„Weil ich dich nicht in meinen Schlamassel hineinziehen will“, sagte sie. „Du hast deine Wahl getroffen, aber du wirst mir später noch dankbar sein, wenn niemand weiß, dass wir Schwestern sind.“
Ich widersprach nicht. Ich nickte nur.
Der Mann führte uns durch enge Gassen, die im schwachen Licht von Laternen schimmerten. Die Stadt war selbst um diese Uhrzeit noch voller Leben – Lachen drang aus offenen Türen, Musik zog wie Rauch herüber.
Eden ging dicht neben dem Mann her und flüsterte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Ich folgte ihm und tat so, als bemerkte ich nicht, wie seine Hand ihren Rücken streifte.
Nach einer Weile bog er in eine Seitenstraße ein. „Du findest von hier aus schon den Weg“, sagte er mit sanfter Stimme. „Ich muss los.“
Eden packte sein Handgelenk. „Du hast versprochen …“
Er beugte sich vor und küsste ihre Wange. „Später, Schöne.“ Dann verschwand er in der Dunkelheit, nur das Geräusch seiner Stiefel verhallte wie ein Echo.
Eden starrte ihm nach und murmelte dann: „Mistkerl.“
„Vertraust du ihm?“, fragte ich.
„Das habe ich nicht gesagt“, sagte sie und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Komm schon. Der Palast ist dort drüben.“
Wir erreichten das Ende der Straße, und da war er – ein Hügel, der in Licht getaucht war.
Der Palast erhob sich wie ein Traum, weißes Gestein, das rot von den Laternen an seinen Toren schimmerte. Die Musik pulsierte in der Luft – leise, gleichmäßig, wie ein Herzschlag, zu dem man tanzen konnte.
Mein Mund wurde trocken.
Eden sah mich an, ihr Gesichtsausdruck war undurchschaubar. „Letzte Chance umzukehren.“
Ich schüttelte den Kopf. „Du zuerst.“
Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Ich wusste, dass du das sagen würdest.“
Wir stiegen gemeinsam den Hügel hinauf. Je näher wir kamen, desto lauter wurde die Musik – Streicher, Trommeln und Lachen vermischten sich zu einem schwindelerregenden Klangteppich.
Menschen in Schwarz und Rot säumten die Tore und glitzerten im Fackelschein. Wachen kontrollierten die Einladungen, wiesen einige ab und ließen andere durch.
Eden blieb am Rand der Menge stehen. „Wir können nicht zusammen hineingehen“, flüsterte sie. „Sie werden es merken.“
„Und du?“
„Ich finde einen anderen Weg“, sagte sie. „Das tue ich immer.“
Ich sah sie an – meine wilde, furchtlose Schwester – und wollte ihr alles sagen, was ich ihr nie sagen konnte. Aber die Worte blieben mir im Halse stecken.
„Pass auf dich auf“, sagte ich stattdessen.
Sie lächelte und trat zurück in den Schatten. „Du auch, Dovey.“
Und dann war sie wieder verschwunden.
Ich wandte mich den Toren zu. Die Menge drängte vorwärts, die Stimmen verschmolzen zu einem endlosen Summen.
Ein Wächter hielt mich an. „Einladung?“
„Ich – ich habe keine“, stammelte ich.
Er runzelte die Stirn. „Dann gehörst du nicht hierher.“
Er wandte sich ab.
Doch in diesem Moment durchdrang eine Stimme den Lärm.
„Sie ist mit mir.“
Der Wächter erstarrte.
Ich drehte mich um – und sah ihn.
Ein Mann in einer purpurroten Jacke stand ein paar Schritte entfernt, sein silbernes Haar glänzte im Laternenlicht. Seine Augen waren hell, scharf, kalt.
Er lächelte, langsam und wissend.
„Lasst sie durch“, sagte er.
Der Wächter trat sofort beiseite.
Ich starrte den Fremden an. „Warum würdet Ihr –“
Er streckte mir die Hand entgegen, die Handfläche offen. „Weil du Ärger verheißt“, sagte er leise. „Und Ärger gehört nach drinnen.“
Meine Finger zitterten, als ich meine Hand in seine legte. Seine Berührung brannte, nicht schmerzhaft, sondern lebendig.
Er führte mich durch die Tore, die Welt hinter mir verschwand in Stille.
Musik umhüllte uns ganz.
Die Palasttore ragten vor uns auf und warfen goldenes Licht auf die Marmorstufen. Der Klang, der Duft, die Hitze – alles umhüllte mich, schwindlig.
Ich blickte auf, und für einen Herzschlag glaubte ich, eine Gestalt auf dem Balkon zu sehen – groß, dunkelhaarig und regungslos.
Seine Augen fingen das Licht ein, und selbst aus dieser Entfernung brannten sie.
Edens Warnung hallte in meinem Kopf wider: *Du ahnst nicht, worauf du dich einlässt.*
Und vielleicht hatte sie recht.
Denn als ich wieder hinsah, war die Gestalt verschwunden.
Aber das Gefühl blieb – scharf, elektrisierend, gierig.
Als hätte mich jemand schon gesehen.
Und nicht vor, mich gehen zu lassen.