„Na gut“, knurrt er, seine Maske der Höflichkeit ist nun völlig verschwunden. „Wenn du es mir nicht freiwillig gibst, nehme ich es trotzdem. Du gehörst mir, Seraphina. Du warst schon immer mein.“
Er stürzt sich auf mich und greift nach dem Ausschnitt meines Kleides. Das Geräusch von reißendem Stoff ist zu hören, als er die braune Wolle zerreißt und mein Hemd darunter freilegt. Ich schreie und kralle ihm ins Gesicht, meine Fingernägel hinterlassen blutige Spuren auf seiner Wange, aber er ist stärker als ich und wird von einer Wut getrieben, von der ich nie wusste, dass sie existiert.
„Töte ihn!“Luna heult in meinem Kopf.„Reißt ihm die Kehle heraus!“
Wir kämpfen uns durch den Raum, stoßen dabei das Waschbecken um und spritzen Wasser über den Boden. Ich kann mich kurz losreißen und renne in den Hauptraum, aber er packt mich an den Haaren und reißt mich so heftig zurück, dass mir vor den Augen Sterne aufgehen.
„Du wirst deinen Platz kennenlernen“, keucht er, seine Faust trifft meine Rippen und treibt mir die Luft aus den Lungen. „Du wirst lernen, was mit undankbaren Schlampen passiert, die nicht schätzen, was sie bekommen.“
Die Gewalt eskaliert danach rapide. Jedes Mal, wenn ich zurückschlage, schlägt er härter zu. Meine Lippe platzt komplett auf, Blut läuft mir übers Kinn. Meine Rippen schmerzen, wo seine Fäuste gelandet sind, und meine Kopfhaut brennt, wo er mich an den Haaren gepackt hat. Aber ich höre nicht auf zu kämpfen. Ich kann nicht aufhören zu kämpfen.
Als er mich aufs Bett wirft und an den Resten meines Kleides reißt, überkommt mich etwas Urtümliches und Verzweifeltes. Ich schnappe mir den schweren Zinnleuchter vom Nachttisch und schwinge ihn mit aller Kraft. Mit einem dumpfen Schlag trifft er seine Schläfe, und er bricht neben mir zusammen. Blut sickert aus der Wunde.
Einen schrecklichen Moment lang glaube ich, ihn getötet zu haben. Dann sehe ich, wie sich seine Brust hebt und senkt, und ich weiß, dass mir nur noch wenige Minuten bleiben, bevor er wieder zu Bewusstsein kommt. Minuten, um zu entkommen, bevor er noch wütender aufwacht als zuvor.
Ich rappele mich auf. Mein zerrissenes Kleid hängt in Fetzen um meinen verletzten Körper. Meine Hände zittern, als ich meinen Umhang greife und ihn um mich wickle, um die Verletzungen an meiner Kleidung und meiner Würde zu verbergen. Jede Bewegung lässt einen Schmerz durch meine Rippen schießen, und ich spüre, wie mein linkes Auge zuschwillt.
"Laufen,"Luna keucht in meinem Kopf, ihre Stimme schwach, aber eindringlich.„Lauf weit. Lauf schnell.“
Ich kümmere mich nicht um die Pferde – sie sind im Stall hinter dem Cottage, und ich kann den Lärm beim Vorbereiten nicht riskieren. Stattdessen stolpere ich aus der Haustür in den Wald, ohne ein Ziel vor Augen, außer weg von dem Monster mit Marcus‘ Gesicht.
Die Dunkelheit des Waldes verschluckt mich sofort, und mir wird klar, dass ich keine Ahnung habe, wo ich wieder auf die Straße komme, geschweige denn in die Zivilisation. Jeder Baum sieht im Mondlicht gleich aus, jeder Schatten könnte einen Wolf, einen Bären oder Banditen verbergen, die mir Schlimmeres antun könnten, als Marcus es versucht hat.
Ich stolpere durch das Unterholz, mein zerrissenes Kleid bleibt an Dornen und tief hängenden Ästen hängen. Blut aus meiner aufgeplatzten Lippe tropft auf meine Brust, und ich spüre, wie sich an meinen Armen und Beinen weitere Schnitte öffnen, wo das Gestrüpp meine nackte Haut zerreißt. Mein linkes Auge ist jetzt völlig zugeschwollen, und meine Rippen schmerzen bei jedem Atemzug.
„Bleib in Bewegung“,Luna flüstert, ihre Kraft schwindet zusammen mit meiner.„Hör nicht auf. Kann nicht aufhören.“
Nach gefühlten Stunden des Umherirrens breche ich gegen den Stamm einer riesigen Eiche zusammen, völlig am Ende meiner Kräfte. Mein Körper zittert vor Kälte und Schock, und zum ersten Mal, seit ich den Palast verlassen habe, denke ich ernsthaft darüber nach, was ich getan habe.
Ich bin aus einer arrangierten Ehe geflohen, um einem Leben ohne Liebe zu entfliehen. Doch dann musste ich feststellen, dass der Mann, von dem ich dachte, er würde mich lieben, mich nur als ein Objekt betrachtete. Ich habe den Schutz meiner Krone gegen die Verletzlichkeit des Exils eingetauscht und bin nun allein in einem Wald, ohne Nahrung, ohne Obdach und ohne eine Ahnung, wie ich überleben soll.
Vielleicht hatten meine Eltern recht. Vielleicht ist Pflicht wichtiger als Verlangen, Opfer wertvoller als Wahl. Wenigstens hätte der Eiskönig mich geheiratet, bevor er sich nahm, was er wollte. Wenigstens hätte diese Vereinbarung Tausenden von Menschen Frieden gebracht, statt nur mir Leid.
Ich denke an den Vertrag, der nie unterzeichnet werden wird, an den Krieg, der wegen meiner Selbstsucht weitergehen wird. Wie viele Menschen werden sterben, weil ich mein Schicksal nicht akzeptieren konnte? Wie viele Mütter werden ihre Söhne verlieren, weil ich meinen Ehemann selbst wählen wollte?
Die Ironie ist bitter wie Gift. Ich bin weggelaufen, um der Heirat mit einem Monster zu entgehen, nur um festzustellen, dass ich bereits in eines verliebt war. Und jetzt sitze ich blutüberströmt und gebrochen in einem Wald, ohne einen Weg nach Hause, und frage mich unweigerlich, ob der Eiskönig möglicherweise schlimmer sein könnte als der Mann, den ich zu kennen glaubte.
Das Geräusch von Hufschlägen lässt mich aufblicken. Hoffnung und Angst toben in meiner Brust. Durch mein gutes Auge erkenne ich eine Gestalt auf einem Pferd, die aus den Schatten zwischen den Bäumen auftaucht. Das Mondlicht fällt auf etwas Metallisches – eine Rüstung, glaube ich, oder Waffen.
Mein Herz klopft schwach, als der Reiter näher kommt. In meinem Delirium bin ich mir sicher, dass ich halluziniere, denn der Mann, der absteigt und auf mich zukommt, sieht aus wie aus den düstersten Märchen. Groß und imposant, mit eisblauen Augen, die in der Dunkelheit zu leuchten scheinen, und silbern durchzogenem schwarzen Haar, in dem sich das Mondlicht spiegelt. Sein Gesicht ist voller scharfer Kanten und harter Linien, schön wie eine Klinge – tödlich und kalt.
Der Eiskönig. Das muss er sein. Aber das ist unmöglich. Er sollte Hunderte von Kilometern entfernt im Nordreich sein und eine Hochzeit vorbereiten, die nie stattfinden wird, weil die Braut in die Nacht geflohen ist.
Ich versuche zu sprechen, zu fragen, ob er real ist oder nur ein weiterer Albtraum, den mein geschundener Verstand heraufbeschworen hat, doch nur ein schwaches Wimmern entweicht meinen geschwollenen Lippen. Sein eisblauer Blick erfasst mein zerrissenes Kleid, mein verletztes Gesicht, das Blut, das meinen Umhang befleckt, und etwas Gefährliches blitzt hinter diesen kalten Augen auf.
„Na“, sagt er, und seine Stimme klingt wie Winterwind durch kahle Äste – tief, kontrolliert und absolut furchterregend. „Seht, was ich gefunden habe.“
Die Dunkelheit am Rande meines Blickfelds wird immer stärker und zieht mich trotz meiner verzweifelten Versuche, bei Bewusstsein zu bleiben, in die Tiefe. Mein letzter klarer Gedanke, bevor alles schwarz wird, ist die bittere Ironie, dass ich weggelaufen bin, um der Heirat mit einem Monster zu entgehen, nur um trotzdem gebrochen und hilflos zu seinen Füßen zu landen.
Das Schicksal scheint einen grausamen Sinn für Humor zu haben.