***Emma***
Ich wusste genau, was dieser Drake für einer war. Nein, ich kannte ihn nicht persönlich, aber sein Ruf eilte ihm voraus – und in einer Stadt wie New York, wo die Straßen von Flüstern und Gerüchten vibrieren, hatte ich schon einiges über ihn gehört. Drake war kein Unbekannter, und sein Name kam in den Gesprächen über Schatten und Dunkelheit immer wieder auf. Vielleicht lag es daran, dass ich selbst gern am Abgrund balancierte. Nicht aus Mut oder Neugierde, sondern weil ich spürte, dass der Abgrund mich mehr anlockte als das fade, sichere Licht.
Tagsüber arbeitete ich in einem Starbucks mitten in Manhattan, schuftete mich dort halbtot, um mir mein Studium an der NYU zu finanzieren. Marketing, ein Fach, das genauso glatt und verlogen war wie die Menschen, die es unterrichteten. Nachts stand ich oft im Skyclub hinter der Bar, ein Job, der kaum besser bezahlt war, mich aber wenigstens in das pulsierende Herz der Stadt brachte. Dort, wo die Luft nach Alkohol, Verlangen und einer unterschwelligen Gefahr roch.
Meine beste Freundin Kate und ich teilten uns all das – den Job, das Studium, das Leid. Kate war eine wilde Schönheit, mit langen schwarzen Haaren und olivfarbener Haut, die im Licht schimmerte wie ein Geheimnis, das man niemals ganz ergründen konnte. Sie und ich, wir kannten uns seit der High School in Alabama. Ja, "Sweet Home Alabama" – das war unser Ursprung. Doch wir hatten uns entschieden, das kleinstädtische Leben hinter uns zu lassen, hatten unsere Träume in einen alten Ford Fiesta gepackt und waren nach New York gekommen. Der Wagen war ein klappriges Wrack, aber er hatte uns bisher immer über die Semesterferien nach Hause und wieder zurückgebracht. Manchmal übernachteten wir in billigen Motels, in denen der Geruch von Angst und billigem Parfüm in der Luft hing. Es passierte nicht selten, dass am nächsten Tag eine Leiche entdeckt wurde. In solchen Momenten fragten wir nicht, sondern fuhren einfach weiter.
Ich war vielleicht nur ein Mädchen vom Land, aber ich wusste genau, wie ich auf Menschen wirkte. Meine blonden Haare hatten die Farbe von geerntetem Stroh im Sommerlicht, meine karamellfarbenen Augen konnten tief blicken, und mein Körper … nun ja, er war eine Waffe, die ich zu nutzen wusste. Ich spielte mit meinen Reizen, aber ich war keine, die sich einfach hingab. Ich hatte meine Grenzen, und auch wenn es den einen oder anderen One-Night-Stand gegeben hatte, war die große Liebe mir bisher nicht begegnet. Vielleicht, dachte ich manchmal, war sie auch einfach ein Mythos, eine Geschichte, die wir uns erzählen, um das Dunkel in uns zu besänftigen.
„Hey Kate, machen wir bald Schluss? Ich will noch etwas lernen und schlafen, bevor es heute Abend in den Skyclub geht“, rief ich ihr zu, während ich die Regale auffüllte und die Tische abwischte. Der Laden war wie immer voller Menschen, die in der Eile ihres Lebens nicht bemerkten, wie sie auf der Stelle traten.
Kate tauchte aus dem Lager auf, ein Tablett mit Pappbechern balancierend, und ihre Augen funkelten vor Neugierde. „Sag mal, hast du diesen Typen gesehen? Der sah aus, als wäre er direkt aus einem Albtraum ausgestiegen.“
Ich grinste. „Du meinst Drake? Ja, ich hab ihn gesehen. Er hat etwas an sich, das einen gleichzeitig anzieht und abstoßt, oder?“
„Und er soll angeblich … also, Derek meinte, er war mal im Knast. Mord, Drogenhandel, Geldwäsche. Du weißt schon, die ganz große Nummer.“ Kate senkte die Stimme, als wären die Wände aus Glas und Drake könnte durch sie hindurchsehen.
Ich hob eine Augenbraue. „Woher weiß Derek das?“
„Er hängt manchmal in der Bronx rum. Die Typen da kennen sich aus, wenn es um Stoff geht. Und wenn irgendjemand groß ins Spiel kommt, führt die Spur immer zu Drake.“
Ich schüttelte den Kopf, doch ich konnte nicht leugnen, dass mich die Geschichte faszinierte. Drake war wie ein Flüstern im Dunkeln, ein Schatten, der deine Neugier weckte, auch wenn du wusstest, dass er dich verschlingen könnte.
Nachdem wir den Laden abgeschlossen hatten, machten wir uns auf den Weg zur Bushaltestelle. Die Luft war schwer von den Geräuschen der Stadt und dem Versprechen einer Nacht, die alles verändern könnte. Unser kleines Apartment in Williamsburg war ein Loch, aber es war unser Loch. Direkt über einer Bäckerei gelegen, roch es morgens nach frischem Brot und nachts nach Zigarettenrauch, der durch die Fenster zog.
Die Wohnung war winzig. Das Bad war so klein, dass man sich beim Zähneputzen gleichzeitig die Knie am Waschbecken stieß. Wenn Kate und Derek sich vergnügten, konnte ich jedes schmutzige Wort hören. Ich versuchte dann, mir Ohrstöpsel in die Ohren zu stopfen und mir vorzustellen, dass ich irgendwo anders war. Manchmal half es. Meistens nicht.
Ich schenkte mir eine große Tasse Kaffee ein, ließ die Wärme durch meine Finger gleiten, während ich gedankenverloren an meinem Sandwich kaute. Der Duft des Kaffees, kräftig und bitter, mischte sich mit der Schwere der stickigen Luft in meinem kleinen Zimmer. Die Sonne war längst hinter den Gebäuden verschwunden, die Lichter der Großstadt flackerten durchs Fenster und warfen ein zuckendes Muster auf das alte Sofa, das mehr durchgehalten hatte, als es je sollte. Marketing, dachte ich – eine Schlacht, die ich an diesem Tag offenbar verlor. Die Worte in meinem Skript verschwammen vor meinen Augen, die Konzentration rutschte mir wie Sand durch die Finger.
Manchmal, ja manchmal, machte ich mir Sorgen. Wie sollte ich das alles finanzieren? Jeden Monat balancierte ich auf dem schmalen Grat zwischen Überleben und Scheitern. Es war ein Tanz auf dem Drahtseil, bei dem kein Netz auf mich wartete. Von meinen Eltern Geld leihen? Undenkbar. Nicht, weil sie es mir nicht geben wollten, sondern weil sie es schlicht nicht hatten. Nein, das war meine Verantwortung. Mein Kampf.
Nachdem ich mir mit größter Mühe die nötigsten Informationen für die morgige Vorlesung eingeprägt hatte, war ich ausgelaugt. Mein Körper fühlte sich schwer an, mein Kopf war voll und doch leer zugleich. Ich legte mich ins Bett, zog die Decke eng um mich und ließ mich in den Schlaf fallen.
Die Träume kamen sofort, ungebeten und drängend. Dunkel, wild, bedrohlich. Schatten, die tanzten, Flüstern, das wie ein Echo in einem endlosen Raum hallte. Es war, als ob etwas in mir schlummerte, das nur darauf wartete, aufzuwachen. Ich wachte mit einem Ruck auf, der Nachhall eines Schreis – oder war es nur in meinem Kopf? Die Dunkelheit meines Zimmers drückte auf mich, und ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln.
„Vielleicht sollte ich diese dummen Netflix-Serien lassen“, murmelte ich und schüttelte den Kopf, als würde ich die Reste der Albträume abschütteln. Sie waren wie klebrige Spinnweben, die sich um mein Bewusstsein wickelten.
Plötzlich schrillte mein Handy, ein greller Ton, der mich aus dem Bett springen ließ. Es war neun Uhr abends. Viel zu schnell war die Zeit verflogen, und ich musste mich beeilen. Meine Klamotten lagen chaotisch auf dem Sofa, ein wilder Haufen aus Stoff und Verzweiflung. Ich schnappte mir das Nötigste und eilte in den kleinen Flur, der direkt in das winzige Badezimmer führte. Das Zimmer war kaum größer als eine Besenkammer, aber es reichte.
Das heiße Wasser prasselte auf meine Haut, löste die Anspannung des Tages und bereitete mich auf die Nacht vor. Ich rieb die Seife über meinen Körper, bis der Schaum in dichten Flocken auf den Fliesen landete. Rasierte mich sorgfältig, glitt mit der Klinge über jede Kurve und Linie, bis nichts als glatte Haut übrig blieb. Als ich aus der Dusche stieg, war der Spiegel beschlagen. Mit der Hand wischte ich ihn frei, mein Gesicht tauchte auf – frisch, munter, bereit für die Nacht.
„Gut“, murmelte ich zu meinem Spiegelbild. „Vielleicht gibt’s heute ein bisschen mehr Trinkgeld.“
Ich zog die Hotpants an, die knapp genug waren, um Aufmerksamkeit zu erregen, und das schwarze Top mit dem Logo des Skyclubs, das meine Figur betonte. Die schwarzen Stiefel waren abgewetzt, aber sie passten. Mein Gesicht schminkte ich routiniert: dicke Schichten Wimperntusche, ein schwarzer Strich Kajal, die Lippen in einem sanften Nudeton. Meine Haare föhnte und glättete ich, bis sie wie ein seidiger Vorhang auf meine Schultern fielen. Noch schnell die großen Creolen – perfekt.
„Kate, ich muss los! Bis später!“, rief ich in die Wohnung hinein. Ein Kichern und ein leises Stöhnen antworteten mir. Klar, Derek war wieder da.
„Ciao, Baby!“, kam es lachend durch die geschlossene Tür zurück, und ich griff schon nach meiner Tasche.
Die abendliche Hitze New Yorks umfing mich wie ein schwerer Mantel, als ich die Tür hinter mir zuzog. Die Luft war geladen, eine Mischung aus Benzin, heißem Asphalt und Schweiß. Ich tauchte in die Menschenmenge ein, die wie ein endloser Fluss durch die Straßen drängte, und nahm die U-Bahn Richtung Upper East Side.
Der Skyclub lag an der Grenze, wo Upper East Side und Harlem sich trafen – ein Ort, an dem Welten kollidierten. Ein Mitstudent hatte mich damals hierhergebracht, eine Entscheidung, die mein Leben in eine Richtung lenkte, die ich nie erwartet hatte.
„Hi Emma, bereit für den großen Ansturm?“, fragte Mike, der Türsteher, mit einem breiten Grinsen, als ich vor der schweren Tür ankam.
„So bereit, wie man nur sein kann“, lächelte ich zurück und glitt an ihm vorbei in die Dunkelheit des Clubs.
Der Club umfing mich wie ein Raubtier, das seinen Fang mit einem satten Brüllen verschlingt. Die Bässe vibrierten in meinen Knochen, der Lärm war wie eine zweite Haut, die sich um mich legte. Ein Gemisch aus Schweiß, Alkohol und Parfum hing in der Luft. Die Lichter tanzten in einer Kakophonie aus Farben, flirrend und flüchtig, wie Glühwürmchen in der Dunkelheit.
Ich ging durch die engen Gänge, vorbei an den Garderoben, wo sich junge Frauen in viel zu knappen Kleidern und Männer in maßgeschneiderten Anzügen musterten. Einige von ihnen waren Stammgäste, andere nur vorbeiziehende Geister in der endlosen Nacht des Skyclubs.
„Emma, wo bleibst du denn?“ Ein Ruf aus der Bar holte mich zurück. Ethan, der Barkeeper, stand hinter dem Tresen und jonglierte geschickt mit Gläsern. Seine Bewegungen waren präzise, beinahe tänzerisch, während er Drinks mixte, als wäre es eine Kunstform.
„Bin da, keine Sorge.“ Ich schob mich an die Seite der Bar, zog meine Geldbörse hervor und steckte sie unter die Theke. Es war fast wie ein Ritual.
„Heute wird’s voll“, sagte Ethan und nickte in Richtung der Tanzfläche, die sich bereits mit Körpern füllte, die sich im Takt der Musik bewegten.
„Wann ist es das hier nicht?“ Ich zwinkerte ihm zu und schnappte mir ein Tablett, bereit für den ersten Ansturm.
Die Nacht zog sich hin wie ein zäher Traum. Bestellungen kamen und gingen, Gesichter verschwammen, und die Stimmen wurden zu einem einzigen, unverständlichen Summen. Ich manövrierte mich durch die Menge, meine Bewegungen routiniert, mein Lächeln professionell. Der Blick der Männer war manchmal wie ein ungesagtes Angebot, das ich ignorierte. Ihre Hände waren eine andere Geschichte.
„Könntest du die vielleicht an dich nehmen, anstatt an mich?“ Ich wandte mich mit einem eisigen Blick an einen Mann, dessen Hand zu tief in meiner persönlichen Zone war. Er grinste nur, ein schmieriges, selbstgefälliges Lächeln, das mich wütend machte.
„Schon gut, Süße. War nur ein Versehen.“
„Klar“, murmelte ich und drehte mich um, bevor ich etwas tat, das meinen Job gefährden könnte.
So ging es die ganze Nacht. Manchmal fragte ich mich, ob ich hier wirklich hingehörte, ob diese glitzernde, dunkle Welt, die so verlockend und doch so erbarmungslos war, mich nicht irgendwann verschlingen würde.