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1669 Words
HELA – Standpunkt Krista schnappte nach Luft und klammerte sich sofort an Franz. Die Decke konnte ihren zitternden Körper kaum verbergen. „Hela, es ist nicht so, wie es aussieht! Bitte hör mir zu!“ Ihre Stimme brach, und sie begann zu schluchzen. „Es tut mir leid, Hela. Es tut mir so leid! Ich weiß, ich bin die schlimmste Schwester der Welt. Ich hätte dir das nicht antun dürfen!“ Ihre Augen waren weit aufgerissen und tränenfeucht, und ihre Unterlippe zitterte, als wäre sie diejenige, die betrogen worden war – nicht ich. Jeder Zentimeter ihres Körpers schrie nach Unschuld und Reue, perfekt inszeniert und erbarmungswürdig. Franz griff bereits nach seiner Hose, seine Bewegungen waren schnell und routiniert. Als wäre es nicht das erste Mal. Als hätte er das schon einmal getan und wüsste genau, wie man mit den Folgen umgeht. Krista presste die Decke an ihre Brust, ihre Stimme bebte dramatisch. „Ich bin eine schreckliche Schwester! Ich bin so sündig! Ich verdiene es nicht, nach all dem weiterzuleben!“ „Hör auf, Krista. Es ist nicht deine Schuld“, sagte Franz, sein Ton plötzlich sanft und beruhigend. Seine Hand strich über ihren Arm, als wollte er sie trösten. Nicht ihre Schuld? Was sollte das bedeuten? Dann wandte sich Franz mir zu, und jede Zärtlichkeit verschwand. An ihre Stelle trat der scharfe, kalte Blick eines Mannes, der sich längst entschieden hatte. „Bist du jetzt fertig?“ Seine Worte trafen mich wie Schläge. „Was?“ Meine Stimme zitterte. Er trat näher, und ich wich instinktiv zurück. „Ich bin müde, Hela. Verstehst du das? Müde vom Vortäuschen. Müde von dir.“ Jedes Wort traf mich wie ein Stein in die Brust. „Vortäuschen?“, flüsterte ich. „Glaubst du, ich habe es nicht bemerkt?“, fuhr er mich an. „Wie du dich an mich klammerst, als wäre ich das Einzige, was dich am Leben hält? Wie du mich mit deinem ständigen Bedürfnis nach Bestätigung erstickst?“ „Ich habe dich satt, Hela!“, schrie er. Mein Blick verschwamm. Ich hielt mich am Türrahmen fest, um nicht zu fallen. Der Verrat brannte, aber was noch mehr schmerzte, war die Erkenntnis, dass Franz mich nicht mit Schuld oder Wut ansah, sondern mit Abscheu. „Du hast genug von mir – wegen ihr, nicht wahr?“ Meine Stimme zitterte, scharf vor Unglauben. „Lüg mich nicht an, Franz. Gib es einfach zu.“ „Nein, Hela, bitte!“, schrie Krista und klammerte sich noch fester an die Decke. „Franz ist nicht schuld! Du auch nicht – ich bin es! Es ist alles meine Schuld!“ Sie schluchzte noch heftiger, als wäre sie das Opfer meiner Wut. Franz presste die Kiefer aufeinander. „Wie kannst du es wagen, Krista so fertigzumachen?“, fuhr er mich an und stellte sich schützend vor sie. Sein Ton veränderte sich erneut – diesmal klang er beschützend, wütend und selbstgerecht. „Verstehst du das nicht, Hela? Du bist diejenige, die dem Glück anderer Menschen im Weg steht. Dem Glück deiner eigenen Schwester!“ Etwas in mir zerbrach. Ich wollte schreien, Franz schlagen und ihre gespielte Reue in Stücke reißen. Aber meine Stimme versagte. Bevor ich noch etwas sagen konnte, näherten sich Schritte. Mama Lina und Papa Otto erschienen in der Tür, ihre Gesichter verzerrt vor Verwirrung. „Was ist hier los?“, hallte Mama Linas Stimme scharf und fordernd durch den Raum. Erleichterung überflutete mich – irrationale, verzweifelte Erleichterung. Sie würden das in Ordnung bringen. Das mussten sie. „Mama …“ Meine Stimme brach. „Mama, du musst mir zuhören …“ „Hela, sprich leiser“, sagte sie schroff. „Du machst eine Szene.“ „Eine Szene?“ Fast hätte ich gelacht. „Franz und Krista waren … sie waren zusammen, Mama. In ihrem Zimmer. Ich habe sie gesehen …“ „Hela, hör auf“, unterbrach mich Papa Otto mit eiskalter Stimme. „Papa, bitte.“ Ich wandte mich an ihn, meine letzte Hoffnung. „Du verstehst das nicht. Sie haben mich betrogen. Nach allem, was ich getan habe, nach der Operation …“ „Genug.“ Das Wort traf mich wie ein Schlag. Ich starrte ihn an, meine Brust hob und senkte sich hektisch. „Was?“ „Du hast mich schon verstanden.“ Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. „Genug mit diesem melodramatischen Theater.“ „Theater?“ Das Wort fühlte sich fremd in meinem Mund an. „Dad, ich habe gerade meinen Freund mit meiner Schwester im Bett erwischt …“ „Mit deiner Schwester, die fast gestorben wäre!“, erhob Mama Lina die Stimme, bebend vor gerechter Empörung. „Mit deiner Schwester, die gerade erst eine Nierentransplantation bekommen hat! Die du lieben und beschützen solltest!“ „Ich habe ihr meine Niere gespendet!“, platzte es aus mir heraus. „Ich habe mich ohne richtige Betäubung operieren lassen, weil du es so wolltest! Ich habe alles getan, was du verlangt hast!“ „Und das gibt dir das Recht, ihr Glück zu zerstören?“, fragte Mama Lina mit funkelnden Augen und trat einen Schritt vor. „In ihr Zimmer zu stürmen und sie anzugreifen, während sie sich noch erholt?“ Ich öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. „Sieh sie dir an!“ Mama Lina deutete auf Krista, die nun schluchzend an Franz’ Brust lag. „Sie ist traumatisiert, Hela! Hast du überhaupt eine Ahnung, was Stress bei einer Transplantationspatientin anrichten kann?“ „Ich bin nicht diejenige, die …“ „Du bist egoistisch.“ Mama Linas Stimme sank zu einem tödlichen Flüstern. „Du warst schon immer egoistisch.“ Das Wort traf mich wie eine Kugel. „Wir haben dich aufgenommen, als du nichts hattest“, fuhr sie mit bebender Stimme fort. „Wir haben dir ein Zuhause, eine Familie, ein Leben gegeben. Und so dankst du es uns?“ „Ich habe ihr meine Niere gegeben …“ Meine Stimme brach. „Weil das das Mindeste war, was du tun konntest!“, schrie sie. „Nach allem, was wir für dich geopfert haben!“ Ich sah Dad an, verzweifelt auf der Suche nach einem Zeichen von Unterstützung. Nach einem Hinweis darauf, dass er die Wahrheit erkannte. Aber sein Gesicht blieb ausdruckslos. „Dad …“ Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Du bist doch schon in deine eigene Wohnung gezogen, oder, Hela?“ Sein Ton war gefühllos. „Dann pack deine Sachen und verschwinde für immer. Wir haben genug getan, um eine undankbare Tochter wie dich großzuziehen.“ Undankbar. Dieses Wort traf mich härter als jede Ohrfeige. Fast entfuhr mir ein bitteres Lachen. „Das ist also alles? Nach dreiundzwanzig Jahren bin ich für euch nichts weiter als das?“ Ich atmete langsam aus und zwang mich, meine Stimme ruhig zu halten. „Na gut“, sagte ich mit einer Ruhe, die selbst mich überraschte. „Wenn es das ist, was ihr wollt.“ Ich wandte mich zum Gehen, blieb aber auf halbem Weg stehen. Es gab noch eine Sache, die ich sagen musste – eine Wahrheit, die den letzten Faden durchtrennen würde, der mich an diese Familie band. Ich sah Franz an. „Wir sind fertig“, sagte ich leise, aber bestimmt. „Du musst dich nicht länger verstellen. Du hast bereits bekommen, was du wolltest, also herzlichen Glückwunsch. Du bist frei.“ Franz öffnete den Mund, aber es kamen keine Worte. Die Stille, die folgte, sprach lauter als alles, was er hätte sagen können. Dann ging ich. Ich weinte nicht. Ich schrie nicht. Mein Herz tat nicht einmal mehr weh – es hatte einfach aufgehört zu schlagen. Das Haus, das mein ganzes Leben beherbergt hatte, ragte hinter mir auf, aber ich blickte nicht zurück. Ich war als Hela Krämer hineingegangen – die gehorsame Tochter, die vergebende Schwester, die hingebungsvolle Geliebte. Doch die Frau, die hinausging, war nichts davon mehr. Ich lief mehrere Straßenblocks weit. Die Nachtluft biss in meine Haut und verstärkte mit jedem Schritt den Schmerz. Jede Erinnerung spielte sich wie zersplitterndes Glas vor meinem inneren Auge ab und schnitt tiefer: Franz’ Lügen, Kristas Tränen, Mamas Stimme, die mich herzlos nannte. All das brannte in mir, bis nichts mehr übrig war außer Taubheit und Wut. Sie hatten mir alles genommen – mein Vertrauen, meine Liebe und sogar meinen Körper. Aber meinen Namen würden sie mir nie wieder nehmen. Ich blieb vor einer Lounge-Bar stehen. Neonlichter flackerten schwach auf dem regennassen Bürgersteig. Das Schild flimmerte, kaum noch lebendig, aber sein Schein zog mich an wie eine Motte das Licht. Ich dachte nicht lange nach. Ich stieß einfach die Tür auf und ging direkt zur Theke. Die Luft roch nach schwerem, erstickendem Rauch. „Etwas Starkes“, sagte ich zum Barkeeper. Meine Stimme klang nicht einmal wie meine eigene. Das erste Glas brannte in meiner Kehle, scharf und bitter. Ich ertränkte mich im Alkohol. Ich weinte nicht einmal mehr. Stattdessen brannte Wut in meiner Brust. Ausdruckslos starrte ich auf die bernsteinfarbene Flüssigkeit, die in meinem Glas kreiste. Wenn ich jetzt sterben würde – würde es überhaupt jemanden interessieren? Mama Lina würde wahrscheinlich erleichtert aufatmen. Franz würde vielleicht ein Foto mit Krista posten, auf dem er mein „tragisches Ende“ betrauerte, während er ihre Hand hielt. Der Gedanke brachte mich zum Lachen – ein hohles, gebrochenes Lachen, das sogar mich erschreckte. Schmerz war Schmerz – ob von Stichen, Rissen oder einem gebrochenen Herzen, inzwischen fühlte sich alles gleich an. Dann hörte ich es. „Es tut mir leid, Ma’am, aber die private Lounge ist für den Abend reserviert.“ Die Stimme des Barkeepers drang von der anderen Seite der Bar zu mir herüber. „Herr Goldschmidt hat sie für heute Abend gebucht.“ Meine Finger schlossen sich fester um das Glas. Verdammt. Goldschmidt … dieser Nachname. Sein Nachname. Hitze durchflutete mich – nicht die Wärme des Alkohols, sondern pure Wut. War Franz hier? Hatte er sie hierher gebracht?
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