Schwestern und Geheimnisse-1a

911 Words
Der Geruch von Butter und Pfeffer füllte unsere kleine Küche wie ein Geheimnis, das nicht leise bleiben wollte. Ich drückte meine Handfläche gegen den heißen Pfannengriff und drehte das Steak um. Es zischte, als wollte es mir etwas erzählen. Die Haustür knallte auf, und kalte Luft kam mit meiner Schwester herein. „Dovey!“ Edens Stimme hatte dieses leichte, helle Klingen, das selbst den Winter warm machen konnte. Sie schüttelte ihren Mantel aus und hängte ihn neben meinen. Ihre Wangen waren vom Nachtwind rosig. „Du bist spät,“ sagte ich und stupste das brutzelnde Fleisch. „Dein Teller ist im Ofen.“ „Gott segne dich.“ Sie küsste meine Wange. Sie roch nach Regen. „Ich dachte, ich erfriere auf dem Weg nach Hause.“ „Dann trag vielleicht nächstes Mal einen Schal.“ Sie lachte, weich und trotzig. „Und wer würde dann den Ausschnitt dieses Shirts sehen, das ich extra gebügelt habe?“ „Du hast gebügelt?“ Ich drehte mich zu ihr um und tat überrascht. „Eden, soll ich Vater anrufen? Die Welt geht vielleicht unter.“ „Halt die Klappe,“ sagte sie lächelnd und zog ihren Teller aus dem Ofen. Die Hitze strich über ihr Gesicht, und sie seufzte. „Oh, das riecht sündhaft gut.“ „Sag dieses Wort nicht hier. Die Wände könnten es Vater petzen.“ Eden verdrehte die Augen und setzte sich an unseren kleinen runden Tisch. Das Kerzenlicht spielte über ihre Sommersprossen und machte sie weicher, als sie je zugeben würde. Ich stellte die Pfanne ab und setzte mich zu ihr. Einen Moment lang hörte man nur das Klirren des Bestecks und das leise Summen des Windes draußen. Dann sah sie auf, ihre Augen scharf. „Du hast noch nicht gegessen?“ „Gleich.“ Ich nahm einen Schluck Wasser und wich ihrem Blick aus. „Du bist still,“ sagte sie. „Ist was auf der Arbeit passiert?“ Ich zuckte mit den Schultern, als würde es mich nicht treffen. „Nur… dieselbe Wäsche. Dasselbe Seifenwasser. Dasselbe alles.“ „Hmm.“ Sie kaute langsam. „Ich hab gehört, Matthias war heute schlecht gelaunt.“ Das Messer glitt mir aus der Hand. Ich fing es auf, bevor es auf den Boden fiel, aber mein Herz tat es nicht. Eden bemerkte nichts; sie blätterte bereits in der Zeitung auf dem Tisch. „Oh, sieh mal hier,“ sagte sie und zeigte auf einen Artikel. „Alpha Varians jährliche Party. Die Stadt dreht wieder durch.“ Der Name *Alpha Varian* drehte sich in meinem Bauch wie ein Knoten. Ich versuchte, beiläufig zu klingen. „Ist das heute Abend?“ Sie nickte. „Ja. Laut Zeitung ist es für alle offen, aber das stimmt nie. Man muss… zum Thema passen oder so.“ „Was ist das Thema?“ „Rot und Schwarz. Natürlich.“ Sie schnaufte. „Als ob dieser Mann andere Farben kennt.“ Ihre Stimme tropfte vor Urteil. Sie kannte ihn nicht einmal, und trotzdem sagte sie seinen Namen, als wäre er schmutzig. Ich lehnte mich näher, interessiert an meinen Kartoffeln. „Du klingst wie Vater.“ „Gut. Irgendwer muss hier seine Seele behalten.“ „Und du?“ „Ich halte meine sauber, indem ich nicht im Tempel von Varians Sünde anbete,“ sagte sie und grinste. „Du solltest sehen, was die Leute auf seinen Partys tun. Dreck, Dovey. Reiner Dreck.“ Ich drückte die Gabel tiefer in die Kartoffeln, als ich wollte. „Du warst noch nie dort.“ „Ich hab genug gehört.“ Dann sah sie mich an, ihr Blick scharf. „Sag nicht, du bist neugierig.“ „Bin ich nicht,“ sagte ich zu schnell. Eden legte den Kopf schief. „Doch. Du hast wieder diesen Blick.“ „Welchen Blick?“ „Den Blick, der sagt: *Ich tue so, als wäre ich brav, aber mit meinem Herzen bin ich schon halb im Ärger.*“ Ich lachte, aber irgendetwas in mir tat weh. „Entspann dich,“ sagte ich und nestelte am Tellerrand. „Ich werde heute Abend nicht mit Teufeln tanzen.“ „Gut,“ sagte sie und aß weiter. „Wenn Vater hören würde, dass du irgendwohin schleichst… Er würde dich lebendig häuten.“ Ihre Warnung hing schwer in der Luft. Für einen Moment sah ich Vaters Gesicht vor mir—streng, müde, manchmal freundlich. Er glaubte an Regeln wie an Gebete. Aber was, wenn ich das nicht tat? Eden muss den Gedanken in meinem Gesicht gesehen haben. „Dove,“ sagte sie weicher. „Fang nicht damit an.“ „Womit?“ „Mit diesem unruhigen Blick. Der endet immer damit, dass du im Regen stehst und auf etwas wartest, das nie kommt.“ Ich lächelte schwach. „Du redest wie eine alte Frau.“ „Ich fühle mich manchmal wie eine.“ Sie lachte und lehnte sich zurück. „Du hast wenigstens noch Hoffnung. Meine verlor ich, als Vater mich schwören ließ, in diesem Haus zu bleiben, bis ich heirate.“ „Das war, weil du gesagt hast, du willst ausziehen.“ „Werde ich auch.“ Sie wischte einen Krümel ab. „Warte nur. Ich finde eine Wohnung in der Stadt. Vielleicht beim Bahnhof. Ich arbeite nachts, lebe nach meinen Regeln. Ich bleibe nicht für immer hier.“ Ihre Stimme klang nach Freiheit. Einer Freiheit, die ich nur träumen konnte. „Und Vater?“ fragte ich. „Er kann nicht alleine hier wohnen.“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD