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Sara
Die nächsten zwei Tage vergehen durch den Haufen Arbeit wie im Flug. Am Dienstag bleibe ich für eine Geburt lange im Krankenhaus, und am Mittwoch habe ich eine weitere Schicht in der Klinik, wo ich wieder einmal die einzige Ärztin bin, die alle Patientinnen behandeln muss.
Es ist anstrengend, aber es macht mir nichts aus, denn Peter findet einen Weg, beide Abende in meiner Nähe zu verbringen – am Dienstag, indem er sich im Snacktime Café im Krankenhaus um seine E-Mails kümmert, damit ich ihn sehen kann, während ich darauf warte, dass meine Patientin bereit ist, das Baby zu bekommen. Am Mittwoch meldet er sich erneut freiwillig für alle Hilfsarbeiten in der Klinik.
»Warum tust du das?«, frage ich ihn, während wir zur Klinik fahren. »Ich meine, versteh mich nicht falsch, ich bin sehr froh, dass du das tust – und Lydia ist mit Sicherheit überglücklich. Aber ist es wirklich das, was du willst?«
Er blickt mich an, und seine Augen leuchten silbern. »Was ich will, ist, dich rund um die Uhr in meinem Bett zu haben. Oder, wenn das nicht geht, immer mit Handschellen an mich gekettet. Aber da ich weiß, wie viel dir deine Karriere bedeutet, begnüge ich mich mit dem Nächstbesten.«
Ich starre ihn an, weil ich mir nicht sicher bin, wie ich reagieren soll. Bei jedem anderen Mann wäre ich überzeugt, dass es ein Witz ist, aber bei Peter kann ich mir da nicht sicher sein. Besonders deshalb nicht, weil ich verstehe, wie er sich fühlt.
Ich vermisse ihn auch sehr, wenn wir getrennt sind.
Wir kommen eine Minute später in der Klinik an, und ich gehe mich auf eine Flut von Patienten vorbereiten, während Lydia sich Peter schnappt, um einige Möbel umzustellen. Von sieben bis zehn Uhr sehe ich Frauen mit kleineren und größeren Problemen, bis ein vertrauter Name auf meiner Liste auftaucht.
Monica Jackson.
Meine Brust zieht sich schmerzhaft zusammen. Das achtzehnjährige Mädchen kam letzte Woche nach einem zweiten brutalen Übergriff ihres Stiefvaters zu mir, der wegen einer Formalität aus dem Gefängnis kam, anstatt seine siebenjährige Haftstrafe zu verbüßen, weil er sie vergewaltigt hatte, als sie siebzehn war. Ich hatte ihr damals geholfen und ihr etwas Geld gegeben, um die finanzielle Abhängigkeit ihrer alkoholkranken Mutter von dem Bastard zu mindern, aber letzte Woche konnte ich nichts tun. Monica hatte Angst, dass ihr Stiefvater das Sorgerecht für ihren jüngeren Bruder einfordern und gewinnen würde – oder dass das Kind im Pflegeheim landen würde.
Ihre hoffnungslose Situation hatte mich so sehr erschüttert, dass ich eine ganze Stunde lang geweint hatte.
Ich atme tief durch, setze mein ruhigstes Gesicht auf und stehe auf, als das Mädchen den Raum betritt. »Monica. Wie geht es dir?«
»Hi, Dr. Cobakis.« Ihr kleines Gesicht sieht so strahlend aus, dass ich sie fast nicht wiedererkenne. Selbst die noch sichtbaren, erst halb verheilten Blutergüsse mindern ihr Strahlen nicht. »Ich bin bereit für meine Spirale.«
Ich blinzele angesichts ihrer Begeisterung. »Wunderbar. Ich nehme an, es geht dir besser?«
Sie nickt und springt auf den Untersuchungsstuhl. »Ja, viel besser. Und wissen Sie was?«
»Was?«
Sie grinst. »Er kann mich nicht mehr belästigen. Nie wieder. Letzte Woche war er nachts auf dem Weg zur Arbeit, als er in einer Gasse überfallen wurde. Sie haben ihm die Kehle durchgeschnitten, können Sie das glauben?«
»Sie … was?« Ich sinke zurück in meinen Stuhl, weil meine Beine nachgeben.
Ihr Grinsen verblasst, und sie wirft mir einen reumütigen Blick zu. »Es tut mir leid. Das klang gemein, nicht wahr?«
»Ähm, nein. Das ist …« Ich schüttele den Kopf, um ihn frei zu bekomme. »Hast du gesagt, jemand hat ihm die Kehle aufgeschlitzt?«
»Ja, die Straßenräuber oder der Straßenräuber. Die Polizei weiß nicht, wie viele es waren. Seine Brieftasche wurde jedoch geklaut, also waren sie definitiv hinter seinem Geld her.«
»Ich verstehe.« Ich klinge erstickt, aber ich kann nichts dagegen tun. Die Erinnerung an die beiden Methheads, die Peter getötet hat, um mich zu schützen, ist so lebhaft in meinem Kopf, dass ich den kupferroten Gestank des Todes rieche und ihre marionettenartigen Körper, unter denen sich dunkle Blutlachen ausbreiten, vor mir sehe.
So viel Blut, dass ihre Kehlen aufgeschlitzt worden sein müssen.
»Dr. Cobakis? Geht es Ihnen gut?«
Das Mädchen klingt besorgt – ich muss blass geworden sein.
Mit Mühe reiße ich mich zusammen und lächele beruhigend. »Ja, es tut mir leid. Nur ein paar unangenehme Assoziationen, das ist alles.«
»Oh, das tut mir leid. Ich wollte Sie nicht aufregen. Und bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass ich glücklich bin, dass er tot ist. Es ist nur, dass …«
»Du bist froh, dass er aus deinem Leben verschwunden ist. Das verstehe ich.« Ich stehe wieder auf und gebe Monica so ruhig wie möglich einen in Plastik verpackten Einwegumhang. »Bitte zieh dich um. Ich bin gleich wieder bei dir.«
Ich lasse das Mädchen allein und trete hinaus, wobei meine Beine zittern und meine Lungen um Luft kämpfen.
Letzte Woche, nachdem ich von dem zweiten Übergriff auf Monica erfahren hatte, habe ich nicht nur geweint.
Ich habe mich Peter anvertraut und ihm genau erzählt, was passiert war.
Wenn das kein makabrer Zufall ist, dann hatte Agent Ryson recht.
Ich bin so ein Monster wie Peter. Ich habe Monicas Stiefvater getötet, indem ich die tödlichste Waffe auf ihn gerichtet habe, die ich kenne.
Meinen frisch angetrauten Ehemann.