HELA – Standpunkt
Bevor ich es überhaupt bemerkte, war ich schon unterwegs. Meine Absätze schwankten über den Boden, das halb leere Glas noch immer fest in meiner Hand. Der Barkeeper rief mir etwas nach, aber ich schob mich bereits durch den Samtvorhang, der die Hauptbar von der privaten Lounge trennte.
Der Raum dahinter war intim – ein geschwungenes Sofa in Anthrazit, ein Glastisch mit einer Flasche Scotch, die wahrscheinlich mehr kostete als meine Monatsmiete, und gedämpftes bernsteinfarbenes Licht, das alles in Gold und Schatten tauchte.
Und er.
Er saß da, einen Arm lässig über die Rückenlehne des Sofas gelegt, die Jacke ausgezogen, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Dunkles Haar, markantes Kinn, das Gesicht eines Mannes, der auf Magazincovern oder der Kinoleinwand zu Hause war. Als ich hereinkam, sah er auf. Ein Hauch von Überraschung huschte über sein Gesicht, als sein Blick mein zerzaustes Äußeres streifte.
Nicht mein Ex. Ein Fremder.
Für einen Moment durchbrach Verwirrung meine Wut. Dann verwandelte sie sich in etwas ganz anderes – etwas Leichtsinniges und Trotziges.
„Du bist nicht …“, begann ich und geriet leicht ins Schwanken.
„Nicht was?“, fragte er mit leiser, ruhiger Stimme. Meine Störung schien ihn nicht im Geringsten aus der Fassung zu bringen.
„Nicht wichtig“, lallte ich und machte einen weiteren unsicheren Schritt nach vorn. Der Raum neigte sich. „Wichtig ist nur, dass Männer wie du … Männer mit dem Namen Goldschmidt … glauben, sie könnten tun, was sie wollen …“
Ich war jetzt nah genug, um die silbernen Sprenkel in seinen blauen Augen zu erkennen, um seinen Duft wahrzunehmen – Sandelholz und etwas Kaltes, Scharfes, wie Frost.
Er zuckte nicht einmal. Er sah mich nur an.
„Tue ich das?“
„Ja.“ Die Wut war wie ein Stromstoß unter meiner Haut.
Ein grausames Bild blitzte hinter meinen Augen auf: Franz’ nackter Rücken, der sich über Kristas zitternden Körper bewegte, ihr theatralisches Keuchen, als sie mich an der Tür entdeckte. Die Erinnerung war noch frisch und zerschmetterte den letzten Rest meiner Vernunft. Das lächelnde Gesicht meines Ex, der Verrat, den ich erlitten hatte, verschwammen mit dem ruhigen, gutaussehenden Gesicht dieses Mannes.
„Ihr findet es in Ordnung zu lügen. Zu betrügen. Jemandem das Gefühl zu geben, nichts wert zu sein.“ Ich erreichte den Tisch und stützte mich mit einer Hand auf der kühlen Glasplatte ab. Mein Blick traf seinen. „Nun, wenn du das kannst – warum kann ich es dann nicht?“
Ich ließ mein Glas mit einem lauten Knall auf den Tisch fallen, sodass die restliche Flüssigkeit über den Rand schwappte. Dann legte ich meine Hände auf seine Schultern und spürte die festen, unnachgiebigen Muskeln unter seinem Hemd. Ich stellte mich auf meine wackeligen Absätze und presste meinen Mund auf seinen.
Es war kein leidenschaftlicher Kuss. Es war eine Kollision. Eine Entladung aus Wut. Meine Lippen waren ungeschickt, angeheizt von Alkohol und Zorn. Meine Hände glitten von seinen Schultern zu seiner Brust, meine Handflächen flach auf dem glatten Baumwollstoff, und ich spürte den gleichmäßigen, starken Schlag seines Herzens. Einen Herzschlag, der, ärgerlicherweise, nicht einmal schneller zu werden schien.
Für einen atemberaubenden Moment blieb er völlig still. Regungslos. Wie eine Statue. Ich dachte schon, ich hätte einen katastrophalen Fehler gemacht.
Dann änderte sich alles.
Sein Mund war nicht länger eine passive Fläche für meine Wut. Er wurde fordernd, geschickt, verheerend gründlich. Er erkundete, beherrschte, brachte das schreiende Chaos in meinem Kopf zum Schweigen, bis ich nur noch die Hitze seines Mundes, den Duft seiner Haut und die harte Kraft seines Körpers unter meinem wahrnahm.
Meine Hände, die eben noch gegen seine Brust gedrückt hatten, krallten sich jetzt in sein Hemd, suchten Halt, während sich die Welt aus einem völlig anderen Grund drehte.
Er löste den Kuss, sein Atem strich warm über meine geschwollenen Lippen. Seine Augen waren dunkel geworden, die silbernen Sprenkel fast verschluckt von dem stürmischen Blau.
„Ist es das, was du wolltest?“, fragte er, seine Stimme ein raues Flüstern an meiner Haut. „Um dir selbst etwas zu beweisen?“
Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte nur nicken. Meine Tapferkeit war zerbrochen und hatte nichts zurückgelassen außer einem verzweifelten, schmerzhaften Verlangen.
Ein langsames, gefährliches Lächeln glitt über seine Lippen.
„Dann beweise es.“
Er stand auf, legte seine Hand um meine Taille und führte mich durch eine Tür, die ich im hinteren Teil der Lounge nicht bemerkt hatte. Sie führte in einen kleineren, dunkleren Raum, der von einem großen, weichen Sofa beherrscht wurde.
Danach wurde nicht mehr gesprochen.
Der Rest war ein Wirbel aus Empfindungen – das kühle Leder an meinem Rücken, sein Gewicht, die geschickten Berührungen seiner Hände, die meinen Körper erkundeten, das scharfe Reißen von Stoff, als mein Kleid seiner Entschlossenheit nicht standhielt.
Als ich die Augen öffnete, fiel kaltes Tageslicht durch einen Spalt zwischen den Verdunkelungsvorhängen und beleuchtete die Szene mit brutaler Klarheit. Der opulente Raum lag in stiller Unordnung. Mein Kleid war nur noch ein zerknitterter Stofffetzen auf dem Boden.
Und er.
Goldschmidt.
Er schlief auf dem Bauch, das Gesicht mir zugewandt. Im hellen Morgenlicht war er noch atemberaubender. Seine markante Kinnlinie wirkte im Schlaf entspannt, sein dunkles Haar lag zerzaust auf dem Kissen. Das Laken war ihm bis zu den Hüften hinuntergerutscht und enthüllte einen muskulösen Rücken. Ein schwacher roter Kratzer zog sich über sein Schulterblatt – ein Andenken an meine verzweifelten Fingernägel.
Eine heiße Welle der Scham überrollte mich. Was hatte ich getan? Ich hatte einen Fremden angesprochen, ihn als Werkzeug für meine Rache benutzt und dann …
Mein Gesicht wurde heiß, als mich die Erinnerungsfetzen der Nacht einholten – sein leises Knurren an meinem Ohr, die Art, wie seine Hände meine Hüften umfasst hatten, die schockierende, erschütternde Lust.
Mein Blick glitt erneut über ihn, von seinen dunklen Wimpern zu seinen breiten Schultern.
Zumindest hatte mein betrunkenes, selbstzerstörerisches Ich einen guten Geschmack.
Dann fiel mein Blick auf meine kleine Handtasche, die neben der Tür lag. Eine Idee, geboren aus frischer Demütigung und einem seltsamen, trotzigen Stolz, schoss mir durch den Kopf. Ich durchwühlte meine Tasche und zog mein gesamtes Bargeld heraus – ein paar zerknitterte Hunderter. Mit einem letzten törichten Anflug von Mut legte ich die gefalteten Scheine auf das Kissen neben seinem Kopf.
Dann drehte ich mich um und floh, wobei das Klicken der Suiten-Tür hinter mir wie ein Schlusspunkt unter die verrückteste Nacht meines Lebens klang.