Die Lampe brannte niedrig, ein kleiner goldener Mond zwischen unseren Betten. Ich lag still da, starrte an die Decke und zählte die Risse, bis sie sich in Sternbilder verwandelten.
Eden saß wieder am Spiegel, ihre Finger glitten durch ihr langes, helles Haar und zogen es zu einem Zopf. Sie sah mich nicht an.
„Du kämmst dieselbe Strähne jetzt seit zehn Minuten,“ sagte ich leise.
Sie lächelte in den Spiegel. „Ich mag das Geräusch.“
„Es ist das Geräusch von Eitelkeit.“
„Es ist das Geräusch von Frieden,“ murmelte sie. „Du solltest es mal probieren.“
Ich rollte mich auf die Seite und stützte meinen Kopf auf meinen Arm. „Du strahlst. Das bedeutet meistens Ärger.“
Ihre Hand stoppte mitten im Zopf. „Und warum sagst du das?“
„Weil ich dich kenne,“ sagte ich. „Und du lächelst nur so, wenn du gleich etwas tust, was du nicht tun solltest.“
Eden blickte durch den Spiegel zu mir. In ihren Augen glitzerte etwas, als wäre sie schon woanders. „Vielleicht tue ich das.“
„Wie heißt er?“
Sie lachte leise. „Warum denkst du immer, es gibt einen *er*?“
„Weil du deine Haare nur für jemanden flechtest.“
Sie drehte sich auf ihrem Stuhl, eine Braue gehoben. „Und du stellst nur Fragen, wenn du eifersüchtig bist.“
„Ich bin nicht eifersüchtig,“ sagte ich, obwohl ich die Hitze in meiner Stimme hörte.
Sie grinste. „Du klingst eifersüchtig.“
„Eden—“
„Entspann dich, Dovey.“ Sie stand auf und schlüpfte in ihren dünnen Schal. „Ich renne nicht weg. Ich treffe nur jemanden.“
„Wen?“
„Jemanden, der mich vergessen lässt, wie es ist, unter Vaters Regeln zu leben,“ sagte sie. „Jemanden, dem egal ist, zu welchem Pack ich gehöre.“
Ich setzte mich schnell auf. „Er ist nicht von hier?“
„Schau mich nicht so an.“
„Eden, wenn Vater das herausfindet—“
„Wird er nicht.“ Sie lächelte und strich mit ihren Fingern über meine Wange. „Er schläft wie ein Stein nach seinen Abendgebeten.“
„Trotzdem—“
„Trotzdem nichts.“ Ihre Stimme wurde weich. „Mach dir keine Sorgen, Dovey. Ich bin zurück, bevor die Sonne aufgeht.“
Ich wollte weiterreden, aber sie hatte schon einen Stiefel an.
„Wo triffst du ihn?“
„In der Stadt,“ sagte sie und schnürte den zweiten.
Mein Herz sank. „Die Stadt? Eden, das ist hinter der Grenze.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Grenzen sind nur Zäune, die Leute gebaut haben, um zu tun, als würden sie Dinge besitzen.“
Ich starrte sie an — halb bewundernd, halb voller Angst. „Du hast den Verstand verloren.“
„Vielleicht.“ Sie griff nach der Tür, ihre Stimme tief. „Aber vielleicht ist das der einzige Weg, frei zu sein.“
Ich betrachtete ihre Silhouette im Türrahmen — der Zopf, der ihren Rücken hinunterfiel, der Schal, der von ihrer Schulter glitt.
„Eden,“ flüsterte ich.
Sie drehte sich um.
„Pass auf dich auf.“
Sie lächelte — dieses weiche, geheime Lächeln, das immer bedeutete, dass sie mir nicht alles sagte. „Immer.“
Dann war sie weg.
Die Tür schloss sich mit einem leisen Seufzer.
Lange hörte ich nur — das Atmen des Hauses, die Nacht, die sich über die Hügel legte.
Ich dachte, ich würde mich besser fühlen, wenn sie fort war. Stattdessen lag die Stille auf meiner Brust wie unsichtbare Hände.
Ich sah zu ihrem leeren Bett, zu der kleinen Delle im Kissen. Eden machte Rebellion so leicht — wie Lachen, wie Tanzen.
Mein Blick glitt zu der Zeitung auf ihrem Tisch. Die Überschrift glänzte im Lampenlicht:
**ALPHA VARIANS NACHT DER BEGIERDE — DAS EREIGNIS DES JAHRES.**
Mein Puls sprang an.
Vaters Stimme hallte in meinem Kopf — *Du gehörst hierhin, Dove. Du gehörst zu diesem Pack.*
Matthias’ Stimme folgte — *Er ist Gift, Liebling. Fall nicht auf seine Tricks rein.*
Vielleicht hatten beide recht. Vielleicht war das genau der Grund, warum ich gehen musste.
Ich warf die Decke zurück, meine Füße kühl auf den Bodenbrettern. Die Lampe flackerte wie eine Warnung, aber ich ignorierte sie.
Ich schlich zum Kleiderschrank, öffnete ihn langsam, damit er nicht knarrte. Drinnen hingen einfache Kleider — grau, langweilig, staubig.
Bis auf eines.
Das rosafarbene Kleid.
Ich berührte den Stoff. Er fühlte sich an wie Erinnerung — weich und traurig, wie ein Lied, das ich früher gesungen hatte, bevor ich wusste, was Herzschmerz ist.
Ich zog es an. Die Spitze flüsterte über meine Haut. Es saß enger als früher. Vielleicht, weil ich nicht mehr das Mädchen von damals war.
Im Spiegel sah ich… falsch aus. Die Farbe war zu süß, zu weich. Aber es war mir egal.
Ich bürstete mein Haar und ließ es offen fallen. Für einmal wollte ich, dass die Nacht mich sieht.
Der Flur knarrte unter meinen Schritten. Vaters Tür war geschlossen, sein Schnarchen tief. Es hätte mich aufhalten sollen. Tat es aber nicht.
Ich erreichte die Haustür und hielt den Atem an, die Hand am Riegel. Mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, es könnte ihn wecken.