(*)Liburne: schnelles und wendiges römisches Kriegsschiff mit ein oder zwei Ruderreihen, das auch an den Flussgrenzen des Reiches eingesetzt wurde.
Ich ziehe ihn zu mir herunter und küsse ihn. Doch seine Erwiderung ist nur halbherzig. Ich streichle ihn. Vielleicht kann ich ihn auf andere Gedanken bringen.
"Es wird Krieg geben."
Damit beantwortet er seine Frage von soeben selber.
"Komm schon! Hab mich lieb!!! Ich will, dass du mich nochmal fickst. Ich bin so gierig auf deinen steifen Schwanz. Besorg es mir so richtig, dass ich die ganze verdammte Welt für diesen einen Augenblick vergessen kann. Lass uns später über Politik reden. Über den Kampf, der uns vielleicht bevorsteht...... Lass uns stattdessen Freya (*) huldigen."
Er sieht mich traurig an. Leise antwortet er:
"Oh ja..... Das werden wir. Wir werden Freya zu Diensten sein, aber nicht auf die Weise wie du glaubst."
Er hat mich zurückgewiesen. Seltsam. Das ist doch sonst nicht seine Art. Einem geilen Fick mit der schönen Tochter des Königs war er doch sonst noch nie abgeneigt gewesen. Was ist bloß mit ihm los? Ich rücke etwas von ihm weg. Eine seltsame Spannung liegt in der Luft.
"Arleen...... Ich hatte einen Traum. Du konntest ihn eine Zeitlang verscheuchen. Mit deiner Liebe. Mit unserem Liebesspiel. Aber jetzt drücken mich die dunklen Schwaden wieder nieder. Ich spüre, wie sich das Unheil über unseren Köpfen zusammenballt."
Ich sage nichts. Man muss Träume ernst nehmen. Sehr ernst. Es wäre fahrlässig, sie auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn sie sind von den Göttern gesandt. Ich nicke ihm zu, fortzufahren. "Ich sah Blut..... Unheimlich viel Blut. Der große Strom färbte sich rot.
(*) Freya ist die germanische Göttin der Liebe und des Glücks, aber gleichzeitig als oberste Walküre auch eine Kriegsgöttin
In Thors Haus sammelt sich eine reiche Ernte. Unsere jungen Krieger werden fallen wie die Halme des Getreides unter den Sensen der Schnitter. Ich sah Tod und Leid. Und ich sah, wie sie die Adler der römischen Legionen über das Feld trugen. Über den Acker, auf dem unsere Krieger verbluteten."
"Bist du sicher?"
"Wie kannst du an der Botschaft der Götter zweifeln?"
"Ich....."
Mir stockt die Stimme. Ich bin wirklich kein Feigling und mache behaupten sogar, ich sei tollkühn im Kampf. Doch wie kann ich diese Warnung der Götter übersehen?
"Komm! Komm Ragnar!!! Bitte leg dich zu mir. Ich möchte dich spüren. Ich möchte wenigstens in deinen Armen liegen."
Wieder schweift sein Blick über meinen nackten Körper hinweg, doch immerhin lässt er sich neben mir auf das Lager sinken. Er berührt mich zärtlich, doch die Euphorie von vorhin will sich irgendwie nicht mehr einstellen. Das Kribbeln in meinen Unterleib. Es ist nicht mehr da. Ich weiß, dass er mir noch nicht alles erzählt hat.
"Ragnar......"
"Ja...."
"Wen hast Du gesehen? Auf dem Schlachtfeld?"
Er schluckt. Antwortet nicht.
"Sag es mir!"
"Arleen..... Ich habe dich gesehen mit einer Wunde an der Seite. Du warst verdreckt und blutüberströmt. Doch du hast gelebt. Es ist nicht deine Zeit, zu Thor heimgeholt zu werden. Ich habe auch deinen Vater gesehen. Du hast ihn in Sicherheit gebracht. Und auch dein Bruder wird nicht den Weg gehen müssen."
Mir klebt die Zunge am Gaumen fest. Ich will sie nicht stellen diese Frage. Doch ich muss.
"Und? Und was ist mit dir?"
"Ich gehe heim zu den Göttern. Thor heißt mich an der Schwelle seines Hauses willkommen. Doch ich habe viele von unseren Feinden mit ins Grab genommen. Darum kann ich dieses Schicksal akzeptieren. Ich war tapfer und nicht feige."
Ich weiß nicht was ich sagen soll. Kann ich gegen den Willen der Götter sprechen? Kann ich ihn überreden, in der kommenden Schlacht zu Hause zu bleiben? Auf keinen Fall. Er ist einer unserer tapfersten Krieger. Er würde es sich selber nicht verzeihen und er würde es auch mir nicht verzeihen, dass ich überhaupt einen solchen Gedanken gehabt habe.
"Vielleicht kann man die Götter besänftigen. Ein Opfer, das sie annehmen und dich stattdessen verschonen?"
"Nein Arleen. Ich will das nicht. Es werden Ströme von Blut fließen. Und es werden Ströme von Römerblut sein. Und dafür muss ein Preis bezahlt werden. Verstehst du?"
Ich nicke. Und doch bin ich traurig. Aber warum ist er sich so sicher, dass er sterben wird? Vielleicht kommt ja alles ganz anders. Doch tief in mir drin weiß ich, dass seine Vision auf welche Weise auch immer eintreten wird. Die Zeit, die ich mit ihm zusammen verbringen darf, ist endlich und sie nähert sich mit riesen Schritten dem Ende. So wie er sich sicher ist, dass er sterben wird, so bestimmt weiß ich es plötzlich auch. Aber kann das wirklich sein? Darf das wirklich geschehen? Ich kuschle mich ganz eng an ihn. Unsere von der Liebe schweißnassen Körper sind so erhitzt. So lebendig. Ich will einfach nicht glauben, dass das zu Ende sein könnte. Schon der Gedanke lässt mich zittern. Doch ich sollte mir nichts vormachen. Es sind die Götter, die unser Schicksal in der Hand haben und niemand kann ihm entgehen. Er nicht und auch ich nicht.
Germania Magna, im April 77 n.Chr.
Die Luft ist stickig und ich fühle mich nicht sonderlich wohl. Denn immer noch geht mir Ragnars düstere Vorahnung durch den Kopf. Vorne sitzt auf einem Podium Vangio, mein Vater, der oberste Häuptling der Markomannen. Obwohl hier rund vierzig Anführer und Unterführer versammelt sind, herrscht eine unheilvolle Ruhe in dem Langhaus. Eigentlich hätte ich als seine Tochter und Anführerin der Reiterei vorne bei ihm meinen Platz, doch ich ziehe es vor, bei meinen Männern zu sein. Niemand wagt es zu sprechen. Zu ernst ist die Lage. Denn die Entscheidung ist klar. Es geht um Krieg oder Frieden. Um nichts weniger als um die Zukunft der germanischen Stämme nördlich des großen Stroms. Schließlich erhebt sich Halvar, unser Druide. Ich weiß, dass er ein enger Vertrauter meines Vaters ist. Wenn nicht sogar der engste. Die beiden kennen sich schon seit vielen Jahren und immer wieder ist es ihnen gelungen, einerseits den Frieden zu bewahren und sich gleichzeitig gegen andere Stämme und sogar gegen die Klauen des römischen Adlers zu verteidigen. Er tritt in unsere Mitte. Schaut jedem von uns lange und intensiv in die Augen. Als ob er uns beschwören wolle und vielleicht tut er das ja auch. Irgendwie habe ich das Gefühl, als ob mit einem Mal die Temperatur um einige Grad fallen würde. Und dann beginnt er zu sprechen.
"König Vangio. Tapfere Krieger der Markomannen. Ihr alle wisst den Grund, warum wir uns hier versammelt haben. Die Provokationen des Lucius Severus haben jedes erträgliche Maß überschritten. Erst vor wenigen Tagen wurden wieder Dörfer überfallen. Die Ernte und die Häuser wurden vernichtet. Die Männer wurden getötet und die Frauen wurden bestialisch vergewaltigt. Die jungen und schönsten Mädchen wurden als Sklavinnen verschleppt. Und unsere Kinder warfen sie in den großen Strom. Wir können und dürfen diese Orgie des Hasses und der Gewalt nicht mehr länger zulassen. Wir müssen uns zur Wehr setzen."
Seine Stimme ist zum Ende hin laut und schrill geworden. Und er putscht uns mit seiner Rede weiter auf. Wir Krieger schlagen mit der Breitseite unserer gezückten Schwerter auf die Schilde. Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm, so dass Halvar Schwierigkeiten hat, sich verständlich zu machen. Endlich ebbt der Tumult ab, so dass er fortfahren kann. Er wirbelt herum und fixiert uns mit wildem Blick. Immer wieder schlägt er mit seinem Stab auf die Erde. Reckt ihn dann mit ausgestrecktem Arm in die Höhe.
"Wir fordern Vergeltung. Wir fordern Vergeltung für das Blut unserer Söhne und Töchter."
Wieder tobt die Versammlung. Und immer wieder stachelt der Schamane uns an. Ich kenne dieses Spiel zwischen Vater und ihm zur Genüge. Halvar bringt unser Blut zum Kochen und wir wären bereit, ihm bis ans Ende der Welt zu folgen. Mein Vater spielt dann die Rolle des Besonnen und so schaffen sie es immer wieder, die Krieger letztendlich auf ihre Seite zu bringen. Alle schauen nun auf den Häuptling. Doch dieser sitzt mit versteinerter Miene da und tut so, als ob ihn das alles nichts anginge. Schließlich stimmen die Krieger ein lautes „Vangio, Vangio“ Geschrei an und ich glaube, ich schreie am lautesten von allen. Vater lässt uns alle noch ein wenig zappeln. Schließlich erhebt er sich und hebt die Arme. Gebieterisch fordert er Gehör. Er wartet, bis auch der Letzte verstummt ist.
"Unser Druide hat weise gesprochen. Wir dürfen die Angriffe der Römer nicht mehr länger hinnehmen. Wir müssen dem Ganzen Einhalt gebieten. Doch wie können wir Erfolg haben? Ihr alle wisst, dass wir es an Tapferkeit ohne Probleme mit den feigen Römern aufnehmen können. Wenn sie nur über unbewaffnete Bauern herfallen, dann sind sie tapfer. Doch wenn ihnen germanische Krieger gegenüberstehen, dann rutscht ihnen ihr Herz in die Hose. Haben sie es schon vergessen, wie es Varus erging, als er uns Germanen herausforderte? Ihre Knochen vermodern noch immer im Staub und Dreck des Teutoburger Walds. Doch wir müssen besonnen sein. Wir müssen uns in Geduld üben. Und wir müssen listig sein. Wir müssen Bündnisse knüpfen. Nur dann werden wir uns mit den Römern und ihrer Kriegsmaschinerie messen können. Vergesst das nicht. Die Römer sind ein gewaltiger Feind. Ein überaus großer Gegner. Wenn wir sie herausfordern, dann geht es um Leben und Tod. Wir müssen also Zeit gewinnen. Zeit, um uns zu rüsten. Zeit um unsere germanischen Brüder der Lugier und Hermunduren auf unsere Seite zu ziehen. Denn nur gemeinsam können wir sie besiegen."
In der Halle wird es unruhig. Die Männer sind nicht ganz mit den Worten ihres Häuptlings einverstanden. Auch in mir grummelt es. Ich kann es nicht akzeptieren. Möchte es so nicht stehen lassen. Ich trete in die Mitte der Versammlung.
"Ich bin Arleen, die Kriegerin. Ich befehlige unsere Reiterei. Darf ich sprechen?"
Ich lege großen Wert darauf, nicht als Tochter des Häuptlings das Wort zu ergreifen, sondern als eine Kämpferin, die sich durch ihre Taten eine gewisse Stellung erworben hat und die darum auch das Recht hat, hier aufzutreten und ihre Meinung zu vertreten. Mein Vater nickt.
"Sprich Arleen....."
Ich wirble herum. Meine Muskeln sind gespannt. Die Tricks, die unser Druide drauf hat, die kann ich auch. Die Männer achten mich. Sie bewundern mich. Wegen meiner Stärke und Schönheit. Wegen meiner Gerissenheit. Ja....... Manche fürchten mich sogar und das nicht nur wegen meiner losen Zunge. Viele nicken mir aufmunternd zu. So als wollten sie mir sagen: „Ja, Arleen...... Sprich für uns! Für uns alle.“ Meine Stimme ist ganz ruhig und gefasst:
"Ihr wisst es alle. Jeder einzelne von Euch. Ihr habt einige von jenen gekannt, über deren Schicksal ich jetzt berichten muss. Sie haben uns ihre Waren feil geboten. Ihr Getreide. Ihre Keramik, die sie mit geschickten Händen selbst hergestellt haben. Ich habe sie gesehen. Ein letztes Mal...... Ich war auf einer Patrouille. Vor etwa einem halben Mond. Flussabwärts. In Richtung der Römerstadt Carnuntum auf der anderen Seite des großen Stroms. Ich habe die Liburnen der Römer auf dem Fluss gesehen. Wie Raubvögel krochen sie über das Wasser. Getrieben von ihren Ruderern schnellten sie dahin. Unheilvoll. Und ich sah den Rauch am Himmel. Bei den Göttern!! Ich ahnte sofort etwas Schlimmes und meine Männer können es bezeugen. Wir ritten so schnell wir konnten, doch wir kamen zu spät. Wie unser Druide geschildert hat.... Die Felder standen in Flammen und das Dorf war gebrandschatzt. Doch das war nicht das schlimmste. Denn niemand in dem Dorf war mehr am Leben.“
Bislang habe ich in einem ruhigen und fast schon einschläfernden Ton gesprochen. Plötzlich schreie ich laut auf:
"NIEMAND!!!!!! Versteht Ihr? Niemand war mehr am Leben!! Sie haben sogar dem Vieh die Bäuche aufgeschlitzt und die Hunde und Katzen getötet. Es war kein Leben mehr im Dorf. Wir saßen von unseren Pferden ab und gingen hinein. Und fanden sie alle tot. Die Alten! Die Männer! Die Frauen! Die Kinder. Alle waren sie tot. Die meisten starben mit einem Pfeil im Rücken. Hinterhältig erschossen oder erschlagen, als sie sich in Sicherheit bringen wollten. Wir reden hier nicht von Kriegern. Nein.... Wir reden von harmlosen Bauern und ihren Familien. Manche haben sie grausam getötet. Manche waren gespickt mit Pfeilen. Und viele der Frauen waren nackt. Man hat sie missbraucht. Immer und immer wieder!!! Und dann hat man sie weggeworfen wie ein Stück Dreck. Man hat sie verrecken lassen. Und da reden wir von Verhandlungen? Von Verhandlungen mit diesen Meuchelmördern. Das einzige was diese Leute verstehen, ist eine scharfe Klinge und ein spitzer Pfeil. Ich sage Krieg. Krieg den Römern!!!!! Nur ein toter Römer ist ein guter Römer!!!!!"