3. Der Krieg.

2544 Words
Zwei Jahre später Als der Nachthimmel begann, sich mit den Farben der Morgendämmerung zu erhellen, verstummten endlich die vertrauten Geräusche der Schlacht, die das Ardara Moon Rudel in den letzten fünf Stunden erfüllt hatten. Kiara saß zusammengerollt in der Mitte ihres Zimmers, ihre Augen weit aufgerissen vor Angst. Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht, sondern zur Mondgöttin gebetet, dass die Gewalt aufhören möge. Doch als die Stille endlich kam, konnte sie das drückende Gefühl in ihrem Magen nicht ignorieren, das auf eine bevorstehende Katastrophe hindeutete. „Kiara,“ rief Luna Martha und klopfte an die Tür. „Mama!“ Kiara riss die Tür auf und warf sich in die Arme ihrer Mutter. „Du blutest! Wir müssen dich sofort verarzten.“ „Dafür haben wir jetzt keine Zeit,“ sagte Martha schnell, während sie sich aus Kiaras Griff befreite und begann, hektisch einige von Kiaras Kleidern aus verschiedenen Schubladen zu holen und in einen Koffer zu packen. Ihr Blick war ernst und voller Sorge. „Mom, was passiert hier? Warum packst du meine Sachen ein?“ Kiara konnte nur fassungslos zusehen, wie Martha methodisch ihre wichtigsten Sachen verstaute – Reisepass, Kreditkarte, Bargeld, all das, was ihr in den Sinn kam. Diese Eile, diese Dringlichkeit, es fühlte sich falsch an, als ob etwas Unheilvolles auf sie zukäme. „Mom, du musst mir sagen, warum du meine Sachen packst.“ „Du und deine Schwester müsst sofort aus diesem Rudel verschwinden,“ sagte Martha entschlossen, ihre Stimme zitterte jedoch leicht. „Was?! Was meinst du damit?“ Kiara starrte ihre Mutter ungläubig an, während sie weiterpackte. „Warum schickst du Adira und mich weg?“ Sie konnte es nicht fassen, all das wirkte so surreal. Sie hatte geglaubt, Adira sei im Kampf. „Sag mir, warum ich gehen soll!“ Kiaras Stimme erhob sich vor Panik und Wut. Alles an dieser Situation schrie nach Ungerechtigkeit. Ihr Vater sowie der Großteil ihres Rudels hatten sie seit ihrer Geburt ignoriert und waren überzeugt, dass sie Unglück bringe. Es gab mehrere Ereignisse in Kiaras Leben, die den Glauben ihres Vaters an dieses Unglück weiter bestärkten. Kiara war die Jüngste ihrer Geschwister, doch im Gegensatz zu den anderen wurde sie von ihrem Vater nicht geliebt. Dafür hatte sie eine enge, liebevolle Beziehung zu ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester, die ihr Halt gaben. „Geh direkt zum Rudel meines Vaters,“ sagte Martha und drückte Kiara den Koffer in die Hand, während sie sie schnell aus dem Zimmer zog. „Nein!“ Kiara hielt sie zurück, ihre Augen blitzten entschlossen. „Was tust du? Du musst gehen!“ Martha knirschte mit den Zähnen und sah ihre widerspenstige Tochter an. „Das Sirius Bright Rudel ist schon hier.“ Kiara konnte ein erschrockenes Keuchen nicht unterdrücken, als sie den Namen dieses Rudels hörte. Das Ardara Moon Rudel hatte eine lange Fehde mit dem Sirius Bright Rudel, die ihre Vorfahren zum Wohle des Rudels beenden wollten. In gewisser Weise herrschte zwischen den beiden Rudeln immer noch ein kalter Krieg. Sie waren weder Verbündete noch Feinde, doch tiefer Hass ließ sich schwer überwinden. Kiara war immer beigebracht worden, dass diese Wölfe nichts als Monster waren, die ohne Gnade töteten. „Mom, wir haben die Schlacht verloren, nicht wahr?“ Kiara erkannte es aus der Besorgnis in den Augen ihrer Mutter. Die Stille, die mit der Morgendämmerung einsetzte, war nicht von Jubel erfüllt, sondern von einer bedrückenden Leere, die ihre Niederlage spürbar machte. Martha ballte ihre zitternden Hände zu Fäusten. Sie überraschte es nicht, dass Kiara die Wahrheit erkannte, trotz der Isolation in ihrem Zimmer. Sie war stolz auf ihre kluge jüngste Tochter. Sie wollte nur, dass Kiara flieht, bevor sie selbst erfährt, wie erbärmlich ihre Eltern und ihr Rudel nach dieser Niederlage geworden waren. Kiara wusste, dass ihre Mutter es nicht aussprach, doch ihre Stille und ihre Anweisung, dass Kiara und Adira das Rudel verlassen sollten, konnten nur eines bedeuten: Das Ardara Moon Rudel hatte verloren. „Was ist mit Lewis?“ fragte Kiara nach ihrem Zwillingsbruder, der nur wenige Minuten älter war als sie. Ihre Mutter hatte ihn nicht erwähnt, obwohl er in den Kampf gezogen war. Kiara sah den Abscheu in Marthas Augen, als sie nach ihrem Bruder fragte. „Mama, wo ist Lewis?!“ Kiara begann zu zittern und geriet in Panik. Sie erkannte, dass ihr Zwillingsbruder tot war. Deswegen wollte ihre Mutter ihre Töchter retten und sie in Sicherheit bringen. Es war der einzige Weg, den Martha noch sah, um sie zu beschützen. Kiara konnte nicht verstehen, warum die Monster Lewis getötet hatten. Er war doch völlig unschuldig gewesen. „Es tut mir leid, Mama, aber ich werde nicht wie ein Feigling weglaufen,“ erklärte Kiara und warf den Koffer zur Seite, bevor sie ihre Kleidung zurück in die Schubladen legte. „Was zur Hölle machst du da?“ fragte Martha und versuchte sie umzustimmen. „Ja, wir haben die Schlacht verloren, und Lewis ist tot. Er ist derjenige, der all das verursacht hat – die schreckliche Schlacht und unseren Untergang,“ gab Martha mit brennendem Zorn über ihren Sohn zu. „Warum gibst du Lewis die Schuld?“ Kiara war verwirrt. „Lewis und eine Gruppe seiner Freunde haben versucht, einer Frau ihre Unschuld zu nehmen. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, haben sie sie im Gerangel getötet. Lewis hatte solche Angst vor deinem Vater, dass er versuchte, alles zu vertuschen. Was er nicht ahnte, war, dass das Sirius Bright Rudel uns nur wenige Stunden später wegen dieser Tat angreifen würde. Die Frau, die sie angegriffen haben, war ein Mitglied des Sirius Bright Rudels,“ Martha machte eine kurze Pause, schloss fest die Augen und fuhr dann fort. „Lewis war das erste Opfer des Angriffs. Er starb sofort. Er hatte das Glück, einen schnellen Tod zu finden. Ich kann immer noch nicht glauben, dass mein Sohn ein Monster war... dass ich ein Monster großgezogen habe.“ Eine Träne lief ihr über die Wange, als sie die Wahrheit offenbarte, die sie nicht länger verstecken konnte. „Was?“ Kiara legte ihre Hand auf den Mund, erschüttert über diese schreckliche Enthüllung. Der Kampf, der ihr Rudel in Blut getränkt hatte, war nicht ein Versuch des Sirius Bright Rudels, Territorium zu gewinnen – es war ein Kampf um Ehre. „Ich bin mir sicher, dass es so oder so Konsequenzen gegeben hätte, aber es war besonders schlimm, weil die Frau, die dein Bruder und seine Freunde ermordet haben, die Cousine des Alphas war. Der Angriff des Sirius Bright Rudels war vollkommen gerechtfertigt, aber ich werde nicht zulassen, dass du und Adira mit uns sterben. Unser Schicksal ist besiegelt, eures jedoch nicht,“ erklärte Martha. „Mom, was erwartest du von mir?“ Kiara war ratlos. „Du willst, dass wir einfach weglaufen und den Rest von euch hier sterben lassen? Wie soll ich weiterleben, mit dem Wissen, dass meine Familie und mein Rudel weg sind? Eine Familie bleibt immer zusammen, egal was passiert. Das hast du mich immer gelehrt. Warum sagst du jetzt, dass wir fliehen müssen? Wenn ihr alle sterben werdet, dann werde ich bei euch bleiben.“ Sie wischte die Tränen von Marthas Wangen. Martha war gerührt, aber gleichzeitig frustriert, dass ihre Tochter ihre Lehren so sehr verinnerlicht hatte. „Damals war alles anders, Kiara, die Situation hat sich geändert,“ sagte Martha leise und nahm Kiaras Hand. „Wir können jetzt niemanden mehr beschützen, aber ich kann nicht zusehen, wie noch eines meiner Kinder stirbt. Du musst mit Adira fliehen, bevor sie das Rudelhaus erreichen.“ Marthas Augen funkelten ernst, als sie versuchte, Kiara die Dringlichkeit der Lage klarzumachen. „Ich weiß, dass wir schon viele Kämpfe überstanden haben, aber dieses Mal ist unser Gegner wie eine gewaltige Flutwelle über uns hinweggerollt und hat Zerstörung hinterlassen.“ „Ich werde euch trotzdem nicht verlassen,“ beharrte Kiara. „Warum zum Teufel hörst du nicht auf mich?“ Martha schlug ihrer eigensinnigen Tochter ins Gesicht, um ihr die Realität der Situation vor Augen zu führen. „Du gehst, und damit ist die Diskussion beendet.“ Sie hatten nicht den Luxus, sich emotional über die Situation auszulassen. Martha wollte auch nicht, dass ihre Tochter sich für eine Familie und ein Rudel opfert, die ihr nie ein bisschen Zuneigung gezeigt hatten. „Wenn du in „meiner Lage wärst und ich dir befohlen hätte, die Familie und dein Rudel zu verlassen, um zu entkommen, hättest du auf mich gehört?“ fragte Kiara und ließ ihre Mutter sprachlos zurück. „Du würdest doch auch nicht weglaufen, oder?“ fragte Kiara rhetorisch. „Also gehe ich auch nicht,“ erklärte sie und entschied, dass es nicht mehr nötig war, ihrer Mutter weitere Erklärungen zu geben, die ohnehin völlig geschlagen wirkte. Ein lauter Krach ertönte aus dem Erdgeschoss des Rudelhauses, als die Eingangstür eingeschlagen wurde. „Alpha Xavier Lincoln,“ flüsterte Luna Martha leise. Es war bereits zu spät, dass ihre Töchter noch fliehen konnten. Das Sirius Bright Rudel musste sie bereits umzingelt haben. „Alpha Xavier?“ wiederholte Kiara neugierig den Namen. Sie hatte nie an einer Veranstaltung teilgenommen, bei der andere Rudel anwesend waren. Deshalb hatte sie sein Gesicht nie gesehen, nur seinen Namen gehört und die Gerüchte, die sich um ihn rankten. Eines der Gerüchte besagte sogar, dass das Aussprechen seines Namens einer Beschwörung des Teufels gleichkomme. Der Lärm vom Erdgeschoss des Rudelhauses signalisierte den Frauen im Obergeschoss, dass der Kampf nicht aufgehört hatte. Alpha Xavier würde erst dann Gerechtigkeit walten lassen, wenn die Leichen jedes Mitglieds des Ardara Moon Rudels vor ihm lägen. „Ich muss gehen,“ sagte Luna Martha zu ihrer Tochter. Sie musste an der Seite ihres Gefährten, Alpha Sawyer, stehen, wenn er sich Alpha Xavier stellte. „Mom, warte auf mich,“ rief Kiara und versuchte, ihrer Mutter aus dem Zimmer zu folgen, doch die Tür wurde ihr vor der Nase zugeschlagen. Kurz darauf hörte sie das Klicken des Schlosses, als die Tür von außen verschlossen wurde. Kiara erkannte, dass sie den Entschluss und die Schnelligkeit ihrer Mutter unterschätzt hatte. „Mama, was machst du?“ „Versuch gar nicht erst, aus diesem Zimmer rauszukommen. Du bleibst genau da, wo du bist.“ Martha ging hastig weg. Sie fürchtete, dass Sirius Bright in ihrem Rachewahn dieselben Verbrechen begehen könnte, die Lewis an jener armen Frau verübt hatte. Sie hatte Adira bereits in ihrem Schlafzimmer eingesperrt. Das war alles, was sie jetzt tun konnte, um ihre Töchter zu schützen. „Mama, mach die Tür auf! Mama!“ Kiara hämmerte mit der Faust gegen die Tür. Die Angst, dass sie ihre Mutter vielleicht zum letzten Mal lebend gesehen hatte, erfüllte ihr Herz und trübte ihren Verstand. Kiara schluckte all ihre Emotionen herunter und begann, nach dem Schlüssel zu suchen, der in einer ihrer Schubladen versteckt sein sollte. „Wo ist er? Hat Mama ihn mitgenommen?“ Wenn das der Fall war, gab es keine Möglichkeit, dass sie aus diesem Zimmer herauskam. Das einzige Fenster war winzig, gerade groß genug, um an einem heißen Tag frische Luft hereinzulassen. Da durchzukriechen war ausgeschlossen. Sie suchte weiter, bis sie hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde. Die Tür schwang auf, und Kiara sah, wer sie aufgeschlossen hatte. „Adira?“ Kiara stotterte überrascht. „Komm schon, wir müssen weg.“ Adira riss die Tür weiter auf und packte ihre Hand. Es war ihr gemeinsames Geheimnis: Adira besaß einen Generalschlüssel. Früher hatte sie ihn in ähnlichen Situationen benutzt, damit beide aus ihren Zimmern entkommen konnten. „Wir müssen runter,“ drängte Kiara. Die Geräusche von Gewalt hallten die Treppe hinauf. Sie konnte nicht anders, als zu denken, dass ihre Eltern bereits tot waren. Die Schwestern rannten leise die Treppe hinunter und blieben in der Nähe des Wohnzimmers stehen. Als Kiara der Geruch von frischem Blut in die Nase stieg, wagte sie einen Blick um die Ecke und sah eine Leiche auf dem Boden. Es war der Gamma von Alpha Sawyer. Das bedeutete, dass sie begonnen hatten, die Mitglieder einzeln hinzurichten. „Wo sind Mom und Dad?“ Kiara stand da, in Panik, und suchte verzweifelt nach ihren Eltern. Als sie sie lebend entdeckte, wusste sie, dass es nicht mehr lange dauern würde. „Du kannst da nicht rein,“ sagte Adira fest. Alpha Sawyer vermied es sogar, Kiara ins Gesicht zu sehen – einer der Gründe, warum sie ihm nicht nahekommen oder in seiner Nähe sein durfte. Kiara hatte keine andere Wahl, sie musste die Kontrolle übernehmen. Sie drückte sich an die Wand, um nicht gesehen zu werden, und spähte ins Wohnzimmer. Schon bei ihrem ersten Atemzug kitzelte sie ein geheimnisvolles, einzigartiges Aroma in der Nase, das keinem ihrer Rudelmitglieder gehörte. „Woher kommt dieser Geruch?“, murmelte sie leise. Es war etwas, das sie nicht ignorieren konnte. „Lasst uns verfickt nochmal gehen!“ Noah, Kiaras ältester Bruder, schrie jemanden an. Er war derjenige, der darauf vorbereitet wurde, eines Tages die Alpha-Position ihres Vaters zu übernehmen. „Wen schreit Noah da an?“ fragten sich sowohl Adira als auch Kiara. Kiara spähte um die Ecke in den anderen Raum, wo ein Mann mit breiten Schultern auf einem Stuhl saß, als wäre es ein Thron. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie war sich sicher, dass er der Alpha war und die Quelle des verlockenden Dufts. „Noah macht alles nur noch schlimmer,“ bemerkte Kiara. Obwohl sie die Worte im anderen Raum nicht genau verstand, wusste sie, dass ihr dummer, egoistischer Bruder die Situation nur weiter eskalierte. Aus irgendeinem Grund weigerte er sich hartnäckig, die Niederlage zu akzeptieren, und zu allem Überfluss unterstützte ihn ihr Vater noch dabei. Ihre Luna-Mutter versuchte, Sawyer zur Vernunft zu bringen, aber angesichts seines enormen Egos schien das vergeblich. Alpha Sawyer würde lieber sterben, als sich einem anderen Alpha zu unterwerfen, erst recht einem alten Feind. „Tötet sie alle!“ Kiara hörte, was sie nur als die samtige Drohung von Alpha Xavier interpretieren konnte. Die Mitglieder des Sirius Bright Rudels bewegten sich auf die verbliebenen Mitglieder der Alpha-Familie des Ardara Moon Rudels zu. Kiaras geballte Faust ruhte auf ihrem Herzen, als sie sich darauf vorbereitete, die Brutalität zu ertragen, mit der ihr Rudel niedergemetzelt wurde. Der Großteil ihres Rudels war bereits getötet worden, und es sah so aus, als würden die restlichen Mitglieder bald zur Mondgöttin aufsteigen. Sie musste ihnen helfen, aber was konnte sie tun? Es gab keine Möglichkeit, sie aufzuhalten. Aus ihrem Versteck heraus beobachtete sie, wie der Alpha von seinem Stuhl aufstand, um das Rudelhaus zu verlassen, und für einen Moment innehielt, um seinen letzten Befehl zu erteilen. „Was den Alpha und seine Familie betrifft...“ Der Alpha pausierte einige Sekunden, um die Spannung zu erhöhen, bevor er weitersprach: „Enthauptet sie alle!“ „Enthauptet!“ Das Herz der beiden Schwestern sank, und sie waren einen Moment lang wie gelähmt von dieser Nachricht. „Stopp!“ Kiara rannte kopfüber in den Raum und brach damit jede Regel, die ihr seit ihrer Geburt beigebracht worden war. Die Mitglieder des Sirius Bright Rudels standen sprachlos da, als sie beobachteten, wie eine junge Frau ihren Alpha anschrie. Als Xavier sich langsam umdrehte, entdeckte er die anmutige Gestalt einer 1,70 Meter großen Frau, die mutig vor ihm stand. Seine waldgrünen Augen trafen auf Kiaras schokoladenbraune.
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