Kapitel 5: Gefährliches Heiligtum

1476 Words
Kapitel 5: Gefährliches Heiligtum „Wer ist die Jägerin?“, fragte Serena, ihre Stimme zitterte, als Lucian sie erneut aufhob. „Später“, knurrte er und setzte sich bereits in Bewegung, raste durch den Wald in einem Tempo, das für jemanden, der eine andere Person trug, unmöglich schien. „Jetzt laufen wir.“ Das ferne Heulen erklang erneut und jagte Serena einen Schauer über den Rücken. Was auch immer—oder wer auch immer—dieses Geräusch verursachte, war kein normaler Wolf. Selbst in ihrem erschöpften Zustand spürte sie die Falschheit darin. Lucian sprintete durch den mondbeschienenen Wald, sein Atem ruhig trotz ihres Tempos. Serena klammerte sich mit ihrem guten Arm an ihn und suchte zwischen den Bäumen nach Schatten, die auf Verfolger hindeuteten. Ihr gebrochener Arm pochte bei jedem ruckartigen Schritt, doch die Angst drängte den Schmerz in den Hintergrund. „Sie jagt Onyx-Wölfe“, sagte Lucian schließlich, seine Stimme tief, als sie in einer kleinen Lichtung inne hielten. „Seit Jahrzehnten. Niemand weiß, warum.“ „Aber Onyx-Wölfe sind selten“, flüsterte Serena. „Elder Thorne sagte, es seien seit Generationen keine mehr gesehen worden.“ Lucians Kiefer spannte sich. „Dein Elder Thorne ist entweder ein Lügner oder ein Narr. "Selten bedeutet nicht, dass er ausgestorben ist." Bevor Serena weitere Fragen stellen konnte, spannte Lucian sich an. Sein Kopf ruckte nach Osten, die Nüstern weit geöffnet. „Festhalten“, befahl er, dann schoss er in einen vollen Sprint. Der Wald verschwand um sie herum, als Lucian sich zu unmöglichen Geschwindigkeiten trieb. Äste peitschen vorbei, kratzen Serenas Haut. Das Heulen hinter ihnen wurde schwächer, doch Lucian verlangsamte nicht. Die Morgendämmerung färbte den Himmel rosa, als er endlich anhielt. Serenas Muskeln schmerzen davon, sich stundenlang an ihm festgehalten zu haben. Sie blickte sich um und sah nichts außer weiteren Bäumen und einem kleinen felsigen Vorsprung. „Wir sind nahe am Nightfang-Territorium“, sagte Lucian und setzte sie vorsichtig an einen Felsen. „Die Jägerin wird uns dort nicht folgen. Serenas Beine zitterten, als sie versuchte, selbst zu stehen. „Warum nicht?“ „Selbst sie fürchtet , ein ganzes Rudel anzugreifen.“ Lucians goldene Augen glitten prüfend durch den Wald. „Vor allem meines.“ Stolz färbte er seine Worte. Zum ersten Mal erkannte Serena, wie anders Lucian war als ihr Vater—als alle Wölfe von Silver Ridge. Etwas Wildes und Ungezähmtes umgab ihn, etwas, das seine eigenen Wurzeln vor Generationen abgelegt hatte. „Ruh dich aus“, sagte Lucian und wandte sich wieder ihr zu. „Bis zum Einbruch der Nacht erreichen wir mein Rudel.“ Serena zog seine Jacke enger um sich. Die Morgenluft war kalt, und ihr feuchtes Haar klebte noch immer an ihrem Gesicht. „Warum hilfst du mir?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte. „Ich sagte dir—du hast etwas, das ich will.“ „Meine Macht? "Macht, von der ich nicht einmal weiß, wie ich sie benutzen soll?“ Lucians Lippen verzogen sich zu einem halben Lächeln. „Du wirst es lernen. "Unter meiner Führung.“ Serena starrte ihn an, versuchte zu begreifen, wer dieser Wolf wirklich war, der ihr das Leben gerettet hatte, während er offen zugab, sie benutzen zu wollen. „Und was bekomme ich im Gegenzug?“, forderte sie heraus. „Du darfst leben.“ Lucian hockte sich vor sie, sein Gesicht auf einer Höhe mit ihrem. „Mehr als das—du wirst zu dem, was du sein solltest. "Nicht zu dem, was Silver Ridge aus dir machen wollte.“ Seine Worte trafen etwas tief in ihr. Ihr ganzes Leben lang hatte Serena den Regeln von Silver Ridge gefolgt, war darauf trainiert worden, die perfekte Luna für Elias zu sein. Sie hatte nie hinterfragt, ob das tatsächlich ihr Wunsch war. „Um es klar zu sagen“, fuhr Lucian fort. „Das ist ein Bündnis, keine Wohltat. Ich beschütze dich; du hilfst mir, Silver Ridge zu besiegen. "Ein fairer Austausch.“ „Besiegen? "Oder zerstören?", fragte Serena leise. Lucians Augen verhärteten sich. „Was immer nötig ist.“ Ein Bild schoss Serena in den Kopf—Elias’ Gesicht, verzerrt vor Abscheu, als er sich von ihrer Onyx-Gestalt zurückzog. Der Schmerz seiner Zurückweisung brannte noch immer. „Warum hasst du sie so sehr?“, fragte sie. Etwas Dunkles huschte über Lucians Gesicht. „Das ist meine Angelegenheit.“ Er stand abrupt auf und beendete das Gespräch. „Kannst du laufen? Wir müssen weiter.“ Serena stemmte sich hoch und verzog das Gesicht, als ein stechender Schmerz durch ihren gebrochenen Arm schoss. Lucian beobachtete ihr Ringen, ohne Hilfe anzubieten—ein Test, erkannte sie. Er wollte ihre Stärke sehen. Mit zusammengebissenen Zähnen machte Serena einen Schritt, dann noch einen. Ihre Beine wankten, doch sie hielten. „Gut“, nickte Lucian, und kurz darauf blitzte die Anerkennung in seinen Augen auf. „Du bist stärker, als du aussiehst.“ Sie gingen stundenlang schweigend weiter, Lucian passte sein Tempo an. Der Wald veränderte sich nach und nach—die Bäume wurden höher und dichter, das Unterholz wilder. Tierspuren ersetzten die breiteren Wege des Silver-Ridge-Gebiets. Am Nachmittag ließ Serenas Kraft nach. Sie stolperte häufiger, ihre Sicht verschwamm vor Erschöpfung. Ohne Vorwarnung blieb Lucian stehen und drehte sich zu ihr um. „Hier überqueren wir die Grenze“, sagte er. „Hinter diesem Grat liegt Nightfang-Land.“ Serena blickte voraus, sah aber kaum einen Unterschied in der Landschaft. „Woran erkennst du das?“ „Geruch“, Lucian tippte sich an die Nase. „Jedes Rudel hinterlässt seine Spuren.“ Er trat näher, musterte ihr blasses Gesicht und wie sie ihren gebrochenen Arm schützend hielt. „Du schaffst es nicht allein den Grat hinauf.“ Bevor sie protestieren konnte, hob er sie erneut hoch. Dieses Mal war Serena zu müde, um sich zu wehren. Als sie den Grat überquerten, erstreckte sich eine neue Landschaft vor ihnen. Anders als die gepflegten Wälder von Silver Ridge war dies wildes Land—uralte Bäume, die hoch hinauf strebten, Bäche, die sich in schroffen Linien durch felsigen Boden schnitten. „Das ist dein Territorium?“, fragte Serena, überrascht. „Enttäuscht?“, Lucians Stimme schimmerte vor Belustigung. „Es ist anders“, gab sie zu. „Unsere Ländereien sind…“ „Gezähmt“, beendete Lucian den Satz für sie. „Silver Ridge hat vergessen, was es heißt, ein Wolf zu sein. Sie leben wie Menschen, die gelegentlich Fell tragen.“ Seinen Worten lag Wahrheit zugrunde. Silver Ridge war stolz auf seine Zivilisation—ihr Hauptquartier glich eher einer kleinen Stadt mit richtigen Häusern und Läden. „Wo lebt dein Rudel?“, fragte Serena, da sie keinerlei Bauten sah. Lucian wies auf einen entfernten Berg. „Dort.“ Als sie den Hang hinunter stiegen, bemerkte Serena Bewegung zwischen den Bäumen—Schatten, die sich zwischen den Stämmen bewegten, wachsame Augen, die ihnen folgten. Nightfangspäher. „Sie sind neugierig auf dich“, sagte Lucian, als er ihre Anspannung bemerkte. „Sie haben noch nie einen Onyx-Wolf gesehen.“ „Werden sie mich akzeptieren?“, fragte Serena leise. „Sie tun, was ich befehle“, antwortete Lucian, der Ton unmissverständlich. Die Schatten wurden zahlreicher, je tiefer sie in das Nightfang-Territorium eindringen. Gelegentlich sah Serena Wölfe—größer und wilder als die aus Silver Ridge, mit dunkleren Fellen und kühneren Augen. Bei Sonnenuntergang erreichten sie den Fuß des Berges. Ein schmaler Pfad schlängelte sich hinauf, verschwand im Fels. „Mein Rudel lebt nicht in menschlichen Behausungen“, erklärte Lucian, während er sie den Pfad hinauftrug. „Wir haben Höhlen—natürliche und erweiterte—überall im Berg.“ Der Pfad öffnete sich plötzlich zu einer weiten Lichtung, die in die Bergseite gehauen war. Mehrere gewaltige Höhleneingänge durchzogen die Felswand, verbunden durch steinerne Wege und Holzbrücken. Lagerfeuer brannten in Feuerstellen und warfen warmes Licht über den Versammlungsplatz. Dutzende von Wölfen in menschlicher und Wolfsform bewegten sich über die Lichtung. Alles kam zum Stillstand, als Lucian mit Serena in den Armen in die Lichtung trat. „Der Alpha kehrt zurück!“, rief jemand. Wölfe versammelten sich um sie, ihre Blicke neugierig und misstrauisch. Serena spürte ihre Starren wie körperliche Berührungen—messend, urteilend. Eine große Frau mit auffälligem rotem Haar trat vor, ihre grünen Augen verengten sich, als sie Serena sah. „Was ist das, Lucian?“, forderte sie. „Du bist losgezogen, um Silver Ridge zu jagen, nicht um Streuner mitzubringen.“ „Achte auf deinen Ton, Lyra“, warnte Lucian kalt. „Das hier ist kein Streuner. Er setzte Serena vorsichtig ab, hielt jedoch eine stützende Hand an ihrem Rücken. Sie richtete sich so gut es ging auf—Schwäche zu zeigen wäre jetzt gefährlich. „Mein Rudel“, sagte Lucian zu den versammelten Wölfen, seine Stimme
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