Enthüllungen und Erschütterungen

1426 Words
Veras Welt geriet am Morgen nach dem nächtlichen Vorfall immer weiter aus den Fugen. Nach dem beschämenden Augenblick, in dem ihre Eltern sie und Sarah nackt auf dem hölzernen Dielenboden ihres Zimmers vorgefunden hatten, flüchtete Vera völlig aufgelöst ins Badezimmer. Sie klammerte sich an die Duschwand, während ihr Herz wie wild gegen ihre Rippen hämmerte. Auch Sarah griff hastig nach einem Kleidungsstück, um sich zu bedecken. Herr Damascus stöhnte nur schwer auf, wandte sich ab und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer. Seine Frau zögerte einen kurzen Moment, sah die beiden Mädchen mit einem Blick voller Entsetzen und Ratlosigkeit an und folgte ihrem Mann schließlich mit schweren Schritten nach unten. „Wirst du sie denn gar nicht fragen, was hier eigentlich vorgeht?“, rief Frau Damascus energisch, während ihre Absätze auf den Holzstufen der Treppe hölzern hallten. „Ich habe dir doch gesagt, dass wir Dr. Zed hinzuziehen müssen!“, entgegnete Herr Damascus scharf. Seine Stimme klang angespannt und voller Sorge. „Das alles ist nicht mehr normal. Das sind Teenager, verdammt! Sie haben doch selbst keine Ahnung, was da mit ihnen passiert. Erinnerst du dich nicht mehr an den Morgen, als wir Vera aufgewacht vorfanden – mit klumpiger Erde und Baumwurzeln mitten in ihrem Bett? Glaubst du wirklich, diese Mädchen können uns auch nur eine einzige vernünftige Antwort geben?“ Frau Damascus presste die Handflächen gegen ihre Schläfen, als wolle sie den drohenden Kopfschmerz gewaltsam zurückdrängen. Sie waren nun im geräumigen Wohnzimmer angekommen. „Mir macht diese ganze Entwicklung schreckliche Angst, Patrick. Es wird nicht besser, sondern von Tag zu Tag schlimmer! Für was für eine Krankheit sollen das denn bitte die Symptome sein?“ „Du hörst mir einfach nicht zu!“, rief ihr Mann aus und ließ sich schwer auf die Couch fallen. Er tippe nervös mit der Schuhspitze auf den Teppich. „Das ist keine Krankheit! Hier geht etwas ganz anderes vor sich, etwas, das wir nicht verstehen. Genau deshalb sage ich doch, dass wir Dr. Zed brauchen!“ Frau Damascus ging hinüber zum Esstisch, goss sich mit zitternden Händen ein Glas Wasser ein und trank es in hastigen Schlücken aus. „Einen anderen Arzt einzuschalten, wird alles nur noch schlimmer machen, Patrick! Ich lasse diesen unheimlichen, irren Kerl nicht in mein Haus!“ Oben im Badezimmer presste Vera ihr Ohr gegen die Tür. Sie verstand jedes einzelne Wort, obwohl die Tür verschlossen war und ihre Eltern im Erdgeschoss sprachen. Ihre Sinne waren so scharf geworden, dass das Gespräch der beiden so deutlich in ihrem Kopf erklang, als stünden sie direkt neben ihr. Sarah hatte ihr einmal erzählt, dass diese übermenschliche Wahrnehmung für ein Mitglied des Rudels völlig natürlich war – doch Vera wollte es einfach nicht wahrhaben. Die bloße Vorstellung, dass ihre Eltern sie dem seltsamen Dr. Zed ausliefern wollten, trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Dr. Zed war ein Mann, der tagsüber kaum etwas sah, nachts wie eine Eule durch die Straßen streifte, mit langen Fingernägeln und einem ungepflegten Bart Kinder erschreckte und wirres Zeug über Katzen und fremde Spezies redete. Niemals würde sie zulassen, dass er ihre Blutproben untersuchte. Unten verließ Sarah das Haus. Sie war in eine Latzhose geschlüpft und schlich die Treppe hinab, um den Eltern aus dem Weg zu gehen. Herr Damascus beobachtete sie schweigend von der Couch aus. Sarah stammelte eine kurze Entschuldigung und flüchtete eilig durch die Haustür in die kühle Morgenluft. Wenig später läutete die Schulglocke der Highfeldz-Highschool den neuen Tag ein. Lärmende Schüler strömten über den Hof, schlossen ihre Fahrräder ab oder knallten die Türen ihrer Autos zu. Das Termine ende stand bevor, und die Flure waren erfüllt vom gewohnten Chaos. Doch Vera nahm das Treiben um sich herum nur wie durch eine dicke Nebelwand wahr. In ihren grünen Mantel gehüllt, steuerte sie ihren Spind an. Die Ereignisse der letzten Nacht raubten ihr den Atem. Sie dachte an den verletzten Wolf im Zimmer, an die traurigen Blicke der Bestie und an die verstörende Erkenntnis, dass Sarah ebenfalls in die Sache verstrickt war. Als Vera ihren Blick über den Parkplatz schweifen ließ, bemerkte sie, dass Philips Motorrad fehlte. Sie musste ihn finden. Er musste ihr erklären, was gestern Abend geschehen war. Im Klassenzimmer von Miss Flora, der neuen Geschichtslehrerin, herrschte eine unruhige Stimmung. Miss Flora sprach mit monotoner Stimme über die Industrielle Revolution und den gesellschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts. Sarah saß ganz hinten in der letzten Reihe, den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, und starrte abwesend ins Leere. Philip und sein bester Freund Cornis saßen in der Mitte des Raumes. Cornis kritzelte mit einem roten Marker auf einem Zettel herum, während Philip stumm vor sich hin blickte. Als Vera den Raum betrat, traf ihr Blick kurz den von Philip, doch er wandte sich sofort ab. Vera schlich zu Sarah und setzte sich auf den freien Stuhl neben sie. Bevor die beiden ein Wort wechseln konnten, ging die Tür erneut auf. Johnny Dakota trat ein. Seine Anwesenheit ließ das Getuschel im Raum schlagartig verstummen. Nancy, die Schul-Cheerleaderin, sprang sofort auf und umarmte ihn überschwänglich, doch Johnny schüttelte sie kühl ab und ging weiter. Er schenkte der wütenden Miss Flora nur eine knappe Entschuldigung für seine Verspätung, bevor das schrille Erklingen der Pausenglocke den Unterricht beendete. Die Schüler packten lachend ihre Sachen. Philip warf Johnny einen hasserfüllten Blick zu, ehe Cornis ihn am Ärmel zog und mit sich fortzog. Vera stellte sich Sarah in den Weg, als diese aufstehen wollte. „Du musst mir erklären, was heute Morgen passiert ist!“, forderte Vera mit fester Stimme. Sarah drückte sie genervt zur Seite. „Hör endlich auf, dich dumm zu stellen, Vera! Deine Eltern stehen kurz davor, alles herauszufinden. Du kannst nicht dein ganzes Leben lang so tun, als ginge dich das nichts an! Sie werden Dr. Zed holen, er wird deine Blutproben nehmen und deinen Eltern genau sagen, was du bist – denn er gehört zu uns!“ „Dr. Zed gehört zu uns?“, entfuhr es Vera schockiert. Sarah schüttelte nur enttäuscht den Kopf und wandte sich ab. Sie gingen hinaus auf den Flur zu den Schließfächern, wo Philip bereits auf Vera wartete. Ein vorsichtiges Lächeln stahl sich auf seine Lippen, doch Sarah schnaubte nur verächtlich. „Noch so ein Narr, der das Spiel verliert“, murmelte sie leise. „Ich hole mein Geometriebuch, während du dein Treffen mit deinem Schwarm klärst“, fügte Sarah laut hinzu und ging weiter. Vera trat an ihren Spind. „Es tut mir leid wegen letzter Nacht“, flüsterte Philip leise und trat einen Schritt auf sie zu. In diesem Moment überkam Vera eine Welle purer Panik und Wut. Ihre Emotionen kochten über, und ihr Instinkt übernahm die Kontrolle. Als ihre Bücher mit einem lautstarken Knall auf den Boden fielen und Philip sich gebückt nach ihnen ausstreckte, trafen sich ihre Hände. Impulsiv stieß Vera ihn von sich ab. Der Stoß war unnatürlich stark. Philip flog rückwärts durch die Luft und prallte mit enormer Wucht gegen die metallenen Schließfächer auf der gegenüberliegenden Wand. Ein dumpfes Scheppern dröhnte durch den Flur. Cornis stieß einen Wutbrand aus und ging auf Vera los, doch Sarah warf sich dazwischen und schlug ihm hart gegen die Brust. „Hör auf!“, herrschte sie ihn an. Vera atmete schwer. Ihr Herz raste, und in ihren Adern brannte ein sengendes Feuer. Philip richtete sich mühsam auf, drückte seine Hand gegen seine linke Seite und keuchte vor Schmerz. Frisches, dunkles Blut sickerte durch seine Kleidung. „Du wirst uns alle noch umbringen, wenn du dich weigerst zu kämpfen und lieber den Menschen spielst!“, keuchte er schwach. „Ich wollte doch nur den Biss...“ Cornis stützte den taumelnden Philip. „Wir müssen ihn sofort in eine Klinik bringen!“, rief Cornis panisch und zog seinen Freund fort. Sarah wandte sich zu Vera um. Ihre Augen funkelteten vor Zorn und Enttäuschung. Sie trat ganz nah an Vera heran und flüsterte ihr ins Ohr: „Das war vielleicht das letzte Mal, dass du Philip lebend gesehen hast. Du hast unkontrolliert seine schwächste Stelle getroffen. Wenn er stirbt, dann nur, weil du dich weigerst zu akzeptieren, wer du wirklich bist!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, kehrte Sarah ihr den Rücken und verschwand in der Menge der Schüler. Vera blieb völlig erstarrt vor ihrem offenen Spind stehen. Die Worte hallten in ihrem Kopf wider. Das Chaos drohte sie vollkommen zu verschlingen. Plötzlich spürte sie eine Präsenz neben sich. Als sie den Kopf drehte, stand Johnny direkt vor ihr und schenkte ihr ein breites, geheimnisvolles Lächeln.
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