Auf der Bühne fühlte sie sich gleichzeitig versteckt und bloßgestellt. Niemand fragte sie nach Leah. Niemand wusste, wie schwer es für sie war. Sie sahen einfach nur eine Show – und die hatte sie ihnen geliefert.
Plötzlich entdeckte Annie ein bekanntes Gesicht im Publikum.
Alex.
Er saß hinten, aber sie konnte ihn deutlich sehen. Und er war nicht allein. Ein Mädchen saß neben ihm. Er küsste sie, berührte sie, tat so, als wäre Annie nicht direkt neben ihm auf der Bühne. Als existiere sie nicht. Er wusste, dass Annie ihn sah. Er hörte nicht auf.
Annie war traurig. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn mit einem anderen Mädchen sah. Beim ersten Mal hatte sie versucht zu gehen und Schluss zu machen. Aber er weigerte sich. Stattdessen hatte er sie so brutal verprügelt wie nie zuvor.
Seitdem war sie aus Angst an ihn gebunden.
Annie hatte Alex in genau diesem Club kennengelernt. Damals war er charmant – er wartete immer nach ihren Schichten auf sie, brachte ihr Essen, begleitete sie nach Hause und brachte sie zum Lachen, wenn sie traurig war.
Er hörte zu, wenn es sonst niemand tat. Eine Zeit lang gab er ihr Geborgenheit in einer Welt, die ihr nie zuvor so viel Sicherheit geboten hatte.
Sie erinnerte sich noch genau an eine Nacht: Er überraschte sie an ihrem Geburtstag mit einer kleinen Halskette. Sie war nicht teuer, aber eine liebevolle Geste. Er sagte: „Du verdienst es, dich besonders zu fühlen, Annie. Egal, wo du bist.“ Sie hatte an diesem Abend so breit gelächelt.
Sie liebte ihn damals. Aufrichtig.
Doch nach und nach veränderten sich die Dinge. Die Zärtlichkeit verschwand. Geduld wich Wut. Er wurde lauter und handgreiflicher. Die Geschenke hörten auf, aber die Forderungen nicht.
Jetzt betrügt er offen, lügt ohne Scham und sieht ihr beim Tanzen zu, als wäre sie nur ein weiteres Mädchen auf der Bühne. Annie bewegte sich weiter, konzentrierte sich auf ihre Darbietung, aber ihr Geist war nicht ruhig. Alex' Worte hallten in ihrem Kopf wider: "Ich werde für dich zurückkommen." Die Drohung in seiner Stimme machte ihr immer noch mehr Angst. Sie wusste nicht, was er meinte. Aber sie wusste, wie weit er gehen konnte. Und wenn er wiederkommt, was wird er diesmal tun?
Als die Musik verklang und das Licht dunkler wurde, stürmte Annie von der Bühne. Sie wartete nicht auf Applaus. Sie ging einfach an den Vorhängen vorbei und aus dem Club, ihr Herz pochte. Draußen fühlte sich die Nachtluft schwer an. Sie wartete nicht herum.
Am Straßenrand hob sie schnell die Hände und rief ein vorbeirasendes Taxi. Der Fahrer verlangsamte, und sie stieg ein. Sie schloss die Tür und setzte sich auf den Sitz; Sie nannte die Adresse.
Das Taxi fuhr weiter, aber drinnen konnte Annie das Gefühl nicht abschütteln, dass ihr etwas folgte, selbst wenn es nur die Angst war. Annie starrte hinaus, aber sie sah eigentlich nichts. Ihr Spiegelbild blickte sie im Glas an: müde Augen und ihr zerknittertes Make-up.
Aber sie hatte recht. Hinter ihr in einem anderen Taxi folgte Alex ihr, die Augen nach vorne gerichtet, still und beobachtend.
Ihre Brust tut weh, aber nicht von der Darbietung. Es war etwas Tieferes als das. Alex. Wie er mit einem anderen Mädchen saß und sie küsste, als würde Annie nichts bedeuten. Sie war nur Teil der Show, keine Person.
Sie presste die Faust fest in den Schoß. Es war nicht immer so gewesen. Er lächelte sie immer an, wenn sie auftrat. Früher wartete er nach der Arbeit auf sie, um sie zu beschützen. Das war, bevor sich alles veränderte. Bevor er jemand anderes wurde und bevor sie aufhörte, sich selbst zu erkennen.
Das Taxi hielt vor ihrer Wohnung. Annie bezahlte schnell und trat hinaus in die Nacht. Die Kälte traf ihre Haut. Sie ging mit schweren Schritten die Treppe hinauf. In ihrem Zimmer empfängt sie die Stille. Annie schloss die Tür und legte sich müde auf ihr Bett. Ihr Make-up und ihr Stripperkleid sind immer noch an ihr. Ihr Körper schmerzte, und ihr Geist hörte nicht auf zu drehen. Wenigstens konnte sie hier atmen.
Doch die Stille hielt nicht an.
Plötzlich flog die Haustür auf. Annie sprang erschrocken aus ihrem Bett auf.
Alex trat ein, sein Gesicht brannte vor Wut. Er klopfte nicht an. Alex rief nicht an. Er tat es nie mehr. Er kommt einfach rein, als gehöre ihm der Laden.
"Du denkst, du kannst mich ignorieren, oder?" rief Alex. Seine Stimme vermischte sich mit Wut, als er auf sie zuging. Annie stand langsam auf, ihr Körper versteifte sich, und sie wich zurück. Je näher er kam, desto mehr zog sie sich zurück, ihr Herz pochte.
Langsam bewegte sie sich auf die Kommode neben ihrem Bett zu, ihre letzte Ecke, die Sackgasse. Es gab keinen anderen Ausweg. Doch Alex blieb nicht stehen; er kam immer näher, Schritt für Schritt, den Blick warnend auf sie gerichtet.
Annie prallte mit dem Rücken gegen die Wand, und ihre Hand griff nach hinten und umfasste den Griff ihrer Kommode.
„Ich habe vorhin an deine Tür geklopft. Du warst da. Du hast mich gehört, oder? Was hast du getan?“, bellte Alex, sein Blick verfinsterte sich.
Annie erstarrte, zitternd vor Angst. Ihr Mund öffnete sich einen Spalt, aber kein Wort kam heraus. Sie konnte nicht antworten; ihr Körper gehorchte ihr nicht. Sie hatte Angst; es stand ihr ins Gesicht geschrieben. Und Alex sah es. Er wusste, dass sie ihn draußen gehört und die Tür nicht geöffnet hatte.
Das machte ihn nur noch wütender.
„Du hast es gehört, oder?“, fuhr er sie an und packte plötzlich fest ihr Handgelenk.
Annie stieß einen leisen Schmerzlaut aus, aber sie schrie nicht. Sie begriff, dass es alles nur noch schlimmer machte.
„Bitte … lass mich los“, flüsterte sie. Er starrte sie lange an und atmete schwer. Seine Augen brannten noch immer vor Wut. Dann zog er sie wortlos näher an sich, sein Griff wurde fester.
Bevor sie reagieren konnte, stieß er sie zurück. Ihre Arme trafen den Glasbilderrahmen auf der Kommode – Annies und Leahs Foto.
Es fiel um, und der Glasfotorahmen zerschellte auf dem Boden. Das Papierfoto lag nun offen da. Auch Annie stürzte und schlug hart neben dem Rahmen auf dem Boden auf.
Als sie den zerbrochenen Rahmen sah, liefen ihr Tränen über die Wangen. Mit zitternden Händen griff sie nach dem Foto von sich und Leah. Scharfe Glassplitter schnitten ihr in die Finger, doch sie hielt nicht inne.
Alex stand wie erstarrt hinter ihr. Er sah das Blut, die Glasscherben und das Foto von ihr und Leah. Zum ersten Mal veränderte sich etwas in seinem Gesicht; der Zorn verflog.
„Ich wollte das nicht“, sagte er mit leicht zitternder Stimme. „Annie … es tut mir leid.“
Sie antwortete nicht, sondern hob den Fotorahmen weiter auf.
„Bitte“, sagte er, kniete sich neben sie und reichte ihr die Hand. „Lass mich dir helfen.“