Kapitel 6: Unter Wölfen
Serenas Herz machte einen Sprung, als sie den silbergrauen Wolf sah. Könnte es wirklich Elias sein? Doch bevor sie sich auf ihn zubewegen konnte, verschwand der Wolf bereits wieder in den Schatten.
„Zurückverwandeln“, befahl Lucian und riss ihre Aufmerksamkeit auf sich. „Du musst allen als Mensch begegnen.“
Die Verwandlung fiel ihr diesmal leichter. Als Serena wieder auf zwei Beinen stand, bemerkte sie, dass ihr Arm teilweise geheilt war – noch immer empfindlich, aber nicht länger gebrochen. Sie hielt Lucians Jacke eng um ihren Körper, plötzlich all der Blicke bewusst, die auf ihr ruhten.
„Hier entlang“, sagte Lucian und führte sie zum größten Höhleneingang. Die Wölfe wichen zur Seite, manche neugierig, andere offen feindselig.
Die Haupthöhle öffnete sich in einem überraschend warmen Raum mit hoher Decke. Feuerstellen spenden Licht und Wärme, während Tierfelle und gewebte Matten den steinernen Boden bedeckten. Seiten Tunneln führten tiefer in den Berg.
„Alpha!“ Ein junges Mädchen eilte auf sie zu und trug ein Bündel Kleidung. „Ich habe etwas für euren Gast gebracht.“
„Danke, Mira“, sagte Lucian. Das Mädchen war kaum sechzehn, mit einem schüchternen Lächeln und sanften Augen.
„Das sollte passen“, sagte Mira und reichte Serena die Kleidung. „Und ich kann mich um deine Verletzungen kümmern.“
„Meine Heilerin“, erklärte Lucian. „Die beste in jedem Rudel.“
Mira errötete vor Verlegenheit. „Die Waschbecken sind hier entlang“, sagte sie zu Serena. „Du kannst dich dort säubern und umziehen.“
Serena sah zu Lucian, der nickte. „Geh. Ich muss mit meiner Beta sprechen. "Mira bringt dich später zu meinen Gemächern.“
Während Mira Serena durch einen Tunnel führte, folgten ihnen leise Sticheleien. Der Gang öffnete sich in eine weite Kammer, aus der Dampf von mehreren natürlichen Becken aufstieg.
„Heiße Quellen“, erklärte Mira. „Ein Geschenk des Berges.“
Serena starrte staunend darauf. Silver Ridge besaß moderne Sanitäranlagen, aber nichts, das mit dieser natürlichen Schönheit vergleichbar war.
„Ich warte draußen“, sagte Mira freundlich. „Ruf einfach, wenn du Hilfe brauchst.“
Endlich allein, sank Serena in das nächstgelegene Becken. Das heiße Wasser brannte auf ihren Schnitten, beruhigte jedoch ihre schmerzenden Muskeln. Sie wusch Blut und Schmutz ab und versuchte, das Unfassbare der letzten Tage zu begreifen.
Vor zwei Tagen war sie noch Serena Valle gewesen, zukünftige Luna von Silver Ridge. Jetzt war sie … was? Eine Waffe? Eine Gefangene? Ein Monster?
Und war das wirklich Elias gewesen, der sie beobachtet hatte?
Nachdem sie sich gewaschen hatte, betrachtete Serena die Kleidung, die Mira gebracht hatte – schlicht, aber gut gefertigt: Lederhose, weiche Tunika, einem Gürtel. Alles passte einigermaßen, obwohl der Stil sich stark von Silver Ridges moderner Kleidung unterschied.
„Du siehst besser aus“, sagte Mira, als Serena wieder herauskam. „Mehr wie ein Wolf und weniger wie eine Beute."
Der Kommentar traf, doch es stimmte. Seit ihrer Verwandlung hatte sie sich wie eine Beute gefühlt.
„Danke für die Kleidung.“
„Sie gehörte Lyra“, erklärte Mira auf dem Weg. „Sie ist nicht besonders begeistert davon, sie zu teilen.“
„Die Rothaarige?“, fragte Serena. „Welche Beziehung hat sie zu Lucian?“
Mira warf ihr einen vorsichtigen Blick zu. „Seine zweite. Und … "Es ist kompliziert.“
Bevor Serena weiterfragen konnte, bogen sie um eine Ecke und wären fast mit einem großen, muskulösen Mann zusammengestoßen. Seine dunklen Augen verengten sich, als er Serena sah.
„Das also ist der Onyx Wolf", sagte er und versperrte ihnen den Weg. „Kleiner, als ich erwartet habe.“
„Dorian“, flüsterte Mira und senkte den Blick. „Alpha hat mich gebeten—“
„Ich weiß, was Alpha gesagt hat“, unterbrach der Mann sie. „Ich will unseren Gast selbst sehen.“
Dorian Voss umkreiste Serena langsam, musterte sie wie ein Wolf ein verdächtiges Stück Fleisch. Im Gegensatz zu den anderen zeigte er keine Angst – nur Berechnung.
„Du bist aus Silver Ridge“, sagte er. „Caius Vales Tochter, richtig? "Die dem Elias Storm versprochen hatte."
Serena hob das Kinn. „War.“
„War“, wiederholte Dorian mit einem spöttischen Lächeln. „Verstoßen, weil du ein Monster bist. "Und jetzt willst du uns helfen, dein altes Rudel zu zerstören?“
„Lucian bietet mir Schutz“, sagte Serena vorsichtig.
„Schutz ist nicht umsonst.“ Dorian trat näher, seine Stimme sank zu einem gefährlichen Flüstern. „Wenn du uns betrügst – wenn du ein Spiel für Silver Ridge spielst – reiße ich dir persönlich die Kehle heraus.“
„Dorian.“ Lucians Stimme schnitt wie ein Messer durch die Spannung. Er stand am Ende des Tunnels, die Arme verschränkt. „Das reicht.“
Dorian wich sofort zurück. „Ich heiße unseren Gast nur willkommen, Alpha.“
„Mira, bring Serena in ihr Zimmer“, befahl Lucian. „Dorian, mit mir. "Jetzt."
Während Mira Serena hastig weiter führte, hörte sie Lucians tiefes Knurren: „Du bedrohst nicht, was mir gehört, Beta.“
„Hier“, sagte Mira schließlich und blieb vor einem Eingang stehen, der von einer Fellplane bedeckt war. „Das sind die Gemächer des Alphas.“
Serena folgte ihr hinein und war überrascht von der Eleganz des Raums. Anders als die raue Haupthöhle war Lucians persönlicher Bereich beinahe kunstvoll eingerichtet. Felle und Wandteppiche schmückten die Wände, geschnitzte Möbel füllten den Raum, Öllampen warfen warmes Licht.
„Dein Zimmer ist dort hinten“, erklärte Mira und deutete auf einen Nebenraum. „Es war für die Gefährtin des Alphas vorgesehen.
Serena erstarrte. „Ich bin nicht—“
„Natürlich nicht“, unterbrach Mira schnell. „Aber es ist der einzige private Raum neben Lucians eigenem.“
Der Raum war klein, aber komfortabel, mit einem Bett voller Felle und einem steinernen Wasserbecken.
„Ruh dich aus“, empfahl Mira. „Ich bringe später etwas zu essen.“
Allein geblieben, setzte Serena sich auf das Bett, überwältigt. Ihre Finger glitten über die heilende Haut ihres ehemals gebrochenen Arms. Die Macht des Onyx Wolfs hatte das bewirkt – etwas geheilt, das Wochen gebraucht hätte.
„Was bin ich?“ flüsterte sie.
„Das“, sagte eine Stimme aus dem Türrahmen, „müssen wir herausfinden.“
Lucian stand dort, füllte mit seiner massigen Gestalt den Eingang aus. Er hatte saubere Kleidung an und das Blut aus seinem Gesicht gewaschen – dadurch sah er weniger wild aus, aber kein bisschen weniger gefährlich.
„Dein Beta vertraut mir nicht“, sagte Serena.
„Dorian vertraut niemandem“, antwortete Lucian. „Aber er gehorcht mir.“
„Und deine Zweite? "Lyra?"
Ein Schatten glitt über Lucians Gesicht. „Lyra ist … " kompliziert."
„Wie ich hörte“, sagte Serena. „Ist sie deine Gefährtin?“
„Nein“, antwortete Lucian zu schnell. „Sie wollte es einmal sein.“
Die Luft zwischen ihnen spannte sich, schwer von unausgesprochenen Dingen. Serena durchbrach sie schließlich.
„Was ist Elias, den ich gesehen habe? "Im Clearing?"
Lucians Blick verhärtete sich. „Nein. Das war Ronan, mein Späher. Die Ähnlichkeit mit deinem ehemaligen Gefährten ist … "Unglücklich."
Erleichterung und Enttäuschung mischten sich schmerzhaft in Serenas Brust. Ein Teil von ihr hatte gehofft …
„Vergiss Elias Storm“, sagte Lucian, der ihr die Gedanken vom Gesicht ablas. „Er hat dich abgelehnt. "Dich verstoßen.“
„Als hättest du anders gehandelt“, entgegnete Serena.
„Habe ich nicht“, stellte Lucian ruhig klar. „Ich habe deinen Wert erkannt.“
„Meinen Wert – meinst du. "Nicht mich.“
Etwas flackerte in Lucians Blick – Überraschung vielleicht, dass sie ihn so direkt herausforderte.
„Ruh dich aus“, sagte er schließlich. „Morgen beginnt dein Training.“
„Training wofür?“
„Um deinen Onyx Wolf zu kontrollieren“, sagte er. „Um zu verstehen, was du bist.“
Er wandte sich zum Gehen, hielt dann aber kurz inne.
„Heute Nacht findet die Mond Zeremonie statt. Du solltest teilnehmen – damit das Rudel sieht, dass du keine Angst hast.“
Nachdem Lucian gegangen war, durchsuchte Serena ihr neues Zimmer. Eine kleine Holztruhe enthielt mehr Kleidung, und ein poliertes Metallstück diente als Spiegel. Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, schien anders – schärfer, wilder, mit Schatten unter den Augen.
Sie berührte den Spiegel. „Wer bist du jetzt, Serena Vale?“
Später brachte Mira Essen – gebratenes Fleisch und Waldbeeren – und Neuigkeiten.
„Das Rudel spricht nur noch über dich“, sagte sie begeistert. „Manche glauben, du seist ein Zeichen der Mondgöttin. "Andere halten dich für ein böses Omen.“
„Und was denkst du?“, fragte Serena.
Miras Augen funkelten. „Ich denke, du bist das Interessanteste, was Nachtfang seit Jahren passiert ist.“
Als die Nacht hereinbrach, hörte man in der ganzen Höhle Trommeln. Mira kam zurück und führte Serena zur Sandzeremonie.
Die Hauptrichtung hatte sich verwandelt. Riesige Feuer loderten, warfen tanzende Schatten an den Berghang. Das gesamte Rudel war versammelt – fast hundert Wölfe in Menschengestalt, in zeremoniellen Leder und Fell.
Gespräche verstummten, als Serena näher kam. Sie hielt den Kopf hoch – Lucians Worte im Ohr: Zeig ihnen, dass du keine Angst hast.
Lucian stand auf einer erhöhten Steinplattform, in Schwarz gekleidet, silberne Symbole auf seine Brust gemalt. Neben ihm standen Dorian und Lyra, ähnlich verziert.
„Komm, rief Lucian und streckte eine Hand nach ihr aus.
Alle Blicke folgten ihr, während sie die Stufen hinaufstieg. Lucians Hand war warm, als er sie neben sich platzierte.
„Nightfang!“ Lucians Stimme hallte über die Lichtung. „Heute ehren wir den Mond, der uns Stärke schenkt. Und heute begrüßen wir eine neue Macht unter uns.“
Er legte eine Hand auf Serenas Schulter. „Der Onyxwolf wurde nicht zufällig zu uns geführt. "Die Mondgöttin hat sie aus einem Grund zu unserem Rudel geschickt.“
Unruhe ging durch die Menge. Serenas Haut prickelte unter Lyra’s giftigem Blick.
„Bald“, fuhr Lucian fort, „werden wir zurückholen, was uns gestohlen wurde. "Silver Ridge wird fallen, und Nightfang wird herrschen, wie es uns bestimmt ist.“
Jubel brach aus, Fäuste erhoben sich zum Himmel. Die rohe Gier nach Vergeltung erschreckte Serena. Was hat Silver Ridge ihnen angetan?
Die Zeremonie ging weiter, mit wilden Tänzen, gespenstischen Gesängen und ritualisierten Verwandlungen unter dem Mondlicht. Es war nichts wie Silver Ridges geordnete, formelle Feiern. Das hier war urtümlich, archaisch – näher an dem, was Werwölfe einst gewesen sein mochten.
Im Laufe der Nacht ließ sich Serena von der Energie mitreißen. Für Augenblicke vergaß sie, dass sie eine Außenseiterin war.
Später, erschöpft von den Eindrücken, zog sie sich an den Rand der Lichtung zurück. Sie blickte über den mond beschienenen Wald.
„Wunderschön, nicht wahr?“ sagte eine Stimme hinter ihr.
Serena wandte sich um – der Späher, den sie für Elias gehalten hatte, stand dort. Aus der Nähe war die Ähnlichkeit noch verblüffender, doch Ronans Gesicht war härter, gezeichnet von einer Narbe, die von der Schläfe bis zum Kiefer lief.
„Ja“, antwortete sie vorsichtig.
„Man sagt, du wirst Silver Ridge zerstören helfen“, sagte Ronan neutral. „Dein eigenes Rudel.“
„Sie waren nicht mehr mein Rudel, als sie versucht haben, mich zu töten.“
Ronan nickte langsam. „Verrat verändert uns. Härtet uns.“
Etwas in seinem Tonfall ließ Serena genauer hinsehen. „Du sprichst aus Erfahrung.“
Statt zu antworten, griff Ronan in seine Tasche und drückte ihr etwas in die Hand. „Wenn du klug bist, behältst du das für dich.“
Serena sah hinunter – ein kleiner Steinschnitzer: ein Wolf mit leuchtenden Augen, identisch mit der Zeichnung, die sie in der Höhle gesehen hatte, wo Lucian sie gefunden hatte.
„Was ist das?“, hauchte sie.
„Eine Warnung“, sagte Ronan. „Und ein Versprechen.“
Bevor sie mehr fragen konnte, löste er sich in den Schatten auf.
Vom anderen Ende der Lichtung aus beobachtete Lucian die Szene, seine bernsteinfarbenen Augen schmal vor Misstrauen. Neben ihm flüsterte Lyra ihm etwas zu, ihr Blick voller Gift, auf Serena gerichtet.
Serena hielt den kleinen Schnitzer fest in ihrer Hand. Sie erkannte, dass sie eine gefährliche Welt gegen eine andere eingetauscht hatte. Doch hier waren die Feinde zumindest leichter zu erkennen – oder glaubte sie.
Sie bemerkte nicht die Gestalt am Waldrand – einen Wolf mit vertrautem grauen Fell und Augen, in denen widersprüchliche Gefühle loderten.
Elias Storm hatte sie doch gefunden.