„Iris Roth vertraute ihren Instinkten – sie hatten sie durch Bühnen, Sitzungssäle und die glitzernden Schlachtfelder der High Society getragen. Heute Abend haben sie sie im Stich gelassen.“
„Kühn von dir“, murmelte er und verzog die Lippen, als würde ihn ihre bloße Existenz beleidigen. „Dich in aller Öffentlichkeit Männern an den Hals zu werfen. In der Hoffnung, Ruben würde dich aus deinen Schulden befreien?“
Iris’ Magen zog sich zusammen. Jeder Nerv schrie sie an, zurückzutreten, sich zu sammeln, doch sie weigerte sich, Schwäche zu zeigen. Sie hob das Kinn und zwang sich zur Fassung wie ein sorgfältig geschneidertes Kleid.
„Ich glaube, du verwechselst mich mit jemand anderem“, sagte sie mit abgehackter Stimme.
Sein Lachen war leise, humorlos, fast gefährlich. „Nein. Ich sehe dich genau.“
Iris’ Puls hämmerte unter ihrer Haut. Das war nicht der charmante Playboy, für den Ruben angeblich gehalten wurde. Nein, dieser Mann war schärfer, gemeiner. Und doch trug er Rubens Gesicht.
„Einen schwindelerregenden Moment lang fragte sie sich: War das der Test, vor dem Eva sie gewarnt hatte?“
Vielleicht hatte Ruben ihn inszeniert – ein Double geschickt, um ihre Verzweiflung einzuschätzen.
Wenn ja, musste sie bestehen.
Also lächelte sie. Strahlend. Höflich. Das Lächeln, das sie für Sponsoren und Rivalen gleichermaßen perfektioniert hatte. „Nun, wer auch immer Sie sind, es war nett, mit Ihnen zu plaudern. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden …“
Doch als sie vorbeigehen wollte, bewegte sich sein Körper unmerklich und versperrte ihr den Weg. Nicht offensichtlich. Nicht genug, um die Aufmerksamkeit der glitzernden Menge abzulenken, die mit Champagnergläsern und einstudiertem Gelächter vorbeizog. Gerade genug, um sie daran zu erinnern, dass er die Kontrolle hatte.
Seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern, das nur für ihre Ohren bestimmt war. „So verzweifelt auf der Suche nach Geld, dass Sie es jetzt auf Ruben abgesehen haben? Er wird sich nicht in jemanden wie Sie verlieben.“
Elias – obwohl sie seinen Namen noch nicht kannte – sah auf den ersten Blick genauso aus wie Ruben. Dasselbe kantige Kinn, dieselbe aristokratische Nase, derselbe, fast ungerechtfertigt markante Mund. Doch aus der Nähe waren seine Augen anders. Rubens Blick hatte immer einen Schimmer nachsichtiger Belustigung getragen, den Blick eines Mannes, der sich nie hatte abweisen lassen. Die Augen dieses Mannes waren dunkler, stürmischer, umrahmt von etwas, das sich wie Rauch und Stahl anfühlte.
Denn der Mann, den sie gerade zu verführen versucht hatte, war nicht Ruben Brandt.
Es war sein Schatten.
Die Wahrheit traf sie mitten in seinen schneidenden Worten.
Und sie brannten Löcher in sie hinein.
Die Worte schmerzten stärker, als sie zugeben wollte. Iris ballte die Fäuste im Satin ihres Kleides, Hitze stieg ihr in die Wangen. Sie hatte schon früher Verurteilungen ertragen müssen – abfälliges Getuschel über ihre Familie, ihre Karriere, ihre gescheiterte Verlobung. Aber von diesem Fremden schnitt es tiefer. Vielleicht, weil er sie ansah, als kenne er all ihre Fehler und wolle sie nur darauf ausrichten.
Sie lachte leise und absichtlich und neigte den Kopf wie eine Königin, die einem Narren nachgibt. „Und was genau ist jemand wie ich?“, fragte sie.
Für einen kurzen Moment zerbrach seine Maske – etwas Rohes flackerte darin auf. „Schmerz.“
Doch er verschwand schnell, überdeckt von kaltem Spott. „Eine Frau, die ihr Lächeln an den Meistbietenden verkauft.“
Ihr stockte der Atem. Der Vorwurf war grausam. Und zum ersten Mal seit Jahren rastete Iris aus.
„Wenn ich so unter deiner Würde bin“, zischte sie, ihre Fassung geriet ins Wanken, „warum bist du dann so besessen von mir? Heimliche Schwärmerei?“
Der Seitenhieb traf. Seine Augen blitzten auf, eine Röte stieg ihm unter die Wangenknochen. Er wirkte einen Moment lang jung – unbewacht, verletzt. Dann trat er näher, nah genug, dass sie die Kälte spüren konnte, die ihn überkam, und flüsterte wie ein Fluch:
„Frauen wie du enden nie gut.“
Etwas in Iris zuckte. Nicht Angst – Wut. Sie hatte sich aus Armut, aus der Bedeutungslosigkeit, aus der Scham herausgekämpft. Sie würde nicht zulassen, dass dieser Mann – wer auch immer er war – sie zu einem tragischen Stereotyp degradierte.
Also lächelte sie erneut, diesmal schärfer. „Gut, dass ich keine Ratschläge von Männern annehme, die sich nicht einmal vorstellen können.“
Bevor er antworten konnte, rutschte Iris seitwärts und schlängelte sich durch das Meer aus Seidenkleidern und Smokings. Ihr Puls dröhnte in ihren Ohren, ihr Atem schoss wie zerbrochenes Glas. Sie musste Ruben – ihr eigentliches Ziel – finden, bevor dieser Fremde ihre Fassung völlig zerstörte.
Sie entdeckte ihn in der Nähe des Champagnerturms, umgeben von Verehrern. Ruben Brandt: ein goldener Erbe, ein berüchtigter Wüstling, genau der Typ, vor dem Eva sie gewarnt hatte – und genau der Typ, den sie bezaubern musste.
Iris fasste sich, dann entspannten sich ihre Gesichtszüge zu einem Ausdruck angenehmer Überraschung. Sie kam näher und täuschte einen versehentlichen Stoß mit ihrer Schulter gegen seine vor.
„Oh! Verzeihen Sie mir – Mr. Brandt?“
Ruben drehte sich um, und für einen Moment verstand sie, warum die halbe Stadt über ihn tuschelte. Sein Lächeln war ungezwungen, entwaffnend, perfekt einstudiert. Und als sein Blick sie musterte, blieb er haften.
„Keine Vergebung nötig“, sagte er gedehnt und reichte ihr die Hand. „Obwohl ich wünschte, ich hätte dich früher bemerkt. Du bist viel zu umwerfend, um ungesehen zu bleiben.“
Iris errötete – nicht echt, aber überzeugend. „Du schmeichelst mir. Ich fürchte, ich bin noch recht neu in diesem Kreis. Eva besteht darauf, dass ich Freunde finde.“
„Eva?“ Er zog die Braue hoch. „Dann musst du Iris Roth sein. Sie spricht in den höchsten Tönen von dir.“
Iris legte schüchtern den Kopf schief. „Tatsächlich? Ich hatte schon Angst, dass sie mich nur als Dekoration hergebracht hat.“
Ruben lachte warm und nachsichtig. „Eine Frau wie du könnte niemals bloße Dekoration sein.“
Dieser Tanz war mühelos. Seine Worte strotzten vor Charme, ihre Antworten waren maßvoll und zurückhaltend. Minuten später saßen sie in einer schattigen Ecke, Champagner in der Hand, die Gala summte wie ferne Musik.“
Und Ruben war – wie vorherzusehen – fasziniert.
Doch was Iris nicht sah, war die Gestalt, die gleich hinter dem Torbogen verweilte, halb im Schatten verborgen. Elias.
Seine Kiefer spannten sich an, als er die Szene beobachtete. Jedes Lachen, das Iris Ruben schenkte, fühlte sich an wie ein Messerstich. Jedes leise Kompliment, das sie flüsterte, fühlte sich an wie Verrat.
Besonders, als er die Worte auffing, die ihr über die Lippen kamen – als Schmeichelei für Ruben gemeint, für ihn aber mit Gehässigkeit gewürzt.
„… Anders als dein Bruder. Er ist viel zu ernst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er überhaupt Spaß macht.“
Die Worte trafen ihn wie Schüsse. Elias’ Brust schnürte sich zusammen, alte Erinnerungen prallten auf frische Wunden. Iris – seine Iris, das Mädchen, das einst Licht in seine dunkelsten Tage brachte – war hier, entließ ihn und entschied sich für Ruben.
Jahrelang hatte er ihre Erinnerung als heilig gehütet, eine Wärme, die er schweigend in sich trug. Und nun, vor seinen Augen, lachte sie ihn aus. Verspottete ihn.
Er ballte die Fäuste, bis sich mit den Nägeln Halbmonde in seine Handflächen gruben – Schmerz brannte auf, aber nichts im Vergleich zu dem Feuer in seinem Inneren.“
Iris Roth, entschied er, war ganz anders als das Mädchen, an das er sich erinnerte.
Nicht wie das Licht, das ihn einst gerettet hatte.
Sie hatte sich verändert.
Und er würde ihr das nie verzeihen.