Der Wald umarmt uns wie eine schützende Mutter, während wir tiefer in sein uraltes Herz reiten. Die Hufe meiner Stute erzeugen leise Geräusche auf dem Teppich aus gefallenen Blättern – ein sanfter Rhythmus, der mich beruhigen sollte, mich aber nur daran erinnert, wie weit wir uns von allem Vertrauten entfernt haben.
Ich werfe einen Blick auf Marcus, der neben mir reitet. Sein Profil wirkt stark und entschlossen im fahlen Mondlicht. Bei seinem Anblick durchströmt mich erneut Erleichterung – meine Rettung, mein Partner in diesem verzweifelten Kampf um die Freiheit. Sein sandfarbenes Haar fängt das Licht ein, und als er sich zu mir umwendet und lächelt, strahlen seine warmen braunen Augen all die Liebe und Zuversicht aus, die ich brauche.
„Wie weit ist es noch?", frage ich Marcus und versuche, meine Erschöpfung zu verbergen. Wir reiten schon seit einer gefühlten Ewigkeit, und mein Körper beginnt, gegen die ungewohnte Anstrengung zu protestieren.
Marcus dreht sich im Sattel um. Ein sanftes Lächeln liegt auf seinem Gesicht. „Nicht mehr lange, Liebste. Da vorne ist ein Ort, an dem wir sicher rasten können. Wir verbringen die Nacht dort und reiten morgen weiter."
Der Gedanke an eine richtige Pause, daran, aus dem Sattel zu steigen und mich am Feuer zu wärmen, erfüllt mich mit Erleichterung. Mein Rücken schmerzt, und meine Hände sind steif vom langen Umklammern der Zügel. Ich bin schon geritten, aber nie über solche Distanzen oder mit solcher Dringlichkeit.
Wir kommen auf eine kleine Lichtung, auf der ein bescheidenes Steinhaus an einen Felsvorsprung geschmiegt liegt. Warmes, gelbes Licht scheint aus den Fenstern, und Rauch steigt aus dem Schornstein in den sternenübersäten Himmel. Es sieht aus wie aus einem Märchen – gemütlich und einladend in der Dunkelheit des Waldes.
Ich rutsche mit vor Müdigkeit zitternden Beinen von meiner Stute, meine Stiefel versinken leicht im weichen Boden der Lichtung. Das Häuschen ist größer, als es von weitem wirkt, mit dicken Steinmauern und einer schweren Holztür, die robust und einladend wirkt. Getrocknete Kräuter hängen von der Dachtraufe, und ich rieche den wohligen Duft von brennendem Holz, vermischt mit etwas, das Eintopf sein könnte.
„Marcus", sage ich und blicke mit wachsendem Erstaunen auf der Lichtung umher. „Woher wusstest du von diesem Ort? Und warum brennt hier Licht?"
Er steigt bereits ab und nimmt mit geübter Leichtigkeit die Zügel meines Pferdes. „Ich habe es arrangiert", sagt er mit sichtlichem Stolz. „Als du angefangen hast, davon zu sprechen, deinem Schicksal zu entfliehen, habe ich Vorbereitungen getroffen. Ich wollte sicherstellen, dass du es bequem und sicher hast."
Ich folge ihm zum Cottage, und mein Herz schwillt vor Dankbarkeit an. Wie aufmerksam er war, wie sorgfältig er unsere Flucht geplant hat. Ich hätte wissen müssen, dass Marcus an alles denkt – er war schon immer der rücksichtsvollste Mensch in meinem Leben.
Als wir näher kommen, öffnet sich die Tür des Häuschens, und eine Frau mittleren Alters mit ergrauendem Haar und freundlichen Augen tritt heraus. Sie trägt ein schlichtes braunes Kleid und eine cremefarbene Schürze und macht einen Knicks.
„Eure Hoheit", sagt sie herzlich. „Meister Marcus meinte, ihr könntet vielleicht kommen. Ich habe alles wie gewünscht vorbereitet."
Meine Augen weiten sich vor Überraschung. „Du hast ihr gesagt, wer ich bin?"
Marcus berührt mich sanft am Ellbogen und führt mich zur Tür. „Mrs. Aldrich ist absolut vertrauenswürdig. Sie hat schon vielen Reisenden geholfen. Diskretion gehört zu ihrer Arbeit."
Die Frau – Mrs. Aldrich – nickt eifrig. „Von mir wird niemand etwas erfahren, Eure Hoheit. Ich habe ein warmes Essen und ein warmes Zimmer vorbereitet. Sie sind sicher beide von der Reise erschöpft."
Drinnen ist das Cottage noch einladender, als es von außen wirkt. Ein Steinkamin dominiert eine Wand, in dem das Feuer knistert und den Raum mit tanzendem Licht und wohliger Wärme erfüllt. Auf einem Holztisch neben dem Kamin steht ein beeindruckendes Buffet – gebratenes Hähnchen, ofenwarmes Brot, Käse, Trockenfrüchte und Gemüse, das riecht, als wäre es erst vor wenigen Stunden geerntet worden. Neben zwei Zinnbechern steht eine Flasche Wein, und das Ganze wirkt, als wäre es für den Besuch des Adels arrangiert worden.
Und ich nehme an, das war es auch.
„Das ist unglaublich", atme ich, ziehe meinen Reisemantel aus und hänge ihn an einen Haken neben der Tür. Die Wärme des Feuers fühlt sich himmlisch auf meiner kalten Haut an. „Aber Mrs. Aldrich, das muss doch viel gekostet haben –"
„Schon bezahlt, Eure Hoheit", sagt sie mit einem sanften Lächeln. „Meister Marcus war äußerst großzügig. Esst und ruht euch aus. Ich bin im Nebenhaus, falls ihr etwas braucht, aber ich vermute, ihr wollt eure Ruhe haben."
Sie eilt durch eine Hintertür hinaus und lässt Marcus und mich allein in dem gemütlichen Zimmer zurück. Ich drehe mich zu ihm um und merke plötzlich, dass wir zum ersten Mal in unserem Leben wirklich allein miteinander sind – ohne Palastdiener, ohne Eltern, ohne Vorschriften, die unseren Umgang miteinander regeln.
„Marcus, ich kann nicht glauben, dass du das alles arrangiert hast", sage ich, gehe zum Tisch und atme den würzigen Duft des Essens ein. Mein Magen knurrt laut und erinnert mich daran, dass wir ohne Abendessen gegangen sind.
Er bewegt sich hinter mich, und ich spüre, wie sich seine Hände warm und vertraut auf meine Schultern legen. „Alles für dich, Seraphina."
Ich drehe mich in seinen Armen um und blicke in die braunen Augen, die mich seit meiner Kindheit begleiten. Marcus war schon immer auf eine sanfte Art attraktiv – nicht die dunkle, gefährliche Schönheit von Kriegern und Königen, sondern die warme Ausstrahlung eines sicheren und freundlichen Menschen. Sein sandfarbenes Haar fällt ihm ins Gesicht, und sein Lächeln hat mir immer das Gefühl gegeben, geschätzt und beschützt zu sein.
„Ich liebe dich dafür, dass du an alles denkst", sage ich leise und strecke die Hand aus, um seine Wange zu berühren. „Ich hatte solche Angst, dass wir auf dem Waldboden schlafen und essen würden, was wir finden. Das fühlt sich wie ein Traum an."
„Du verdienst es, wie eine Prinzessin behandelt zu werden – auch im Exil, auch im Versteck", sagt er mit warmer, liebevoller Stimme. „Du verdienst Luxus und Komfort und alles Schöne der Welt."
Wir essen am Feuer und erzählen uns Geschichten aus unserer Kindheit und Träume von unserer Zukunft. Der Wein ist würzig und wärmend nach den Strapazen unserer Flucht und des langen Ritts durch den Wald. Marcus erzählt mir von Orten, die wir besuchen könnten – ferne Königreiche, in denen uns niemand erkennen würde, kleine Dörfer, in denen wir völlig verschwinden könnten, Häfen, von denen aus wir eine Überfahrt in Länder jenseits des Meeres buchen könnten.
Als wir mit dem Essen fertig sind, schürt Marcus das Feuer, während ich das Cottage erkunde. Es ist größer, als es von außen wirkt, mit einer gemütlichen Sitzecke und einem Schlafraum, in dem sich ein bequem aussehendes Bett mit weichen Fellen und Wolldecken befindet. Es gibt sogar ein Waschbecken mit frischem Wasser und sauberen Handtüchern – Luxus, den ich wochenlang nicht mehr erwartet hatte.
„Es gibt nur ein Bett", stelle ich fest, als Marcus mit unseren Rucksäcken zu mir in die Kammer kommt.
Er stellt die Taschen ab und dreht sich zu mir um. In seinem Gesichtsausdruck verändert sich etwas, das ich nicht ganz deuten kann. „Ich weiß. Ich dachte … ich hoffte …" Er verstummt und fährt sich mit der Hand durchs Haar.
„Marcus?", frage ich und neige neugierig den Kopf.
„Wir sind jetzt frei, Seraphina", sagt er und tritt näher. „Frei, so zusammen zu sein, wie wir es uns immer gewünscht haben. Frei, einander zu lieben, ohne uns um Protokoll, Anstand oder königliche Erwartungen zu kümmern."
Etwas in seinem Tonfall lässt mich innehalten. „Was sagst du?"
„Ich sage, wir können endlich zusammen sein. Wirklich zusammen." Sein Blick wandert über mein Gesicht und dann tiefer, und er nimmt die Kurven meines Körpers unter dem Wollkleid auf eine Weise wahr, die mir plötzlich Unbehagen bereitet. „Wir können in jeder Hinsicht Mann und Frau sein, die zählt."
Die Veränderung kommt so plötzlich, so unerwartet, dass ich einen Moment lang nicht begreifen kann, was er sagt. „Marcus, wir sind nicht verheiratet", sage ich vorsichtig und schlinge die Arme um mich. „Ich habe mein altes Leben zwar hinter mir gelassen, aber das heißt nicht, dass ich meine Werte aufgegeben habe. Ich möchte warten, bis wir richtig verheiratet sind."
Sein Gesichtsausdruck verändert sich völlig. Etwas Dunkles und Hässliches flackert hinter seinen vertrauten braunen Augen auf. „Von wem getraut? Welcher Priester wird uns trauen, jetzt, wo du ein Flüchtling bist? Welches Königreich wird eine Zeremonie anerkennen, die für eine verbannte Prinzessin und einen Bürgerlichen abgehalten wird?"
„Wir werden jemanden finden", beharre ich und gehe rückwärts zur Tür, während in meinem Kopf die Alarmglocken schrillen. „Wenn wir in Sicherheit sind und einen Ort zum Niederlassen finden –"
„Ich habe lange genug gewartet", unterbricht er mich, und seine Stimme nimmt einen harten Ton an, den ich noch nie zuvor gehört habe. „Jahrelang habe ich dich beobachtet, Seraphina. Ich habe dich andere Männer anlächeln sehen, dich mit Prinzen und Herzögen tanzen sehen, während ich danebenstehen musste und so tun, als ob ich dich nicht wollte. Ich habe dich vor einer lieblosen Ehe bewahrt und alles aufgegeben, um mit dir zusammen zu sein. Verdiene ich nicht etwas dafür?"
Die Art, wie er es sagt – als ob ich ihm etwas schulde, als ob mein Körper die Bezahlung für seine Hilfe wäre – lässt mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Das ist nicht der sanfte, geduldige Marcus, den ich mein ganzes Leben lang gekannt habe. Das ist jemand ganz anderes, jemand, der sich hinter einer Maske aus Freundlichkeit und Hingabe versteckt hat.
„Ich weiß alles zu schätzen, was du getan hast", sage ich langsam und versuche, meine Stimme ruhig und vernünftig klingen zu lassen. „Aber mir zu helfen, sollte nicht mit Erwartungen verbunden sein. Ich dachte, du liebst mich, wie ich bin, und nicht für das, was ich dir geben kann."
„Ich liebe dich", sagt er und kommt mit gieriger Absicht auf mich zu. „Deshalb muss ich dir zeigen, wie sehr. Deshalb kann ich nicht mehr warten."
Ich greife nach der Türklinke, aber er ist schneller. Seine Hand knallt gegen die Holztür und hält sie geschlossen, während sein anderer Arm sich um meine Taille legt und mich an sich zieht. Seine Berührung, die immer sanft und tröstend war, fühlt sich jetzt besitzergreifend und fordernd an.
„Kämpf!", brüllt Luna in meinem Kopf. „Bekämpfe ihn!"
„Marcus, hör auf", sage ich entschieden und versuche, ihn wegzustoßen. „Du machst mir Angst."
„Hab keine Angst, Liebes", murmelt er mir ins Ohr, sein Atem ist heiß und duftet nach Wein. „Ich werde sanft sein. Ich werde dir zeigen, wie schön es ist."
Seine Hände wandern über meinen Körper, und ich drücke mit aller Kraft gegen seine Brust. „Ich sagte: Hör auf! Lass mich los!"
Anstatt mich loszulassen, wird sein Griff fester, und sein Gesicht verzieht sich vor Wut. „Hör auf, dich zu wehren, Seraphina. Du gehörst jetzt mir. Ich habe dich verdient."
Das Wort „verdient" trifft mich wie ein Schlag. Das hat er schon immer gedacht, wird mir mit wachsendem Entsetzen klar. Wenn ich nur geduldig, freundlich und dankbar genug wäre, würde ich ihm irgendwann meinen Körper schulden. Unsere ganze Freundschaft, jede sanfte Geste und jedes süße Wort, war in seinen Augen eine Transaktion.
„Ich gehöre niemandem", knurre ich, und meine Wut steigt, um mit seiner mitzuhalten. „Nicht dir, nicht dem Eiskönig, niemandem!"
Ich ziehe mein Knie fest nach oben, ziele auf seine Leistengegend, doch er ahnt die Bewegung und dreht sich zur Seite. Anstatt mich loszulassen, packt er mich an den Schultern und schüttelt mich heftig.
„Verstehst du nicht?", zischt er, und seine Finger bohren sich schmerzhaft in mein Fleisch. „Du hast keine Wahl mehr. Du bist nichts mehr – keine Prinzessin, kein politisches Kapital, nur eine Frau, allein auf der Welt, die nirgendwo hin kann. Ich bin alles, was dir noch bleibt."
„Dann entscheide ich mich dafür, nichts zu haben", schnappe ich zurück, und die Wut in meiner Stimme überrascht uns beide.
Seine Hand trifft meine Wange, bevor ich es merke. Das Geräusch von Haut auf Haut hallt durch die kleine Kammer. Schmerz explodiert in meinem Gesicht, und ich schmecke Blut, wo meine Zähne in meine Unterlippe schneiden. Einen Moment lang erstarren wir beide und starren uns geschockt an.
Dann bricht etwas in ihm.