KIERAN
Der Wald erstreckt sich endlos vor uns, Schatten tanzen zwischen uralten Kiefern, während unsere Pferde durchs Unterholz traben. Mein Atem formt kleine Wölkchen in der eisigen Luft, und trotz der Lederpolsterung darunter haftet Frost an meiner Rüstung. Wir reiten seit Stunden und folgen Berichten über Bewegungen im Grenzland – höchstwahrscheinlich Flüchtlinge, die vor dem Chaos fliehen, das ausbrach, als Prinzessin Seraphina aus dem Osten beschloss, dass ihre persönlichen Wünsche wichtiger sind als Tausende von Menschenleben.
„Eure Majestät", ruft Kommandant Thane von links. Seine Stimme durchdringt das Flüstern des Windes in den kahlen Zweigen. „Die Späher melden Spuren, die tiefer in den Wald führen. Mehrere Pferde, schnell unterwegs."
Ich grunze zustimmend und greife die Zügel fester. Das schwarze Streitross unter mir ist kampferprobt, ruhig und lautlos, während wir durchs tückische Gelände reiten. Um uns herum bewegen sich meine Leibwächter wie Geister durch die Bäume – zwanzig meiner treuesten Krieger, allesamt erfahrene Veteranen, die an meiner Seite kämpfen, seit ich vor acht Jahren den Thron bestieg.
Wir sollten eigentlich nicht hier sein. Ich sollte in meinem Kommandoraum sitzen und die militärischen Feldzüge planen, die nun, da der Friedensvertrag in Trümmern liegt, wieder aufgenommen werden müssen. Meine Generäle fragen sich vermutlich, wo ihr König geblieben ist und warum ich darauf bestanden habe, diese Patrouille selbst zu führen, anstatt sie meinen Untergebenen zu überlassen.
Die Wahrheit ist: Ich konnte nicht in diesem Schloss bleiben, wenn ich wusste, dass sie irgendwo hier draußen ist. Die entlaufene Braut, deren Verrat bereits mehr Leben gekostet hat, als sie je begreifen wird. Ein Teil von mir hofft, dass wir sie nicht finden – hofft, dass sie bereits tot in irgendeinem Graben liegt, ertrunken, verhungert oder von den Bergbanditen getötet, die es auf Reisende abgesehen haben, die dumm genug sind, allein in diese Wälder zu ziehen. So wäre es einfacher. Sauberer.
Aber ein anderer Teil von mir, ein Teil, den ich nicht wahrhaben will, muss ihr ins Gesicht sehen, wenn ich ihr haarklein erkläre, was ihre Feigheit unseren beiden Königreichen gekostet hat.
„Bewegung voraus", flüstert Thane und deutet durch die Bäume auf eine Lichtung, die im Mondlicht kaum zu erkennen ist.
Ich gebe ein Zeichen zur Ruhe, und wir nähern uns vorsichtig. Der Geruch trifft mich zuerst – Blut und Angst, so stark, dass man sie auf der Zunge schmecken kann. Mein Wolf regt sich unruhig in meiner Brust, sein Nackenfell sträubt sich vor etwas, das er nicht genau einordnen kann. Auf der Lichtung erkenne ich eine Gestalt, die am Fuß einer riesigen Eiche zusammengesunken ist, reglos im fahlen Licht, das durchs Blätterdach fällt.
„Könnte eine Falle sein", murmelt Thane, aber ich steige bereits ab.
„Bleib hier", befehle ich und ziehe mein Schwert, während ich mich der Gestalt nähere. „Haltet Wache."
Mit jedem Schritt wird der Geruch stärker – eindeutig Blut, und darunter etwas anderes, das meinen Wolf unruhig auf und ab gehen lässt. Weiblich, jung und … irgendwie vertraut, obwohl ich nicht sagen kann, warum. Die Gestalt rührt sich nicht, als ich näher komme, und ich erkenne jetzt, dass es definitiv eine Frau ist, obwohl ihr Zustand so erbärmlich ist, dass ich kaum ihre Züge ausmachen kann.
Sie trägt die zerfetzten Überreste dessen, was einmal ein Reisekleid gewesen sein muss. Es ist jedoch so zerrissen und blutbefleckt, dass ich die ursprüngliche Farbe nicht mehr erkennen kann. Ihr dunkles Haar ist mit Blut und Waldresten verklebt und verfilzt, sodass der Großteil ihres Gesichts verdeckt ist. Ein Auge ist völlig zugeschwollen, ihre Lippe aufgeplatzt und mit getrocknetem Blut verkrustet. Blutergüsse bedecken jeden Zentimeter sichtbarer Haut, dunkelviolette und schwarze Flecken, die von systematischer Gewalt zeugen.
Sie sieht aus wie ein gewöhnlicher Flüchtling, ein weiteres Opfer des nahenden Krieges. Doch irgendetwas an ihr macht meinen Wolf zunehmend unruhig und drängt sich mit einer Dringlichkeit in mein Bewusstsein, die ich nicht verstehe.
Ich knie mich neben sie und taste nach ihrem Puls an der Kehle. Ihre Haut ist eiskalt, doch ihr Herz schlägt gleichmäßig, wenn auch schwach. Sie lebt, wenn auch nur mit Mühe. Als ich ihr das verfilzte Haar aus dem Gesicht streiche, um ihre Verletzungen besser sehen zu können, beleuchtet das Mondlicht Gesichtszüge, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Violette Augen, selbst fast zugeschwollen. Hohe Wangenknochen. Die zarte Knochenstruktur adliger Abstammung.
Prinzessin Seraphina aus dem Östlichen Königreich. Meine künftige Braut. Die Frau, deren Flucht vor unserer arrangierten Ehe Tausende zum Tode verurteilt hat.
„Verdammt", flüstere ich und sacke auf meinen Fersen zurück.
Einen Moment lang überlege ich, sie hier zu lassen. Es wäre so einfach: Ich würde meinen Männern sagen, wir hätten nichts gefunden, zur Burg zurückreiten und sie dem Wald überlassen. Ihr Tod würde mehrere Probleme auf einen Schlag lösen. Keine Geisel, keine politischen Verwicklungen, keine ständige Mahnung an den Vertrag, der so viele Leben hätte retten können.
Doch selbst während mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, weiß ich, dass ich es nicht tun werde. Was auch immer sie sonst ist, sie ist geschlagen und gebrochen und klammert sich kaum noch ans Leben. Mein Wolf lässt nicht zu, dass ich eine verletzte Wölfin im Stich lasse, egal wer sie ist oder was sie getan hat.
„Thane", rufe ich, ohne den Blick von ihrem zerschundenen Gesicht abzuwenden. „Wir schlagen unser Lager auf. Sofort."
„Eure Majestät?" In seiner Stimme liegt Überraschung – normalerweise reiten wir die ganze Nacht durch, wenn wir uns so nahe an feindlichem Gebiet befinden.
„Sofort", wiederhole ich schärfer. „Und bring die medizinischen Vorräte."
Ich höre, wie meine Männer absteigen und ein provisorisches Lager aufschlagen, doch meine Aufmerksamkeit bleibt auf die bewusstlose Frau vor mir gerichtet. Meine künftige Braut, die so verzweifelt versuchte, einer Heirat mit mir zu entgehen, dass sie in die Wildnis floh und dabei beinahe ihr Leben verlor.
Die Ironie entgeht mir nicht. Sie ist weggelaufen, um nicht meine Königin zu werden, und jetzt ist sie mir völlig ausgeliefert.
Als Thane mit dem Erste-Hilfe-Kasten näher kommt, weiten sich seine Augen, als er sie erkennt. „Ist das –?"
„Prinzessin Seraphina", bestätige ich grimmig. „Oder was von ihr übrig ist."