Abgewiesen am Tor-1b

849 Words
Ich wich erneut zurück, und die Musik verstummte. Das Lachen verstummte. Das Tor schloss sich. Und ich war draußen. Allein. Eine Weile stand ich einfach nur da und beobachtete, wie das rote Licht an den Palastmauern flackerte. Meine Brust fühlte sich zu eng an. Meine Augen brannten, aber ich weigerte mich zu weinen. Nicht hier. Nicht vor ihnen. Ein Paar ging an mir vorbei, als es hineinging. Die Frau musterte mich von oben bis unten, ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das nicht freundlich war. „Falsche Farbe, Liebes. Hättest die Einladung lesen sollen.“ Ihr Begleiter kicherte. „Sie hätte auch als Geist kommen können.“ Ihr Lachen folgte ihnen wie Parfüm. Ich biss mir so fest auf die Innenseite der Wange, dass ich Blut schmeckte. Als die Schlange dünner wurde, entfernte ich mich vom Tor und ging den von Hecken gesäumten Seitenweg entlang. Der Lärm wurde leiser, während ich ging, aber die Demütigung blieb, heiß und lebendig unter meiner Haut. Meine Finger zitterten, als ich sie an meine Brust presste. „Du gehörst nicht hierher.“ Die Worte hallten nach, ein grausames Wiegenlied, das mich nicht losließ. Vielleicht hatten sie recht. Vielleicht gehörte ich wirklich nicht hierher. Nicht zu ihnen. Nicht zu Matthias. Nicht einmal zu mir selbst. Ich erreichte die Ecke des Palastes, wo das Licht schwächer wurde und die Luft kühler. Die Marmorwand leuchtete schwach im Mondlicht, glatt und kalt unter meiner Handfläche. Ich lehnte mich dagegen und schloss die Augen. Dann hörte ich es – eine Stimme, leise und amüsiert. „Schwierige Nacht?“ Ich riss die Augen auf. Ein Mann lehnte im Schatten an der Gebäudeecke. Ich hatte ihn vorher nicht bemerkt. Er war nicht wie die Wachen oder die Gäste gekleidet. Seine Jacke war rot, aber dunkler – fast blutrot – und sein Hemd darunter war schwarz, der Kragen nur so weit geöffnet, dass ein goldener Schimmer an seinem Hals zu sehen war. Er nahm einen Zug von etwas, das leicht süßlich roch, und stieß eine kleine Rauchwolke aus, die im Licht schimmerte. Seine Stimme war sanft und gelassen, die Art von Stimme, die zu jemandem gehörte, der nie zweimal fragen musste. Ich richtete mich auf. „Wer sind Sie?“ Er lächelte und trat aus der Dunkelheit. Sein Haar war blass – silbern, fast weiß – und seine Augen glänzten wie Glas. „Niemand Wichtiges“, sagte er. „Du sahst aus, als ob du gleich weinen würdest.“ „War ich nicht.“ Er neigte den Kopf. „Gut. Tränen schaden den Augen. Besonders Augen wie deinen.“ Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. „Man sagt so etwas nicht zu Fremden.“ „Dann lass uns keine Fremden mehr sein.“ Er schnippte den letzten Rest seiner Zigarette weg. „Ich bin Claude.“ Sein Name glitt ihm wie einstudiert über die Lippen. Gefährlich. „Dove“, sagte ich, bevor ich mich beherrschen konnte. Er lächelte wieder. „Dove. Passt.“ „Warum?“ „Weil du aussiehst wie etwas Weiches, das sich in eine Wolfshöhle verirrt hat.“ Ich schluckte schwer. „Sie haben mich nicht reingelassen.“ „Ich habe es gesehen.“ Sein Blick wanderte langsam und gemächlich nach unten. „Sie lassen nur dann Schönheit herein, wenn sie ihnen gefällt.“ „Das ist nicht fair“, murmelte ich. „Nichts in dieser Stadt ist fair.“ Seine Augen funkelten. „Aber Fairness ist sowieso langweilig.“ Ich antwortete nicht. Er trat näher, seine Stimme wurde leiser. „Sag mir, Dove, was hast du dir hier drinnen erhofft?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich ehrlich. „Etwas anderes. Etwas Echtes.“ Claude lachte leise. „Du bist hier wirklich falsch, Liebes.“ „Warum bist du dann hier?“ Er blickte an mir vorbei zu den leuchtenden Fenstern. „Um die Leute beim Verstellen zu beobachten“, sagte er. „Und um zu sehen, wer nicht dazugehört.“ „So wie ich.“ „Genau wie du.“ Einen Moment lang schwiegen wir beide. Die Nacht drückte sich näher, das ferne Lachen wie der Herzschlag einer anderen Welt. Claudes Blick verweilte auf meinem Kleid. „Du passt nicht zum Thema.“ „Ist mir aufgefallen.“ „Aber es ist mutig. Hierherzukommen, als wäre man unschuldig.“ „Ich bin nicht unschuldig.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Nein“, sagte er leise. „Du bist neugierig. Das ist schlimmer.“ Er drehte sich um und schob eine kleine Seitentür auf, die ich vorher nicht gesehen hatte, halb im Schatten verborgen. Warmes Licht strömte heraus und trug den Duft von Wein und Musik mit sich. „Was machst du da?“, fragte ich. Er hielt die Tür auf und sah mich an. „Ich bringe uns rein.“ Ich erstarrte. „Du kannst nicht – sie haben gesagt –“ „Sie haben gesagt, *du* kannst nicht.“ Seine Stimme war jetzt samtweich, dunkel und schmeichelnd. „Sie haben nichts über mich gesagt.“ „Warum würdest du mir helfen?“
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