4. Jungfrau.

4735 Words
Einmal hatte Xavier den Körper seines Cousins ordentlich beerdigt, versäumte er es nicht, das Territorium des Ardara Moon Rudels zu stürmen, um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Er gab seinem Feind keine Chance, sich zu verteidigen, und ließ jeden, der ihn konfrontierte, denselben gnadenlosen Tod sterben, den auch sein wehrloser Cousin erlitten hatte. „Mein Sohn konnte deine Cousine weder vergewaltigt noch ermordet haben, Alpha Xavier!“ beharrte Alpha Sawyer und schlug wild um sich, um seinen Hochmut zu wahren. Er hatte zu viel blindes Vertrauen in die Ausbildung und Erziehung seiner Söhne gesetzt, in der Hoffnung, dass sie zu anständigen jungen Männern heranwachsen würden. Er verteidigte weiterhin seinen Sohn und weigerte sich, nachzugeben. „Das stimmt! Mein Bruder wurde zu Unrecht beschuldigt. Das ist alles Teil von Alpha Xaviers Plan, uns loszuwerden,“ beschuldigte Noah. „Du kleiner Wichser! Glaubst du wirklich, unser Alpha ist hier, um mit dir zu verhandeln?“ Kaiden schlug Noah ins Gesicht. „Wir haben bereits gewonnen, euer Territorium gehört jetzt uns.“ „Fass meinen Sohn nicht an!“ brüllte Sawyer. ‚Sawyer, leg deinen Stolz beiseite und denk an die Zukunft unserer Kinder,‘ verband Luna Martha ihren Gefährten mental, doch Sawyer war stur und ignorierte sie komplett. ‚Sie werden jeden, der sich versteckt hat, finden und töten. Wenn sie das tun, heißt das, dass sie auch unsere Töchter finden werden,‘ erinnerte sie ihn. Xavier bemerkte, dass Sawyer und Martha miteinander geistig kommunizierten. Er beobachtete, wie Marthas Panik immer offensichtlicher wurde. Xaviers Geduld war am Ende. Er hatte nicht vor, sich mit ihrem Familien-Drama oder den Wahnvorstellungen des Alphas und seines Erben zu befassen. „Schwache und Verwundete anzugreifen, ist Sache von Ungeziefer wie deinem Sohn. Sie verschwenden nur meine kostbare Zeit. Macht sie fertig...“ Xavier stoppte seine Männer mitten im Befehl, als seine Nase einen ungewöhnlich angenehmen Duft wahrnahm. Es wurde viel gestritten um ihn herum, doch Xavier spürte die leichteste Veränderung in der Luft, die draußen neben dem Raum stattfand, in dem er saß. ‚Was ist das?‘ Sein Wolf Dean wurde ungewöhnlich aktiv. Xavier schaute über seine Schulter zur Wand hinter sich. Es schien, als käme der angenehme Duft von dort. ‚Jemand ist da hinten!‘ bellte Dean. Indem er seine sensiblen Ohren und seine Nase auf den Bereich hinter sich konzentrierte, konnte Xavier den Herzschlag wahrnehmen, der mit der Duftquelle verbunden war. Die Person versteckte sich hinter der Wand. Durch die zarte Süße des Duftes erkannte er, dass es sich um eine junge Frau handelte. Da er wusste, dass sie ihm keine Bedrohung darstellen würde, beschloss er, sie zu ignorieren. „Tötet sie alle!“ befahl Xavier seinen Wölfen, als er von seinem Stuhl aufstand. ‚Der Herzschlag der Person hinter der Wand ist schneller geworden, als würde er aus ihrer Brust herausspringen,‘ sagte Dean zu Xavier. Dean zeigte große Besorgnis darüber, dass sie jemanden Wichtiges verlieren könnten, obwohl sie die junge Frau noch nicht zu Gesicht bekommen hatten. ‚Alpha Sawyer hat gelogen und behauptet, er habe nur zwei Söhne, doch wer sich hinter dieser Wand versteckt, ist höchstwahrscheinlich ein Mitglied der Alpha-Familie,“ lächelte Xavier kalt. „Sie haben die Dreistigkeit, Familienmitglieder zu verstecken, nachdem ihr Sohn einen Unschuldigen getötet hat!‘ „Enthauptet sie alle!“ befahl Xavier seinen Männern. „Stopp!“ Eine Stimme, die nie zuvor widersprochen hatte, erreichte Xaviers Ohren. Xavier blieb abrupt stehen, als die Frau, die hinter der Wand gelauert hatte, diesen Moment wählte, um sich vor einem Raum voller Feinde zu zeigen. „Wie kann sie es wagen, ihre Stimme gegenüber dem Alpha zu erheben!“ Eines von Xaviers loyalsten Rudelmitgliedern war wütend über ihren Ausbruch. „Wie dreist!“ Seine Männer wollten die junge Frau wegen ihrer Unverschämtheit angreifen, doch sie hielten inne, als sie einen Gedankenlink von Xavier erhielten, der sie stoppte. ‚Fasst die Wölfin nicht an,‘ Xavier warf seinen Männern einen finsteren Blick aus dem Augenwinkel zu. Sofort senkten sie demütig ihre Köpfe und Blicke, auch wenn sie sich fragten, warum ihr Alpha sie daran gehindert hatte, dafür zu sorgen, dass er den Respekt erhielt, der ihm zustan. Langsam drehte Xavier seinen Kopf und blickte in ein Paar schokoladenbrauner Augen, die ihm mutig entgegenblickten. Ungewöhnlicherweise bewunderten sowohl Xavier als auch sein Wolf in diesem Moment zum ersten Mal seit Ewigkeiten ihren kurvenreichen Körper, der ihm in seinen Augen das Aussehen eines Engels verlieh. Ihr zartes Gesicht mit den großen schokoladenfarbenen Augen harmonierte gut mit ihren natürlich weichen roten Lippen. Zum Glück schien sie nur die Augen von ihrem Vater geerbt zu haben. Ihre makellose Haut war glatt und ohne Make-up – sie brauchte es nicht, um schön zu sein. Ihr langes braunes Haar floss um ihr Gesicht und betonte ihre Anmut. Kiara erblickte Alpha Xavier zum ersten Mal, einen Mann, der allein durch die Erwähnung seines Namens Terror in die Herzen der Werwolfwelt jagte. ‚Warum ist sein Wolf nach vorne getreten?‘ fragte sich Kaira in ihrem Kopf, als sie die Augen seines Wolfs sah. Sie waren dunkelgrün mit schwarzen und goldenen Flecken und erinnerten sie an einen dichten Kiefernwald, durch den Lichtstrahlen drangen und Schatten warfen. Sie wusste jedoch, dass die Farbe seine Überlegenheit unter den Werwölfen anzeigte. „Bitte, hör auf,“ flehte Kaira und riss Xavier aus seiner nachdenklichen Bewunderung für sie. Ihr mutiger Blick war eines der niedlichsten Dinge an ihr. Sie stand da und starrte direkt in seine grünen Augen – etwas, was die meisten erwachsenen Alphas nicht gewagt hätten. „Pass auf,“ sagte Aidra und hielt Kairas Hand. Xavier betrachtete die beiden Schwestern. Genau wie er vermutet hatte, hatte Alpha Sawyer versucht, seine beiden Töchter vor ihm zu verstecken. „Kiara! Was zum Teufel machst du hier?“ schrie Noah hinter seinen Schwestern. „Misch dich nicht in Männerangelegenheiten ein,“ knurrte er. Adira verband Noah geistig mit einem durchdringenden Blick. ‚Wenn Kiara nicht für dich eingegriffen hätte, wäre dein elender Kopf nicht mehr mit deinem Nacken verbunden. Du undankbarer Scheißkerl.‘ Ihr arroganter Bruder schien von ihren Kommentaren unbeeindruckt zu sein. Xaviers bedrohlicher Blick fiel auf Noah, dessen weinerliche Stimme den Moment gestört hatte, den er gerade genoss. „Du wertloses Stück Scheiße, halt dein verdammtes Maul.“ Kaiden schlug Noahs Gesicht auf den Boden. Xavier wendete seine volle Aufmerksamkeit wieder der Frau vor ihm zu. Er hatte ihren Namen erfahren, Kiara. Selbst etwas so Einfaches wie ihr Name weckte Xaviers Interesse. „Kiara! Warum hast du dein Zimmer verlassen? Geh weg von hier!“ Luna Martha kämpfte gegen die Hände, die sie gewaltsam festhielten. Ein Gefühl absoluter Angst ergriff sie, als Xaviers Augen auf ihre unschuldige Tochter fielen. „Mach dir keine Sorgen um mich, Mama. Ich lasse nicht zu, dass einer von euch stirbt“, versprach sie ihrer Mutter und hielt weiterhin Blickkontakt mit Xavier. „Oh“, runzelte Xavier die Stirn, als er die äußere Fassade ihres Selbstbewusstseins bemerkte. Kiaras Herz raste in ihrer Brust. Sie erkannte an seiner Körpersprache, dass ihr Selbstbewusstsein ihn provozierte. Egal wie beängstigend oder düster sie ihn fand, sie konnte sich nicht leugnen, dass sie ihn teuflisch gutaussehend fand. Alles an Alpha Xavier ließ sich mit einem einzigen Wort zusammenfassen: imposant. Er trug hochwertige Kleidung, aber das minderte keineswegs die schiere Größe des Mannes. Mit 1,90 m, breiten Schultern und gut ausgebildeten Muskelmassen hätte er selbst in Kleidung aus einem Billigladen Aufmerksamkeit erregt. Wenn man sein gepflegtes Haar, seine markante Nase und sein scharfes Kinn zusammenzählte, verlieh ihm sein teuflisch gutes Aussehen den Anschein, geradewegs von den glänzenden Seiten eines Magazins gestiegen zu sein. Selbst der geheimnisvolle, reiche Duft, der in ihre Richtung strömte, war verführerisch, auch wenn sie ihn nicht genau einordnen konnte. Zum ersten Mal in ihrem Leben erkannte Kiara, was die Persönlichkeit eines echten Alphas ausmacht. Dieser Mann brauchte keine Worte, um seine Feinde vor der Gefahr zu warnen, die er darstellte. Allein in seiner Aura zu stehen, reichte aus, um die Menschen um ihn herum sowohl zu erschrecken als auch von seiner Macht anzuziehen. Ihr egozentrischer Bruder hatte nicht einmal ein Zehntel von Xaviers Präsenz im Raum. Alles, was er je konnte, war bellen und unüberlegte Entscheidungen treffen wie ein untrainierter Welpe. „Ich...“ Kiara setzte an zu sprechen, wurde jedoch erneut unterbrochen. „Kiara, geh auf dein Zimmer. Das ist ein direkter Befehl!“ brüllte Alpha Sawyer. Kiaras Vater hatte, wie üblich, keine Schwierigkeiten damit, seinen Alpha-Ton auf sie anzuwenden. Kiara war überrascht, ihn tatsächlich ihren Namen sagen zu hören. Sie konnte sich nicht erinnern, wann er ihn das letzte Mal benutzt hatte. Machte er sich etwa Sorgen um ihr Wohlbefinden? Der unverfälschte Hass in den Augen ihres Vaters widerlegte jedoch diese Annahme. „Es tut mir leid.“ Zum ersten Mal in ihrem Leben entschied Kiara, den direkten Befehl ihres Vaters vollständig zu ignorieren. So wie die Dinge standen, würden sie alle sterben, was seinen Befehl sinnlos machte. Stattdessen wählte sie den Ungehorsam, in der Hoffnung, diejenigen zu retten, die ihr am Herzen lagen. Wenn sie überlebte, würde sie sich den Konsequenzen stellen. „Wie wagst du es, in meiner Gegenwart zu knurren?“ Xaviers wütender Blick richtete sich auf Sawyer. „Reiß ihm die Kehle heraus,“ befahl Xavier kalt. Kaiden vergrub seine langen, blutigen Klauen in Sawyers Hals und war kurz davor, sie auseinanderzureißen. „NEIN, BITTE HÖR AUF!“ flehte Kiara Kaiden an, bevor ihr erschrockener Blick zurück zu Xavier wanderte. „Bitte tötet sie nicht. Tötet weder meine Familie noch mein Rudel.“ In ihrer Panik näherte sie sich langsam Xavier. Er studierte ihren besorgten Ausdruck so intensiv, als wollte er jedes Detail ihres Gesichts auswendig lernen. Ihre Lippen sahen so feucht und weich aus, dass er sich unbewusst über seine eigenen leckte. „Ich frage mich, warum?“ Er stellte die Frage, die Kiara überraschte. Sein Tonfall war ernst. Ihr Rudel hatte ihn zuerst verraten, er war derjenige, der den Verlust eines Familienmitglieds erlitten hatte. „Können wir reden?“ fragte sie, als sie bemerkte, dass er wieder so kalt wirkte wie zu dem Zeitpunkt, als sie das Wohnzimmer betreten hatte. „Wie kann ein Mädchen wie du mit ihm reden? Du solltest Abstand halten!“ schrie Noah. Noah hatte keinerlei Respekt vor Kiara, und sie hatte auch nie erwartet, dass er jemals nett zu ihr sein würde. Doch durch seine Beleidigung sah sie nun in den Augen ihrer Feinde schwach aus. Sie konnte den durchdringenden Blick Xaviers spüren, der sich auf ihr Gesicht heftete, aber sie hielt den Kopf hoch und wartete auf seine Antwort. „Lass uns reden“, wiederholte sie. „Alleine“, fügte sie hinzu. „Wag es ja nicht!“ knurrte Sawyer drohend, doch Kiara ignorierte ihn. Xavier genoss Sawyers Reaktion auf die Situation. Nach dem überwältigenden Sieg über das Ardara Moon Rudel hatte er so viel Macht erlangt, dass er, wenn er wollte, Sawyers Tochter vor den Augen aller nackt ausziehen könnte. Doch er war anders als sie. „Ich rede nicht mit Kindern“, erklärte Xavier, während er sowohl Noahs als auch Sawyers Einwürfe genauso ignorierte, wie Kiara es getan hatte. Gleichzeitig gab er Kaiden ein Zeichen, einen Streifen Stoff fest um Noahs Mund zu wickeln, um das Gebell des Welpen zu unterbinden. „Ich weiß, dass ich jünger bin als du, aber ich weiß, wovon ich rede. Bitte hör mir zu“, bat Kiara. Sie würde alles verlieren, wenn sie Xavier nicht davon überzeugen konnte, mit ihr zu sprechen. Xavier wurde langsam von Kiaras Verzweiflung angezogen und näherte sich ihr mit jedem Schritt. Sie behauptete, sie sei kein Kind? Dennoch hatte sie keinen Wolf, soweit er und Dean das erkennen konnten. „Wie alt bist du?“ Er hob ihr Kinn mit einem Finger an, um ihre engelhafte Perfektion aus der Nähe zu betrachten. Dean, sein Wolf, stöhnte vor Verlangen. Xavier hatte seine eigenen Regeln gebrochen. Zum ersten Mal seit zwei Jahren hatte er endlich wieder eine Frau berührt. Seine sexuellen Bedürfnisse und sein Verlangen hatten den Höhepunkt erreicht. Als Alpha und Werwolf war es ihm kaum noch möglich, sich zu beherrschen. Nach seiner Ablehnung von Petra hatte er nie gedacht, dass es so schwer sein würde, seine Triebe zu unterdrücken. Doch sein Hass auf Frauen hatte ihn bisher davon abgehalten, sich ihnen zu nähern. Selbstbefriedigung war die einzige Quelle der Erleichterung gewesen, die er bisher gefunden hatte. Die Berührung von Kiaras zarter Haut an einer seiner Fingerspitzen ließ sein Blut vor Lust aufkochen und durch seinen Körper strömen. Dean drängte ihn, mehr von ihr zu berühren, so viel wie möglich. Kiaras Unschuld, die in ihren Augen lag, war pure Verführung. Xavier befürchtete, diesen zerbrechlichen Engel vor ihm zu zerbrechen. Er konnte ihren schnellen Herzschlag hören und spürte, wie ihr Körper unter seiner sanften Berührung an ihrem Kinn zitterte. In diesem Moment wusste er, dass sie noch nie von einem Mann berührt worden war. „Ich werde in drei Tagen achtzehn“, antwortete sie. Sie war besorgt, vor ihm zu stottern, also konzentrierte sie sich auf seine Berührung. Obwohl er kalt wirkte, war sein Griff sanft und warm. Auch wenn es nur die flüchtigste Berührung war, fühlte es sich an, als stünde sie durch seinen Kontakt in Flammen. „Zeig den Weg“, sagte Xavier, während er sich zwang, seine hungrigen Finger von ihr zu lösen. Kiaras Herz erfüllte sich mit Hoffnung, als Xavier sich entschied, ihr zuzuhören. „Hier entlang“, nickte sie und deutete ihm, ihr zu folgen. „Ich werde nicht zulassen, dass du allein mit einem Mann in einem Raum bist!“ brüllte Alpha Sawyer wütend. Kiara zitterte vor Angst. Sawyer hatte sie zwar nie körperlich misshandelt, aber ihre angeborene Furcht vor ihrem Vater war größer als fast alles andere, sogar der Tod. „Ich billige das auch nicht!“ Noah hatte es irgendwie geschafft, den Knebel aus seinem Mund zu entfernen. „Wir werden alle sterben, wenn ich auf dich höre. Warum siehst du nicht, wie ernst die Lage ist? Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht gehorchen“, antwortete Kiara und ging davon. Xavier folgte ihr. „Was für eine Hure!“ höhnte Noah. „Wie konnte ich vergessen, dass Frauen mit ihrem Körper kommunizieren?“ Er kicherte. So gut sie konnte, versuchte Kiara, ihren Bruder zu ignorieren. Sie straffte ihre Schultern und biss sich auf die Lippe, um ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Noah hatte sie fast ihr ganzes Leben lang täglich beleidigt, doch sie hatte sich nie davon angegriffen gefühlt – bis jetzt, vor Xavier. „Mmmurrh!“ Kiara erstarrte, als sie Noahs gedämpften Schrei durch den Knebel hörte. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Xavier Noahs Handfläche mit einem großen Jagdmesser durchbohrt hatte. Je mehr Noah sich gegen Xavier wehrte, desto weiter zog Xavier das Messer entlang Noahs Arm und schnitt ihn auf. „Bitte, hör auf!“ Kiara rannte herbei, um Xaviers Hand zu ergreifen, bevor seine Klinge Noahs entblößte Halsschlagader erreichte. Als Xavier die sanfte Wärme von Kiaras Berührung auf seiner Haut spürte, richtete er seine dunkelgrünen Augen auf sie. Sie zitterte vor Angst, ihr Körper war durch den Schock der ernsten Situation taub geworden, und sie konnte die hartnäckigen Tränen in ihren Augen nicht mehr zurückhalten. Obwohl die männlichen Mitglieder ihrer Familie sie schlecht behandelt hatten, weigerte sie sich, tatenlos zuzusehen, wie sie getötet wurden. Sie konnte an Xaviers Gesichtsausdruck erkennen, dass ihn das irritierte. „Du solltest zweimal nachdenken, bevor du wieder den Mund aufmachst! Nächstes Mal werde ich nicht so nachsichtig sein,“ knurrte Xavier und entblößte seine Zähne, während er auf Noahs noch blutende Hand trat. „Mmmurrh!“ Noah quietschte wie ein Schwein hinter dem Knebel. „Los, gehen wir“, sagte Kiara hastig und nahm Xaviers Hand, um ihn die Treppe hinauf in eines der Zimmer zu führen, bevor die Männer ihrer Familie einen weiteren katastrophalen Fehler begingen. Adira folgte ihnen und blieb in der Nähe der Treppe stehen. „Ich bleibe hier die ganze Zeit. Dad und Noah werden denken, dass ich mit dir ins Zimmer gegangen bin. Sie können nicht nachsehen, weil sie gefangen gehalten werden. Macht es kurz“, flüsterte Adira leise, sodass es unten niemand hören konnte. Xavier, der neben ihnen stand, hatte jedoch jedes Wort gehört. Nachdem sie einen kurzen Blick auf Xavier geworfen hatte, murmelte Adira zu Kiara: „Schließ die Tür nicht ab und ruf mich, wenn du mich brauchst“, warnte Adira, laut genug, um Xavier wissen zu lassen, dass er es sich zweimal überlegen sollte, falls er etwas vorhatte. „In Ordnung“, nickte Kiara zur Beruhigung, ohne Xavier dabei anzusehen. Kiara führte Xavier in das Zimmer in der Mitte des Flurs, statt in ihr eigenes. Sie schloss die Tür leise hinter sich. Als Xavier den Raum musterte, bemerkte er, dass der Duft, der ihn erfüllte, zu Adira gehörte und nicht zu Kiara. Warum hatte sie ihn in das Zimmer ihrer Schwester gebracht? Kiara drehte sich zu dem Alpha um, der nach so intensiven Gewalttaten plötzlich seltsam still geworden war. „Was ist los?“ fragte sie besorgt, dass er das, was Adira gesagt hatte, nicht einfach ignorieren würde. Erst dann bemerkte sie seinen Blick auf ihre Hand, die noch immer seine hielt! „Es tut mir so leid“, sagte sie und zog schnell ihre Hand zurück. Das war unglaublich peinlich. Xavier beobachtete, wie sich die Röte über ihre Wangen ausbreitete. Sie versuchte es sofort vor ihm zu verbergen, als Kiara sich daran erinnerte, warum sie überhaupt hier war. Doch sie war sich unsicher, wo sie anfangen sollte. „Worüber möchtest du reden?“ fragte Xavier, was es ihr erleichterte. „Meine Mutter hat mir vorhin erklärt, warum du unser Rudel angegriffen hast. Ich weiß, dass meine Worte wenig Wiedergutmachung bieten, aber es tut mir aufrichtig leid, was deinem Cousin passiert ist. Ich kann immer noch nicht glauben, dass mein Bruder ein solch abscheuliches Verbrechen begangen hat. Im Namen meiner Familie und unseres Rudels entschuldige ich mich zutiefst für seine Taten“, sagte sie und neigte demütig den Kopf. Das war die erste Entschuldigung, die Xavier jemals vom Ardara Moon Rudel erhalten hatte. Er stand da und war erstaunt, dass sie von dem jüngsten Mitglied der Alpha-Familie kam. Die Erwachsenen dieser Familie hatten nichts als Ausreden hervorgebracht, um ihre Verwandten zu schützen, was ihm nur weiteren Grund gegeben hatte, sie alle auf grausamste Weise zu töten. Kiara hingegen war ehrlich und schämte sich für die Taten ihres Bruders. „Wenn du glaubst, dass ich mit deiner Entschuldigung zulassen werde, dass deine Familie überlebt, dann irrst du dich“, erklärte Xavier und fragte sich, ob er ihr das falsche Signal gegeben hatte, indem er mit ihr sprach. Seit Jahren hatte er aufgehört, Frauen zu vertrauen. Vielleicht hatte sie ihn die ganze Zeit manipuliert, indem sie ihr unschuldiges Gesicht zu ihrem Vorteil genutzt hatte. „Das weiß ich“, gab Kiara leise zu und starrte dabei auf ihre Füße. „Wenn du das weißt, dann ist dieses Gespräch sinnlos. Du willst, dass ich deine Familie verschone, und du weißt, dass ich das nicht tun werde“, sagte Xavier mit einem müden Seufzer und wandte sich zur Tür, um den Raum zu verlassen. „Aber hast du nicht schon Rache geübt?“ fragte Kiara. Xavier drehte sich um und sah sie an. „Du hast Lewis getötet. Er war einer derjenigen, die deine Cousine vergewaltigt und ermordet haben. Er und seine Freunde sollten die Konsequenzen tragen. Du hast deine Rache bereits vollzogen. Warum also weitermachen?“ Ihre Stimme brach, als die Last ihrer Emotionen sie überwältigte. „Bitte bring meine Familie nicht um. Bitte…“ flehte sie. „Du hast recht. Unsere Rache wurde mit dem Tod von Lewis und seinen Freunden erreicht“, sagte Xavier und lehnte sich mit den Händen in den Taschen an die Wand. Seine Worte ließen Hoffnung in Kiara aufkeimen. „Aber in unserer Welt läuft es nicht so wie in der menschlichen.“ „Was genau meinst du?“ fragte sie. Xavier sah sie verächtlich an und zerschmetterte damit den letzten Funken Hoffnung, den sie noch hatte. „Wenn Mehl gemahlen wird, wird der Käfer zusammen mit dem Weizen zermahlen. Ähnlich ist es in einem Rudel: Die Konsequenzen für die Handlungen einer einzelnen Person müssen von ihrer Familie getragen werden. Oder, in einer Situation wie dieser, von dem gesamten Rudel, wenn es sich um eine Alpha-Familie handelt. Dein Rudel hat jahrelang gegen Werwolf-Gesetze verstoßen. Trotz unseres Friedensabkommens haben dein Bruder und seine Freunde das Hostel meiner Cousine überfallen, sie vergewaltigt und ermordet. Du weißt nicht, wie es ihrer Familie geht. Sie hatten nur dieses eine Kind. Obwohl sie blind geboren wurde, haben ihre Eltern sie nicht aufgegeben.“ „Blind?“ Kiara fühlte sich, als wäre sie bei dieser neuen Enthüllung in einen Eisblock verwandelt worden. Ihr Bruder, dieses animalische Monster, hatte sie und ihre Familie in eine ausweglose Lage gebracht, aus der es niemals ein Entrinnen geben würde. Der Gedanke, dass sie denselben Mutterleib mit diesem Ungeziefer geteilt hatte, ekelte sie zutiefst an. Kiara fühlte sich nach der Entdeckung der ganzen Wahrheit jeglicher Zuversicht beraubt, noch für das Leben ihrer Familienmitglieder einstehen zu können. Doch sie sammelte ihren letzten Rest an Mut und wagte es, Xaviers kaltem Blick standzuhalten. Sie wusste, dass es ihr nicht gelingen würde, ihn umzustimmen. „Was hast du mit meinen Eltern vor?“ wagte sie zu fragen, während ihr Herz voller Verzweiflung schmerzte. Sie schämte sich für ihre eigene Frage, doch sie musste wissen, ob ihren Eltern eine würdige Beerdigung zuteilwerden würde oder nicht. Sie erkannte, dass sie, nachdem sie so mutig vor einem Alpha gesprochen hatte, wahrscheinlich vor ihrer Familie sterben würde. Xavier zögerte, ob er ihre Frage wahrheitsgemäß beantworten sollte, als er sah, wie verzweifelt sie versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. „Bitte, sag es mir“, flehte sie. „Der Alpha und die Luna werden enthauptet. Sobald sie tot sind, wird das, was von ihnen übrig bleibt, den Tieren überlassen, damit sie damit machen können, was sie wollen,“ erklärte Xavier, indem er die Kampfrituale seiner Ahnen beschrieb, die er mit aller Entschlossenheit beabsichtigte zu befolgen. „Was?“ Kiara fühlte, wie der Boden unter ihr nachgab. „Dein Bruder wird dasselbe Schicksal erleiden wie dein Vater, da er als Erbe benannt wurde und der nächste Alpha gewesen wäre,“ fügte Xavier hinzu. Im Hinterkopf war sich Kiara bewusst, dass all dies in den nächsten Minuten geschehen würde. Sie konnte auch nicht leugnen, dass das Ardara Moon Rudel dieselbe Strafe über das Sirius Bright Rudel verhängt hätte, wenn sie den Kampf gewonnen hätten. Doch diese Erkenntnis machte es ihr nicht einfacher, das Schicksal ihrer Familie zu akzeptieren. „Und was ist mit meiner Schwester? Was wird mit ihr geschehen? Sie ist nicht die Luna. Sie ist unschuldig.“ Kiara hatte nicht einmal daran gedacht, nach ihrem eigenen Schicksal zu fragen, sondern sich auf diejenigen konzentriert, die ihr wichtig waren. Statt Kiara zu antworten, bohrten sich Xaviers Augen in ihre. Ungeduldig wartete Kiara auf seine Antwort, doch er drehte sich einfach um und ging. Was bedeutete sein Schweigen? „Wird sie als Kriegsgefangene genommen?“ fragte Kiara, als ihr der grausame Gedanke kam, dass Frauen aus besiegten Rudeln oft als Sexsklavinnen enden – Frauen, die von jedem im Rudel genommen und im Prozess oft zu Tode gequält werden. „Ich bin bereit, die Strafe anstelle meiner gesamten Familie auf mich zu nehmen“, verkündete Kiara mutig. Xaviers Hand hielt inne, als sie über dem Türknauf schwebte. Er drehte sich um, seine Stirn gerunzelt, und blickte auf Kiara, die in Unterwerfung vor ihm kniete. „Was tust du da?“ knurrte er. Obwohl Xavier höchstens zehn Minuten mit ihr verbracht hatte, wusste er mit Gewissheit, dass sie sich normalerweise nicht leicht unterwarf. Dennoch war sie bereit, alles für ihre Familie zu tun, ungeachtet dessen, wie einige von ihnen sie behandelt hatten. „Bitte vergib meiner Familie. Du kannst mich an ihrer Stelle töten“, sagte sie und bot sich als Opfer an. „Du bist bereit, für den Vater zu sterben, der dich hasst, und den Bruder, der dich eine Hure nennt? Warum bittest du nicht nur um das Leben deiner Mutter und Schwester?“ fragte Xavier. „Mein Vater würde den Verlust eines weiteren Sohnes niemals überleben, wenn Noah etwas zustößt. Meine Mutter würde es nicht verkraften, wenn meinem Vater etwas passiert. Was Adira betrifft, sie würde meiner Mutter überallhin folgen, selbst bis zu den Toren des Himmels. Diese Familie ist wie eine Kette, jeder ist mit dem anderen verbunden, und deshalb kann ich nicht einen wählen, ohne die anderen zurückzulassen“, erklärte Kiara. „Du hast vergessen, dich selbst in die Familienkette einzuschließen“, wies Xavier hin. „Nein, das habe ich nicht. Ich war nie Teil dieser Kette. Also wird sich nichts ändern, wenn ich nicht mehr hier bin“, sagte Kiara mit einem traurigen Lächeln. „Du kannst mir den Kopf abschneiden oder meinen Körper in Stücke hacken. Du kannst meine Körperteile wilden Tieren zum Fraß vorwerfen oder tun, was du für notwendig hältst. Ich bin bereit, jede Strafe zu ertragen, die du für angemessen hältst, solange meine Familie und unsere unschuldigen Rudelmitglieder nicht länger für die Sünden von Lewis und seinen Freunden verantwortlich gemacht werden. Bitte…“ Kiara konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Xavier setzte sich auf den Boden gegenüber von ihr und beobachtete, wie dicke Tränen über ihre nassen Wimpern liefen. Er konnte nicht fassen, dass diese Schönheit sogar noch schöner aussah, wenn sie weinte. „Das ist unmöglich“, sagte er und warf einen Blick auf das V-Ausschnitt ihrer weißen Bluse, das einen Blick auf ihre Brüste freigab. Ihr Oberteil war dünn, und er konnte deutlich erkennen, dass sie keinen BH darunter trug. „Dann nimm mich als Sklavin“, schlug Kiara vor. „Was?“ Xavier schaute ihr direkt in die Augen. „Du hast vor, uns alle als Vergeltung für die Beleidigung deiner Familie und deines Rudels zu töten, oder? Du hast Lewis und seine Freunde bereits getötet und somit Gerechtigkeit für deinen Cousin erhalten. Um die anderen Gründe zu erfüllen, die du genannt hast: Wenn du mich als Sklavin nimmst, kann ich deinen Verlust wiedergutmachen. Ich werde dir in allem gehorchen, alles tun, was du möchtest. Ich schwöre, dass ich nicht weinen werde, wenn du mich schlägst. Ich werde die Schläge hinnehmen und mein Leben als Sklavin verbringen, bis du zufrieden bist. Aber zuerst musst du meine Familie gehen lassen. Du musst ihnen erlauben, zu leben“, versuchte Kiara, einen Handel auszuhandeln. Ihr war bewusst, dass das, was sie ihm anbot, jede Art von Zukunft ruinieren würde. Aber tot zu sein, war schlimmer, als eine Sklavin zu sein. „Das Angebot klingt verlockend. Aber ich misshandle keine Weibchen oder Welpen, daher werde ich dich nicht als Sklavin nehmen.“ Xavier wischte ihre Tränen weg, doch sofort traten neue über ihre Wangen, als frische Tränen die alten ersetzten. „Was willst du dann von mir? Ich habe nichts anderes, das ich dir anbieten kann“, gab Kiara zu. Ihr gingen die Ideen aus. „Bist du noch Jungfrau?“ Xaviers Frage war so direkt wie immer. Kiara war schockiert und konnte den entsetzten Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht verbergen. Warum wollte er über ihre Jungfräulichkeit Bescheid wissen? Seine Augen hatten sich in denselben tieferen Ton wie zuvor verändert, sein Wolf war nahe an der Oberfläche. Sie starrte ihn entsetzt an, während er auf ihre Antwort wartete. „Ja“, entkam ihr die Frage nicht. Kiaras Antwort brachte ein Gefühl der Erleichterung in Xaviers Brust. Dean knurrte vor Freude. Xavier und sein Wolf hatten bereits genau diskutiert und entschieden, was sie von dieser Frau brauchten. „Es gibt etwas, wofür ich dich brauche. Wenn du einverstanden bist, werde ich deine Familie und das, was von diesem Rudel übrig ist, verschonen“, bot Xavier an. „Wirklich?“ Kiara war verblüfft. Endlich hatte er etwas gefunden, das sie tun konnte, um ihre Familie zu retten. Sie war gleichzeitig voller Hoffnung und Angst vor dem, was er als Nächstes sagen würde. „Was erwartest du von mir?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Xavier fuhr mit seinen Fingerspitzen über ihre zarten Lippen. „Sei meine Leihmutter“, schlug Xavier vor.
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