Sie musste eingeschlafen sein, denn als sie erwachte, hörte sie jemand reden.
„Amy? Was machst du hier? Kennst du mich noch? Ich bin es, Michael."
Amy erschrak, denn im ersten Moment befürchtete sie, dass es Joshua war.
„Es ist alles ok, Amy. Ich bin es nur, Michael."
Amy schaute ihn an. Die Sonne blendete sie, aber sie erkannte ihn.
„Was willst du hier? Hat Denise dich geschickt? Sucht man nach mir?", fragte sie ängstlich und verunsichert.
„Bleib hier, alles in Ordnung, ich bin allein. Ich hatte nur einen Spaziergang gemacht und habe dich gesehen!", hielt Michael sie auf als sie wieder gehen wollte. Sie beruhigte sich und ließ sich darauf ein, sich mit ihm zu unterhalten. Sie erzählte von ihrer Flucht, von Joshua und von der bevorstehenden Hochzeit, die sie auf keinen Fall wollte.
„Wo wohnst du denn jetzt, vielleicht kann ich dich mal wiedersehen?"
„Ich weiß es noch nicht, ich muss mich noch umschauen. Ich kenne hier niemanden und ich kenne mich hier auch nicht aus."
„Du kannst ein paar Tage bei mir bleiben bis du etwas gefunden hast", bot ihr Joshua an.
Amy war sehr dankbar und ging mit ihm mit. Zwar war sie verunsichert, aber sie brauchte einen Platz zum Schlafen. Sie gingen durch Gassen bis sie zu seinem Apartment kamen.
„Gemütlich hast du es hier", sagte sie, als sie sich umsah.
„Du kannst im Schlafzimmer übernachten, ich nehme die Couch. Fühl dich wie zuhause. Essen ist im Kühlschrank, bediene dich. Ich muss zurück zur Arbeit. Wenn du irgendetwas brauchst, hier ist die Nummer vom Theater, ruf da an und frag nach dem Techniker.", sagte er noch, bevor er sie allein in dem Apartment zurückließ.
Amy war dankbar über dieses Angebot, auch wenn sie es lieber hätte, dass er jetzt bei ihr bleiben würde. Aber zumindest war sie nicht mehr im Park, denn da hätte sie gefunden werden können. Sie nutze die Zeit, um etwas zu essen und sich von der Flucht zu erholen. Sie legte sich auf die Couch in schlief zufrieden ein. Als sie wieder wach und bei Kräften war entschied sie sich, etwas aufzuräumen, denn man sah schon, dass es eine Singlehaushalt war. Hier und da lagen ein paar Sachen herum.
Michael kam am Abend wieder und brachte eine Pizza mit.
„Ich habe hier etwas sauber gemacht, als kleines Dankeschön."
„Ich sehe es, danke! Aber das brauchst du wirklich nicht. Du musst mich nicht bezahlen, damit ich dir helfe."
Amy lächelte ihn an. Er war so nett zu ihr. Er war anders als Joshua. Joshua war nur nett wenn er etwas wollte, Michael war einfach nur nett - ohne jeglichen Hintergedanken.
Sie unterhielten sich den ganzen Abend, bis spät in die Nacht und schauten sich Filme an. Amy hatte zum ersten Mal im Leben wirklich das Gefühl, dass sie zur Ruhe kam und diese innere Ruhe auch genießen konnte.
Die Tage vergingen, Amy suchte eifrig nach einer billigen Wohnung und nach einer Arbeit. Die Wohnungssuche war schwieriger als gedacht, denn schließlich war sie erst siebzehn Jahre alt und hatte auch keinen Ausweis vorzulegen, der lag ja noch bei Joshua im Tresor. Bis jetzt hatte sie sich nur Absagen wegen ihres Alters anhören müssen. Es war sehr frustrierend für sie, dass sie noch nicht einmal die Chance bekam, sich für eine Wohnung vorzustellen. Auch die Arbeitssuche war schwierig und es schien, dass sie entweder eine Absage bekam oder sie nicht zurückgerufen wurde wenn sie eine Nachricht hinterließ. Sie war Michael sehr dankbar für das, was er tat, aber sie fühlte sich schlecht, weil sie nichts dabeisteuern konnte.
Doch eines Morgens klingelte das Telefon. Es war das Café, in dem sie sich beworben hatte. Sie boten ihr eine Anstellung als Kellnerin an. Amy konnte ihr Glück kaum fassen und machte einen Termin aus. Den Ausweis und die nötigen Papiere durfte sie nachreichen.
„Michael, ich habe einen Job!", sagte Amy abends aufgebracht, als Michael nach Hause kam.
„Das ist ja fabelhaft!", jubelte er, während er sie umarmte. Es knisterte zwischen ihnen, während er sie im Arm hielt. Er schaute sie an, er war schon immer angetan von ihren wunderschönen Augen. Er nutzte diesen Augenblick und zog sie an sich und küsste sie. Amy war geschockt und schreckte zurück. Doch sie konnte ihm nicht widerstehen und als er sie erneut küsste, genoss sie es. Ihr Herz raste und sie hatte Schmetterlinge im Bauch. Der Kuss schien eine Ewigkeit anzuhalten und sie genoss jede Sekunde. Doch plötzlich bekam sie Angst und beendete es abrupt.
„Habe ich etwas falsch gemacht?", fragte Michael sie verwundert.
„Nein, es liegt an mir, es ist noch alles zu früh!"
Sie wandte sich etwas anderem zu. Sie versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen, denn die Gedanken spielten verrückt. Sie mochte ihn, aber sie hatte Angst, sich auf etwas anderes als nur eine Freundschaft einzulassen. Immer wieder dachte sie dabei an Joshua, wie er sie berührte und wie er sie küsste. Was würde passieren, wenn sie sich mit ihm einlassen würde? Würde er sie genauso einsperren? Würde er sie auch zu körperlicher Nähe zwingen, so wie Joshua es oftmals tat? Es war alles noch so frisch und sie wollte erst Abstand bekommen bevor sie neu starten konnte. Sie war ja auch erst siebzehn und hatte noch ihr ganzes Leben vor sich.
Am nächsten Tag hatte sie den Termin im Café, und wie es sich herausstellte, durfte sie nach ihrem Gespräch direkt anfangen zu arbeiten. Sie war sehr aufgeregt und versuchte, so viel wie möglich zu lernen. Es war schwierig für sie, die vielen Kaffeespezialitäten auswendig zu lernen, doch sie gab sich sehr viel Mühe und wurde mit der Zeit auch immer besser.
Ein paar Wochen vergingen und sie dachte kaum noch an die traumatischen Erlebnisse mit Joshua. Sie genoss ihr neues Leben. Sie ging oft aus, hatte ein paar Freunde gewonnen und endlich ihr eigenes Leben. Sie wohnte immer noch bei Michael, doch hatte der Kuss von damals sich nicht mehr wiederholt. Sie wusste, dass Michael sie mochte, vielleicht sogar liebte, aber zu mehr war sie immer noch nicht bereit. Michael machte kein Geheimnis daraus, ihr seine Liebe zu zeigen, er führte sie oft aus und brachte Blumen mit, wenn er von der Arbeit kam.
Michael war ein guter Mensch und sie genoss es, mit ihm zusammen wohnen zu dürfen. Sie suchte zwar immer noch eine Wohnung, doch wollte sie eigentlich gar nicht ausziehen, denn sie mochte es, nach der Arbeit jemanden zum Reden zu haben, sie freute sich auf gemeinsame Filmabende und jemanden zu haben, der mit ihr am Frühstückstisch saß. Er passte auf sie auf und sie fühlte sich geborgen. Sie genoss es zu wissen, dass jemand sie wirklich liebte und bereit war solange zu warten, bis sie bereit war, mit ihm etwas einzugehen. Sie zeigte ihm, dass auch sie etwas für ihn empfand, doch hatte sie immer noch das Gefühl, dass Joshua eine zu große Rolle in ihrem Leben spielte.
Sie genoss das Gefühl der Unbeschwertheit und war glücklich. Ihr Leben schien endlich aufwärts zu gehen und sie hatte das Gefühl, einer glücklichen Zukunft entgegenzugehen.
Er erinnerte sich wieder an eine Zeit, in der er einsam und Denise sein einziger Trost war. Schnell schlug er diese Gedanken wieder aus seinem Kopf und widmete sich der Arbeit. Das war das einzige in seinem Leben, was beständig war und was ihn nicht verlassen konnte, denn in seinem Job gab es immer etwas zu tun.
„Joshua, ich habe Neuigkeiten!", rief auf einmal einer seiner Angestellten.
„Hast du sie gefunden?"
„Ich war heute in einem anderen Stadtteil und habe sie gesehen!"
„Ok, dann weißt du, was du zu tun hast, du fährst wieder dorthin und findest heraus wo sie sich aufhält!"
„Joshua, ich weiß nicht, was du vorhast und ob ich das wirklich unterstützen kann!"
„Ich bezahle dich dafür, dass du für mich arbeitest und meine Anweisungen befolgst. Tu es, sonst macht deinen Job demnächst ein anderer!"
Joshua konnte es nicht fassen, dass einer seiner langjährigen Mitarbeiter sich nun weigerte seinen Anweisungen zu folgen. Doch er wollte seine Amy zurück. Schließlich hatte er damals viel Geld für sie bezahlt, das musste er doch verstehen. Aber ob er es verstehen würde, war ihm auch egal. Er sollte einfach nur seine Arbeit machen, schließlich bezahlte er ihn dafür und er wohnte auch die meiste Zeit in seinem Anwesen.
Joshua steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein. Er war nicht nur wütend und verletzt, dass Amy gegangen war. Und zum Überfluss stellte sein Angestellter seine Autorität in Frage und wollte seinen Anweisungen nicht Folge leisten. Es schien gerade alles wie ein Fluch, es passierte alles auf einmal.
Joshua ging in seinem Büro auf und ab. Er war wie ein Tiger in einem Käfig der nur darauf wartete, dass jemand seinen Käfig öffnete. Sie musste doch irgendwo sein, man kann nicht einfach spurlos verschwinden.