KAPITEL 4 – DAS GEWICHT DER TOTEN

1467 Words
DYLANS SICHT Das Arbeitszimmer roch nach Leder und altem Whiskey. Das tat es schon immer. Der Geruch meines Vaters hatte sich in den Wänden festgesetzt wie ein Geist, der sich weigerte zu verschwinden. Nach seinem Tod hatte ich kurz darüber nachgedacht, den Raum renovieren zu lassen. Die dunklen Holzvertäfelungen herauszureißen. Die Bücher zu verbrennen, die er nie gelesen hatte. Doch dafür hätte ich mich noch für irgendetwas interessieren müssen. Und damit hatte ich vor elf Jahren aufgehört. Das Feuer im Kamin verglomm langsam. Ich ließ es. Vor dem Fenster verlor sich das Anwesen in der Dunkelheit. Vierzig Acres gepflegter Rasenflächen und jahrhundertealter Bäume. Mein Großvater hatte dieses Land mit Blutgeld gekauft. Mein Vater hatte es mit noch mehr Blutgeld vergrößert. Jetzt gehörte es mir. Und an manchen Nächten stand ich an diesem Fenster und fragte mich, ob der Boden unter all diesem satten Grün längst verfault war. Die Tür öffnete sich, ohne dass jemand angeklopft hatte. Nur ein einziger Mann besaß dieses Privileg. „Du grübelst schon wieder“, sagte Jim Billy. „Ich denke nach.“ „Dasselbe. Nur eine andere Körperhaltung.“ Er durchquerte den Raum und ließ sich in den Ledersessel gegenüber meinem Schreibtisch fallen. Zweiundfünfzig Jahre alt. Silbergraues Haar. Augen, die bereits drei Generationen von Moretti-Männern dabei zugesehen hatten, dieselben Fehler zu machen. Er war der einzige Mensch auf der Welt, der mit mir sprechen konnte, ohne jedes Wort vorher abzuwägen. „Marco Vitale ist aufgewacht.“ „Ich weiß.“ „Die Krankenschwester hat ihm das Leben gerettet. Die Kugel hat seine Schlüsselbeinarterie nur gestreift. Eine Minute später, und er wäre auf dem Operationstisch verblutet.“ Ich drehte mich vom Fenster weg. „Und?“ Jim Billy legte eine dicke, beigefarbene Akte auf meinen Schreibtisch. Auf der Vorderseite war mit einer Büroklammer ein Foto befestigt. Ich rührte sie nicht an. „Was ist das?“ „Die Krankenschwester.“ Er verschränkte die Hände. „Ihr Name ist Ava Maya. Dreißig Jahre alt. Traumapflegerin im Saint Jude's Memorial Hospital. Seit acht Jahren in der Notaufnahme. Keine Vorstrafen. Kein Ehemann. Kein Freund.“ Er machte eine kurze Pause. „Dafür ein Bruder mit Spielschulden.“ „Ich kann mich nicht erinnern, nach ihrer Lebensgeschichte gefragt zu haben.“ „Hast du auch nicht.“ Seine Stimme blieb ruhig. „Aber du wirst sie brauchen.“ Ich schenkte mir einen Whiskey ein. Ihm bot ich keinen an. Er nahm sich trotzdem selbst einen und ging ganz selbstverständlich zur Karaffe hinüber. In gewisser Weise gehörte sie schließlich genauso ihm wie mir. „Das Problem mit den Volkovs wird immer größer“, sagte er, während er sich wieder setzte. „Sie haben letzte Nacht erneut eine Lieferung überfallen. Dabei wurde Marco angeschossen. Er hielt sie auf, während der Rest der Männer die Ware in Sicherheit brachte.“ „Marco ist nur ein einfacher Soldat.“ Ich nahm einen Schluck. „Sein Tod hätte nichts verändert.“ „Der Verlust der Lieferung schon.“ Jim Billy sah mich fest an. „Zwei Millionen Dollar. Und die Russen werden mutiger. Sie wittern Schwäche.“ Der Whiskey brannte in meiner Kehle. Genau deshalb trank ich ihn. „Welche Schwäche?“ „Du bist unverheiratet.“ Ich lachte. Wirklich. Das Geräusch klang fremd, als hätte ich seit Jahren vergessen, wie man lacht. „Eine Ehe ist eine Schwäche.“ „Bindungen sind Schwächen.“ „Das hat mein Vater mir beigebracht, bevor er starb.“ „Dein Vater hatte trotzdem eine Ehefrau.“ Jim Billy beugte sich leicht vor. „Und ein öffentliches Image. Ein respektables Gesicht für die Außenwelt, wenn die Außenwelt Fragen stellte.“ Seine Stimme wurde härter. „Die Volkovs stellen dich als Schläger dar, Dylan. Als jungen, rücksichtslosen Gangster ohne Familie, ohne Wurzeln und ohne etwas, das er verlieren könnte.“ Er machte eine kurze Pause. „Das macht dich unberechenbar.“ „Das ist nützlich.“ „Aber es macht dich auch zur Zielscheibe.“ „Die Bundesbehörden beobachten dich.“ „Die anderen Familien ebenfalls.“ „Du brauchst Stabilität.“ „Du brauchst eine Ehefrau.“ Mein Blick fiel auf die Akte. Auf das Foto. Eine Frau in blauen Krankenhauskasacks. Dunkles Haar. Zu einem Zopf gebunden. Müde Augen. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. „Du willst, dass ich eine Krankenschwester heirate?“ „Ich will, dass du eine Lösung heiratest.“ Er tippte auf die Akte. „Ihr Bruder schuldet der Vasquez-Organisation fünfzigtausend Dollar.“ „Wir haben die Schulden heute Morgen übernommen.“ „Sie weiß es noch nicht.“ Ich hob eine Augenbraue. „Und was dann?“ „Ich tauche mit einem Ring und einem Vertrag auf?“ „Wir leben nicht im achtzehnten Jahrhundert.“ „Nein.“ Jim Billy schüttelte den Kopf. „Aber wir leben in einer Welt, in der Schulden eingetrieben werden.“ „Und sie besitzt etwas, das wir brauchen.“ „Einen Puls?“ Zum ersten Mal lächelte er. „Einen Ruf.“ „Makellos.“ „Fleißig.“ „Mitfühlend.“ „Sie rettet beruflich Menschenleben.“ „Stell dir vor, was die Presse daraus machen wird.“ Er lehnte sich zurück. „Der milliardenschwere Playboy... gezähmt von einer selbstlosen Krankenschwester.“ „Eine Geschichte, die sich praktisch von selbst schreibt.“ Ich nahm die Akte endlich zur Hand. Blätterte sie auf. Ihr Führerscheinfoto blickte mir entgegen. Ava Maya. 1,68 Meter. Organspenderin. „Wie steht es um ihre Mutter?“ „Eierstockkrebs.“ „Stadium vier.“ „Sie lebt in einer privaten Pflegeeinrichtung in Astoria.“ „Die Tochter ertrinkt in Arztrechnungen.“ „In zwei Tagen wird ihre Mutter in eine staatliche Einrichtung verlegt, wenn sie nicht zahlt.“ Ich schloss die Akte. „Also soll ich auftauchen, ihre Schulden bezahlen und darauf hoffen, dass sie einem Fremden aus Dankbarkeit das Jawort gibt?“ „Ich erwarte keine Dankbarkeit.“ Jim Billys Stimme war plötzlich eiskalt. Nicht die Stimme des Mannes, der mir das Rasieren beigebracht hatte. Sondern die des Consigliere. „Ich erwarte Druckmittel.“ „Die Behandlung ihrer Mutter.“ „Die Schulden ihres Bruders.“ „Ein Vertrag, der beide Probleme löst.“ „Sie wird nicht Nein sagen.“ „Und wenn doch?“ Er antwortete ohne einen Moment zu zögern. „Dann wird ihre Mutter verlegt.“ „Ihr Bruder verliert seine Kniescheiben.“ „Und sie arbeitet weiter ihre siebzig Stunden pro Woche... in dem Wissen, dass sie beide hätte retten können.“ Ich blickte in mein Glas. Der Whiskey schimmerte bernsteinfarben im Licht des Kamins. Die gleiche Farbe wie ihre Augen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich sie auf dem Foto bemerkt hatte. Müde. Aber ruhig. Augen eines Menschen, der zu viel gesehen hatte... und trotzdem weitermachte. „Du hast das alles bereits vorbereitet.“ „Ja.“ „Sie wird morgen zu uns gebracht.“ Ich hob den Blick. „Du hättest mich vorher fragen sollen.“ „Das tue ich gerade.“ Er stand auf und strich seine Jacke glatt. „Ich habe drei Bosse der Familie Moretti gedient.“ „Zwei von ihnen habe ich beerdigt.“ „Einen dritten werde ich nicht beerdigen, nur weil du zu stur bist, das Spiel mitzuspielen.“ Er ging zur Tür. Die Hand lag bereits auf der Klinke, als er noch einmal innehielt. „Sie ist nicht wie die anderen, Dylan.“ „Nicht wie die Frauen auf deinen Galas.“ „Nicht wie die Models.“ „Nicht wie die High-Society-Damen.“ „Diese hier besitzt Rückgrat.“ Er nickte in Richtung der Akte. „Ich habe es in ihrer Personalakte gesehen.“ „Marco hat es bestätigt.“ „Er sagte, sie habe keine Sekunde gezögert, als er verblutete.“ „Sie hat einfach ihre Arbeit gemacht.“ „Mit ruhigen Händen.“ Dann verließ er den Raum. Ich blieb lange allein. Das Feuer starb endgültig aus. Der Whiskey wärmte nichts. Ich dachte an meinen Vater. Daran, wie sehr er meine Mutter geliebt hatte... bevor sie sich in Tabletten und Schweigen verlor. Daran, wie er auf Galas lächelte... während an seinen Händen noch das Blut anderer Menschen klebte. Er war gleichzeitig Monster. Ehemann. Vater. Elf Jahre lang hatte ich alles getan, um nicht zu werden wie er. Und jetzt... war ich im Begriff, genau seinen Weg zu gehen. Ich öffnete die Akte erneut. Betrachtete ihr Gesicht. Ava Maya. Dreißig Jahre alt. Eine Krankenschwester. Eine Frau, die jeden Tag Leben rettete... und ihr eigenes nicht retten konnte. Morgen würde ich sie kennenlernen. Morgen würde ich ihr ein Angebot machen... das sie unmöglich ablehnen konnte. Heute Nacht schenkte ich mir noch einen Whiskey ein. Und trank auf den Mann, der ich bald sein würde. Den Mann... von dem mein Vater immer gewusst hatte, dass ich eines Tages zu ihm werden würde.
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