es war der Blick einer Mutter, die fühlte, dass Marina durch ein solch klinisches Arrangement Unrecht geschieht, besonders da es ihre erste Ehe war. Um jedem Einwand zuvorzukommen, fügte Marina schnell mit einem schwachen, beruhigenden Lächeln hinzu: „Glauben Sie mir, ich habe gut darüber nachgedacht. Es hat Wochen gedauert, und am Ende fand ich, dass es mir aus irgendeinem Grund in vielerlei Hinsicht hilft. Außerdem halte ich es nicht für eine schlechte Sache, in das Land zurückzukehren, in dem ich jahrelang gelebt habe. Ich vermisse Spanien wirklich.“ Mia lächelte sanft und tätschelte Marinas Hand. Der charmante Akzent und die Haltung der jungen Frau schienen Mia von ihren Sorgen abzulenken. „Es ist gut zu wissen, dass du hier gelebt hast, und sogar dein Deutsch ist sehr gut... ich bin beeindruckt“, sagte Mia und wechselte automatisch das Thema. Arthur und Aurora lächelten ebenfalls, als hätte sie etwas ausgesprochen, das sie auch gedacht hatten. Marinas haselnussbraune Augen leuchteten, als sie antwortete: „Ich habe hier als Kind wegen der Geschäfte meines Vaters für kurze Zeit gelebt. Ich bemühe mich, dass mein russischer Akzent es Ihnen nicht erschwert, mich zu verstehen... ich entschuldige mich im Voraus, falls es zu Verwirrungen kommt.“ Mia lachte, ein Klang von wahrer Schönheit, aber es war Arthur, der zuerst antwortete: „Das ist nicht nötig. Deine Worte sind vollkommen verständlich. Es hat uns sogar noch mehr beruhigt, weil du so fließend sprichst. Seit gestern hat Aurora gefragt, wie sie mit dir kommunizieren könne.“ Aurora war eine wunderschöne junge Frau, hellhäutig mit dunkelbraunem Haar und großen blauen Augen. Marina sinnierte, dass nicht alle blauen Augen gleich aussehen; das glaubte sie, seit sie zum ersten Mal Wolfs Augen gesehen hatte. Der Blick der Sierras hatte etwas Besonderes – etwas Schöneres und Charmanteres als das Gewöhnliche. Ein leises Lachen entwich Aurora, und Marina erwiderte es mit einem Lächeln. Zwischen den Fragen floss ein langes, ruhiges und angenehmes Gespräch. Marina machte das überhaupt nichts aus; es war ihre Chance, sie kennenzulernen. Sogar Aurora überwand ihre anfängliche Schüchternheit und rückte von ihrem Seitensofa weg, um sich neben Marina zu setzen. Für die Familie war Marina das Gegenteil von dem, was sie erwartet hatten. Ihr Ruf als „Prinzessin von Russland“ hatte Aurora und Mia zu gewissen unfreundlichen Vorstellungen über ihr Temperament geführt. Im Gegensatz zu Arthur, der zuvor mit ihr gesprochen hatte, waren sie nun angenehm überrascht. Sie waren nicht nur glücklich darüber, dass Wolf endlich heiratete, sondern dass seine Frau eine perfekte Wahl zu sein schien. „Ich sehe, dass wir die Zeit nicht bemerkt haben“, warf Arthur schließlich mit einem ruhigen Lächeln ein. „Wir haben dir keine Chance gegeben, dich von deiner Reise auszuruhen. Entschuldige uns, und entschuldige Aurora für ihren Enthusiasmus.“ Aurora lächelte mit einem Hauch von Verlegenheit und stimmte zu, dass sie ohne Pause von einem Thema zum nächsten gesprungen war. Marina antwortete gnädig: „Es ist okay... es hat mir überhaupt nichts ausgemacht. Ich fühle mich so wohler.“ „Dennoch hat mein Vater recht“, sagte Aurora und stand auf. „Du solltest dich zuerst ausruhen. Ich zeige dir gerne ein vorläufiges Zimmer, während die Angestellten damit fertig werden, deine Sachen in der Wolf-Suite zu ordnen.“ Marina erhob sich und sah Mia und Arthur mit einem Lächeln an. „In Ordnung... ich habe nichts dagegen, mich ein wenig auszuruhen. Entschuldigen Sie mich... ich würde mich freuen, Sie später wiederzusehen.“ Mia stand ebenfalls auf. „Uns geht es genauso. Wir hoffen, dass du dich ausruhst, bevor Wolf zurückkehrt, um zu reden. Du wirst nicht allzu sehr beunruhigt sein.“ Marina nickte und versuchte, den inneren Funken zu verbergen, der allein beim Hören seines Namens entfachte. Sie faltete ihre Hände zusammen – eine subtile Gewohnheit, um ihre Selbstbeherrschung zu bewahren – und folgte Aurora in ihren Flügel. *** In der Zwischenzeit, in einer ganz anderen Umgebung... Er stand vor einem Körper, der schlaff herabhing, Blut sickerte aus jeder Körperöffnung. An dem Mann war kein einziger gesunder Teil mehr übrig. Wolf sah ihn kalt an, völlig ungerührt. Er begann langsam seine Ärmel hochzukrempeln, dann nahm er ein langes, spitzes Messer auf. Als er sprach, besaß seine Stimme eine furchterregende Resonanz, die den Gefangenen in purer Angst erzittern ließ. „Zum letzten Mal... wer ist der verdammte Hurensohn, der dich geschickt hat, um mich auszuspionieren? Dachtest du, ich würde es nicht herausfinden?“ Der Mann zitterte innerlich, obwohl er versuchte, standhaft zu bleiben. Er wusste, dass er für seine Taten sterben würde, aber er hatte der Mission zugestimmt, weil sein Boss seine Familie bedroht hatte. Sein Boss, einer von Wolfs vielen Feinden, wollte verzweifelt intervenieren und Wolfs Operationen zerstören. Aber sie hatten ein gefährliches Spiel mit dem falschen Mann gespielt. Wolf Sierra hatte ihn enttarnt, und nun wusste der Mann, dass sein Ende nur noch Minuten entfernt war. Er zog einen schnellen Tod der Alternative einer langwierigen Folter vor. Seine Gedanken wurden durch einen brutalen Stich in den Magen unterbrochen. Es fühlte sich an, als würden seine Eingeweide herausgerissen – und das wurden sie auch. Dieses spezielle spitze Messer war für die Folter konzipiert; beim Eindringen sollte es die inneren Organe zerreißen, und beim Herausziehen zogen seine gezackten Kanten Stücke davon mit heraus. Der Mann stieß infernalische Schreie aus, die die anderen Männer im Raum erzittern ließen. Sie wussten, dass dies nur die „Vorspeise“ des Abends war. Sie hatten aus erster Hand miterlebt, wie Wolf mit seinen Opfern umging. Wolf drehte sich kalt um, als wäre nichts passiert, und ging zu einem Tisch, um ein Werkzeug aufzunehmen, das noch effektiver als das erste war. Er sprach in einem frostigen, distanzierten Ton: „Es scheint, als hätte dir meine Gastfreundschaft nicht gefallen. Ich werde versuchen, deinen Aufenthalt ‚angenehmer‘ zu gestalten. Welches Werkzeug wäre besser als dieses, um dich zum Reden zu bringen? Gib mir einfach diesen einen einfachen Namen... den Namen deines dämlichen Bosses. Nicht wahr?“ Der Mann riss die Augen weit auf, unfähig, auch nur den Mund zu öffnen, da der qualvolle Schmerz seine Eingeweide zerfraß. Doch er wusste, dass er dies verdient hatte, weil er dumm genug gewesen war, sich mit Chief Wolf Sierra anzulegen. Jetzt musste er den Preis zahlen, aber nicht durch Wolfs Hand. Ohne Zögern senkte er den Kopf und zog mit dem Mund an der Halskette – einem Anhänger, der eine schnell wirkende Giftkapsel enthielt – und biss darauf. Sobald Wolf begriff, was der Gefangene getan hatte, schlug er hart zu und packte seinen Kopf, um das Gift wegzureißen, doch es war zu spät. Der Mann schluckte, und das Gift breitete sich augenblicklich in seinem Körper aus. Sein Körper begann heftig zu beben, während eine weiße Flüssigkeit aus seinem Mund sickert. Dies schürte Wolfs Zorn nur noch mehr. Er trat mit einer solchen Wucht gegen den schweren Tisch, dass dieser durch den Raum flog und an der Wand in Stücke zersprang. Doch er hörte dort nicht auf. Er nahm sein Messer und stieß es in die Brust des sterbenden Mannes, schlitzte ihn von oben bis unten auf, bis seine inneren Organe freilagen. Er tat es ohne einen Funken Gnade oder Mitleid. Dieser Bastard hatte ihm den Morgen ruiniert. Sein Selbstmord erzürnte Wolf nur noch weiter; das Leben des Mannes war ihm egal, nur dass er Zeit verschwendet hatte. Nun musste der Bastard von Boss, der diesen Spion geschickt hatte, auf anderem Wege gefunden werden – und er würde früher oder später sicher durch Wolfs Hand sterben. Wolf blickte an seiner Kleidung hinunter, die nun mit Blut befleckt war, und befahl seinen Männern, ihm einen anderen Anzug zu bringen. Er erinnerte sich an die Notwendigkeit, in den Palast zurückzukehren. Seine zukünftige Frau musste dort sein, und er musste mit ihr reden. Wie, im Namen des Schöpfers, hatte sie seine verdammten Bedingungen akzeptiert? Er hatte diese unmöglichen Bedingungen eigens gestellt, um die Beharrlichkeit seines Vaters zum Schweigen zu bringen und sicherzustellen, dass das Mädchen den Antrag ablehnen würde. Alles, was er über sie wusste, war, dass sie eine der reichsten Frauen Russlands war – der arrogante Typ, der sich gerne zur Schau stellt. Doch ihre Zusage hatte seine Pläne und sein Gleichgewicht völlig durcheinandergebracht, und nun konnte er seine Zustimmung nicht mehr zurückziehen. Er wusste nicht, dass jede Liebe ihre festgesetzte Zeit hat, und nun war es für Marina an der Zeit, in sein Leben zu treten und seine ganze Welt zu erschüttern. Das Schicksal hatte beschlossen, dass sie nach all ihren Qualen endlich leben sollte, um nach Jahren des Leidens allein und weit weg endlich dieselbe Luft wie er zu atmen. Wolf betrat den Palast mit feierlichen, herrischen Schritten, gleichgültig gegenüber den Blicken der Dienstmädchen, die ihn förmlich verschlangen. Er besaß eine so markante Schönheit, dass man nicht wegsehen konnte. Er zog kalt eine Augenbraue hoch, als er seine Familie sah, und sagte: „Was ist mit euren Gesichtern los?“ Aurora lächelte glücklich. „Deine zukünftige Frau ist hier, Bruder! Sie ist in ihrer Suite, die direkt mit deiner verbunden ist. Oh, Wolf, ich liebe sie jetzt schon. Glaub mir, sie ist perfekt für dich. Sie ist bescheiden, sehr freundlich, und wenn du nur sehen würdest...“ Wolf bedeutete ihr zu schweigen, seine Stimme war wie Eis. „Hör auf. Mein Kopf tut weh und du machst es nur schlimmer. Ich gehe rauf zu ihr.“ Aurora runzelte die Stirn über das kalte Verhalten ihres Bruders und sah in ihrer Frustration fast niedlich aus. Seine Eltern schüttelten enttäuscht den Kopf und beteten im Stillen, dass sie keinen Fehler gemacht hatten, indem sie diese Verbindung erzwangen. Marina schien viel zu sanft zu sein, um mit einem kalten, herzlosen Mann wie Wolf zu leben. Wolf stieg die Treppe hinauf und öffnete, ohne anzuklopfen, abrupt die Tür zu ihrem Flügel und trat ein. Er war überrascht von der Dunkelheit, die den Raum erfüllte, so dicht, dass sie trotz der Mittagssonne draußen fast die Sicht verhinderte. Ein sexy, femininer Duft lag in der Luft und betäubte für einen Moment seine Sinne, bevor er seine Fassung wiedererlangte. Er schloss die Tür leise hinter sich und setzte sich auf das Sofa inmitten der Schatten. Er war nicht dumm; er spürte ihre Anwesenheit sofort. Er sprach mit einer Stimme, so kalt wie Eis: „Also... Marina Barbosa. Ich hätte nicht erwartet, dass Sie meine Bedingungen so schnell akzeptieren. Das lässt mich vermuten, dass Sie ein bestimmtes Ziel im Kopf haben. Ich sehe, meine Familie hat sich bereits an Sie gehängt. Haben Sie eine Erklärung für Ihre Position?“ Marina lauschte seinen Worten wie eine hingebungsvolle Gläubige, die in Anbetung verharrt. Sie atmete sein Parfüm ein, das die Luft erfüllte, wie ein Süchtiger eine Droge aufnimmt. Seine Stimme war bereits fest in ihrem Geist verwurzelt, eine Melodie, die sie vor langer Zeit auswendig gelernt hatte. Sie setzte die Maske auf, die sie immer vor der Welt trug – die Maske aus Selbstvertrauen und Ruhe – und ignorierte die Tatsache, dass ihr Herzschlag beinahe ihren Brustkorb sprengte. „Ich werde Ihnen antworten“, sagte sie, „wenn Sie mir zuerst den Grund nennen, warum Sie diese Bedingungen gestellt haben. Ich glaube nicht, dass Wolf Sierra sich genug aus dem Gerede der Leute macht, um eine geheime Hochzeit zu verlangen, noch dass er unfähig ist, seine Familie zu schützen, bis zu dem Punkt, an dem er mich bittet, hier zu leben.“ Wolf zog eine Augenbraue hoch, erstaunt über die Kühnheit und das Selbstvertrauen in ihrer Stimme, obwohl er ihr Gesicht in der Finsternis immer noch nicht klar sehen konnte. „Ich muss Ihnen keine Antwort geben, denn ich bin nicht derjenige, dessen Glaubwürdigkeit infrage steht. Das sind Sie.“ Marina strich ihre feuerroten Haarsträhnen zurück und bemühte sich, still zu bleiben und mit überzeugendem Ernst zu sprechen. „In Ordnung... ich weiß, dass Sie zu Recht Vermutungen anstellen. Aber bleiben wir realistisch. Ich brauche Ihr Geld nicht, um Sie zu täuschen, noch liegt mir etwas an dem Ruhm Ihres Titels. Ich glaube nicht, dass wir Feinde sind, die Rache suchen. Falls Sie am Letzteren Zweifel haben, können wir die Hochzeit sofort absagen. Das ist ganz einfach.“ Sie hielt inne und fuhr dann fort: „Aber Sie sollten wissen, dass es zwei Gründe für meine Zusage gibt. Erstens habe ich Feinde in Russland, die nach jedem Schlupfloch suchen, um mein Leben zu zerstören. Indem ich mich hier niederlasse, lasse ich sie meine Anwesenheit vergessen; sie denken, ich sei noch in Russland, und selbst wenn sie die Wahrheit wüssten, würde es niemand wagen, in Ihrem Revier zu spielen. Zweitens brauche ich jemanden, der keine Liebe von mir verlangt. Ich habe kein Herz, das ich jemandem schenken könnte. Ich denke, das Gleiche gilt für Sie. Sie sind perfekt dafür. Betrachten Sie es als ein Geschäftsgeschäft zwischen uns.“ Wolf saß einen Moment schweigend da, die Dunkelheit zwischen ihnen war schwer von ungesagter Spannung. „Aber ist es wirklich möglich, Geschäfte zu machen... wenn Liebe in der Luft liegt?“
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