Wölfe im Zwielicht

633 Words
Philip wirkte verlegen. Der blasse Junge saß steif auf der Bettkante und wich Veras Blick aus. Er war ein Einzelgänger in ihrer Klasse und hatte schon seit der Grundschule ein Auge auf sie geworfen. Frau Damascus lächelte ihm aufmunternd zu. „Leiste ihr etwas Gesellschaft, Philip. Sarah hilft mir in der Küche.“ Nachdem Veras Mutter und Sarah das Zimmer verlassen hatten, herrschte peinliche Stille. Vera versuchte, das Eis zu brechen. „Du warst die letzten zwei Tage auch nicht in der Schule?“ Philip scharrte mit den Füßen. „Der neue Junge war auch nicht da.“ „Johnny?“, fragte Vera hellhörig. „Weißt du, was mit ihm passiert ist?“ Philip zögerte, als wolle er etwas verbergen. „Ich habe gehört, er hatte Streit und ist mit seiner Mutter überstürzt geflohen. Sie sagen, es gab einen harten Kampf.“ Ein stechender Schmerz durchfuhr Veras Magen – nicht nur vor Hunger, sondern auch vor Sorge um Johnny. Als Philip aufstand, um Veras Mutter nach Essen zu rufen, traute Vera ihren Augen nicht: Seine Bewegung war unnatürlich schnell, fast raubtierhaft. Als sie genauer hinsah, schienen seine Finger für einen Bruchteil einer Sekunde in scharfen, dunklen Krallen zu enden. Entsetzt blinzelte Vera. Doch als Frau Damascus mit einer Schüssel warmer Suppe zurückkehrte, wirkte Philip wieder wie der schüchterne Junge von nebenan. Hastig verabschiedete er sich und verließ das Haus. Kurz darauf verabschiedete sich auch Sarah eilig. „Ich habe noch etwas Erledigen, V. Wir sehen uns morgen!“, rief sie und verschwand in der Dämmerung. Die Nacht brach rasch herein. Vera erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Das Haus war still, ihr Vater war wegen eines Notfalls in die Klinik gerufen worden. Plötzlich durchschnitt ein tiefes, unheimliches Heulen die Dunkelheit. Vera wollte das Licht einschalten, doch der Schalter reagierte nicht. Das Scharren von scharfen Krallen war direkt auf dem Dach über ihrem Zimmer zu hören. Die Fensterscheibe erzitterte. Im schwachen Mondlicht zeichnete sich die riesige Silhouette einer Bestie ab. Zwei glühende, cognacfarbene Augen starrten durch das Glas zu ihr herein. Anstatt vor Angst zu schreien, spürte Vera eine seltsame Vertrautheit. Die Augen der Bestie wirkten traurig, fast flehend. Auf Knien kroch Vera zum Fenster und stieß die Flügeltüren auf. Der gewaltige Wolf sprang geräuschlos in ihr Zimmer. Seine Blicke waren feurig. Als Vera vorsichtig ihre Hand ausstreckte, um das dichte Fell zu berühren, verwandelten sich ihre eigenen Fingernägel in spitze Krallen. Die Augen der Bestie zeigten dieselbe Färbung wie Philips Blick am Nachmittag. Ein plötzlicher, zerreißender Schmerz durchfuhr Veras gesamten Körper. Ihre Knochen knakten, ihre Muskeln dehnten sich gewaltsam aus. Mit einem schmerzerfüllten Brüllen wuchs sie heran, bis der Raum um sie herum winzig wirkte. Ihre Sicht veränderte sich – sie blickte nun aus den strahlend blauen Augen einer majestätischen Wölfin. Der andere Wolf ging zähnefletschend auf sie los, um sie zu testen. Mit einer einzigen kraftvollen Bewegung fegte Vera den Angreifer zur Seite. Er prallte gegen den Fensterrahmen. Draußen auf dem Dach warteten zwei weitere Schatten, doch Veras Gestalt war größer und furchterregender als ihre. Der verletzte Wolf weichte jaulend zurück. Etwas an seinen Bewegungen erinnerte Vera endgültig an Philip. Erkennend, dass er ihr unterlegen war, wandte sich der Wolf ab und sprang durch das offene Fenster in die Nacht. Die beiden anderen Bestien folgten ihm augenblicklich. Als die Gefahr gewichen war, verblasste die wilde Energie in Veras Adern. Ihre Sinne schwanden, und Dunkelheit hüllte sie ein. Am nächsten Morgen erwachte Vera vom grellen Sonnenlicht, das durch das zertrümmerte Fenster fiel. Sie lag nackt auf dem hölzernen Dielenboden. Direkt neben ihr lag Sarah – ebenfalls vollkommen hüllenlosc und erschöpft. In der geöffneten Zimmertür standen Herr und Frau Damascus. Ihre Gesichter waren blass, und ihre Blicke starrten entsetzt auf die beiden Mädchen auf dem Boden. Das Geheimnis ließ sich nicht länger verbergen.
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