Dann hörte ich ein Geräusch im Flur hinter mir.
Schritte.
Ich wirbelte herum. Aber dort war nichts. Nur Schatten. „Eden?“ flüsterte ich. Keine Antwort. Mein Puls raste. Vielleicht war es nur das Haus. Vielleicht auch nicht. Der Wind heulte draußen leise und zog an der Tür. Ich atmete tief ein und trat hinaus.
Die Nacht schloss sich um mich wie ein Geheimnis. Die Luft roch nach Regen, Kiefer und etwas Elektrischem. Der Mond hing tief, bleich und rund. Der Hügel fiel zur Stadt hinab, ein rotes Glühen pulsierte in der Ferne wie ein Herzschlag. Ich zog den Schal enger und ging los.
Jeder Schritt fühlte sich an wie ein Versprechen, das ich nicht zurücknehmen konnte. Am Bach glitzerte das Wasser wie Silber. Es flüsterte über die Steine.
„Du bist verrückt,“ sagte ich zu mir selbst. „Völlig verrückt.“ Aber ich lächelte dabei. Ich ging weiter. Auf halber Höhe hörte ich etwas — ein Lachen. Das Lachen einer Frau, leicht und verspielt. Es kam aus den Bäumen links von mir.
Ich erstarrte.
Dann traten zwei Gestalten hervor — ein Mann und eine Frau, dicht nebeneinander. Ihr Arm berührte seinen. Sie sah vertraut aus.
„Eden?“ rief ich leise.
Sie blieb stehen.
Ihre Augen wurden groß. „Dove?“
„Was machst du hier?“ fragte ich, kaum hörbar. Sie sah den Mann an, dann mich. „Du solltest nicht hier sein.“ „Du auch nicht.“ Der Mann grinste. Seine Augen waren silbern unter dem Mond. „Familientreffen?“ „Halt den Mund,“ murmelte Eden.
Sein Grinsen wurde breiter. „Du hast mir nicht gesagt, dass deine Schwester mutig ist.“ „Ich bin nicht mutig,“ sagte ich schnell. „Nur verloren.“ Er legte den Kopf schief. „Dann bist du perfekt für die Stadt.“ Etwas an seiner Stimme prickelte über meine Haut — glatt, geübt, gefährlich. Eden trat näher, ihre Worte scharf. „Geh nach Hause, Dovey. Bitte. Du weißt nicht, wohin du läufst.“
„Das könnte ich dir genauso sagen,“ flüsterte ich. „Wer ist er?“ Sie zögerte. „Nur jemand, der den Weg kennt.“
„Den Weg wohin?“
Das Lächeln des Mannes vertiefte sich. „Zur Party natürlich.“ Mein Atem stockte. „Du gehst zu Varians Party?“ Eden zuckte, als hätte ich einen Fluch ausgesprochen. „Nicht so laut.“
„Eden—“
„Ich erklär das nicht hier,“ fauchte sie. „Geh nach Hause.“
„Nein.“ Das Wort hing zwischen uns wie ein Gewicht. Edens Schultern sanken. „Du machst das immer. Du wartest, bis ich springe, und dann springst du hinterher.“ „Vielleicht will ich nur nicht zurückgelassen werden.“ Sie starrte mich lange an. Dann seufzte sie. „Na gut. Aber beschwer dich später nicht.“
Der Mann lachte leise. „Zwei Schwestern. Wie poetisch.“ Eden funkelte ihn an. „Halt die Klappe und geh.“ Er zuckte die Schultern und ging voran. Eden folgte ihm. Und ich folgte ihr. Der Luft wurde wärmer, wilder, als wir die unsichtbare Grenze überschritten. Man sah sie nicht, aber man *fühlte* sie.
Auf der Brücke drehte Eden sich zu mir. „Wenn jemand fragt, kennen wir uns nicht. Verstanden?“
„Warum?“
„Weil ich dich nicht in meinen Ärger reinziehe,“ sagte sie. „Du hast deine Wahl getroffen. Aber du wirst mir später danken, wenn keiner weiß, dass wir Schwestern sind.“ Ich sagte nichts. Ich nickte nur. Der Mann führte uns durch enge Straßen voller Laternenlicht. Die Stadt lebte, selbst zu dieser Stunde — Lachen, Musik, Stimmen überall.
Eden lief dicht neben ihm, flüsterte ihm etwas zu. Ich blieb ein paar Schritte dahinter, tat so, als bemerkte ich nicht, wie seine Hand ihren Rücken streifte. Nach einer Weile bog er in eine Seitenstraße ab. „Ihr findet den Weg von hier,“ sagte er. „Ich habe noch Geschäfte.“
Eden packte sein Handgelenk. „Du hast versprochen—“ Er beugte sich vor, küsste ihre Wange. „Später, Schönheit.“ Dann verschwand er in der Dunkelheit. Eden starrte ihm nach. „Bastard,“ murmelte sie.
„Du vertraust ihm?“ fragte ich.
„Hab ich das gesagt?“ Sie zog ihren Schal hoch. „Komm. Der Palast ist da vorne.“ Wir erreichten das Straßenende — und da stand er. Der Hügel aus Licht. Der Palast ragte auf wie ein Traum. Weißer Stein, von roten Laternen bestrahlt. Musik pulsierte in der Luft — tief, warm, wie ein Herzschlag.
Meine Lippen wurden trocken.
Eden sah mich lange an. „Letzte Chance umzukehren.“
Ich schüttelte den Kopf. „Du zuerst.“ Sie lachte. „Ich wusste, du sagst das.“ Wir stiegen den Hügel hinauf. Je näher wir kamen, desto lauter wurde die Musik — Lachen, Stimmen, Trommeln. Leute in Schwarz und Rot standen an den Toren. Wachen kontrollierten Einladungen, schickten manche fort, ließen andere rein. Eden blieb am Rand stehen. „Wir können nicht zusammen rein,“ flüsterte sie. „Sie würden es merken.“
„Und du?“
„Ich finde einen anderen Weg,“ sagte sie. „Tu ich immer.“
Ich betrachtete sie — meine wilde, furchtlose Schwester — und wollte ihr alles sagen, was ich nie konnte. Aber die Worte blieben stecken.
„Pass auf dich auf,“ sagte ich. Sie lächelte, trat zurück in die Schatten. „Du auch, Dovey.“ Und wieder verschwand sie. Ich wandte mich zum Tor. Die Menge drängte vorwärts, die Stimmen wurden eins. Ein Wächter stellte sich vor mich. „Einladung?“
„Ich—ich habe keine,“ stotterte ich.
Er runzelte die Stirn. „Dann gehörst du nicht hierher.“
Er drehte sich weg.
Doch eine Stimme schnitt durch den Lärm.
„Sie ist bei mir.“
Der Wächter hielt inne.
Ich drehte mich — und sah ihn.
Einen Mann im scharlachroten Mantel, sein silbernes Haar glänzte im Laternenlicht. Seine Augen waren hell, scharf, kalt.
Er lächelte — langsam, wissend.
„Lasst sie durch,“ sagte er.
Der Wächter trat sofort zur Seite.
Ich starrte den Fremden an. „Warum—“
Er streckte mir die Hand hin. Seine Handfläche offen. „Weil du wie Ärger aussiehst,“ sagte er ruhig. „Und Ärger gehört nach drinnen.“ Meine Finger zitterten, als ich seine Hand nahm. Seine Berührung war heiß — nicht schmerzhaft, aber lebendig. Er führte mich durch die Tore. Die Welt hinter mir wurde still. Die Musik verschlang uns.
Die Palasttüren standen offen und warfen goldenes Licht über die Marmorstufen. Der Duft, die Wärme, die Stimmen — alles wirbelte um mich herum. Ich hob den Blick — und für einen kurzen Moment sah ich ihn. Eine Gestalt auf dem Balkon. Hoch, dunkel, still.
Seine Augen fingen das Licht ein. Und selbst aus dieser Entfernung brannten sie. Edens Warnung hallte in meinem Kopf — *Du weißt nicht, wohin du gehst.* Und vielleicht hatte sie recht. Denn als ich nochmal hinsah, war die Gestalt verschwunden.
Aber das Gefühl blieb — scharf, elektrisch, hungrig.
Wie jemand, der mich schon gesehen hatte.
Und nicht vorhatte, mich gehen zu lassen.