Der Lärm und die Zustimmung zu meiner Rede ist ohrenbetäubend. Nur ganz ganz langsam wird es leiser. Mein Vater ist aufgestanden und zu mir herangetreten.
"Meine Tochter....... Arleen...... Du hast recht und deine Wut....... Eure Wut ist verständlich. Doch wir müssen Zeit gewinnen. Wir sind noch nicht stark genug."
Ich unterbreche ihn. Nur ich darf das wagen. Manchmal ist es eben doch ein Vorteil, wenn man die Tochter des Häuptlings ist.
"Vater?"
"Sprich Arleen....."
"Seit Lucius Severus der neue Statthalter von Pannonien ist, hat sich alles geändert. Mit Marius Coreolanus konnte man reden. Zumindest manchmal. Mit diesem Severus nicht. Er versteht nur die Sprache der Gewalt."
"Und doch bleibt uns zunächst nichts anderes übrig. Wir müssen Bündnisse schmieden. Wir müssen mit unseren Brüdern sprechen. Wir brauchen Verbündete, um die Römer besiegen zu können. Denn es ist nicht damit getan, die eine oder andere Centurie (*) zu besiegen. Wir müssen uns früher oder später ihren Legionen (*1) stellen."
Er lässt das im Raum hängen. Wir alle wissen um die Schlagkraft der Römer. Grenzscharmützel sind das eine. Richtiger Krieg ist das andere. Aber haben wir denn eine Wahl? Ich blicke mich erneut um. Ich spreche nicht nur meinen Vater an, nein..... Die ganze Versammlung!
"Aber wir müssen diesem Lucius Severus klarmachen, dass wir uns seine ständigen Provokationen nicht mehr gefallen lassen. Wir müssen zurückschlagen. Wir müssen ihm klarmachen, dass es eine Grenze gibt, die nicht ständig überschritten werden darf."
"Und was löst Du damit aus? Du hast es vorhin selber gesagt. Lucius Severus ist aus einem anderen Holz geschnitzt als der bisherige Statthalter. Er ist aggressiv. Er dürstet nach Blut. Das ist unser Problem. Wir kennen ihn nicht. Wir müssen herausfinden, was er denkt. Wer seine Berater sind. Ob wir ihn beeinflussen können. Denn sei gewiss, Arleen. Ein Kampf gegen Rom birgt immer ein enormes Risiko. Sie sind stark. Und ein kleiner Sieg gegen sie könnte eine gewaltige Reaktion hervorrufen. Eine Woge, die uns mitreißt und die uns am Ende verschlingt. Ich sage es noch einmal. Wir sind alleine nicht stark genug, um es mit den Legionen aufzunehmen. Wir brauchen die Lugier und die Hermunduren als unsere Verbündeten."
Ich spucke aus. Meine Verachtung für unsere Stammesbrüder ist eindeutig.
(*) Eine Centurie war ein Bestandteil einer römischen Legion und umfasste 80 - 100 Legionäre. Sie wurde von einem Centurion angeführt
(*1) Eine römische Legion war ein selbstständig operierender militärischer Großverband. Sie umfasste bis zu 6000 Soldaten.
"Vater..... Du weißt es doch!!"
Wieder wirble ich herum. Heische nach Zustimmung.
"Ihr alle wisst es doch!! Die Lugier und die Hermunduren sind Feiglinge. Sie sind Krämerseelen! Sie sind keine Krieger wie wir und sie werden uns am Ende verkaufen."
"Du bist so temperamentvoll, meine Tochter. Das ist das Privileg der Jugend. Doch wir brauchen nun ruhiges Blut, um diese Situation zu meistern. Darum habe ich beschlossen, Unterhändler zu den anderen Stämmen zu schicken. Und wir werden ferner eine Abordnung nach Carnuntum zu den Römern schicken und du Arleen wirst diese Abordnung anführen."
Mir bleibt fast die Luft weg. Ich.... soll...... mit......diesem..... Schlächter..... Lucius Severus...... verhandeln??????????? Ich kann das nicht brüsk zurückweisen. Auch wenn er mein Vater ist. Genau deshalb kann ich es nicht. Ich schulde ihm nicht nur Gehorsam als seine Tochter. Ich schulde ihm auch als Truppenführer dem Häuptling gegenüber Gehorsam. Ich schlucke noch einmal.
"Vater!! Du kannst mir das nicht antun."
"Doch. Du bist am besten für diese Aufgabe geeignet."
"Nein. Das bin ich nicht!!! Ich.... Ich hasse diesen Lucius Severus!!!"
"Du hast ihn doch noch gar nicht kennen gelernt."
"Das muss ich auch nicht. Er ist ein Römer!! Ein Mörder!! Seine Taten sprechen für ihn. Das reicht."
"Und doch musst du gehen. Denn Du bist eine unserer besten Truppenführerinnen. Das erfüllt mich mit großem Stolz. Und du bist auch meine Tochter. Du wirst ihm in beiden Funktionen von gleich zu gleich gegenübertreten können. Ihr werdet Euch auf Augenhöhe begegnen. Und das ist sehr wichtig. Dazu bist du schlau. Wir benötigen so viele Informationen, wie du nur bekommen kannst. Ihre Truppenstärke. Ihre Anführer. Was sie vorhaben. Denn mach dir nichts vor, Arleen.... Mit diesen Überfällen wird ein bestimmtes Ziel verfolgt. Es geschieht nichts grundlos. Wir müssen herausbekommen, was die Römer planen. Halte deine Augen und Ohren offen. Und dann berichte mir. Es ist wichtig. Es ist die wichtigste Mission von allen."
Ich lasse die Schultern sinken. Von seiner Schmeichelei lasse ich mich nicht täuschen. Vermutlich hat er ja recht. Ich muss auf die Zunge beißen. Ja, ich muss es tun. Ich schulde ihm den Gehorsam als Tochter und Krieger.
"Wer soll mich begleiten?"
"Nimm Ragnar mit. Er ist ein Kämpfer, wie er im Buche steht. Zu ihm hast du ja außerdem ein besonderes Vertrauensverhältnis."
Er zwinkert mir zu. Das ist also das Zuckerstück, das er mir verabreicht. Mein Liebhaber soll beziehungsweise darf mich auf meiner Mission begleiten.
"Auch Deine Dienerin Odarike wird in deinem Gefolge sein. Außerdem Frowin und Gernot aus meiner persönlichen Leibgarde."
Ich kenne die beiden. Sie sind überaus zuverlässige Krieger. Ich werde eine wehrhafte Begleitung haben. Nicht dass ich Angst vor den Römern hätte. Verachtung. Ja, das ist das bessere Wort. Aber keine Angst. Ich werde mich in die Höhle des Löwen begeben. Es ist eine Himmelfahrtsmission. Es kann genauso gut sein, dass sie mich gefangen nehmen und als Spionin hinrichten. Denn etwas anderes bin ich ja auch nicht. Nein. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich werde zu kämpfen wissen und ich werde auch zu sterben wissen, wenn es denn sein soll. Die Götter haben mein Schicksal in ihrer Hand. Ich brauche keine weitere Bedenkzeit.
"Wann soll ich aufbrechen?"
"Sobald du kannst. Denke daran, dass wir uns in einem Mond zum großen Kriegsrat versammeln. Deine Informationen werden sehr wichtig für uns sein."
Mit diesen Beschlüssen löst sich die Versammlung auf. Ich gehe mit Ragnar nach draußen. Ein leichter Nieselregen empfängt uns. Das passt jetzt genau zu meiner Stimmung. Ich soll zu den Römern gehen. Ausgerechnet ich. Ich wende mich an Ragnar.
"Und? Was meinst du? ist das klug?"
"Hmmmm............ Ja. Ich denke schon. Denn die Römer schon jetzt und ohne jeden Rückhalt mit Krieg zu überziehen, wird eine heftige Reaktion hervorrufen. Da hat dein Vater recht. Wir sind noch nicht bereit. Wir müssen die Stämme vereinigen. Nur dann können wir den Römern klarmachen, dass der große Strom die Grenze ist, die sie nicht überschreiten dürfen. Denn in dieser Hinsicht hast du recht. Sie verstehen nur die Sprache der Gewalt und das Gesetz des Stärkeren."
"Aber ausgerechnet ich? Bin ich wirklich die richtige Abgesandte unseres Volkes?"
Er zieht mich zu sich heran. Küsst mich. Die Wärme seines Körpers zu spüren tut mir gut.
"Oh ja.... Du bist besser geeignet als jeder andere. Du bist der Schrecken der Römer durch deine Taten und du bist die Tochter des Königs der Markomannen. Dein Vater hat absolut recht. Sie müssen dich ernst nehmen. Du kannst besser für uns sprechen als jeder andere."
Ich stoße ihn in die Rippen.
"Du alter Schmeichler. Du möchtest mir doch nur die ungeliebte Aufgabe schmackhaft machen. Gib es doch zu. Die Aussicht, mit mir einige Zeit allein sein zu können, lässt dich so reden."
Statt einer Antwort grinst er mich nur an. Ich habe aber noch einen Einwand.
"Denk an Odarike!"
Wenn sie dabei ist, dann sind heimliche Schäferstündchen mit ihm vielleicht nicht ganz so leicht. Eigentlich ist sie meine Dienerin, aber in Wirklichkeit ist sie meine Freundin. Sie ist etwa gleich alt wie ich, sehr schlank und sie hat tiefschwarzes langes Haar. Odarike ist wirklich eine schöne Frau und ich habe mich schon öfters gefragt, wie ihre weiblichen Formen wohl unter dem Kittel aussehen. Doch die Liebe zwischen zwei Frauen ist in unserer Gesellschaft nicht erlaubt. Zumal ich ja auch Ragnar habe und er sicherlich einige Einwände hätte. Aber offensichtlich ist das in ihrer Heimat kein Tabu, denn sie hatte mir in der Vergangenheit bereits mehrfach gewisse Andeutungen gemacht. Sie stammt aus der römischen Provinz Thrakien und wurde dort bereits als Kind versklavt. Sie ging durch mehrere Hände, bis sie schließlich ein Fernkaufmann zu uns gebracht hat. Ich habe sie als meine Dienerin gekauft, doch mittlerweile ist sie zu einer Vertrauten geworden. Und ich bin froh, dass ich sie bei meinem Auftrag dabei haben werde. Ragnar grinst mich immer noch so seltsam an und fragt dann ganz scheinheilig nach:
„Was soll mit Odarike sein?“
„Na, wird sie nicht deine Pläne einer trauten Zweisamkeit stören?“
„Phhhh…..Glaubst du, ich würde mich von einer Dienerin abhalten lassen, mit dir Liebe zu machen?“
Ich zucke mit den Achseln.
„Weiß nicht. Vielleicht schon.“
Jetzt ist er es, der ein wenig verblüfft ist. Diese Offenheit scheint ihn zu stören. Nach einiger Zeit sagt er:
„Tja……. Wahrscheinlich ist es besser, wenn wir uns auf unsere Aufgabe konzentrieren. Findest du nicht?“
„Kommt gar nicht in Frage. Schließlich brauche ich ab und an auch ein wenig Entspannung. Und wenn du absolut keine Lust hast, vielleicht sollte ich mich doch einmal von ihr vernaschen lassen. "
Er lacht. Schüttelt ungläubig den Kopf. Er weiß, dass man mir allerhand verrückte Dinge zutrauen kann. Aber s*x mit einer Frau? Sein Lachen bricht ab, als ich dann fortfahre.
"Abgesehen davon. Vielleicht sollten wir sie ja fragen, ob sie mitmachen möchte."
So ganz ernst gemeint habe ich das natürlich nicht. Er schaut mich erst ganz entgeistert an, doch dann meint er mit einem Augenzwinkern, dass er doch ganz locker uns zu zweit schaffen würde. Wir schäkern und scherzen auf diese Weise noch eine ganze Zeitlang und die bösen Schatten scheinen verschwunden zu sein.
Doch dann wird er plötzlich wieder ernst und schaut in die Nacht. So als ob urplötzlich ein Vorhang gefallen wäre. Ich drehe sein Gesicht zu mir her. Diese plötzlichen Stimmungswechsel machen mir Angst.
"Was ist? Denkst Du wieder an Deine Vision? Du hast ja bei der Versammlung gar nichts darüber gesagt."
„Nein..... Habe ich nicht. Weißt du denn nicht mehr, wie das Ende aussah?“
„Ja verdammt nochmal. Ich weiß, wie du das Ende vorhergesagt hast. Tod. Tod und nochmal Tod. Und die römischen Adler werden in unsere Erde eingerammt. In die Erde, die mit unserem Blut getränkt ist.“
Er wischt mir die regennassen Haare aus dem Gesicht und ich fröstle. Sein Blick durchbohrt mich. Die Götter müssen sich irren. Es kann gar nicht anders sein. Doch wenn ich ihm in die Augen schaue, dann weiß ich, dass es unvermeidlich sein wird. Ich bin mir sicher, dass er in dem kommenden Kampf das größte Getümmel suchen wird, um dort seinem Schicksal zu begegnen. Ich schüttle den Kopf, um die dunklen Wolken zu vertreiben. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um ihn zu beschützen. Um ihn aus den Klauen des Schicksals zu reißen. Aber jetzt. Jetzt brauche ich etwas anderes. Ich nehme ihn an der Hand.
"Komm...... Du bist so trübsinnig. Ich glaube, ich weiß ein Mittel, um dir die üblen Gedanken zu vertreiben."
Am Danubius, im Mai 77 n.Chr.
Unser kleiner Trupp reitet am Flussufer entlang. Es ist eine zwei Tagesreise von unserer Siedlung, bis man Carnuntum erreicht hat. Ich war schon des Öfteren hier. Nur immer ganz kurz auf einer unserer Patrouillen den Fluss entlang. Und es ist jedes Mal wieder ein imposanter Anblick, der sich uns bietet. Ich befehle, am Flussufer ein Lager aufzuschlagen. Genauso, dass man uns von der Festung aus genau sehen kann. Wir werden warten. Warten bis die Hölle einfriert, wenn es sein muss. Warten auf die verdammten Römer. Während hinter mir meine Kameraden den Befehl ausführen, lasse ich mich am Ufer nieder. Starre hinüber zu den hohen Mauern und zu dem mächtigen Nord Tor. Vielleicht hat mein Vater Recht. Wir müssen genau wissen, mit wem wir uns da anlegen wollen. Da steht das mächtige Kastell, daneben der Palast des Statthalters und gleich dahinter sind die Gebäude der Stadt zu sehen. Sogar an den äußersten Grenzen ihres Reiches haben die Römer ihre Städte gebaut. Mit allen Annehmlichkeiten. Mit all dem, was sie kultiviert nennen. Die Thermen. Die Amphitheater. Die Villen. So nahe an der Stadt kann man die Kraft und die Macht des römischen Reiches spüren. Sie förmlich riechen. Ich höre Schritte hinter mir. Ragnar. Ich schaue zu ihm hoch.