KAPITEL 2 — AVAS SICHT

1375 Words
Meine Wohnung in Queens hat nichts mit den Bildern gemeinsam, die man von New York kennt. Kein Blick auf die Skyline. Keine freigelegten Backsteinwände. Nur ein Altbau an der 34th Avenue mit einer Heizung, die den ganzen Winter über klappert, und Fenstern, die nie ganz dicht schließen. Ich wohne seit sechs Jahren hier. Die Wände sind so dünn, dass ich genau weiß, wann Mrs. Alvarez aus Wohnung 3B wieder mit ihrer Tochter streitet. Das Treppenhaus riecht nach Knoblauch und altem Teppich. Es ist nicht viel, aber es gehört mir. Jedes einzelne gebrauchte Möbelstück. Jeder zerkratzte Teller in der Küche. Ich kam um 7:15 Uhr morgens nach Hause. Die Sonne war schon aufgegangen, ich jedoch nicht. Nicht wirklich. Zwölf Stunden auf den Beinen, drei schwere Traumafälle, ein Todesfall, ein gerettetes Leben. Das ist die Bilanz meines Lebens. Meine Kasacks landeten direkt im Müll. Manche Flecken gehen einfach nicht mehr raus. Ich stand unter der Dusche, bis das Wasser kalt wurde, und sah zu, wie Blut, das nicht meines war, im Abfluss verschwand. Erst rosa, dann klar, dann nichts mehr. Ich weinte nicht. Das tue ich nie unter der Dusche. Diese Regel habe ich mir vor Jahren gegeben, nachdem mein Vater uns verlassen hatte. Duschen sind zum Waschen da. Zusammenbrüche gehören in den Pausenraum – und selbst dann nur, wenn niemand zusieht. Als ich herauskam, war der Spiegel beschlagen. Ich wischte mit der Hand darüber und betrachtete mich. Dreißig Jahre alt. Dunkle Augenringe. Haare, die schon vor drei Monaten einen Haarschnitt gebraucht hätten. Das Gesicht einer Krankenschwester – jemand, der zu viel gesehen und zu wenig geschlafen hat. Meine Mutter sagte immer, ich hätte ihre Augen. Heute kann ich mich kaum noch daran erinnern, wie ihre aussahen, bevor die Chemotherapie ihren Glanz nahm. Ich zog Jeans und einen Pullover an. Am Ärmelbündchen war ein Loch. Ich wollte es seit zwei Jahren flicken. Das Pflegeheim lag in Astoria. Ich hätte in zwanzig Minuten zu Fuß dort sein können, nahm aber den Bus. Meine Füße schmerzten noch von der Nachtschicht, und ich brauchte die Zeit, mich innerlich darauf vorzubereiten. Meine Mutter zu besuchen ist nie einfach nur ein Besuch. Es ist eine Abrechnung mit der Realität. Die Pflegeeinrichtung Green Meadows wirkt von außen freundlich. Gelbe Fassade. Blumenkästen an den Fenstern. Ein Schild mit der Aufschrift: „Ihre Liebsten sind unsere Familie.“ In geschwungener Schreibschrift. Drinnen riecht es nach Bleichmittel, gekochtem Gemüse und etwas anderem, das sich trotz aller Reinigung nicht vertreiben lässt. Verfall. Langsamer, geduldiger Verfall. „Guten Morgen, Ava.“ Margaret an der Rezeption lächelte mich an. Sie arbeitet hier, seit meine Mutter eingezogen ist. Sie kennt meinen Namen, meinen Zeitplan und den Betrag meiner unbezahlten Rechnungen. „Sie hat heute einen guten Tag.“ „Danke.“ Ein guter Tag bedeutete, dass meine Mutter jemanden erkannte. Vielleicht sogar mich. Ihr Zimmer lag am Ende des Flurs. Zimmer 147. Ich war diesen Gang so oft entlanggelaufen, dass ich ihn mit verbundenen Augen gefunden hätte. Vorbei am Aufenthaltsraum, in dem alte Frauen Quizsendungen schauten. Vorbei an der Physiotherapie, wo Menschen das Gehen neu lernten. Vorbei an dem Zimmer von Mr. Henderson, der mich immer Susan nannte und versuchte, meine Hand zu halten. Meine Mutter saß am Fenster. Jemand hatte ihr den blauen Pullover angezogen, den ich ihr letztes Weihnachten gekauft hatte. Ihr Haar war inzwischen dünn, weiß, wo es früher dunkel gewesen war. Sie wog vielleicht noch fünfundvierzig Kilo. „Ava.“ Sie sprach meinen Namen aus, als wäre er eine Frage, die sie sich nicht sicher zu stellen traute. „Hallo, Mom.“ Ich küsste sie auf die Stirn. Ihre Haut war papierdünn und kühl. Sie roch nach der Lavendel-Lotion, die ich ihr letzten Monat mitgebracht hatte. Sie benutzte sie noch. Das bedeutete etwas. „Du siehst müde aus“, sagte sie. „Ich hatte Nachtschicht.“ „Im Krankenhaus?“ „Ja. Im Krankenhaus.“ Sie nickte, doch ich sah die Verwirrung hinter ihren Augen. Sie wusste nicht mehr immer, welches Krankenhaus. Oder warum ich dort arbeitete. Oder welches Jahr wir hatten. Der Krebs hatte ihr Teile genommen, die selbst die Chemotherapie nicht retten konnte. Ich setzte mich auf den Stuhl neben ihrem Bett. Den gleichen Stuhl, auf dem ich seit drei Jahren saß. Das Sitzkissen hatte längst eine bleibende Mulde von meinem Gewicht. „Leo war gestern hier“, sagte sie. Mein Kiefer verspannte sich. „Ach ja?“ „Er hat gesagt, er hat einen neuen Job. Irgendwas im Vertrieb.“ Leos neuer Job war wahrscheinlich derselbe wie sein alter – Geld von Leuten zu leihen, die ihre Zinsen wöchentlich eintreiben. Aber das sagte ich ihr nicht. Für sie war er immer noch der Goldjunge, der es einmal zu etwas bringen würde. Diese Illusion ließ ich ihr. „Das ist schön, Mom.“ „Er hat gesagt, er wird bei den Rechnungen helfen.“ Ich blickte aus dem Fenster. Ein Parkplatz. Ein Baum, der langsam einging. Der Himmel war grau und flach – einer dieser Himmel, die nichts versprechen. „Das ist schön“, sagte ich noch einmal. Wir saßen eine Stunde zusammen. Sie glitt immer wieder weg – sprach manchmal über meinen Vater, als wäre er nur kurz einkaufen gegangen, und fragte dann nach Menschen, die ich nicht kannte. Ich hielt ihre Hand. Ich sagte ihr, dass ich sie liebte. Ich tat so, als wäre alles in Ordnung. Als ich ging, fing Margaret mich auf dem Flur ab. „Ava.“ Ihre Stimme war sanft. Das bedeutete schlechte Nachrichten. „Wir haben die Zahlung für diesen Monat noch nicht erhalten. Eigentlich auch nicht für den letzten.“ „Ich weiß. Ich arbeite daran.“ „Die Heimleitung macht Druck. Wenn wir bis Freitag nichts bekommen …“ „Freitag. Ich weiß.“ Dieselbe Frist wie in der SMS. „Ich werde das Geld haben.“ Margaret nickte, doch ihre Augen wirkten traurig. Sie hatte das schon oft erlebt. Töchter, die Geld versprachen, das sie nicht hatten. Patienten, die in staatliche Einrichtungen verlegt wurden, wenn das Geld ausging. Meine Mutter lebte seit drei Jahren in Green Meadows. Das Einzelzimmer, die zusätzliche Betreuung, die Behandlungen, die von der Versicherung nicht übernommen wurden – all das summierte sich zu einer Zahl, die ich seit sechs Monaten nicht mehr ansehen wollte. Draußen traf mich die Kälte im Gesicht. Ich blieb auf dem Gehweg stehen und atmete tief ein. Und wieder aus. Ein Bus rumpelte vorbei. Aus einem Fenster auf der anderen Straßenseite drang Musik. Das Leben ging weiter, selbst wenn meines sich anfühlte, als käme es knirschend zum Stillstand. Mein Handy vibrierte. Leo. Fast hätte ich den Anruf wieder ignoriert. Doch irgendetwas brachte mich dazu, dranzugehen. „Was?“ „Hey, Schwesterherz.“ Seine Stimme war zu fröhlich. Zu hektisch. „Hör zu, ich brauche einen Gefallen. Nur einen kleinen.“ „Wie viel?“ „Nicht viel. Nur ein paar Tausend. Da gibt's diesen Typen—“ „Nein.“ „Ava, komm schon. Das ist wirklich das letzte Mal. Ich schwöre.“ „Bei dir ist es immer das letzte Mal, Leo.“ Ich lehnte mich gegen die Backsteinmauer des Pflegeheims. Die Kälte drang selbst durch meinen Pullover. „Ich kann nicht. Ich habe nichts mehr.“ Stille. Dann, leiser: „Diesmal geht es nicht nur um mich. Ich schulde ein paar Leuten Geld. Gefährlichen Leuten. Wenn ich nicht zahle—“ „Dann hättest du daran denken sollen, bevor du dir Geld von gefährlichen Leuten geliehen hast.“ Ich legte auf. Meine Hand zitterte. Ich steckte das Handy in die Tasche und begann zu laufen. Nicht nach Hause. Einfach nur laufen. Vorbei am kleinen Laden an der Ecke. Vorbei an den Kindern, die trotz der Kälte im Park Basketball spielten. Vorbei an Leben, die nicht meines waren. Freitag. Noch zwei Tage. Ich würde einen Weg finden. Das tat ich immer. Doch diesmal ging die Rechnung nicht auf. Egal wie oft ich alles durchrechnete – es reichte nie. Die Pflege meiner Mutter. Leos Chaos. Meine Miete. Die Rechnungen, die immer weiterkamen, egal wie viele Stunden ich arbeitete oder wie viele Leben ich rettete. Ich wusste es noch nicht. Aber die Schulden waren bereits auf dem Weg zu mir. Und sie waren größer als alles, was ich mit Überstunden jemals würde lösen können.
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