Heimlich hinausschleichen-1b

842 Words
Matthias' Stimme folgte: *Er ist Gift, Liebes. Fall nicht auf seine Tricks herein.* Vielleicht hatten sie beide recht. Vielleicht war das genau der Grund, warum ich gehen musste. Ich schwang die Beine aus dem Bett, meine Füße waren kalt auf den Dielen. Die Lampe flackerte, als wollte sie mich warnen, aber ich ignorierte sie. Ich ging zum Kleiderschrank und öffnete ihn langsam, damit die Scharniere nicht quietschten. Darin hingen schlichte Kleider – alle grau und staubig. Bis auf eines. Das rosafarbene Kleid. Ich berührte den Stoff. Er fühlte sich an wie eine Erinnerung – weich und traurig, wie ein Lied, das ich früher summte, bevor ich wusste, was Liebeskummer ist. Ich schlüpfte hinein, die Spitze strich sanft über meine Haut. Es saß enger als in meiner Erinnerung. Vielleicht, weil ich nicht mehr dasselbe Mädchen war, das es zuletzt getragen hatte. Im Spiegel sah ich … falsch aus. Die Farbe war zu süß, zu zart. Aber das war mir egal. Ich bürstete mein Haar und ließ es offen fallen. Diesmal wollte ich, dass die Nacht mich sah. Der Boden knarrte, als ich den Flur entlangschlich. Vaters Tür war geschlossen, sein Schnarchen gleichmäßig und tief. Das Geräusch hätte mich aufhalten sollen. Tat es aber nicht. Ich erreichte die Haustür und blieb stehen, die Hand am Riegel. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich dachte, ich könnte ihn wecken. Dann hörte ich es – ein leises Geräusch aus dem Flur hinter mir. Schritte. Ich drehte mich schnell um. Aber der Flur war leer. Nur Schatten. „Eden?“, flüsterte ich. Keine Antwort. Mein Puls beschleunigte sich. Vielleicht setzte sich das Haus nur. Vielleicht auch nicht. Draußen heulte der Wind leise und rüttelte an der Tür. Ich holte tief Luft und trat hinaus. Die Nacht umhüllte mich wie ein Geheimnis. Die Luft roch nach Regen, Kiefern und etwas Elektrischem. Der Mond hing tief, blass und geschwollen. Der Hügel fiel sanft zur Stadt hinab, sein schwaches rotes Leuchten pulsierte in der Ferne wie ein Herzschlag. Ich zog meinen Schal enger und ging los. Jeder Schritt fühlte sich an wie ein Versprechen, das ich nicht zurücknehmen konnte. Der Pfad schlängelte sich am Bach entlang. Das Wasser glitzerte silbern und plätscherte leise über die Steine. „Du bist verrückt“, sagte ich zu mir. „Völlig verrückt.“ Doch die Worte klangen lächelnd. Ich ging weiter. Auf halbem Weg den Hügel hinunter hörte ich etwas – Lachen. Ein Frauenlachen, hell und neckisch. Es kam aus den Bäumen zu meiner Linken. Ich erstarrte. Dann tauchten zwei Gestalten auf – ein Mann und eine Frau, dicht beieinander. Ihr Arm streifte seinen. Sie kam mir bekannt vor. „Eden?“, zischte ich. Sie blieb stehen. Ihre Augen trafen meine, weit aufgerissen und erschrocken. „Dove?“ „Was machst du hier?“, fragte ich kaum hörbar. Sie sah den Mann neben sich an, dann wieder mich. „Du solltest nicht hier sein.“ „Du auch nicht.“ Der Mann grinste. Seine Augen waren scharf, ein seltsames Silber im Mondlicht. „Familientreffen?“ „Halt den Mund“, murmelte Eden. Sein Grinsen wurde breiter. „Du hast mir nicht erzählt, dass deine Schwester mutig ist.“ „Ich bin nicht mutig“, sagte ich schnell. „Ich habe mich nur verlaufen.“ Er neigte den Kopf. „Dann bist du perfekt für die Stadt.“ Irgendetwas an seiner Stimme ließ mich erschaudern – glatt, geübt, gefährlich. Eden trat näher, ihr Flüstern war eindringlich. „Geh nach Hause, Dovey. Bitte. Du ahnst nicht, worauf du dich einlässt.“ „Das könnte ich dir auch sagen“, sagte ich. „Wer ist er?“ Sie zögerte. „Nur jemand, der den Weg kennt.“ „Den Weg wohin?“ Das Lächeln des Mannes wurde breiter. „Zur Party, natürlich.“ Mir stockte der Atem. „Du gehst zu Varian?“ Eden zuckte zusammen, als hätte ich einen Fluch ausgesprochen. „Sei leise.“ „Eden –“ „Das erkläre ich hier nicht“, fuhr sie ihn an. „Geh nach Hause.“ „Nein.“ Das Wort hing schwer zwischen uns, schwerer als die Nacht. Edens Schultern sanken. „Das machst du immer. Du wartest, bis ich springe, und dann folgst du mir.“ „Vielleicht will ich einfach nicht zurückbleiben.“ Sie starrte mich lange an. Dann seufzte sie und schüttelte den Kopf. „Na gut. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.“ Der Mann kicherte leise. „Zwei Schwestern. Wie poetisch.“ Eden warf ihm einen Blick zu. „Halt den Mund und geh.“ Er zuckte mit den Achseln und ging den Pfad entlang. Eden folgte ihm, und ich auch. Die Luft wurde stickiger, als wir uns der Grenze näherten – dieser unsichtbaren Linie, die Matthias’ Land von Varians trennte. Sie war nicht markiert, aber man konnte sie *fühlen*. Die Luft veränderte sich, irgendwie wärmer. Wilder. Eden wandte sich mir zu, als wir die Brücke überquert hatten. „Falls jemand fragt: Wir kennen uns nicht. Verstanden?“ „Warum?“
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