Sie neigte den Kopf und musterte mich, als wäre ich ein Rätsel, das sie zusammenzusetzen versuchte. „Oh? Wer bist du dann? Eine Ausreißerin?“ Ihre Stimme war nicht spöttisch, trug aber eine Herausforderung, als würde sie mich auf die Probe stellen.
„Geht dich nichts an“, schoss ich zurück, drehte ihr den Rücken zu, bereit wegzugehen und dieses ganze Chaos hinter mir zu lassen.
„Du bist in meinem Territorium“, rief sie mir nach, ihre Stimme ruhig und sicher. „Das ist mein Land.“
Ich erstarrte, dann wirbelte ich herum, um ihr gegenüberzutreten. „Dein Land?“ sagte ich, mein Ton triefte vor Skepsis. „Das ist kein Rudelterritorium.“
„Es ist mein Rudelterritorium“, unterbrach sie mich, ihre Augen wichen nie. Es gab keinen Hauch von Zweifel in ihr, kein Zögern. Ich starrte sie an, suchte nach einer Lüge, aber sie zuckte nicht unter meinem Blick zusammen.
„Schon gut“, murmelte ich, schaute weg, plötzlich unfähig, ihren Augen zu begegnen. „Ich gehe. Ich schwöre, ich komme nie zurück. Ich wusste nicht einmal, dass dieser Ort beansprucht ist.“
„Wer bist du?“ fragte sie erneut, ihre Stimme jetzt leiser, fast neugierig.
„Niemand“, sagte ich und drehte mich wieder ab. „Ich bin niemand.“
„Du bist wie ich“, sagte sie, und ihre Worte ließen mich erstarren. Ich blickte zurück und runzelte die Stirn.
„Wie du?“ Ich stieß ein bitteres Lachen aus und schüttelte den Kopf. „Du hast Land, ein Rudel, und du siehst aus, als wüsstest du genau, was du hier draußen tust. Ich bin das komplette Gegenteil.“ Ich biss mir auf die Lippe, das Gewicht von allem – meiner Zurückweisung, meinem ziellosen Laufen – lastete auf mir.
Sie begann auf mich zuzugehen, langsam und bedacht. Ich spannte mich an, richtete die Schultern, bereit für einen Angriff. Aber sie blieb nur wenige Zentimeter entfernt stehen, ihre Augen durchsuchten meine, als sähe sie etwas, das ich nicht konnte. „Ich bin Silvia“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, aber mit einer Stärke, die mich innehalten ließ.
Ich musterte sie von oben bis unten, unsicher, was ich von ihr halten sollte. Ich hatte erwartet, dass sie mich anfauchte, mich behandelte wie alle anderen mein ganzes Leben lang – als wäre ich nichts. Aber das tat sie nicht. „Danke, Silvia“, sagte ich, meine Stimme flach. „Ich mache mich jetzt auf den Weg.“ Ich drehte mich zum Gehen, mein Herz schwer, aber entschlossen, weiterzugehen.
„Wie heißt du?“ fragte sie und seufzte, als wäre sie meiner Sturheit schon überdrüssig.
„Ashley“, sagte ich über die Schulter, ohne anzuhalten.
„Nun, Ashley“, rief sie, ihre Stimme trug eine Warnung, „du läufst geradewegs auf das Iron-Claw-Rudel zu, wenn du weiter in diese Richtung gehst. Und glaub mir, sie mögen Einzelwölfe nicht besonders. Besonders solche wie dich, mit all dem Feuer in den Augen, aber ohne Ahnung, wie man es einsetzt.“
Ich blieb wieder stehen, ihre Worte sanken ein. Ich drehte mich zu ihr um, meine Brust eng. „Was meinst du, wie ich?“
Sie trat näher, ihr Blick intensiv, als würde sie direkt durch mich hindurchsehen. „Tritt meinem Rudel bei“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, aber warm. „Wir bestehen aus Leuten wie dir – Leuten, die ausgestoßen wurden, die diesen Funken haben, aber noch nicht gelernt haben, ihn brennen zu lassen. Lass uns das zusammen herausfinden, Ashley. Lass uns dieses Feuer in dir in etwas Echtes verwandeln.“
Sie war jetzt nah, so nah, dass sich unsere Stirnen beinahe berührten. Ihre Augen hielten etwas, das ich nicht benennen konnte – Wut vielleicht, oder Entschlossenheit, oder beides. Ich wollte sie fragen, warum sie ihr altes Rudel verlassen hatte, was sie so gemacht hatte, so wild und sicher. Aber meine Kehle fühlte sich eng an, meine Lippen zitterten vor einer Mischung aus Wut und etwas anderem – Hoffnung vielleicht? Ich sagte nichts. Ich nickte nur, die Bewegung klein, aber schwer.
Silvia streckte die Hand aus, aber ich zögerte. Dann, statt sie zu ergreifen, trat sie vor und zog mich in eine warme Umarmung. Ich erstarrte einen Moment, überrascht, bevor meine Arme sie im Gegenzug umschlossen. Die Tränen kamen dann, flossen frei über mein Gesicht, während ich mich an die Brust dieser Fremden lehnte, die mich auf eine Weise zu sehen schien, wie es niemand sonst je getan hatte.
„Hey“, sagte sie leise, zog sich nach einem Moment zurück, ihre Hände ruhten auf meinen Schultern. „Du bist nicht mehr allein, okay? Du musst nicht weiterlaufen.“
Ich wischte mir die Augen, versuchte, mich zusammenzureißen. „Warum tust du das?“ fragte ich, meine Stimme kaum über ein Flüstern. „Du kennst mich nicht einmal.“
Sie lächelte, nur eine kleine Kurve ihrer Lippen. „Weil ich dort war, wo du bist, Ashley. Verloren, wütend, dachte, die Welt hat keinen Platz für dich. Aber sie hat. Und ich werde dir helfen, ihn zu finden.“
Ich schluckte schwer und nickte erneut. „Okay“, sagte ich, meine Stimme zittrig, aber stärker als zuvor. „Was jetzt?“
„Jetzt“, sagte sie, drehte sich um und gestikulierte, dass ich folgen sollte, „kommst du mit mir. Lass uns dich einrichten.“
Wir gingen schweigend, mein Geist raste mit Fragen, die ich nicht zu stellen wusste. Ich blickte immer wieder umher, nahm den Weg wahr, den wir gingen, die Art, wie die Bäume sich um uns zu schließen schienen. Silvia bewegte sich mit Zielstrebigkeit, ihre Schritte sicher, als hätte sie diese Route tausendmal gegangen. Nach einer Weile erreichten wir eine Lichtung, und versteckt hinter einer Wand dichter Bäume war ein Höhlenhaus, sein Eingang teilweise von Ranken und Ästen verborgen.
Zwei Frauen standen am Eingang, Bögen gespannt und bereit, ihre Augen auf uns gerichtet. Ich spannte mich an, aber Silvia hob eine Hand und rief: „Ich bin’s. Steht ab.“
Die Frauen senkten ihre Waffen sofort und neigten die Köpfe vor Silvia. Ihre Blicke wanderten zu mir, musterten mich mit Neugier und vielleicht einem Hauch von Misstrauen. Ich stand gerader, begegnete ihren Augen einen Moment, bevor ich wegsah, plötzlich bewusst, wie fehl am Platz ich aussehen musste – schmutzig, müde und nichts bei mir außer den Kleidern am Leib.
„Wer ist sie?“ fragte eine der Frauen, ihre Stimme leise, aber nicht feindselig.
Silvia blickte zu mir, ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. „Das ist Ashley“, sagte sie. „Sie ist jetzt bei uns.“
Die Frauen tauschten einen Blick, sagten aber nichts weiter. Ich spürte ihre Augen auf mir, als versuchten sie herauszufinden, wer ich war und was ich hier tat. Ich wusste die Antwort darauf selbst nicht, aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich, dass ich vielleicht noch nicht alle Antworten haben musste.
Silvia gestikulierte zum Höhlenhaus. „Komm“, sagte sie. „Lass uns dich hineinbringen.“
Ich folgte ihr, mein Herz pochte vor einer Mischung aus Nervosität und etwas, das ich lange nicht gespürt hatte – Hoffnung. Die Frauen mit den Bögen traten zur Seite, beobachteten mich noch immer, ihre Gesichtsausdrücke unlesbar.