Sie kauften sich Garteninstrumente, dann einen Haufen Sachen, „die vielleicht dienlich sein könnten,“ wie einen Werkzeugkasten (ein solcher gehört immer in ein Haus), dann Wagen, eine Feldmesserkette, eine Badewanne, für den Fall, daß sie krank würden, ein Thermometer, und sogar ein Barometer, „System Gay-Lussac“, um physikalische Beobachtungen zu machen, wenn die Lust dazu sie anwandeln sollte. Es wäre auch nicht übel (denn man kann nicht immer draußen arbeiten), einige gute literarische Werke zu besitzen, — und sie suchten darnach — oft in großer Verlegenheit, ob das betreffende Buch wirklich „ein Buch für eine Bibliothek“ sei. Bouvard entschied die Frage.
„Na, wir werden keine Bibliothek nötig haben!“
„Zudem habe ich die meinige,“ sagte Pécuchet.
Im voraus richteten sie sich ein. Bouvard würde seine Möbel mitnehmen, Pécuchet seinen großen schwarzen Tisch; man würde die Vorhänge benutzen, und mit etwas Küchengeschirr wäre man genügend eingerichtet.
Sie hatten sich geschworen, über all das zu schweigen, aber ihre Gesichter strahlten. Auch fanden ihre Kollegen sie sonderbar. Bouvard, der auf seinem Pulte liegend schrieb, die Ellbogen darüber hinaus, um seiner Bastardschrift mehr Schwung zu geben, ließ sein Pfeifen hören, während er schelmisch mit seinen dicken Augenlidern zwinkerte. Pécuchet, der auf einem hohen Strohsitz hockte, verwendete seine Sorge auf die Grundstriche seiner langen Schrift — doch während er die Nasenflügel blähte, kniff er die Lippen zusammen, als wenn er Furcht gehabt hätte, sein Geheimnis zu verraten.
Nach anderthalb Jahren des Herumsuchens hatten sie noch nichts gefunden. Sie reisten in der ganzen Umgebung von Paris umher, von Amiens bis nach Evreux und von Fontainebleau bis nach le Havre. Sie wollten eine Gegend, die durchaus ländlich war, ohne gerade eine pittoreske Lage zu verlangen; ein enger Horizont wiederum stimmte sie traurig.
Sie flohen die Nachbarschaft der Wohnhäuser und fürchteten doch die Einsamkeit.
Manchmal faßten sie einen Entschluß; dann kam die Furcht, ihn später zu bereuen, und sie änderten ihre Absicht, da ihnen der Ort ungesund oder zu sehr dem Meereswinde ausgesetzt, zu nah an einer Fabrik oder zu schwer zugänglich schien.
Barberou erlöste sie.
Er wußte um ihren Traum, und eines schönen Tages kam er mit der Nachricht, man habe ihm von einem Gute bei Chavignolles zwischen Caen und Falaise gesprochen. Es bestand aus einem Pachthof von achtunddreißig Hektar, mit einer Art Schloß und einem sehr ertragfähigen Garten.
Sie verfügten sich in den Calvados und waren begeistert. Nur verlangte man für den Pachthof wie das Haus (das eine sollte nicht ohne das andere verkauft werden) hundertdreiundvierzigtausend Franken. Bouvard wollte nur hundertzwanzigtausend geben.
Pécuchet bekämpfte seine Halsstarrigkeit, bat ihn, nachzugeben, erklärte schließlich, er würde den Rest dazuzahlen. Das war sein ganzes Vermögen, es rührte aus dem Erbteil seiner Mutter und aus seinen Ersparnissen her. Niemals war ein Wort davon über seine Lippen gekommen, denn er hielt dieses Kapital für eine große Gelegenheit zurück.
Gegen Ende des Jahres 1840, sechs Monate vor seiner Pensionierung, war alles bezahlt.
Bouvard war nicht mehr Schreiber. Zuerst hatte er seine Beschäftigung aus Mißtrauen gegen die Zukunft fortgesetzt, aber einmal der Erbschaft sicher, hatte er sie aufgegeben. Indessen ging er noch gern zu den Herren Descambos, und am Abend vor seiner Abreise lud er das ganze Kontor-Personal zu einem Punsch ein.
Pécuchet dagegen zeigte sich seinen Kollegen gegenüber übellaunig und schlug am letzten Tage beim Fortgehen die Tür heftig zu.
Er hatte das Einpacken zu überwachen, eine Menge Besorgungen und auch noch Einkäufe zu machen und mußte von Dumouchel Abschied nehmen.
Der Professor schlug ihm einen Briefwechsel vor, durch den er ihn literarisch auf dem Laufenden halten würde; und nachdem er ihm nochmals zu seinem Glück gratuliert hatte, wünschte er ihm gute Gesundheit.
Barberou zeigte mehr Gefühl, als Bouvard ihm Lebewohl sagte. Er sagte eigens deshalb eine Partie Domino ab, versprach, ihn dort unten zu besuchen, bestellte zwei Anisliköre und umarmte ihn.
Als Bouvard nach Hause gekommen war, tat er auf seinem Balkon einen tiefen Atemzug in der frischen Luft und sagte im stillen: „Endlich!“ Die Lichter der Kais zitterten im Wasser, das Rollen der Omnibusse verhallte in der Ferne. Er rief sich die glücklichen Tage zurück, die er in dieser großen Stadt verbracht hatte, die Picknicks im Restaurant, die Abende im Theater, das Geschwätz der Portierfrau, alle seine Gewohnheiten; und er fühlte, wie eine Schwäche sein Herz überkam, eine Traurigkeit, die er nicht wagte, sich zu gestehen.
Pécuchet wanderte bis zwei Uhr morgens in seinem Zimmer umher. Er würde es nicht wiedersehen, um so besser! Und um doch noch etwas von sich zurückzulassen, kritzelte er seinen Namen in den Gips des Kamins.
Die großen Frachtstücke waren schon am Abend vorher abgegangen. Die Gartengeräte, die Bettstellen, die Matratzen, die Tische, die Stühle, ein Sparherd, die Badewanne und drei Fässer mit Burgunder sollten auf der Seine bis nach le Havre gehen und von dort bis Caen verfrachtet werden, von wo aus Bouvard, der sie erwarten sollte, sie nach Chavignolles befördern ließ.
Das Bild seines Vaters hingegen, die Sessel, das Likörservice, die Bücher, die Stutzuhr, alle wertvollen Gegenstände wurden in einen Möbelwagen verladen, der den Weg über Nonancourt, Verneuil und Falaise nehmen sollte. Pécuchet wollte ihn begleiten.
Er richtete sich auf der Bank neben dem Wagenführer ein, und, in seinen ältesten Rock gehüllt, mit einem Schal, Fausthandschuhen und dem Fußsack, den er im Geschäft benutzt hatte, versehen, verließ er Sonntag den 20. März bei Tagesanbruch die Hauptstadt.
Die Bewegung und das Ungewohnte der Reise beschäftigten ihn während der ersten Stunden. Dann verlangsamten die Pferde ihren Schritt, was einen Wortwechsel mit dem Wagenführer und dem Fuhrmann zur Folge hatte. Sie suchten fürchterliche Herbergen auf, und obwohl sie die Verantwortung für alles trugen, übernachtete Pécuchet aus übertriebener Vorsicht doch in denselben Schlafstätten.
Am folgenden Tage ging es mit der Morgenröte weiter; und immer dehnte sich die gleiche Straße bis zum Rande des Horizontes empor. Ein Steinhaufen folgte auf den andern, die Gräben waren voll Wasser, das Gelände breitete sich in großen Flächen von eintönigem und kaltem Grün aus, Wolken zogen am Himmel, von Zeit zu Zeit fiel Regen. Am dritten Tage erhoben sich plötzliche Windstöße. Die schlecht befestigte Wagendecke klatschte im Winde wie das Segel eines Schiffes. Pécuchet duckte seinen Kopf unter seiner Mütze, und jedesmal, wenn er seine Tabakdose öffnete, mußte er, um sich die Augen zu schützen, sich vollständig umwenden. An den holprigen Stellen hörte er hinter sich sein ganzes Gepäck schwanken und ließ es nicht an guten Ermahnungen fehlen. Da er sah, daß sie nutzlos waren, änderte er seine Taktik; er spielte den Liebenswürdigen, zeigte Gefälligkeiten, bei schwierigen Aufstiegen schob er mit den Leuten am Rade; er ging so weit, ihnen nach dem Essen den Kaffee zu bezahlen. Von da an kamen sie schneller von der Stelle, wodurch in der Gegend von Gauburge die Achse brach und der Wagen, auf die Seite geneigt, stehen blieb. Pécuchet untersuchte sogleich das Innere; die Porzellantassen lagen in Scherben. Er erhob die Arme, mit den Zähnen knirschend, und verwünschte diese beiden Dummköpfe; und der folgende Tag ging verloren, weil der Fuhrmann sich betrank; doch Pécuchet hatte nicht die Kraft zu klagen; der Kelch des Leidens war voll.
Bouvard hatte Paris erst den zweitnächsten Tag verlassen, um noch einmal mit Barberou zusammen speisen zu können. Er kam erst in der letzten Minute auf den Posthof, wachte dann in Rouen vor der Kathedrale wieder auf; er hatte die falsche Post genommen.
Am Abend waren alle Plätze nach Caen vorherbestellt; da er nicht wußte, was er anfangen sollte, ging er ins Theatre des Arts, und er lächelte seinen Nachbarn zu und erzählte ihnen dabei, daß er sich vom Geschäft zurückgezogen habe und seit kurzem im Besitz eines Gutes in der Umgebung sei. Als er am Freitag in Caen landete, waren seine Frachtstücke noch nicht da. Er empfing sie am Sonntag und sandte sie auf einem Karren weiter, nachdem er den Pächter benachrichtigt hatte, daß er in einigen Stunden nachkommen würde.
In Falaise, am neunten Tage der Reise, nahm Pécuchet ein Aushilfspferd, und bis zum Sonnenuntergang kam man gut vorwärts. Nachdem er jenseits von Bretteville die Landstraße verlassen hatte, geriet er auf einen Richtweg und glaubte jeden Augenblick den Giebel von Chavignolles zu sehen. Indessen wurden die Wagenspuren undeutlicher; sie verschwanden ganz, und sie befanden sich mitten in bebauten Feldern. Die Nacht brach an. Was sollte werden? Endlich ließ Pécuchet den Wagen stehen, und durch den Schmutz watend, ging er auf die Suche. Wenn er sich den Gehöften näherte, bellten die Hunde. Er schrie aus Leibeskräften, um den Weg zu erfahren. Keine Antwort. Er hatte Furcht und lief davon. Plötzlich glänzten zwei Laternen auf. Er bemerkte ein Gefährt und stürzte darauf zu, um es einzuholen. Bouvard saß darin.
Doch wo konnte der Möbelwagen sein? Eine Stunde lang riefen sie danach in der Dunkelheit. Endlich fand er sich wieder, und sie gelangten nach Chavignolles.
Ein großes Feuer aus Reisig und Fichtenzapfen flammte im Saale. Zwei Gedecke waren aufgelegt. Die auf dem Karren angelangten Möbel füllten die Vorhalle. Nichts fehlte. Man setzte sich zu Tisch.
Man hatte ihnen Zwiebelsuppe, ein Huhn, Speck und harte Eier gemacht. Die alte Frau, die das Essen zubereitete, kam von Zeit zu Zeit, um sich zu vergewissern, wie es ihnen schmecke. Sie antworteten: „O! sehr gut! sehr gut!“, und das grobe Brot, das sich schlecht schneiden ließ, die Sahne, die Nüsse, alles mundete ihnen herrlich. Der Steinfußboden zeigte Löcher, die Mauern waren feucht. Indessen ließen sie ihre Blicke befriedigt umherschweifen, während sie an dem kleinen Tische aßen, auf dem eine Kerze brannte. Ihre Gesichter waren von der frischen Luft gerötet. Sie streckten ihre Bäuche vor. Sie lehnten sich kräftig gegen die Lehnen ihrer Stühle, die davon krachten, und sie wiederholten: „Da wären wir also! Welch eine Wohltat! Es kommt mir vor wie ein Traum!“
Obgleich es Mitternacht war, kam Pécuchet auf den Gedanken, einen Gang durch den Garten zu machen. Bouvard hatte nichts dagegen. Sie nahmen das Licht, und während sie es mit einer alten Zeitung vor der Zugluft schützten, gingen sie an den Beeten entlang. Es machte ihnen Vergnügen, die Gemüse laut zu benennen: „Sieh da, Mohrrüben! Ah, Kohl!“
Dann besichtigten sie die Spaliere. Pécuchet suchte Knospen zu entdecken. Zuweilen rannte plötzlich eine Spinne an der Mauer davon, und die beiden Schatten ihrer Körper zeichneten sich in Vergrößerung darauf und wiederholten ihre Bewegungen. Die Spitzen der Gräser troffen von Tau. Die Nacht war vollständig schwarz, und alles lag regungslos in tiefem Schweigen, in tiefem Wohlsein. In der Ferne krähte ein Hahn.
Ihre beiden Zimmer hatten eine kleine Verbindungstür, die von der Tapete verdeckt war. Soeben waren dadurch, daß man mit einer Kommode dagegen stieß, die Nägel herausgesprungen. Sie fanden sie offen stehend. Das war eine Überraschung.
Schon entkleidet und im Bett, schwatzten sie noch einige Zeit; dann schliefen sie ein, Bouvard auf dem Rücken, mit offenem Munde und bloßem Kopf; Pécuchet auf der rechten Seite, die Knie an den Unterleib gezogen, in eine wollene Nachtmütze gehüllt; und alle beide schnarchten im Mondenlicht, das durch die Fenster fiel.