Vera vergaß in Johnneys Nähe für einen flüchtigen Moment all das Chaos der letzten Tage. Er trug ihre Bücher, während sie gemeinsam durch den Flur schlenderten. Seine breite, majestätische Gestalt verlieh ihm eine Aura von Stärke und Schutz, die Vera unwillkürlich faszinierte. Seine Gegenwart war wie ein Schild gegen die düsteren Ahnungen, die sie seit geraumer Zeit quälten. Sie wusste nicht, woher das tief sitzende Vertrauen stammte, aber seine Nähe linderte ihre innere Unruhe.
Einige Mitschüler warfen ihnen neugierige und missgunstvolles Blicke zu. Nancy, die Schul-Cheerleaderin, bedachte Vera mit einem giftigen Funkeln, als sie die beiden zusammen sah. Vera verspürte einen kleinen Triumpf, doch dieses Gefühl verflog schlagartig, als Sarah am Ende des Ganges auftauchte.
Sarahs Gesicht war ernst. Sie trat an Vera heran und packte sie am Arm. „Wir müssen Philip helfen“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme.
Vera wich überrascht einen Schritt zurück. „Was meinst du damit? Cornis hat doch gesagt, sie bringen ihn zur Klinik!“
Sarah starrte Vera intensiv in die Augen. „Wenn er stirbt, hast du ihn auf dem Gewissen, Vera. Du hast seine schwächste Stelle getroffen. Es war vielleicht ein Unfall, aber es bleibt deine Schuld!“
Vera wollte protestieren, doch Sarah wandte sich ab und blickte misstrauisch zu Johnny hinüber, der etwas abseits stand und auf sein Telefon tippte.
„Je länger du leugnest, wer du wirklich bist, desto schlimmer wird es für uns alle“, fügte Sarah düster hinzu. Sie warf Johnny einen letzten, scharfen Blick zu, ehe sie energisch davongehustet war.
„Du gehst ohne mich?“, rief Vera ihr nach.
„Du hast doch deinen Schwarm! Ich habe Kopfschmerzen und gehe nach Hause!“, schallte Sarahs Antwort durch den Gang, bevor sie um die Ecke verschwand.
Vera kehrte zu Johnny zurück, der ihre Bücher noch immer geduldig in den Händen hielt. „Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“
„Sie mag mich nicht“, sagte Johnny kalt. Seine Stimme klang distanziert und von einer tiefen Enttäuschung durchdrungen.
„Sarah? Sie ist nicht böse, Johnny. Sie ist nur... eigenwillig bei Freundschaften“, versuchte Vera verlegen zu beschwichtigen.
Johnny lächelte schwach, da er merkte, wie sehr Vera sich bemühte, die Wogen zu glätten.
Um das Thema zu wechseln, fragte Vera: „Wo warst du die letzten zwei Tage eigentlich? Philip meinte, du hättest Ärger gehabt.“
Johnneys Körper verfiel für einen Bruchteil einer Sekunde in Anspannung, ehe er sich wieder fing. „Meine Mutter war krank. Ich musste mich um sie kümmern. Es gab keinen Streit. Hier in BeTusar sprechen sich Gerüchte schnell herum, aber ich habe keineswegs vor, Ärger zu machen.“
In Wahrheit war er nach dem Vorfall im Jurassic Inn mit seinem Rudel kurzzeitig in die Middens geflohen, bevor sie erkannten, dass die Flucht zwecklos war. Er musste in BeTusar bleiben, um seine Mutter zu beschützen. Die Feinde des alten Rudels waren ihm auf der Spur, und er musste wachsam sein.
„Ich muss mich um ein paar Dinge kümmern“, sagte Johnny plötzlich und sah auf die Uhr. „Kann ich dich später anrufen?“
Vera nickte stumm. In diesem Augenblick vibrierte ihr eigenes Telefon. Als sie den Anruf entgegennahm, erklang die besorgte Stimme ihres Vaters: „Spatz? Deine Mutter ist ohnmächtig geworden. Ich musste sie in eine Spezialklinik in der Nachbarstadt bringen.“
Veras Herz krampfte sich zusammen. „In welche Stadt, Papa? Ich komme sofort!“
„Bleib ruhig, Vera. Es wird ihr gut gehen. Wir sehen uns heute Abend gegen sechs Zuhause. Sorge dich nicht.“
Das Gespräch endete, und Angst überflutete Veras Sinne. Johnny war bereits eilig davongegangen. Alleingelassen und voller Unruhe beschloss Vera, Sarah aufzusuchen. Sie brauchte Antworten auf all die drängenden Fragen.
Sie wählte Sarahs Nummer. Nach dem dritten Klingeln meldete sich ihre Freundin mit müder Stimme. „Ich muss zu dir kommen, Sarah. Wo bist du?“, drängte Vera.
„Zuhause... Aber hier sieht es furchtbar aus. Du willst bestimmt nicht herkommen.“
„Egal! Ich bin unterwegs!“, rief Vera und legte auf.
Sie schlug den abgelegenen Weg ein, der zu Sarahs Haus führte. Die Straße war wie ausgestorben. Der Herbstwind strich durch die kargen Bäume, und eine unheimliche Stille lag über der Gegend. Normalerweise standen hier gepflegte Vorgärten und spielende Kinder, doch heute wirkte die gesamte Nachbarschaft seltsam verändert und verlassen.
Plötzlich spürte Vera eine Bedrohung hinter sich. Ein leises Rascheln im Gebüsch ließ ihren Puls hochschnellen. Sie beschleunigte ihr Tempo, doch die Schritte hinter ihr wurden ebenfalls schneller. Panic ergriff sie, und sie begann zu rennen.
Die Verfolgung wurde dringlicher. Vera blieb abrupt stehen und wirbelte herum. Vor ihr tauchte eine Gestalt auf. Es war Philip.
Vera atmete erleichtert aus, doch die Erleichterung währte nur einen Augenblick. Philips Blick war nicht der des schüchternen Mitschülers. Seine Augen glühten in einem bedrohlichen, feurigen Rot, und seine Kiefer zuckten unnatürlich.
„Philip? Was ist los mit dir?“, stammelte Vera zurückweichend.
Ohne ein Wort stürzte er sich auf sie. Vera verlor das Gleichgewicht und stürzte rückwärts ins Gras. Philip war unnatürlich stark. Seine Zähne wuchsen zu langen, scharfen Dolchen heran, und ein tiefes, tierisches Knurren entkam seiner Kehle.
Vera versuchte verzweifelt, ihn abzuwehren, doch er drückte sie gnadenlos auf den Boden. Seine scharfen Krallen fuhren über ihren Oberschenkel und rissen eine tiefblutende Wunde. Ein stechender Schmerz brannte in ihrem Bein.
In diesem Moment der tödlichen Gefahr erwachte in Veras Innerem die schlafende Bestie. Die Schmerzen entfachten ein verheerendes Feuer in ihren Adern. Ihre Augen begannen in einem strahlenden, ozeanblauen Licht zu leuchten, und eine gewaltige Kraft durchströmte ihren Körper.
Mit einem mächtigen, wilden Brüllen packte Vera Philip an den Schultern und schleuderte ihn mit immenser Gewalt von sich fort.
Philip flog durch die Luft und prallte mit dem Brustkorb direkt auf einen abgebrochenen, spitz aufragenden Ast eines Baumes. Ein dumpfes, schreckliches Geräusch ertönte. Philip keuchte ein letztes Mal schwer aus, seine Augen weiteten sich im Schock, und dann erschlaffte sein Körper vollkommen. Das Blut sickerte langsam aus der Wunde an seiner Brust.
Vera sprang entsetzt auf. Sie starrte auf den reglosen Körper ihres Mitschülers. Das Entsetzen schnürte ihr die Kehle zu. Sie hatte ihn getötet.
Ein unerträglicher Schwindel erfasste ihren Kopf. Ihre Sicht verschwamm in doppelten Konturen, und ihre Beine gaben nach. Bevor sie auf den harten Boden stürzte und die Besinnung verlor, hörte sie aus weiter Ferne eine vertraute Stimme rufen. Jemand hatte alles mitangesehen.