Eden seufzte. „Er hat dich.“ Die Worte trafen mich wie ein kalter Schlag.
Ich starrte auf meinen Teller. „Du tust so, als wäre ich gefangen.“
„Bist du nicht?“ Unser Blick traf sich. Es war nicht böse gemeint, aber es tat weh. Sie blätterte hastig weiter. „Sieh dir das Bild an,“ sagte sie. „Dieser Palast—diese Lichter! Lächerlich.“ Die Zeichnung zeigte das große weiße Herrenhaus auf dem Hügel, beleuchtet von roten und goldenen Strahlen. Leute in Kleidern und Anzügen standen auf den Stufen wie Feuerfliegen im Licht.
Etwas in mir pochte. „Was, wenn es nicht lächerlich ist?“ flüsterte ich. „Was, wenn es… Freiheit ist?“ Eden blinzelte überrascht und entsetzt zugleich. „Freiheit? Dove, das ist nur Ausschweifung mit Parfüm darüber.“ „Vielleicht sind Lügen besser als Käfige.“ „Nicht, wenn der Käfig dich schützt.
Wir schwiegen. Die Kerze flackerte. Schatten wanderten über ihr Gesicht. Sie sah sicher aus, aber ich kannte ihre Risse—weil ich dieselben hatte. „Du glaubst, du weißt alles,“ sagte ich leise. „Und du glaubst, Rebellion steht dir,“ sagte sie zurück. „Tut sie nicht.“
Ich lachte unter meinem Atem, nur um nicht zu weinen. Draußen drückte der Wind gegen das Fenster, als wollte er hinein. Ich fragte mich, wie die Stadt jetzt aussah—wie die Lichter des Palastes sich auf einer Haut anfühlten.
Eden stand auf. „Vater kommt bald. Du solltest die Pfanne spülen.“
„Mach ich.“
„Dovey?“
„Ja?“
Ihre Stimme war weich. „Geh nicht in die Gefahr, nur weil dir langweilig ist.“ „Mir ist nicht langweilig,“ sagte ich—eine klare Lüge. Die Tür ging auf. Vater trat ein. Schultern müde, Augen schwer. Sein Mantel roch nach Erde und Rauch. „Abend, Mädchen,“ sagte er. „Es riecht gut.“
„Dove hat gekocht,“ sagte Eden. „Steak mit Kräutern.“ Vater lächelte schwach zu mir. „Deine Mutter hat sowas früher gemacht.“ Ich nickte, mein Herz eng. „Iss, bevor es kalt wird.“ Wir saßen zusammen und taten so, als wäre das genug. Taten so, als wären die Risse nur Schatten des Kerzenlichts.
Er fragte nicht nach meiner Arbeit, und ich erzählte nicht, dass ich Matthias abgewiesen hatte… dass mir sein Berühren inzwischen Angst machte. Nach dem Essen ging Eden ins Bad. Vater blieb kurz sitzen. „Du bist ruhig, Dove.“
„Mir geht’s gut.“
„Du denkst doch nicht daran, deine Arbeit zu kündigen?“
„Nein, Vater.“ Er wirkte erleichtert. „Gut. Es ist eine stabile Stelle. Du hast Glück.“
„Glück,“ wiederholte ich leise. Als er ins Schlafzimmer ging, blieb ich im Esszimmer sitzen. Das Wachstöpfchen brannte fast herunter. Ich sah zur Zeitung. Die Überschrift glänzte im letzten Licht: **ALPHA VARIANS JÄHRLICHE SOIRÉE — OFFENE EINLADUNG AN ALLE PACKS.**
Offene Einladung. Die Worte kribbelten in meiner Brust. Ich stand auf. Vielleicht würde ich nur schauen. Nur vor den Toren stehen. Nur sehen, wie es aussieht, wenn man frei ist. Ich schlich den Flur entlang. Vater schnarchte leise. Eden schlief im Bett, weich eingerollt. Ihr Haar lag wie Seide.
Ich strich eine Strähne weg. „Schlaf gut,“ flüsterte ich. Dann ging ich zum Kleiderschrank. Hinten hing das alte rosenfarbene Kleid meiner Mutter. Kein Rot, aber vielleicht nah genug. Ich hielt es vor mich. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte ich mich lebendig.
Ich schlich zur Haustür.
Und dann—
Ein Klopfen.
Drei harte Schläge.
Ich erstarrte.
Keiner kam um diese Uhrzeit.
Das Klopfen kam wieder—langsam, absichtlich. Dann eine tiefe Stimme durch das Holz, glatt wie Rauch:
„Dove?“
Mein Herz hörte fast auf.
Es war nicht Vater. Nicht Eden.
Es war **Matthias.**